Der Prinz und weitere Prominente, darunter Elton John, wollten sich gegen die rüden Praktiken der britischen Boulevardmedien wehren. Aber nach vier Jahren Zivilprozess verloren die Kläger nun in sämtlichen Punkten. Wie es dazu kommen konnte, wie es jetzt weitergeht.

Großbritannien und seine Boulevardpresse, das ist seit jeher eine ambivalente Geschichte. In kaum einem Land der Welt verfährt die Journaille dermaßen gnadenlos mit den Objekten ihrer Berichterstattung wie auf der Insel. Und nur selten wagen es Politiker oder Prominente, dagegenzuhalten. Zu groß die gegenseitige Abhängigkeit. Lieber eine schlechte Presse als gar keine, lautet meist das Motto.
Eine hochkarätige Gruppe prominenter Briten wollte das ändern. Angeführt vom Herzog von Sussex, vulgo Prinz Harry, klagten insgesamt sieben Personen den Medienverlag Associated Newspapers Limited, den Herausgeber der Zeitungen Daily Mail und Mail on Sunday. Und zwar wegen dessen – ihrer Meinung nach – unlauteren und rücksichtslosen Recherche-Methoden.
Am Dienstag fiel nun das Urteil – nach einem insgesamt vier Jahre währenden Zivilprozess. Und es brachte für den rothaarigen Royal und seine sechs Mitstreiter eine krachende Niederlage. Wie die BBC und abcnews.com berichten, wies der Richter sämtliche 97 Klagspunkte ab, da die Beweise für die Vorwürfe nicht ausreichten.
Wie es dazu kommen konnte, warum der Prozess überhaupt so lange dauerte und welche Folgen das Urteil haben könnte – das gilt es über den Prozess und seinen Ausgang zu wissen:

Worum geht es?
Prinz Harry, Sänger Elton John und dessen Ehemann David Furnish, die Schauspielerinnen Liz Hurley und Sadie Frost sowie die Aktivistin Doreen Lawrence und der ehemalige Politiker Simon Hughes hatten 2022 gemeinsam Klage beim High Court in London eingereicht. Der Beklagte: Associated Newspapers Limited, einer der größten Tabloid-Verlage Großbritanniens. Als Tabloids – gemeint ist hier das kleine Format der Zeitungen – werden auf den Inseln traditionell Boulevardmedien bezeichnet.
Was wurde dem Verlag konkret vorgeworfen?
Die Kläger beschuldigten den Verlag, zwischen 1993 und 2011 systematisch Privatdetektive beauftragt zu haben, die mit illegalen Methoden gearbeitet haben sollen. Die Vorwürfe reichten von gehackten Mobilbox-Nachrichten über versteckte Wanzen in Autos und Wohnungen bis hin zu abgehörten Festnetztelefonen und erschlichenen Bankdaten oder Krankenakten.
Welche Rolle spielten Privatdetektive?
Laut den Klägern sollen Journalisten regelmäßig Privatdetektive engagiert haben, um vertrauliche Informationen über Prominente zu beschaffen. Die Klägerseite argumentierte, der Verlag habe mehr als drei Millionen Pfund – umgerechnet etwa 3,5 Millionen Euro – für solche Dienste ausgegeben.
Warum hat das Gericht die Klage abgewiesen?
Der Richter kam in dem insgesamt 436 Seiten dicken Urteil zum Schluss, dass die Kläger keine ausreichenden Beweise für ihre Vorwürfe vorlegen konnten. Die Klage stützte sich weitgehend auf Indizien wie Zahlungsverkehr zwischen Journalisten und Privatdetektiven, aber eindeutige Beweise fehlten. Associated Newspapers nannte die Vorwürfe "absurde Verleumdungen".
Was sagte der Verlag zu seiner Verteidigung?
Associated Newspapers wies alle Anschuldigungen zurück und bezeichnete sie als "haltlos und verleumderisch". Der Verlag argumentierte, dass die sozialen Kreise der Kläger "undicht" gewesen seien – Freunde und Bekannte hätten regelmäßig Informationen an die Presse weitergegeben. Anders als in früheren Skandalen gäbe es keine strafrechtlichen Verurteilungen gegen seine Journalisten.

Was hatte Prinz Harry persönlich ausgesagt?
Harry reiste aus Kalifornien nach London, um im Januar im Zeugenstand auszusagen. Er sprach von tiefer Beunruhigung und erklärte, die Praktiken hätten ihn "unvorstellbar in Verfolgungswahn getrieben und isoliert". Er verwies auch auf die Erfahrungen seiner Frau Meghan und seiner Mutter Prinzessin Diana, die 1997 bei einem Unfall starb, während sie von Paparazzi verfolgt wurde.
Wie reagierte Harry auf das Urteil?
In einer Stellungnahme nach dem Urteil sagte Harry: "Ich denke, es ist grundsätzlich falsch, uns das wieder anzutun, wenn alles, was wir Kläger wollten, eine Entschuldigung und etwas Verantwortungsübernahme war." Er bezeichnete das Verfahren als "schreckliche Erfahrung" und beklagte, dass durch seinen Kampf das Leben seiner Frau "zur absoluten Qual" gemacht werde.
Welche anderen Prominenten waren involviert?
Neben Harry sagten auch Elton John und seine Mitstreiter vor Gericht aus. Elton John und sein Ehemann David Furnish wurden per Videoschalte zugeschaltet. Liz Hurley erschien persönlich mit ihrem Sohn vor dem Gerichtsgebäude. Alle Kläger verband die Überzeugung, Opfer systematischer Verletzungen ihrer Privatsphäre geworden zu sein.
Hat dieser Fall etwas mit dem früheren Abhörskandal zu tun?
Der Fall weckt Erinnerungen an den großen britischen Abhörskandal um die Zeitung "News of the World", die 2011 eingestellt wurde, nachdem massenhaftes Telefon-Hacking aufgedeckt worden war. Harry hatte in einem separaten Verfahren gegen die Zeitung Sun einen Vergleich erzielt. Der aktuelle Fall gegen die Daily Mail endete jedoch anders – mit einer Niederlage für die Kläger.
Warum führt Harry überhaupt so viele Prozesse?
Seit seinem Rückzug aus dem britischen Königshaus 2020 hat Harry mehrere Gerichtsverfahren gegen Boulevardmedien angekündigt oder geführt. Er sieht sich als Kämpfer gegen die Auswüchse der Boulevardpresse und betont immer wieder die Rolle der Medien beim Tod seiner Mutter. Seine Kritiker werfen ihm hingegen vor, auf Publicity aus zu sein.

Können die Kläger in Berufung gehen?
Grundsätzlich steht den Klägern der Rechtsweg offen, und eine Berufung wäre möglich. Ob Harry und seine Mitstreiter diesen Schritt gehen werden, ist derzeit noch unklar. Die Prozesskosten dürften bereits erheblich gewesen sein, und ein weiteres Verfahren würde Jahre dauern. Laut dem Anwalt des Verlages habe der Prozess insgesamt mehr als 50 Millionen Pfund gekostet.
Was bedeutet das Urteil für die britische Boulevardpresse?
Das Urteil ist ein Sieg für Associated Newspapers und kann als Signal gewertet werden, dass Klagen gegen Medien ohne handfeste Beweise schwer zu gewinnen sind. Zugleich bleibt die Debatte um die Methoden der Boulevardpresse in Großbritannien virulent – und Harry dürfte kaum aufhören, diese auch weiterhin öffentlich zu kritisieren.