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Neuverfilmung

"Cape Fear" als Serie: Nur der Bösewicht ist so gut wie damals

Der Klassiker "Kap der Angst" bekam eine Serien-Adaption spendiert. Der schuldhafte Anwalt ist diesmal eine Frau, nur der Psychopath ist auch weiterhin ein Mann. Und Javier Bardem macht seine Sache mindestens so gut wie Robert De Niro. Ab sofort auf Apple TV+.

Dieses Lachen verheißt nichts Gutes: Javier Bardem als Psychopath Max Cady in der Neuverfilmung von "Cape Fear"
Dieses Lachen verheißt nichts Gutes: Javier Bardem als Psychopath Max Cady in der Neuverfilmung von "Cape Fear"Apple TV+
Christian Klosz
Akt. 10.06.2026 00:54 Uhr

Wenn Hollywood-Legenden wie Martin Scorsese (u. a. "Casino", "Good Fellas") und Steven Spielberg (u. a. "Indiana Jones", "Schindlers Liste") gemeinsame Sache machen, dann darf man mit Fug und Recht Großes erwarten. Und so eilten der Neuverfilmung des Kino-Klassikers "Kap der Angst" als Streaming-Serie geradezu hymnische Kritiken voraus.

Nun wurden die ersten zwei von insgesamt zehn Episoden der Adaption auf Apple TV+ veröffentlicht. Und das Ergebnis ist, höflich formuliert, durchwachsen. Aber der Reihe nach …

Das Remake eines Remakes

Serienschöpfer von "Cape Fear" ist Nick Antosca. Der hat u. a. für die gefeierten Serien-Adaptionen "Hannibal" über den kannibalistischen Serienkiller Hannibal Lecter (Mads Mikkelsen) und "Murdaugh: Mord in der Familie" über ein Südstaaten-Krimidrama nach wahren Begebenheiten gearbeitet. Mit blutigen Stoffen kennt sich Antosca also bestens aus.

Martin Scorsese und Steven Spielberg wiederum sind bei "Cape Fear" als Executive Producer beteiligt – und das nicht ohne Grund: Bei der ersten Neuverfilmung des Stoffes im Jahr 1991 (nach dem Ur-Film "Ein Köder für die Bestie" 1962) saß Scorsese am Regie-Stuhl. Aber nur, weil Spielberg, der die Verfilmungsrechte an dem Stoff hatte, die Story am Ende zu blutig für seinen cineastischen Lebenslauf erschien. Also gab er die Regie an Scorsese ab und erhielt dafür im Gegenzug die Rechte an "Schindlers Liste".

"Kap der Angst" aus 1991 war dann – trotz des für ihn untypischen Genres – am Ende ein typischer Scorsese-Film, mit allen blutigen und schuldbeladenen Elementen. Dass Scorseses Muse Robert De Niro den Psychopathen Max Cady spielte, der seinen früheren Anwalt (Nick Nolte) und dessen Familie terrorisiert, war da nur konsequent.

Jetzt, 35 Jahre später, ist Hollywood wieder einmal auf der Suche nach sich selbst. Und meint, im Rückgriff auf Stoffe aus den 1980ern und 1990ern die Antwort auf seine aktuelle Sinnkrise gefunden zu haben. Da scheint es nur logisch, dass auch "Kap der Angst" seine Serienverfilmung bekommt.

Die ist mit einer Gesamtlänge von etwa 500 Minuten zwar mehr als viermal so lange wie der Film, aber sei's drum. In der Theorie sollte das jedenfalls funktionieren, immerhin gibt der Stoff (nach einem Roman von Pulp-Legende John D. MacDonald) einiges her. Die Autoren rund um Nick Antosca haben das Grundprinzip der Handlung übernommen, sie aber etwas modernisiert und ausgewalzt.

Darum geht es

Max Cady (Javier Bardem) schmorte 17 Jahre im Gefängnis – unschuldig, wie er beteuert. Den ihm zur Last gelegten Mord an seiner Frau habe nicht er begangen, sondern seine ehemalige Geliebte. Doch seine Anwältin Anne Bowden (Amy Adams) konnte – oder wollte – dieses Faktum nicht vor Gericht ausspielen, und so wanderte Cady in Haft. Doch dessen Ex-Geliebte gestand den Mord doch noch in einem Brief, ehe sie Suizid beging. Und so kommt der Psychopath schließlich frei – und hat nur ein Ziel: Rache.

Während Cady im Gefängnis saß, machte seine Anwältin Karriere: Ironischerweise wurde gerade sie zur Expertin für fälschlich Verurteilte. Denn damals, so denkt Cady nun (und liegt damit ganz richtig), habe sie ihn hintergangen und einen Deal mit dem gut aussehenden Staatsanwalt Tom Bowden (Patrick Wilson) eingefädelt. Dass die beiden kurz darauf ein Paar wurden und bis in die Gegenwart verheiratet sind, verbessert die Optik rückblickend auch nicht gerade.

Cady beginnt also, die Bowden-Familie zu verfolgen. Immer wieder taucht er in deren Leben auf: Beim Fundraising von Annes Kanzlei; nächtens im Garten der Familie; im Krankenhaus, als Annes und Toms Sohn dort mit einer schweren Fußverletzung eingeliefert wird, deren Ursprung unklar ist. Für Anne ist bald klar, dass Cady hinter alle dem steckt …

Wo ist die Vision?

Wer bekannte Stoffe neu auflegt, muss sich Vergleiche gefallen lassen, das wissen auch die Macher von "Cape Fear": Nick Antosca selbst verwies in Interviews immer wieder auf die von ihm geliebten beiden Film-Versionen. Er und seine Autoren und Regisseure bemühen sich auch spürbar um eine Verneigung vor den Vorbildern, vor allem vor der bis heute frischen Scorsese-Version. Doch die Qualität des Films erreicht die Serien-Adaption zumindest in den ersten beiden Folgen, die bisher veröffentlicht wurden, nicht.

Werden von den Ereignissen überrollt: das gutbürgerliche Ehepaar Anna und Sam Bowden (Amy Adams, Patrick Wilson)
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Was der Serie fehlt, ist eine Vision. Erst im Laufe der zweiten Folge zeichnet sich langsam ab, dass sie zu sich selbst findet, einen eigenen Ton entwickelt. Wie nachhaltig dieser ist, wird sich erst noch zeigen müssen. Aufgrund der Machart der Serie kein leichtes Unterfangen. Wie oft bei derartigen Formaten sind für die einzelnen Episoden unterschiedliche Regisseure verpflichtet worden, die dem Stoff den jeweils eigenen Stempel aufdrücken wollen. Eine konsistente filmische Vision kann so natürlich nur schwer entstehen.

Man könnte auch fragen, ob die Veränderungen oder Modernisierungen an den Figuren, von einem Pseudo-Feminismus einmal abgesehen, wirklich nötig waren: In der Serie ist es mit Anna Bowden nun eine Frau, die Beweise unterdrückte. Im Scorsese-Film und im Ur-Film war es mit Sam Bowden – dargestellt von Nick Nolte (1991) bzw. Gregory Peck (1962) – immer der Mann, der Schuld auf sich geladen hat. Und damit seine Familie beinahe in eine Katastrophe stürzt.

Wer ist hier schuldig?

Das Motiv der Schuld, das im Zentrum der Geschichte steht, wird in "Cape Fear", der Serie, anders konstruiert: Anna Bowden ist hier eine berühmte Anwältin, die sich beim Savannah Justice League Project Fällen fälschlich Verurteilter annimmt. Sie hat ihren Ruf als Anwältin darauf aufgebaut, Unschuldige freizubekommen. Dass sie in ihrem ersten großen Fall vor 17 Jahren einen offenbar Unschuldigen – eben Max Cady – ins Gefängnis brachte, konstruiert auch sie als Figur, die nicht frei von Verfehlungen ist.

"Kap der Angst" befasst sich in der Folge auch mit der Frage nach Selbstjustiz, und was bürgerliche Selbstgerechtigkeit damit zu tun haben könnte: Wer oder was gab Anne die Erlaubnis, Cady zu verraten? Sollte nicht jeder Klient das gleiche Recht auf einen fairen Prozess haben? Was ist Schuld, und wer ist nun wirklich schuldig? Der psychopathische Max Cady? Oder die privilegierte Anna Bowden?

"Ja, schaut nur genau hin": Max Cady trägt seine Gedankenwelt auf der Haut spazieren
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Wer die filmischen Vorbilder kennt und um Scorseses und Spielbergs Involvierung in das Projekt Bescheid weiß, wird von "Cape Fear", der Serie, zwangsläufig enttäuscht sein. Gemessen an der Erwartung und am Potenzial des Stoffes ist das bisherige Ergebnis zu durchschnittlich. Daran kann auch Javier Bardem wenig ändern, der sich redlich bemüht, seinen Max Cady so manisch-psychopathisch  wie möglich darzustellen. Die weiteren Episoden werden zeigen, wie die Reise zum Kap der Angst weitergeht.

"Cape Fear", Thriller, Krimi. USA 2026, 10 Episoden à ca. 50-55 Minuten, Episode 1 & 2 online, ab 12. Juni jede Woche eine weitere Episode, Apple TV+

Christian Klosz
Akt. 10.06.2026 00:54 Uhr