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Kulturstreit

Klage eingebracht: Muss Pariser Oper Chagall-Fresko entfernen?

Seit 60 Jahren verdeckt ein farbenprächtiges und mittlerweile weltberühmtes Deckengemälde von Marc Chagall das klassische Original in der Pariser Oper, dem Palais Garnier. Jetzt fordert ein Nachkomme des ursprünglichen Künstlers vor Gericht dessen Freilegung.

Das Fresko von Marc Chagall an der Decke des Zuschauersaals des Pariser Opernhauses. Jetzt fordert eine Klage, das weltbekannte Gemälde zu entfernen
Das Fresko von Marc Chagall an der Decke des Zuschauersaals des Pariser Opernhauses. Jetzt fordert eine Klage, das weltbekannte Gemälde zu entfernenGetty Images
Martin Kubesch
Akt. 13.10.2026 06:54 Uhr

Die prunkvolle Kuppel des Palais Garnier in Paris, goldverzierte Balustraden, roter Samt, der schwere Kristalllüster – und darüber: ein Farbenmeer aus Rot, Blau, Grün und Gelb. Marc Chagalls Deckengemälde zählt zu den berühmtesten Kunstwerken der französischen Hauptstadt. Doch was die meisten Besucher nicht wissen: Unter den bunten Leinwänden schlummert ein ganz anderes Werk.

Ein über 60 Jahre alter Kulturstreit droht nun vor Gericht zu eskalieren, berichtet der Guardian. Arnaud Carayon, ein Nachkomme des ursprünglichen Freskenmalers Jules-Eugène Lenepveu, hat einen Anwalt beauftragt. Er will, dass das klassische Deckengemälde seines Vorfahren wieder ans Licht kommt – und Chagalls moderne Interpretation weichen muss.

Warum das ursprüngliche Deckengemälde jenem von Chagall weichen musste, weshalb jetzt alles wieder in den Urzustand versetzt werden soll und was Staatspräsident Emmanuel Macron mit der ganzen Sache zu tun hat – die Fakten in dem kuriosen Fall:

die Pariser Oper vulgo Palais Garnier schließt 2027 für Renovierungsarbeiten für fünf Jahre ihre Pforten
die Pariser Oper vulgo Palais Garnier schließt 2027 für Renovierungsarbeiten für fünf Jahre ihre Pforten
Getty Images

Wie kam der Chagall überhaupt an die Decke der Pariser Oper?
Die Geschichte beginnt 1962 mit einem gelangweilten Kulturminister. André Malraux soll während einer Ballettaufführung nach oben geblickt und beschlossen haben, dass die klassische Decke ein moderneres Aussehen brauche. Er beauftragte seinen Freund Marc Chagall mit der Neugestaltung. Der russisch-französische Künstler arbeitete zwei Jahre lang im Geheimen – und ohne Bezahlung.

Was ist mit dem ursprünglichen Werk passiert?
Jules-Eugène Lenepveu hatte das Original-Fresko direkt auf die Kupferplatten der Kuppel gemalt. Sein Werk trägt den Titel "Die Musen und die Stunden des Tages und der Nacht" und wurde bereits 1923 unter Denkmalschutz gestellt. Doch Chagalls 24 keilförmige Leinwände wurden 1964 einfach darüber montiert – das klassische Meisterwerk verschwand aus dem Blickfeld.

Wer war Jules-Eugène Lenepveu?
In seiner Zeit war Lenepveu ein gefeierter Künstler. Er war ein enger Freund und künstlerischer Mitarbeiter von Charles Garnier, dem Architekten des Opernhauses. Garnier wählte ihn persönlich für die Deckengestaltung aus und stimmte jeden Aspekt mit ihm ab. Später leitete Lenepveu sogar die französische Akademie in Rom und schuf die berühmten Jeanne-d'Arc-Fresken im Pariser Panthéon.

Warum ist Lenepveu heute fast vergessen?
Die Welle des Impressionismus überrollte klassische Maler wie Lenepveu. Sein akademischer Stil geriet aus der Mode. Die Verdeckung seines Opernwerks durch Chagall tat ihr Übriges: Seit 60 Jahren hat niemand mehr das Original gesehen. Leider wurde er von der impressionistischen Welle weggespült, sagt sein Nachkomme Carayon. Dabei war er zu seiner Zeit wirklich ein Star.

Gab es von Anfang an Kritik an Chagalls Werk?
Ja, der Streit zwischen Traditionalisten und Modernisten entbrannte bereits vor der Installation. Sogar das Royal Institute of British Architects in London schrieb seinerzeit an den französischen Kulturminister und bat ihn, die Pläne aufzugeben. Der einzigartige Charakter dieses Bauwerks beruhe darauf, dass alle Elemente in Harmonie zusammenwirken, argumentierten die britischen Architekten. Ihre Bitte wurde jedoch ignoriert.

Was fordert der Nachkomme konkret?
Arnaud Carayon, Präsident der Gesellschaft der Freunde von Lenepveu, habe "drei Jahre lang höflich gebeten", wie er selbst sagt – unter anderem in zwei Briefen an Präsident Emmanuel Macron. Doch der Élysée-Palast habe lediglich geantwortet, Monsieur le Président nehme das Thema "besonders ernst". Da Carayon erfolglos blieb, hat er nun rechtliche Schritte eingeleitet. Sein Hauptargument: Das Lenepveu-Fresko ist als historisches Denkmal geschützt, wurde aber seit 60 Jahren weder gesehen noch auf seinen Zustand überprüft.

Das große Foyer des Palais Garnier mit seinen klassischen Deckengemälden von Jules-Eugène Lenepveu. In diesem Stil ist auch das Original-Fresko im großen Zuschauersaal gehalten
Das große Foyer des Palais Garnier mit seinen klassischen Deckengemälden von Jules-Eugène Lenepveu. In diesem Stil ist auch das Original-Fresko im großen Zuschauersaal gehalten
Getty Images

Kann man die Chagall-Decke überhaupt entfernen?
Ja, und das war von Anfang an so geplant. Die 24 Leinwände wurden bewusst abnehmbar konstruiert. Sie bedecken eine Fläche von 220 Quadratmetern rund um den zentralen Kronleuchter. Eine Entfernung wäre laut Experten ohne Beschädigung beider Werke möglich.

Welchen Kompromiss hat der Kläger vorgeschlagen?
Er regte an, nach der geplanten Renovierung des Palais Garnier zwischen 2027 und 2032 die beiden Decken abwechselnd zu zeigen – jeweils für ein Jahrzehnt. Bis jetzt hat sich allerdings noch kein Politiker dazu geäußert. "Es scheint, dass niemand den Mut hat, die Chagall-Decke anzurühren", kritisiert Carayon.

Was sagen Befürworter des Chagall-Werks?
Kuratorin Anne Montfort-Tanguy vom Centre Pompidou beschreibt das Werk als Chagalls Autobiografie, seine Vision von Paris. Alle Künstler, die er liebte, seien dargestellt, ebenso wichtige Pariser Monumente wie der Eiffelturm. Es ist ein bewegendes, fließendes, fast filmisches Werk – ein komplettes Kunstwerk. Vor allem sei es Chagalls Geschenk an das Land, das ihn aufgenommen hatte.

Wie stehen die Chancen vor Gericht?
Das ist schwer einzuschätzen. Einerseits steht das Lenepveu-Fresko unter Denkmalschutz, andererseits gilt auch Chagalls Werk längst als kulturelles Erbe Frankreichs. Der Fall berührt grundsätzliche Fragen: Darf ein Kunstwerk dauerhaft ein anderes verdecken? Wer entscheidet über den Umgang mit Kulturdenkmälern? Die Gerichte werden eine Abwägung treffen müssen.

Warum ist der Streit gerade jetzt aktuell?
Die anstehende Renovierung des Palais Garnier zwischen 2027 und 2032 bietet ein natürliches Zeitfenster. Sollte das Lenepveu-Fresko je freigelegt werden, dann wäre dies der logische Moment. Carayon sieht darin die beste Chance, Bewegung in die Sache zu bringen.

Martin Kubesch
Akt. 13.10.2026 06:54 Uhr