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OnlyFans bis Only you: Wieso diesen "Beef" alle sehen wollen

Nicht geplant, trotzdem da: Weil die Ministerserie "Beef" maximal erfolgreich war, bekam sie eine zweite Staffel spendiert. Pärchen Gen Z gegen Pärchen Gen X im Wettstreit um das bessere Leben, großartig umgesetzt. Ab sofort auf Netflix.

Aufsteigen um jeden Preis: Austin (Charles Melton) hat große Ambitionen
Aufsteigen um jeden Preis: Austin (Charles Melton) hat große AmbitionenCOURTESY OF NETFLIX
Christian Klosz
Akt. 21.04.2026 22:13 Uhr

"Beef" ist bekanntlich nicht nur der englische Begriff für Rindfleisch, sondern auch ein hipper Ausdruck für zwischenmenschlichen Dissens: Wer "Beef hat", befindet sich im Clinch mit jemand anderem, hat also Streit. Als Anglizismus hielt der Begriff mittlerweile auch bei uns Einzug und ist längst fester Teil der Jugendsprache geworden.

"Beef" ist aber auch der Titel einer gefeierten Netflix-Serie aus dem Jahr 2023: Es geht darin um einen Streit zwischen zwei einander unbekannten Menschen (Ali Wong, Steven Yeun), der aus banalen Gründen immer weiter eskaliert und schließlich ihr gesamtes Umfeld erfasst. "Beef" wurde von Publikum und Kritik gleichermaßen geliebt und erhielt mehrere Emmys (die TV-Oscars).

Entsprechend groß war seither der Druck, eine weitere Staffel "nachzuschießen". Blöd nur: Bei Miniserien ist das nicht so einfach. Entweder man spinnt die eigentlich abgeschlossene Ursprungs-Geschichte weiter. Das kann, muss aber nicht gut gehen – schon viele herausragende Serien sind an halbherzigen Fortsetzungen gescheitert.

Oder man behält zwar das Serien-Motiv bei, tauscht aber den Cast komplett aus und erzählt eine ähnliche Story einfach noch einmal. In der Fachsprache nennt sich das dann "Anthologie-Serie". "Beef"-Schöpfer Lee Sung Jin entschied sich für Letzteres und schickt in Staffel 2 gleich vier neue Hauptfiguren in einen großen Beef.

Schauplatz ist ein luxuriöser Country Club in Kalifornien, in dem Josh (Oscar Isaac) als General Manager arbeitet. Seine Frau Lindsay (Carey Mulligan) stammt aus reichem Haus. Gemeinsam wollten sie sich eine Existenz im Umfeld der Reichen und Schönen aufbauen,  haben sich dabei aber voneinander entfremdet und streiten ständig.

Eine dieser Auseinandersetzungen eskaliert und das junge Gen Z-Pärchen Ashley (Cailee Spaeny) und Austin (Charles Melton) wird zufällig Zeuge des "Beefs". Sie halten den Streit mit der Kamera fest und erpressen Josh damit: Er soll Ashley einen Job mit Krankenversicherung geben – sie benötigt dringend eine OP –, sonst wird das Video veröffentlicht.

Das junge Pärchen sieht sich als Opfer "kapitalistischer Ausbeuterei" – und damit moralisch im Recht, so zu handeln. Womit die beiden allerdings nicht gerechnet haben, ist, dass sie durch die Erpressung selbst in einen Strudel aus Manipulation, Lügen und Streit geraten, der ihre zuvor unerschütterlich wirkende Beziehung erfasst.

Die Abgründe werden noch einmal tiefer und die Einsätze höher, als Park (Youn Yuh-jung), die neue Chefin des Country Clubs, aus Korea auftaucht: Sie ist selbst in korrupte Machenschaften verwickelt, Joshs Zukunft hängt von ihr ab und ihre Assistentin Eunice (Seoyeon Jang) bringt weitere Unruhe in die Beziehung von Austin und Ashley, als der sich in sie verliebt …

So, was machen wir denn jetzt? Austin (Charles Melton), Lindsay (Carey Mulligan), Josh (Oscar Isaac) und Ashley (Cailee Spaeny, v. l.) besprechen die Zukunft
So, was machen wir denn jetzt? Austin (Charles Melton), Lindsay (Carey Mulligan), Josh (Oscar Isaac) und Ashley (Cailee Spaeny, v. l.) besprechen die Zukunft
COURTESY OF NETFLIX

Staffel 2 von "Beef" lebt vor allem vom Gegensatz der beiden Paare und ihrer Lebensentwürfe. Josh und Lindsey haben zwar materiell alles, doch die Liebe ist dabei verloren gegangen. Während Austin und Ashley gerade über die Runden kommen, aber die perfekte Beziehung zu führen scheinen. Doch spätestens, als die zwei das kapitalistische Spiel mitspielen, geht auch ihre Beziehung vor die Hunde. Die zentrale Aussage: Ein kaputtes System produziert kaputte Beziehungen – und kaputte Menschen.

Es ist ein gewisser Zynismus, den man der Serie unterstellen kann, vielleicht aber auch nur Realismus und harsche Kapitalismuskritik. Denn Serien-Schöpfer Lee Sung Jin, macht "das System" als Ursache allen Übels aus. Er wurde zwar in Korea geboren, ist aber in den USA aufgewachsen. Und befindet sich damit in bester Tradition weiterer koreanischer Filmemacher: Bong Joon-Ho ("Parasite"), Hwang Dong-Hyuk ("Squid Game") oder auch Park Chan-Wook ("No Other Choice").

Die Staffel ist auch sonst sehr zeitgemäß: KI durchdringt den beruflichen und privaten Alltag der Protagonisten – immer wieder werden Figuren gezeigt, die zu drängenden Fragen oder persönlichen Problemen ChatGPT befragen; Influencer-Karrieren gelten für junge Menschen als Traumjobs, die alle finanziellen Probleme beseitigen; und die Porno-Plattform OnlyFans wird zum Killer für Beziehungen.

Inhaltlich überzeugt "Beef" allemal, und auch schauspielerisch kann sich das Resultat sehen lassen: Brillant agiert Oscar Isaac als Getriebener, der gemeinsam mit Carey Mulligan das Obere-Mittelklasse-Paar und dessen Lebensrealität treffsicher darstellt: Man hat genug, will aber trotzdem mehr. Und ist dabei abhängig von den "wirklich Reichen", die man bedienen muss, um im Hamsterrad weiterzukommen. Joshs Job im Country Club, wo er zwar gut verdient und Kontakte knüpfen kann, aber am Ende doch nur die Wünsche anderer, noch besser situierter Menschen ausführen muss, symbolisiert diesen Zwiespalt perfekt.

Erotische Komplikation: Eunice (Seoyeon Jang) irritiert Austin (Charles Melton) über Gebühr
Erotische Komplikation: Eunice (Seoyeon Jang) irritiert Austin (Charles Melton) über Gebühr
COURTESY OF NETFLIX

Eine Entdeckung der Serie ist Cailee Spaeny als Ashley: Sie wirkt anfangs wie ein junges, etwas naives, aber herzensgutes und völlig unschuldiges Mädchen, das mit der Zeit vom "System" erfasst und korrumpiert wird. Spaeny spielt beide Facetten überzeugend und behält dabei doch stets eine gewisse Menschlichkeit und Sympathie.

Staffel 2 von "Beef" ist eine thematisch höchst relevante Geschichte über aktuelle Gesellschaftsstrukturen. Und über Menschen, die aus unterschiedlichen Motiven und getrieben von diesen Strukturen ihre Moral über Bord werfen. Eine würdige Fortsetzung der 1. Staffel – und eine absolute Empfehlung, sollte Netflix Lust auf eine mögliche dritte Staffel bekommen.

"Beef", Staffel 2, Drama, Comedy. USA 2026, 8 Episoden à 30-55 Minuten, Netflix

Christian Klosz
Akt. 21.04.2026 22:13 Uhr