Sie wissen, wie man sich durch Inhalte wischt, eine Gabel aber können sie nicht halten. Schon 60 Prozent der 1- bis 2-Jährigen verbringen regelmäßig Zeit vor Bildschirmen. Welche dramatischen Konsequenzen das für Kinder hat, was Eltern wissen sollten.

Das ist keine erfundene Geschichte aus einem Märchenbuch, sondern Alltag. Arnika Thiede schildert ihn, sie ist Fachärztin für Kinder und Jugendheilkunde bei den Barmherzigen Brüdern in Linz. Vor allem aber ist sie Vorsitzende der Initiative "smart aufwachsen". Smart, das bedeutet ohne Smartphone sein, einfach Kind, jedenfalls die ersten drei Lebensjahre.
Vor ein paar Wochen tauchte eine Mutter mit ihrem Sohn in der Entwicklungsstörungs-Ambulanz von Thiede auf. Der Bub, nennen wir ihn Leon, würde Züge von Autismus zeigen, sagte die Mutter, sie habe das gegoogelt.
Ein paar Minuten später stand Leon vor dem Waschbecken und wollte sich die Hände säubern. Ein Seifenspender stand da, aber er wusste nicht, dass man einen Hebel drücken musste. Stattdessen versuchte er, mit den Fingern das Etikett der Seifenflasche größer zu ziehen. Das kannte er. Vom Tablet.
Leon ist zwei Jahre alt und er ist kein Einzelfall. Immer öfter landen Kinder in Ordinationen, die bemerkenswerte digitale Fähigkeiten besitzen, aber so gut sie nichts vom Alltag wissen. Sie gehen schon in den Kindergarten, können aber kaum reden, kein Besteck halten, sie wissen auch nicht, wie man sich die Schuhe zubindet.

Das mag wie Autismus aussehen, ist aber häufig keiner, und es wird auch durch Googeln keiner. Fachleute sprechen von einer digitalen Mediennutzungsstörung. Kinder wachsen zwischen Bildschirmen auf, ihre Realität ist das, was am iPhone von Mama und Papa zu sehen ist. Erst wenn sie die ersten Schritte hinaus ins Leben machen, wird ihre analoge Behinderung sichtbar.
Leon hatte eine unauffällige Geburt, als Baby keine nennenswerten Krankheiten, mit eineinhalb Jahren kam er in die Krabbelstube, seine Mutter ist alleinerziehend und berufstätig. Ihr fiel auf, dass ihr Bub nicht sprach, nicht reagierte, wenn sie seinen Namen rief, keinen Blick halten konnte. Das machen Autisten auch in Hollywoodfilmen so. Also Autismus!
Bei Leon lag das Problem aber woanders. Er verhielt sich bei der Untersuchung auf den ersten Blick wie ein Kind seines Alters auch, zeigte sich neugierig, spielte, durchmaß den Raum.
Aber er ahmte nur nach, hatte keine eigenen kreativen Ideen, schaute niemandem länger in die Augen. Er konnte auf keine Gegenstände zeigen, nutzte die Finger nicht als Werkzeug, sondern verwendete den Unterarm. Er wusste nicht, wie man Freude ausdrückt, gab Stöhnlaute von sich und bewegte sich im Zehenballengang fort.
Im Gespräch mit Leons Mama kam Thiede dem Grund bald auf die Spur. Die Mutter selbst schätzte den Medienkonsum ihres Buben auf sechs bis acht Stunden pro Tag. In diesen sechs bis acht Stunden saß Leon vor dem Fernseher, um sich Kinderfilme anzuschauen oder nutzte das Smartphone für Spiele.

In solchen Situationen sind die richtigen Worte gefragt, denn es handelt sich um einen schmalen Grat, der begangen werden muss. Eltern fühlen sich schnell schuldig, so als hätten sie ihr Kind misshandelt, aber man muss die Schuld von ihrer Schultern nehmen, denn es gibt in der Regel eine simple Erklärung für ihr Erziehungs-Defizit: Unwissenheit.
Es wirkt grotesk, ist aber Realität. Wir leben im Zeitalter der Helikoptereltern, die ihre rundumbetreuten Buben und Mädchen in der Früh sanft in die Kindergartengruppe schieben und nachmittags dann ihre Taschen heimschleppen. Aber zu Hause wird der Helikopter in die Garage gestellt und die Kinder werden vor Fernseher und Tablet geparkt.
Ein Großteil der Eltern hat selbst keine digitale Erziehung genossen. In ihrer Kindheit gab es kein iPhone, kein Instagram und kein TikTok. Sie wissen nicht, welche Schäden angerichtet werden, wenn die Kinder Stunden vor Mediengeräten aller Art verbringen und das Leben draußen und drinnen vorbeizieht – ohne ihre Beteiligung.
Die Kinderärztin Arnika Thiede steht an diesem Dienstag im 7. Stock des Media.tower in der Wiener Taborstraße und zeigt ein paar Folien her. Dominik Batthyány, Psychotherapeut und Leiter des Instituts für Verhaltenssüchte und Suchtforschung an der Sigmund Freud Universität, ergänzt ihre Ausführungen.
Ulrike Königsberger-Ludwig, Staatssekretärin für Gesundheit und Konsumentenschutz, hat zu dem Termin geladen. Sie treibt das Thema um, aber sie sitzt mit leeren Händen da. Für eine Kampagne hat sie kein Geld, die digitale Erziehung in den Eltern-Kind-Pass, dem früheren Mutter-Kind-Pass, zu schreiben, steht nicht im Regierungsprogramm.
Stattdessen gibt es eine Broschüre, 24 Seiten dünn. Sie soll Eltern 10 Tipps geben, wie Babys (gar nicht) und Kleinkinder (zart) an Medien herangeführt werden sollen. Das Heftlein soll in die Starterrucksäcke rein, die viele Gemeinden frischgebackenen Eltern schenken.
"Seien Sie ein gutes Vorbild" lautet Tipp 1 in der Broschüre und das ist vermutlich gleich die schwierigste Hürde.
Für Erwachsene sind Smartphone und Tablet längst nicht mehr allein technische Geräte, sie sind Lebensabschnittspartner, die gewechselt werden, sobald eine neue Generation erscheint. Wenn Eltern ein Vorbild sind, dann meist ein schlechtes.
Das ist in der Regel unabhängig von der Lebenssituation, Einkommensstufe, Herkunft oder Bildungsgrad. Digitale Mediennutzungsstörungen kommen in den besten Familien vor, wie immer die Definition dafür ausfallen mag.
Das Problem ist massiv. 60 Prozent der 1- bis 2-Jährigen verbringen regelmäßig Zeit vor Bildschirmen, laut Elternangabe ein bis zwei Stunden pro Tag. Das geht aus Studien der vergangenen zehn Jahre in Österreich und Europa hervor.
40 Prozent der 2- bis 3-Jährigen können ein Handyspiel selbstständig bedienen, 50 Prozent finden den Weg zu "YouTube" allein. 44 Prozent der 5- bis 6-Jährigen können einen Touchscreen perfekt bedienen. Sich selbstständig an- und ausziehen aber schaffen sie nicht.

Es gibt einen belegbaren Zusammenhang zwischen Bildschirmzeit und Sprachkompetenz. Je mehr Zeit in das eine investiert wird, desto mehr verkümmert das andere oder bildet sich erst gar nicht aus. Ab einer Mediennutzung von zwei Stunden pro Tag ist das nachweisbar.
Nicht nur die Sprache leidet. Die Fähigkeit, eine Bindung aufzubauen, wird nie entwickelt, der Bildschirm wirkt wie eine Trennwand der Gefühle. Die Bindung zu den Eltern steht auf tönernen Beinen und zerbröselt in der Pubertät oft. Sozialkompetenz wird nicht entwickelt, Empathie bleibt ein Fremdwort. Die Unfähigkeit, eine Beziehung einzugehen, behalten manche ihr Leben lang.
Dazu kommen körperliche Defizite. Übergewicht, Muskelschwäche, eine höhere Anfälligkeit für Diabetes. Orthopäden jubeln leise über den Zustrom jüngerer Patienten. Der Medienkonsum geht auch buchstäblich ins Auge. In Südkorea sind mittlerweile 97 Prozent bei der Musterung für den Wehrdienst fehlsichtig
Neue Krankheitsbilder bereichern nicht nur die medizinische Fachliteratur. Der Touchscreen-Finger oder der Mausarm oder der Handydaumen, wer kannte das vor 20 Jahren?
"Ein Drittel aller Kinder im Kindergartenalter hat ein eigenes Handy oder Tablet", sagt Arnika Thiede. Bei den 5- bis 8-Jährigen müssen sich bereits 58 Prozent kein iPhone mehr von den Eltern borgen und bei den 9- bis 12-Jährigen sind es 81 Prozent. "Shut-Up-Toys" nennen die Amerikaner die digitalen Babysitter.
"Das Suchtpotenzial digitaler Geräte ist im Kleinkindalter enorm", sagt Dominik Batthyány. Süchte, die von den Papas und Mamas oft nicht gesehen werden (wollen), weil "Shut-Up-Toys" wenigstens für etwas Ruhe sorgen.

"Es geht ausdrücklich nicht darum, Eltern zu verurteilen", sagt Staatssekretärin Ulrike Königsberger-Ludwig. "Im Gegenteil: Wir brauchen klare, verständliche Empfehlungen und unterstützende Angebote, damit Familien im digitalen Alltag gute Entscheidungen treffen können."
Heißt was? Was also tun? Vor allem den Medienkonsum bewusst machen und klare Regeln vorgeben. Dazu gehört auch, was mit dem Slogan "Bildschirmfrei von Null bis Drei" ausgedrückt werden soll. Smartphones und Tablets haben bei Babys und Kleinkindern nichts verloren, auch der Fernseher ist für sie nichts.
Kinder von drei bis sechs sollten nicht mehr als 30 Minuten am Tag vor dem Bildschirm sitzen und das auch nur in Begleitung eines Erwachsenen. Die Dosis kann – aber muss nicht – gesteigert werden. Maximal 45 Minuten (sechs bis neun Jahre), 60 Minuten (neun bis zwölf Jahre), dann zwei Stunden.
Wer mehr zulässt, geht ein hohes Risiko ein. Kleinkinder zeigen dann tatsächlich Symptome, die jenes des Autismus ähnlich sind, sie werden auch so behandelt. Manche Entwicklungsverzögerungen bekommt man aber ein Leben lang nicht weg.
"Eltern leiden unfassbar, wenn ihr Kind nicht Mama und Papa sagen kann", so Arnika Thiede. Mama und Papa, das ist heute das iPhone.