NewsFlix.at Logo
MI5-Analyse

Geheimdienst warnt: Russland noch gefährlicher als im Kalten Krieg

Der britische Inlandsgeheimdienst MI5 schlägt Alarm: Staatliche Bedrohungen durch Russland und Iran haben sich zuletzt vervierfacht. KI verschärft die Lage zusätzlich. Was hinter der hybriden Kriegsführung steckt und warum auch Kontinental-Europa im Visier ist.

Polizeiabsperrung bei der britischen Luftwaffenbasis Fairford nach einem möglichen Anschlagsversuch: Die Zahl verdeckter Angriffe hat sich vervierfacht, sagt der britische MI5
Polizeiabsperrung bei der britischen Luftwaffenbasis Fairford nach einem möglichen Anschlagsversuch: Die Zahl verdeckter Angriffe hat sich vervierfacht, sagt der britische MI5REUTERS/Toby Shepheard/File Photo
Martin Kubesch
Akt. 14.10.2026 06:27 Uhr

In der Zentrale des MI5 in London herrscht nur selten so viel Anspannung wie an diesem 13. Oktober. Sir Ken McCallum, der Chef des britischen Inlandsgeheimdienstes, trat für eine seiner seltenen öffentlichen Ansprachen ans Podium. Und seine Botschaft ist klar: Die Bedrohung durch feindliche Staaten ist heute noch größer als am Höhepunkt des Kalten Krieges.

Was jahrzehntelang als düstere Erinnerung an vergangene Zeiten galt, ist mittlerweile Realität geworden: Spionage, Sabotage und verdeckte Angriffe durch feindliche staatliche Akteure haben ein neues Ausmaß erreicht, wie die BBC berichtet. Die Warnung richtet sich nicht nur an Großbritannien, sondern an ganz Europa.

Was der Spionage-Chef im Detail gesagt hat, wer am gefährlichsten agiert, wie sich Europa wehren kann – das sind die Fakten:

Was hat der MI5-Chef konkret gesagt?
Sir Ken McCallum erklärte in seiner jährlichen Rede, dass sich die Bedrohungen durch ausländische Gegner in den letzten zehn Jahren vervierfacht haben. Der MI5 widmet mittlerweile mehr Ressourcen der Bekämpfung staatlicher Bedrohungen als während des gesamten Kalten Krieges. Die Arbeit gegen Terrorismus und gegen staatliche Akteure sei inzwischen annähernd gleich groß.

Nannte vor allem Russland und den Iran als feindliche Akteure: MI5-Direktor Sir Ken McCallum bei seiner alljährlichen offiziellen Gefahrenquellenanalyse
Nannte vor allem Russland und den Iran als feindliche Akteure: MI5-Direktor Sir Ken McCallum bei seiner alljährlichen offiziellen Gefahrenquellenanalyse
Jonathan Brady/Pool via REUTERS

Welche Länder sind die Hauptbedrohung?
Laut McCallum ist Russland der aggressive Hauptakteur, der einen hybriden Krieg gegen den Westen führt. Aber auch der Iran dehnt seine Aktivitäten massiv aus. In nur einem Jahr gab es 50 Verhaftungen wegen Aktivitäten mit Iran-Bezug in Großbritannien. Die iranische Aggression richtet sich besonders gegen jüdische Gemeinden.

Was ist hybride Kriegsführung überhaupt?
Der Begriff beschreibt nicht-militärische Methoden, um einen Gegner unter Druck zu setzen und zu destabilisieren. Dazu gehören Cyberangriffe, Sabotageakte, Desinformationskampagnen und Einflussoperationen. Oft werden dafür Stellvertreter oder bezahlte Helfer eingesetzt, um die direkte Beteiligung des Staates zu verschleiern. Russland bestreitet regelmäßig jede Beteiligung, obwohl Beweise das Gegenteil zeigen.

Warum nutzt Russland verstärkt "Proxies"?
Der MI5 hat in den letzten Jahren zahlreiche russische Spione identifiziert und ausgewiesen. Das hat den Kreml gezwungen, auf bezahlte Helfer und kriminelle Netzwerke zurückzugreifen. Diese sogenannten "Proxies" führen Aufträge aus, während Moskau seine Hände in Unschuld wäscht. McCallum sprach von einem rücksichtslosen Vorgehen, das auch vor Gewalt nicht zurückschreckt.

Welche Rolle spielt Künstliche Intelligenz?
Sir Ken McCallum warnte, dass KI eine Zeitenwende einleitet. Die größte Gefahr sieht er darin, dass extremistische Gruppen die Technologie nutzen könnten, um neue Biowaffen zu entwickeln oder bestehende zu verbessern. KI macht gefährliches Wissen zugänglicher und beschleunigt die Entwicklung von Bedrohungen erheblich.

Gab es konkrete Vorfälle in letzter Zeit?
McCallum erwähnte den Vorfall von Mitte September bei der RAF Fairford, einem Militärstützpunkt in England. Dort wurden drei verdächtige Fahrzeuge in der Nähe entdeckt, sieben Personen wurden festgenommen. Der MI5-Chef bezeichnete den Vorfall als besorgniserregend. Auch eine Drohne mit Sprengstoffvorrichtung am Leipziger Flughafen zeigte jüngst die neue Dimension dieser verdeckten Kriegsführung.

Wie reagiert Europa auf die Bedrohung?
Immer mehr europäische Staatschefs warnen öffentlich, dass Russland seine Angriffe ausweiten könnte, um die Unterstützung für die Ukraine zu untergraben. Deutschland hat 2025 mehr als 300 mutmaßliche Sabotagefälle registriert. Der deutsche Bundesnachrichtendienst warnt vor weiterer Eskalation durch Moskaus Einschüchterungsversuche.

Die Zentrale des russischen Auslandsgeheimdienstes FSB am Moskauer Lubjanka-Platz: Früher saß hier der KGB
Die Zentrale des russischen Auslandsgeheimdienstes FSB am Moskauer Lubjanka-Platz: Früher saß hier der KGB
EUTERS/Maxim Shemetov

Ist auch Österreich betroffen?
Experten warnen, dass Russlands hybrider Schattenkrieg auch Österreich bedroht. Die Neutralität schützt nicht vor Spionage, Cyberangriffen oder Desinformationskampagnen. Gerade als EU-Mitglied und wegen der geografischen Lage ist Österreich ein interessantes Ziel für nachrichtendienstliche Aktivitäten.

Hat Russland auch bei Wahlen eingegriffen?
McCallum wurde nach der Rede auf jüngste Aussagen des britischen Premierministers Andy Burnham angesprochen, Russland habe beim Brexit-Referendum eingegriffen. Er bestätigte, dass es Berichte in russischen Medien und Social-Media-Aktivitäten gegeben habe. Eine direkte Beeinflussung des Ergebnisses konnte aber nicht nachgewiesen werden.

Was können Bürger selbst tun?
Wachsamkeit ist das Wichtigste. Verdächtige Aktivitäten sollten gemeldet werden. Im digitalen Bereich gilt: Vorsicht bei unbekannten Links und E-Mails, starke Passwörter verwenden sowie Desinformation kritisch hinterfragen. Geheimdienste betonen, dass die Zivilbevölkerung ein wichtiger Partner bei der Abwehr hybrider Bedrohungen ist.

Wie geht es weiter?
Der MI5-Chef machte klar, dass sich die Lage vorerst nicht entspannen wird. Russland werde seinen hybriden Krieg fortsetzen, solange der Kreml glaubt, damit Erfolg zu haben. Die Geheimdienste der westlichen Länder verstärken ihre Zusammenarbeit. Die Grenze zwischen Frieden und Konflikt verschwimmt dabei immer mehr.

Martin Kubesch
Akt. 14.10.2026 06:27 Uhr