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"Half Man"

Neue Serie, alte Frage: Wann ist ein Mann wirklich ein Mann?

In der Streaming-Serie "Half Man" geht es um ein sehr ungleiches Brüderpaar. Der Schöpfer der Serie wurde mit dem intensiven Drama "Rentierbaby" weltbekannt. Und auch in "Half Man" geht es um Themen, die ziemlich unter die Haut gehen. Jetzt neu auf HBO Max.

Sehr ungleiche Brüder: Ruben (Richard Gadd, l.) und Niall (Jamie Ball) in "Half Man" auf HBO Max
Sehr ungleiche Brüder: Ruben (Richard Gadd, l.) und Niall (Jamie Ball) in "Half Man" auf HBO MaxHBO Max
Christian Klosz
Akt. 30.04.2026 22:34 Uhr

Die Miniserie "Rentierbaby" war 2024 ein Überraschungserfolg für Netflix. Dabei geht es um einen erfolglosen Comedian, der von einer obsessiven Stalkerin verfolgt und so mit eigenen traumatischen Erfahrungen konfrontiert wird.

Der bis dahin weitgehend unbekannte schottische Autor Richard Gadd verarbeitete darin seine persönliche Lebensgeschichte so mitreißend und authentisch, dass er über Nacht zum Star und mit Preisen wie Emmys und Golden Globes überhäuft wurde.

Gadd wurde damit auch zum Vorreiter einer neuen Generation von Serien-Autoren, die das filmische Langformat als Kunstform verstehen, weit weg von leichter Streaming-Berieselung und algorithmusgesteuertem Content.

Für seine zweite Serie wechselte Gadd nun von Netflix zu HBO Max, bleibt aber schwierigen Themen treu. Es geht um das ungleiche Stiefbrüder-Paar Niall und Ruben. Ihre beiden Mütter führen eine lesbische Beziehung – im Working-Class-Schottland um das Jahr 2000, in dem ein Teil der Handlung spielt, keine akzeptierte Lebensweise. Und für die Halbwüchsigen alles andere als eine einfache Situation.

Die Erzählung beginnt damit, dass Ruben (Stuart Campbell als Teenager, Richard Gadd als Erwachsener) frisch aus dem Jugendgefängnis kommt und kurzerhand im Zimmer von Niall (Mitchell Robertson als Teenager, Jamie Bell als Erwachsener) untergebracht wird. Der Platz ist eng bemessen und der schüchterne Niall hat wenig Freude mit seinem neuen Mitbewohner, der ihm vor allem Angst einjagt.

Doch am nächsten Schultag verteidigt Ruben seinen "Bruder eines anderen Lovers", wie er sagt, gegen dessen Mobber. Und das ist der Beginn einer brüderlichen Freundschaft zwischen den beiden ungleichen jungen Männern. So hilft Niall etwa Ruben, ein wichtiges Examen zu bestehen; der bedankt sich bei ihm, indem er dessen Entjungferung vermittelt.

Doch Autor und Akteur Richard Gadd erzählt die Geschichte nicht geradlinig, sondern springt zwischen Vergangenheit und Gegenwart hin und her. Und so sieht man die beiden, nun erwachsen, an Nialls Hochzeitstag. Da taucht Ruben wie aus dem Nichts auf und schlägt seinen "Bruder" scheinbar aus dem Nichts blutig – weshalb, bleibt vorerst unklar.

"Half Man" ist ein durch und durch untypisches Streaming-Format. Die Serie versucht gar nicht erst, das Publikum so schnell wie möglich zu gewinnen und dessen Aufmerksamkeit um jeden Preis hochzuhalten. Die erste Episode beginnt zwar mit einem (wort- und sprichwörtlichen) Schlag in die Magengrube; danach nimmt sie sich allerdings viel Zeit, die Geschichte und ihre Figuren zu entwickeln.

Ruben (Stuart Campbell, l.) und Niall (Mitchell Robertson) werden als Teenager vom Schicksal zusammengewürfelt
Ruben (Stuart Campbell, l.) und Niall (Mitchell Robertson) werden als Teenager vom Schicksal zusammengewürfelt
HBO Max

Richard Gadds neues Werk erzählt von (toxischer) Männlichkeit, allerdings aus der Innenansicht und nicht über plakative Floskeln oder Fingerzeige; die Serie erzählt von Grenzüberschreitungen jeglicher Art, bereits ein zentrales Motiv von "Rentierbaby"; von der emotionalen Ambivalenz und Verwirrung, die solche Grenzüberschreitungen sich bringen können. Und von einer ungewöhnlichen Männerfreundschaft irgendwo zwischen Brüderlichkeit, "Best Friends Forever" und Homoerotik.

Und so kann man auch den Titel "Half Man" so deuten, dass die beiden Figuren, jeder für sich, nur "halbe Männer" seien. Jedem fehlt ein Teil des anderen zur Ganzheit. Sie ergänzen einander und geben dem jeweils anderen das, das ihm abgeht.

Denn Ruben ist ein rüpelhafter Macho, mitunter primitiv, kaschiert seine latente Unsicherheit mit roher körperlicher Gewalt und Lautstärke. Er verbreitet Angst, um abzuschrecken. Ein "Täter-Typus" vielleicht, der aber trotzdem manchmal das Herz am rechten Fleck hat und aus den richtigen Motiven heraus handelt, selbst wenn seine Methoden fragwürdig sind.

Niall wiederum fehlt jegliches Selbstbewusstsein. Er wird schon in der Schule gemobbt und misshandelt, setzt sich aber nicht dagegen zur Wehr – auch weil er nicht weiß, wie. Grenzüberschreitungen lässt er über sich ergehen, was sich auch in seiner Beziehung zu Ruben zeigen wird. Er ist sensibel und klug, versteht aber nicht, wie er damit umgehen soll. Denn diese Werte zählen in dem Umfeld, in dem er aufwächst, nicht viel.

Die Mütter der beiden Burschen (Neve McIntosh, Marianne McIvor) leben im Working-Class-Schottland der Jahrtausendwende als lesbisches Paar zusammen
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HBO Max

Der Beginn von "Half Man" lässt zunächst offen, wohin sich die Geschichte – und auch die Beziehung der beiden Hauptfiguren zueinander – entwickeln wird. Sicher ist aber vom ersten Moment an: Die Serie fordert die Aufmerksamkeit des Publikums, anstatt es mit Streaming-Junkfood abzuspeisen. Richard Gadd umkreist abermals die Themen Männlichkeit, Grenzüberschreitungen und Gewalt. Und er setzt sie interessant und angenehm unbequem um. So sieht anspruchsvolles Streaming für ein erwachsenes Publikum aus.

"Half Man", Drama. GB 2026, 6 Episoden à ca. 50 Minuten, Episode 1 online, ab 2. Mai jede Woche eine weitere Episode, HBO Max

Christian Klosz
Akt. 30.04.2026 22:34 Uhr