Papa live in Leipzig

Die Querfelds: "Unser Sohn, der Nationalteam-Kicker"

Die Eltern: Wiens bekannteste Kaffeehaus-Familie. Ihr Bub: Team-Verteidiger. Irmgard und Berndt Querfeld über Sohn Leopold, seinen "Kindermann" aus Brasilien und wie die deutsche Bahn ein Treffen bei der EM vermasselte.

Irmgard und Berndt Querfeld, die Eltern von Lepold Querfeld, betreiben mehrere Kaffeehäuser
Irmgard und Berndt Querfeld, die Eltern von Lepold Querfeld, betreiben mehrere Kaffeehäuser
Sabine Hertel
Newsflix Redaktion
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Sechs Lokale, 350 Mitarbeiter, da muss man gut im Pressing sein. Erst recht, wenn man trotz dieser Größe immer noch ein Familienbetrieb ist, bei dem selbst auf alles geschaut wird. Dass sich die Familie Querfeld – Vater Berndt, Mutter Irmgard und die älteren Brüder Ferdinand und Rudolph – dennoch die Zeit nimmt, ihren Jüngsten, Leopold, bei möglichst vielen seiner Auswärtsspiele zu begleiten, zeugt von Familiensinn, macht die Sache aber nicht einfacher. Und führt manchmal zu filmreifen Situationen.

Was schief gehen kann, geht schief Etwa am Tag von Österreichs letztem Gruppenspiel bei der EURO 2024 gegen die favorisierten Niederlande. Berndt Querfeld wollte an jenem denkwürdigen 25. Juni, von Stuttgart, wo er zuvor einen Termin hatte, nach Berlin, um das Spiel seines Sohnes zu sehen. "Es war eine spontane Entscheidung, deshalb hatte ich auch keine Tickets gebucht. Ich habe mir gedacht: Schauen wir, ob es sich ausgeht", erzählte der Cafetier hinterher. Und es wäre sich auch ausgegangen – theoretisch.

Leopold Querfeld bei seinem ersten Einsatz bei der EURO 2024 gegen die Niederlande im Infight mit Hollands Virgil Van Dyk: Der Auftritt des Youngsters verspricht Großes für die Zukunft
Leopold Querfeld bei seinem ersten Einsatz bei der EURO 2024 gegen die Niederlande im Infight mit Hollands Virgil Van Dyk: Der Auftritt des Youngsters verspricht Großes für die Zukunft
PA / picturedesk.com

Von Stuttgart über Hamburg nach Berlin Der Plan war, nach Hamburg zu fliegen (alle Berlin-Flüge waren überbucht) und von da mit dem Intercity rechtzeitig in der Hauptstadt einzutreffen, um es zum Anpfiff um 18 Uhr ins Stadion zu schaffen. Aber Berndt Querfeld hatte die Rechnung ohne die Deutsche Bahn gemacht. "Mitten auf der Strecke musste der Intercity halten, weil vor uns ein anderer Zug wegen technischer Probleme liegengeblieben war", schildert Querfeld. "Es wurden daher alle Passagiere des liegengebliebenen Zuges auf freier Strecke in unseren Zug evakuiert – fragen Sie nicht, wie lange so etwas dauert."

Irmgard und Berndt Querfeld beim <em>Newsflix</em>-Interview im "Café Landtmann": EURO-Odyssee ins Berliner Olympiastadion
Irmgard und Berndt Querfeld beim Newsflix-Interview im "Café Landtmann": EURO-Odyssee ins Berliner Olympiastadion
Sabine Hertel

"Was sagen Sie zum Spiel?!" Als der Gastronom schließlich mit mehreren Stunden Verspätung am Berliner Olympiastadion vorfuhr, strömten die Zuschauer bereits wieder aus der Fußballarena. "Eine Frau mit ihren Kindern schnappte sich mein Taxi und fragte mich freudenstrahlend, was ich denn zu dem Ergebnis sagen würde – da wusste ich, dass ich etwas Großes verpasst hatte", so Querfeld.

Gegen die Türken der nächste Versuch Aber auch wenn er das begeisternde 3:2 unseres Teams und den ersten Einsatz seines Sohnes bei der EURO nicht live mitverfolgen konnte – Querfeld lässt sich nicht entmutigen. Für das Spiel gegen die Türkei am Dienstag in Leipzig war gar als  Familienausflug geplant: Berndt Querfeld verfolgte mit den Söhnen Rudolph und Ferdinand das Spiel im Stadion, nur Ehefrau Irmgard hielt im zum Gastro-Imperium gehörenden "Napoleon" in Wien Kagran derweil beim Public Viewing die Stellung.

Fußball-Nachwuchs aus dem Villenviertel

Es tut sich gerade was in Österreichs Fußball und die Erfolge des Nationalteams bei der EURO 2024 sind nur das sichtbarste Zeichen für den Wandel, der diesen Sport hierzulande erfasst hat. Die junge Generation, die bei der EM in Deutschland gerade durchstartet, beeindruckt nicht nur durch ihr Spiel, sondern auch durch ihre "soft skills", die sie an de Tag legt: den respektvollen Umgang miteinander, den Teamgeist, gute und kluge Interview-Ansagen und – auch wenn es spießig klingt – ihre gute Kinderstube.

Leo Querfeld Rapid
Leo Querfeld Rapid
RedRingShots

Das Gesicht des Wandels Und kein Spieler verkörpert diese Veränderung besser als der gerade einmal 20-jährige Leopold Querfeld. Bislang ebenso begabter wie ehrgeiziger Abwehrstratege von Rapid Wien, der in diesem Sommer zu Union Berlin in die erste deutsche Bundesliga wechseln wird. Und Sohn aus bestem Hause. Denn die Familie Querfeld gehört zur Wiener Gesellschaft, man betreibt seit bald 50 Jahren das Traditionscafé "Landtmann" neben dem Burgtheater, weitere Kaffeehäuser ("Museum", "Mozart") und Lokale.

Strafraumverteidiger statt Strafverteidiger Umso erstaunlicher mutet es an, dass der jüngste Sohn – Leopold ist 20, seine Brüder sind Ferdinand, 27, und Rudolph, 25 – keinen "standesgemäßen" Karriereweg eingeschlagen hat, sondern professionell kickt – und das noch dazu so gut, dass er bis in die Nationalmannschaft gekommen ist.

Irmgard und Berndt Querfeld mit Findelhund Mozart: "Er ist ins 'Café Mozart gelaufen und hat sich da unter den Bänken hingelegt, also haben wir ihn adoptiert. Das "Mozart" gehört ebenso wie das "Landtmann" und das "Museum" zum Kaffeehaus-Imperium der Querfelds
Irmgard und Berndt Querfeld mit Findelhund Mozart: "Er ist ins 'Café Mozart gelaufen und hat sich da unter den Bänken hingelegt, also haben wir ihn adoptiert. Das "Mozart" gehört ebenso wie das "Landtmann" und das "Museum" zum Kaffeehaus-Imperium der Querfelds
Sabine Hertel

Karrierestart mit Dreieinhalb Aber wie kam es, dass der Bub überhaupt den Weg zum Fußball fand – nämlich bereits mit dreieinhalb Jahren, wie die Eltern erzählen? Und was halten sie von seinen Karriereplänen mit dem Umzug nach Berlin noch in diesem Sommer?
Newsflix bat das Gastronomen-Ehepaar zum Doppelinterview:

Herr und Frau Querfeld, wie erleben Sie den Auftritt Ihres Sohnes bei der EURO 2024?
Irmgard Querfeld: Ich weiß noch, als wir das letzte Public Viewing in unserem Gasthaus "Napoleon" hatten, als Leopold das erste Mal eingewechselt worden ist – das war gegen die Niederlande, mein Mann wollte das Spiel ja vor Ort in Berlin sehen – und alle 350 Gäste im Garten geschrien haben – "der Leopold, der Leopold!" – das war ein unglaubliches Gänsehaut-Feeling. Es kam ja vollkommen unerwartet, dass er diese Chance bekommt, er ist ja erst seit März im Nationalteam und legt da gerade eine steile Karriere hin. Dass er bisher verletzungsfrei geblieben ist, dass er die Chance bekommt zu spielen, das ist so unfassbar großartig und wunderschön für ihn, dass hier seine Träume in Erfüllung gehen.

Leopold Querfeld im Vorbereitungsspiel für die EURO 2024 gegen Serbien: "Er hat vor jedem Spiel ein Ritual, an das er sich hält", erzählt sein Vater, der Gastronom Berndt Querfeld
Leopold Querfeld im Vorbereitungsspiel für die EURO 2024 gegen Serbien: "Er hat vor jedem Spiel ein Ritual, an das er sich hält", erzählt sein Vater, der Gastronom Berndt Querfeld
@Gepa

Wie ist Leopold an diesen Punkt gekommen?
Berndt Querfeld: Leopold ordnet seinem Traum von der Fußballkarriere alles unter und lebt seit vielen Jahren in einer Art Kapsel. Ein Beispiel, was ich damit meine: Leo wohnt ja noch bei uns im Haus. Vor einem seiner letzten Spiele bei Rapid hatten wir am Samstagabend Gäste. Er war darüber aber alles andere als happy, weil ihn das in seiner Vorbereitung auf sein Spiel am nächsten Tag gestört hat. Da habe ich erst verstanden: Er hat ein Ritual vor jedem Spiel, einen Verhaltensablauf. Und hätte er gewusst, dass Gäste kommen, wäre er zu seiner Freundin gefahren, weil er dort mehr Ruhe gehabt hätte: Um sich sein Abendessen zu kochen, sich mental vorzubereiten, zur richtigen Zeit schlafen zu gehen, was auch immer. Und er möchte dabei ungestört sein. Daran hält er sich strikt.

Das klingt sehr kontrolliert. Man sieht aber jetzt bei der EM, dass er auch anders kann …
Berndt Querfeld: Ich habe das Video vom ÖFB-Teambus gesehen, aufgenommen nach dem Sieg gegen Holland, wo sie singen und feiern. Ich habe unseren Sohn schon lange nicht mehr so ausgelassen erlebt. Und es hat mich so gefreut zu sehen, wie er aus sich herausgehen kann, inmitten seiner Teamkollegen. Er ist für gewöhnlich so diszipliniert und kontrolliert – das zu sehen war sehr schön.

Wie manifestiert sich diese Disziplin?
Irmgard Querfeld: Am Abend weggehen oder gar Alkohol trinken gibt es bei ihm nicht, er ordnet alles dem Sport und seiner Verantwortung gegenüber seiner Mannschaft unter. Dementsprechend hat er auch einen Freundeskreis, der ähnlich gepolt ist. Er schätzt es auch viel mehr, zu Hause mit Freunden Spieleabende zu veranstalten, gemeinsam zu kochen, er ist sehr auf seinen gesunden Lebenswandel bedacht. Er kocht sich alles selbst, achtet genau darauf, was und wieviel er isst. Leo würde etwa nie Junk Food essen. Und er achtet sehr auf seinen Schlaf und seine Regeneration, sonst kommt er in ein Defizit. Und das kann er sich gerade in Phasen wie jetzt nicht erlauben. Man darf nicht vergessen: er hatte zuerst das Cupfinale mit Rapid und dann sofort die Vorbereitung auf die EM.

Familie Querfeld: Rudolph, Leopold, Berndt, Ferdinand und Irmgard bei einem Rapid-Match im Allianz-Stadion in Wien Hütteldorf
Familie Querfeld: Rudolph, Leopold, Berndt, Ferdinand und Irmgard bei einem Rapid-Match im Allianz-Stadion in Wien Hütteldorf
Privat

Wie kam Leo überhaupt zum Fußball?
Berndt Querfeld: Wir haben drei Söhne, Ferdinand ist jetzt 27, Rudolph 25 und Leo wird im Dezember 21. Er war also immer der Jüngste und ist so mitgelaufen mit den anderen. Er hat immer schon einen Ball zwischen seinen Füßen gehabt, und seine Fußballkarriere hat begonnen, weil Rudi mit neun gesagt hat, er möchte Fußball spielen und zu Union Mauer gegangen ist. Und der Leo hat dann mit Dreieinhalb einfach beschlossen, er wird jetzt ebenfalls Fußballprofi und ist mit dem Rudi mitgegangen.

Weshalb eigentlich Union Mauer?
Berndt Querfeld: Weil wir genau an der Grenze liegen zwischen Union Mauer und ASV 13. Eigentlich wäre ASV 13 eine Gasse näher zu uns gewesen. Aber die beiden Vereine sind wie Rapid und Austria … Auf jeden Fall hat der Leo schon bald nicht nur bei Union Mauer trainiert und gespielt, sondern auch seine ganze Freizeit da verbracht. Wenn er am Sonntag um neun Uhr früh gespielt hat, dann haben wir ihn abends um 19 Uhr wieder abgeholt, weil er die ganze Zeit dazwischen am Sportplatz war. Er war so etwas wie das Maskottchen des Vereins, jeder kannte ihn. In der Kantine hat er anschreiben lassen, er wurde rundum versorgt.

Papa Berndt Querfeld mit dem elfjährigen Leo in seinem ersten Jahr bei Rapid Wien
Papa Berndt Querfeld mit dem elfjährigen Leo in seinem ersten Jahr bei Rapid Wien
Privat
Leo Querfeld im Alter von elf Jahren bei Rapid
Leo Querfeld im Alter von elf Jahren bei Rapid
Privat

Wer hat sich dort um ihn gekümmert?
Berndt Querfeld: Union Mauer hatte damals einen Spieler aus Brasilien engagiert, der hieß Fabio. Das war jedoch nur eine Nebenbeschäftigung, er musste auch einem Brotberuf nachgehen und hat uns gefragt, ob wir nicht etwas in der Gastronomie für ihn hätten. Aber meine Frau hat zu ihm gesagt, sie braucht niemanden in der Gastro, sie braucht ein Kindermädel für den Leo. Und so wurde Fabio Leos Kindermann. Er hat auch immer frisch gekocht für den Leo, vielleicht hat er seine Leidenschaft fürs Kochen daher. Später wurde Fabio auch U18-Trainer bei Union Mauer und hat Leo nach seinem Rapid-Training – wohin er mit Zwölf gewechselt ist – aufgrund seiner Betreuungspflichten immer zum Training der U18 mitgenommen. Da hat er dann mit trainiert. Und bereits damals war erkennbar, dass der Leo härter bzw. konsequenter trainiert hat als die meisten der Älteren.

Irmgard Querfeld: Schön war auch, dass Fabio sein brasilianisches Umfeld hatte und den Leo immer mitgenommen hat, wenn er sich mit seinen Landsleuten getroffen hat. Und die haben immer mit ihm Fußball gespielt. Er hat da schon sehr früh gelernt, sich auch gegen größere und ältere Gegner durchzusetzen. Und die waren immer alle überrascht, wie unerschrocken er in die Zweikämpfe gegangen ist.

Wie ging es weiter?
Berndt Querfeld: Raimund Hedl, der Ex-Goalie von Rapid, spätere Rapid-Torwarttrainer und heutige Torwarttrainer der U21 Nationalmannschaft, hätte aus dem Leo gerne einen Torwart gemacht, als er zu den Hütteldorfern gewechselt ist. Bei einem U12-Turnier in Deutschland, wo auch Rapid dabei war, haben sie ihn kurzerhand ins Tor gestellt und er hat das so gut gemacht, dass der Hedl gemeint hat, er garantiert dem Buben eine Profi-Laufbahn als Torwart. Und der Leo hat sich auch später oft ins Tor gestellt, wenn ein Torhüter gefehlt hat. Aber trotzdem hat er irgendwann beschlossen, dass er lieber in der Abwehr spielt.

Irmgard Querfeld mit dem Original-Trikot mit Leos Rückennummer im preisgekrönten Gastgarten des Gasthauses "Napoleon" in Wien Kagran
Irmgard Querfeld mit dem Original-Trikot mit Leos Rückennummer im preisgekrönten Gastgarten des Gasthauses "Napoleon" in Wien Kagran
Privat

Hat Leos Sportkarriere auch eine Auswirkung auf das Querfeld-Business?
Berndt Querfeld:
Früher wurde uns für unsere Lokale gratuliert, für den Garten im "Napoleon" zum Beispiel, der erst vor kurzem zum "Schönsten Schanigarten 2024" gewählt worden ist. Aber mittlerweile gratulieren uns die Menschen fast ausschließlich zum Leopold und das ist schon sehr berührend. Am unmittelbarsten sehen wir das bei den Reservierungen für das Public Viewing – alleine, wie rasch der Dienstag, wenn wir gegen die Türkei spielen, ausreserviert war, nämlich binnen weniger Stunden, das ist schon spannend. Und wenn der Sohn dann auch noch über den Bildschirm läuft, dann tut das dem Unternehmen natürlich nicht schlecht.

Und was hält Leo selbst von seiner "Zugkraft"?
Berndt Querfeld:
Dazu eine lustige Erinnerung. Als wir vor 14 Jahren das "Café Museum" am Karlsplatz übernommen haben, ist das am Anfang überhaupt nicht gegangen. Und da hat Leo zu uns gesagt: "Ich habe eine gute Idee: wenn ich einmal Fußballstar bin, dann werde ich im 'Museum' Autogramme geben, aber nur, wenn die Menschen vorher was getrunken oder gegessen haben." Da war er elf Jahre alt. Wenn ich ihn heute frage, ob er Autogramme geben würde, dann sagt er nein, weil er schlafen muss. (lacht dabei) Aber das ist schon in Ordnung so, weil ich sehe, dass er sich generell nicht gerne in den Mittelpunkt stellt.

Wo und wie sehen Sie seine Spiele für gewöhnlich?
Berndt Querfeld:
Wir haben einen eigenen kleinen Fanbus mit sieben Plätzen, und damit fahren wir Leo nach, seit er bei Rapid im Europacup spielt. Die erste Reise ging nach Kroatien zum Spiel gegen Dynamo Zagreb, da ist er das erste Mal eingewechselt worden, noch bevor er in der Bundesliga gespielt hat. War ein tolle Partie von ihm. Jetzt bei der EM bin ich nach Düsseldorf zum Frankreich-Match geflogen, gegen Polen in Berlin war meine Frau dabei, ich habe das Spiel im "Napoleon" gesehen.

Und das Holland-Spiel wollte ich zuerst auch in Wien anschauen, aber dann kam es anders und ich musste nach Stuttgart zu einem Termin. Eigentlich wollte ich von da zurück nach Wien, aber der Flug wurde gestrichen. Also habe ich umgeplant und wollte nach Berlin, das ging aber nur über Hamburg. Wäre auch noch gegangen, der Zug von Hamburg nach Berlin fährt nur 80 Minuten. Aber dann musste unser Zug die Passagiere eines anderen, liegengebliebenen Zuges aufnehmen und wir waren letztlich mehr als drei Stunden unterwegs. Ich bin erst zum Stadion gekommen, als die Zuschauer bereits herausgekommen sind. Aber immerhin durfte ich dann die Nacht im Mannschaftshotel verbringen.

Public Viewing aller EURO-Matches im Traditionsgasthaus "Napoleon" in Kagran: "Das Achtelfinalspiel Österreichs gegen die Türkei am Dienstag war über Nacht restlos ausverkauft
Public Viewing aller EURO-Matches im Traditionsgasthaus "Napoleon" in Kagran: "Das Achtelfinalspiel Österreichs gegen die Türkei am Dienstag war über Nacht restlos ausverkauft
Privat

Wie beurteilen Sie grundsätzlich die Leistung der Nationalmannschaft bei der EURO?
Irmgard Querfeld:
Was ich beobachte und auch von Leo mitbekommen habe ist, dass der Teamchef, Ralf Rangnick, schon sehr speziell ist und auch die Art, wie er das Team geformt hat, ist außergewöhnlich. Das ist alles gut zusammengewachsen und man weiß ja, welche Energie entstehen kann, wenn jeder für jeden einsteht. Ich glaube, dass Rangnick mit teils sehr simplen Dingen die einzelnen, sehr unterschiedlichen Spieler gepackt und zu einer Mannschaft zusammengeführt hat. Und die Energie, die dadurch entstanden ist, ist außergewöhnlich. Man sieht das ja auch auf den Bildern und ich weiß es von den Erzählungen unseres Sohnes, wie wertschätzend alle im Team miteinander umgehen und wie sehr sie füreinander stehen. Mich macht das total stolz auf Österreich, dass wir jetzt so ein tolles Team haben. Das ist ein ganz wichtiges Ereignis für die Nation.

Woher kommt die breite Brust, mit der unser Team plötzlich auftritt?
Berndt Querfeld:
Ich weiß, dass Ralf Rangnick in den letzten zwei Jahren im ÖFB einen Impuls ausgelöst hat, weil er teils sehr spezielle Forderungen gestellt hat. Etwa, dass er mit seinem Team nur vor einem ausverkauften Stadion spielt. Das hat den ÖFB ganz schön gestresst, weil der Ticketverkauf am Anfang alles andere als ein Selbstläufer war. Oder auch, wie er das Team nach außen präsentiert. Etwa, dass sie jetzt in Berlin im Zentrum in einem Schlosshotel wohnen. Oder zuletzt bei den Heimspielen, dass sie in großen Wiener Innenstadthotels abgestiegen sind. Er möchte, dass die Spieler präsent sind und stolz und selbstbewusst auftreten. Allein das hat schon ganz viel ausgelöst in der Mannschaft. Und alleine, dass wir die – nach Weltranglistenplatzierungen – stärkste Gruppe bei der EURO gewonnen haben, war in dieser Art nicht zu erwarten.

Wie geht es Leo nach seiner Verletzung aus dem Spiel gegen die Niederlande?
Irmgard Querfeld:
Es ist eine ziemlich tiefe Fleischwunde, die getackert werden musste, aber Bänder und Sehnen sind nicht in Mitleidenschaft gezogen. Es wird wieder heilen.

Berndt Querfeld: (Zeigt ein Foto der Verletzung auf seinem Handy) Das ist am Spielfeld passiert. Die Holländer haben ja moniert, dass er Zeit schindet, aber da hat ihm der Niederländer das Bein mit dem Stollen aufgeschnitten. Eine ziemlich üble Wunde.

Nach dem Holland-Spiel bei der EURO 2024: Leo Querfeld (weißes Shirt) mit Papa Berndt (rechts hinter ihm), Bruder Rudolph (links hinter ihm) und Freundin Hannah (vor ihm mit Blumen am Trikot) mit ihren Eltern (ganz links) sowie Teile von Leopold Querfelds Berliner Verwandtschaft
Nach dem Holland-Spiel bei der EURO 2024: Leo Querfeld (weißes Shirt) mit Papa Berndt (rechts hinter ihm), Bruder Rudolph (links hinter ihm) und Freundin Hannah (vor ihm mit Blumen am Trikot) mit ihren Eltern (ganz links) sowie Teile von Leopold Querfelds Berliner Verwandtschaft
Privat

Wie kommunizieren Sie mit ihm während der EM?
Irmgard Querfeld: Wir haben vereinbart, dass wir ihn in Ruhe lassen und er sich meldet, wenn er was braucht.

Berndt Querfeld: Leo hat einen Betreuer namens Nino, der ihn seinerzeit auch entdeckt hat – man nennt sowas heute wahrscheinlich Manager. Mit dem telefoniert Leo jeden Tag, der weiß alles. Und wann ich was vom Leo wissen will, dann rufe ich den Nino an. Auch mit seiner Freundin Hannah kommuniziert er täglich. Und wir haben natürlich eine WhatsApp-Familiengruppe.

War Leos Entscheidung, Fußball zu spielen, schwierig für Sie als Eltern?
Irmgard Querfeld:
Mir war vor allem wichtig, dass unsere drei Buben immer gut ausgelastet sind. Deshalb Sport. Wir haben etwa alle zum Schwimmtraining geschickt, weil ich auch wollte, dass sie gut Schwimmen können. Aber der Rudi wollte ohnedies immer Fußball spielen, und dann ist es eben der Fußballplatz geworden. Der Leo ist mit dem Rudi mitgegangen und ab da wollte auch er nur mehr Fußball spielen. Im Kindergarten hat er irgendwann beschlossen, das er seine eigene Mannschaft aufstellt und trainiert. Die Kindergärtnerin hat dafür extra ein Netz aufgespannt, damit die Bälle nicht in den Nachbargarten fliegen.

Berndt Querfeld: Es gibt so gut wie kein Kinderfoto von Leo ohne Fußball oder Trikot. Das war einfach so. Er hatte von Beginn an eine Leidenschaft für diesen Sport, weder meine Frau, noch ich haben da irgend etwas dazu beigetragen, wir können beide nicht Fußballspielen. Wir haben ihn nur dabei unterstützt.

Irmgard und Berndt Querfeld beim Interview im "Café Landtmann" mit <em>Newsflix</em>-Redakteur Martin Kubesch
Irmgard und Berndt Querfeld beim Interview im "Café Landtmann" mit Newsflix-Redakteur Martin Kubesch
Sabine Hertel

Leopold wird ein großes Spielverständnis nachgesagt …
Irmgard Querfeld:
Er hat ein mega Spielverständnis, er hat schon als Fünfjähriger gesagt, er erkennt an den Fußspitzen des Gegners, wie jemand schießen wird.

Berndt Querfeld: Wenn wir gemeinsam ein Match in Fernsehen schauen, sagt er immer die Spielzüge voraus.

Was halten Sie von seinem Wechsel von Rapid zu Union Berlin?
Irmgard Querfeld:
Berlin ist super, wir haben da Familie, da hat er Anschluss, und es ist nicht so weit weg. In die Mannschaft passt er auch super und er wird mit großer Wahrscheinlichkeit da auch viel spielen – das war ihm ganz wichtig, dass er wo hinkommt, wo er nicht nur auf der Ersatzbank sitzt. Ich finde es großartig und eine Riesenchance für ihn. Als ich beim Polen-Match in Berlin war, hatten wir alle Querfeld-Teamtrikots an und ich wurde prompt von Passanten darauf angesprochen, weil sie wussten, dass der Leo eben zu Union kommt.

Berndt Querfeld: Es ist ein riskanter Schritt, meinen manche Beobachter, er hätte noch ein Jahr bei Rapid bleiben sollen und Erfahrungen sammeln. Da wird aber vergessen, dass Leo schon seit zwei Jahren durchspielt bei Rapid. Und wenn er weiterkommen möchte, muss er wechseln. Leo hat einen Verein gesucht, wo er spielen kann. Und er ist bald draufgekommen, dass alle Vereine, die in der kommenden Saison im Europacup spielen, keine jungen, neuen Verteidiger holen – und wenn doch, dann sitzen die zumeist auf der Bank. Daher hat er sich jenen Interessenten ausgesucht, wo diese Gefahr nicht gegeben ist, auch wenn es prominentere Vereine gab, die an ihm interessiert gewesen sind. Spielzeit zu bekommen ist jetzt entscheidend für ihn. Wenn er da nur halbwegs aufzeigen kann, ist das eine riesige Chance für ihn.

Akt. Uhr
#Menschenwelt
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