NewsFlix.at Logo
Billionen einfach weg

Nach der Wahl ist vor dem Crash: Warum KI-Aktien jetzt abstürzen

Nur einen Tag nach der Euphorie über das Ergebnis der Kongresswahlen stürzte der Dow Jones am Donnerstag um mehr 1.800 Punkte ab. Besonders betroffen von der Talfahrt waren KI-Aktien. Warum in der Boom-Branche jetzt die Angst vor der Zukunft umgeht.

Rot wohin man schaut: Binnen weniger Stunden wurden am Donnerstag aufgrund der Unsicherheit der Anleger gut 2,5 Billionen Dollar an Marktwert vernichtet
Rot wohin man schaut: Binnen weniger Stunden wurden am Donnerstag aufgrund der Unsicherheit der Anleger gut 2,5 Billionen Dollar an Marktwert vernichtetREUTERS/Jeenah Moon
Martin Kubesch
Akt. 06.11.2026 05:38 Uhr

An der Wall Street herrschte am Donnerstag nach den Midterms Nervosität, die gegen Börsenschluss langsam zur Panik wurde. Händler blickten auf tiefrot leuchtende Bildschirme, und der Dow Jones rauschte nach unten wie schon lange nicht. Was am Mittwoch noch mit beachtlichen Steigerungen gefeiert wurde, schien tags darauf vergessen. Die Euphorie über das Ergebnis der Midterm-Wahlen ist längst verflogen, stattdessen dominierte Unsicherheit.

Die US-Börsen erlebten einen dramatischen Kurseinbruch. Wie ABC News Donnerstagabend Ostküstenzeit berichtete, fiel der Dow Jones Index am Ende um mehr als 1.800 Punkte - konkret um 1.833 – und machte damit sämtliche Gewinne des Vortages wieder zunichte. Besonders hart traf es Technologie- und KI-Unternehmen.

Die Demokraten hatten im Wahlkampf eine schärfere Regulierung von Künstlicher Intelligenz und Datenzentren versprochen – und die Märkte reagierten panisch. In nur einem Tag wurden Billionen Dollar an Börsenwert vernichtet worden – von einem regelrechten Beben schreibt die BBC.

Weshalb die Anleger in Hightech-Papiere am Donnerstag kalte Füße bekamen, was der Branche besonders Kopfzerbrechen bereitet und weshalb Analysten bereits einen politischen Paradigmenwechsel im Umgang mit KI-Themen befürchten – das muss man über die aktuellen Verwerfungen an der US-Börse wissen:

Der neue Senator von Texas, James Talarico, und die nächste Gouverneurin, Gina Hinojosa: Die Demokraten wollen KI stärker beschränken, Hinojosa hat ein Moratorium für den Bau neuer Datenzentren angekündigt
Der neue Senator von Texas, James Talarico, und die nächste Gouverneurin, Gina Hinojosa: Die Demokraten wollen KI stärker beschränken, Hinojosa hat ein Moratorium für den Bau neuer Datenzentren angekündigt
James Talarico via X via REUTERS

Was ist am Donnerstag an der Wall Street passiert?
Der Dow Jones verlor am Donnerstag 1.833 Punkte, das entspricht einem Minus von 3,44 Prozent. Der S&P 500 fiel um 4,36 Prozent. Am härtesten erwischte es den technologielastigen Nasdaq: Er stürzte um mehr als 5,5 Prozent ab und befindet sich nun in einer sogenannten Korrektur - das bedeutet, er ist mehr als zehn Prozent unter seinem jüngsten Höchststand gefallen. Nach Dow-Jones-Daten wurden rund 2,5 Billionen Dollar Marktwert vernichtet – der schlimmste Tag seit 2025.

Welche Unternehmen hat es am härtesten getroffen?
Der Chip-Riese Nvidia verlor über 9 Prozent und damit mehr als 400 Milliarden Dollar Marktwert. AMD und Micron stürzten um über 17 Prozent ab, Intel um mehr als 10 Prozent. Die KI-Hardwarefirma SanDisk stürzte um mehr als 19 Prozent ab. Auch Elon Musks Unternehmen wurden hart getroffen: Tesla fiel um fast 11 Prozent, SpaceX um 8 Prozent. Die sogenannten Magnificent Seven, also Apple, Nvidia, Tesla und andere Tech-Giganten, haben zusammen eine Billion Dollar an Wert verloren.

Noch mehr Hiobsbotschaften für die Branche?
Auch Microsoft und Amazon verzeichneten Verluste. Microsoft, das einen großen Anteil an OpenAI hält, fiel um mehr als drei Prozent. Amazon, das Hunderte Milliarden Dollar in KI-Infrastruktur investiert hat, gab um mehr als zwei Prozent nach. Die Unsicherheit über die künftige Politik trifft die gesamte Branche.

Warum ist das bemerkenswert?
Erst am Vortag, am Mittwoch, hatte der Dow Jones seinen besten Handelstag seit mehr als einem Jahr hingelegt. Er war um 1.570 Punkte oder rund drei Prozent gestiegen. Diese Gewinne sind nun vollständig ausradiert. Solche extremen Schwankungen innerhalb von nur zwei Tagen sind ungewöhnlich und zeigen die große Verunsicherung der Anleger.

Was haben die Midterm-Wahlen damit zu tun?
Bei den US-Zwischenwahlen am Dienstag haben die Demokraten sowohl im Senat als auch im Repräsentantenhaus die Mehrheit erobert. Diese sogenannte blaue Welle sorgte zunächst für Optimismus an den Börsen. Doch nun verarbeiten Investoren die möglichen Folgen: Viele der neu gewählten Demokraten hatten im Wahlkampf kritisch über KI-Datenzentren gesprochen. Anleger befürchten nun strengere Regulierungen und höhere Auflagen für die Technologiebranche.

Was heißt das konkret?
Die Demokraten haben im Wahlkampf massiv gegen Datenzentren und den unkontrollierten KI-Boom Stimmung gemacht. In der neuen texanischen Gouverneurin Gina Hinojosa haben sie eine prominente Vertreterin: Sie hat ein Moratorium für den Bau neuer Datenzentren angekündigt. Dutzende ähnliche Maßnahmen standen landesweit zur Abstimmung. Die Demokraten haben auch Siege in Bundesstaaten wie Ohio und Texas eingefahren, wo viele große KI-Datenzentren angesiedelt sind.

Der Absturz an den Börsen war das große Thema in den USA am Donnerstag
Der Absturz an den Börsen war das große Thema in den USA am Donnerstag
REUTERS/Jeenah Moon

Was haben Datenzentren mit KI zu tun?
Datenzentren sind das Herzstück der KI-Entwicklung. Sie beherbergen die leistungsstarken Computer, die für das Training und den Betrieb von KI-Systemen benötigt werden. Ohne neue Datenzentren können Unternehmen ihre KI-Pläne nicht umsetzen. Eine Einschränkung des Baus würde die gesamte Branche ausbremsen.

Was kritisieren die Gegner an den Datenzentren?
Die Kritikpunkte sind vielfältig: hoher Strom- und Bodenverbrauch, steigende Energiekosten für Haushalte, Lärm durch Kühlsysteme und Umweltbelastung. Manche Demokraten argumentieren auch, dass KI zu schnell und ohne ausreichende Sicherheitsregeln gewachsen sei.

Wie reagieren die Tech-Konzerne auf die Kritik?
Sie zeigen sich überrascht. OpenAI-Präsident Greg Brockman sagte, niemand habe mit diesem Gegenwind gerechnet. Die Branche müsse mehr tun, um die Bevölkerung von KI zu überzeugen. Metas Präsidentin Dina Powell McCormick forderte mehr Anstrengungen, um KI als positive Entwicklung zu vermitteln.

Was sagen Analysten zur Lage?
Yorkville-Analyst Dan Ives warnte bereits am Mittwoch vor den Folgen für den Technologiesektor. Er bezeichnete den Demokraten-Sieg als einen seismischen Wandel, der sich negativ auf das Tempo des KI-Ausbaus in den USA in den nächsten Jahren auswirken werde. Die Bedenken der Demokraten gegenüber dem rasanten Wachstum der KI-Branche spielen dabei eine zentrale Rolle.

Wie reagiert die KI-Branche auf die neue politische Lage?
OpenAI, der Entwickler von ChatGPT, hat am Donnerstag neue Richtlinien für seine Datenzentren vorgestellt. Das Unternehmen verspricht unter anderem künftig, alle Strom- und Infrastrukturkosten seiner Anlagen selbst zu tragen. Zudem will OpenAI für jeden Standort einen Wasserplan erstellen, um lokale Ressourcen zu schützen, und Arbeitsplätze für die lokale Bevölkerung schaffen.

Was bedeutet eine Korrektur beim Nasdaq?
Wenn ein Aktienindex mehr als zehn Prozent unter seinem jüngsten Höchststand fällt, spricht man von einer Korrektur. Das ist ein technischer Begriff und signalisiert, dass die Kurse deutlich nachgegeben haben. Eine Korrektur muss nicht zwingend in einen längeren Bärenmarkt münden, ist aber ein Warnsignal für erhöhte Nervosität am Markt.

Nvidia-CEO Jensen Huang: Sein Unternehmen verlor in wenigen Stunden über neun Prozent oder 400 Milliarden Dollar an Wert
Nvidia-CEO Jensen Huang: Sein Unternehmen verlor in wenigen Stunden über neun Prozent oder 400 Milliarden Dollar an Wert
PATRICK T. FALLON / AFP / picturedesk.com

Ist das ein vorübergehender Ausrutscher oder ein längerer Trend?
Das lässt sich derzeit nicht mit Sicherheit sagen. Die extremen Schwankungen zeigen, dass Anleger noch verarbeiten, was die neue politische Konstellation für die Wirtschaft bedeutet. Historisch gesehen entwickeln sich die Börsen nach Midterm-Wahlen oft positiv, aber die Unsicherheit rund um den KI-Sektor könnte für anhaltende Volatilität sorgen.

Was passiert an den asiatischen Börsen?
Der Ausverkauf hat die Märkte in Asien voll erfasst. Der japanische Nikkei-Index fiel um 6 Prozent, der südkoreanische Kospi stürzte sogar um mehr als 8,5 Prozent ab – so stark, dass ein automatischer Handelsstopp ausgelöst wurde. Chip-Hersteller wie Samsung und SK Hynix verloren zwischen 10 und 11,5 Prozent.

Was ist ein Circuit Breaker?
Ein Circuit Breaker ist ein Notfallmechanismus an den Börsen. Wenn ein Index zu schnell fällt, wird der Handel automatisch gestoppt. Das soll Panikverkäufe bremsen und Anlegern Zeit zum Nachdenken geben. In Seoul wurde dieser Mechanismus ausgelöst, als der Kospi zu stark einbrach.

Droht jetzt eine Rezession?
Das lässt sich nicht sicher sagen. Analysten betonen, dass neben den Wahlen auch andere Faktoren wie hohe Ölpreise und Zinssorgen die Märkte belasten. Der Nasdaq befindet sich jetzt in sogenanntem Korrekturterritorium – das bedeutet, er ist mindestens 10 Prozent unter seinem letzten Höchststand gefallen.

Ist der KI-Boom vorbei?
Experten sind uneins. Einige Investoren befürchten schon länger, dass KI-Aktien in einer Blase stecken. Die gewaltigen Investitionen in KI haben bisher keine entsprechenden Gewinne gebracht. Die Frage ist: Zahlen sich die Milliarden-Ausgaben für KI-Entwicklung jemals aus?

"Schützt fruchtbares Farmland": In weiten Teilen der USA ist die Skepsis gegenüber den hohen Umweltkosten für Datenzentren zuletzt immer größer geworden
"Schützt fruchtbares Farmland": In weiten Teilen der USA ist die Skepsis gegenüber den hohen Umweltkosten für Datenzentren zuletzt immer größer geworden
REUTERS/Nathan Howard

Was bedeutet das für österreichische Anleger?
Auch wer hierzulande in US-Aktien oder internationale Technologiefonds investiert hat, spürt die Auswirkungen. Besonders Anleger mit hohem Technologieanteil im Portfolio sind betroffen. Experten raten generell zu Gelassenheit bei kurzfristigen Schwankungen, aber auch zu einer kritischen Prüfung, wie stark das eigene Depot vom KI-Sektor abhängt.

Wie geht es jetzt weiter?
Die Märkte werden genau beobachten, welche konkreten Schritte die neue demokratische Mehrheit im Kongress unternimmt. Erste Signale wie die OpenAI-Ankündigung zeigen, dass sich Unternehmen bereits auf ein verändertes politisches Umfeld einstellen. Für Anleger heißt das: Die Volatilität dürfte vorerst hoch bleiben, während die neue politische Lage verdaut wird.

Martin Kubesch
Akt. 06.11.2026 05:38 Uhr