Fast zweieinhalb Stunden packende Zeitgeschichte. In "Nürnberg" versucht Psychiater Douglas M. Kelley (Rami Malek) in den Kopf von Hitlers Stellvertreter Hermann Göring (Russel Crowe) zu schauen. Das Kino-Highlight der Woche und was es sonst alles zu sehen gibt.

Für seine Rolle als Hermann Göring im Historiendrama "Nürnberg" ging Russell Crowe deutlich weiter, als es für eine gewöhnliche Vorbereitung in Hollywood üblich wäre. Der Oscarpreisträger, der bereits historische Figuren verkörperte, wollte die Darstellung des einstigen Reichsmarschalls als möglichst präzise Annäherung an eine der verstörendsten Persönlichkeiten des NS-Regimes anlegen.
Regisseur James Vanderbilt setzte bei seinem Film bewusst auf historische Genauigkeit. Die Produktion basiert auf dem Sachbuch "The Nazi and the Psychiatrist" von Jack El-Hai. Crowe stand damit vor der Herausforderung, nicht nur einen der bekanntesten NS-Verbrecher zu spielen, sondern dessen manipulative Ausstrahlung, Intelligenz und Eitelkeit glaubwürdig einzufangen.
Besonders bemerkenswert: Crowe lernte für den Film eigens Deutsch. Mehrere Szenen wurden in deutscher Sprache gedreht – eine Entscheidung, die laut Berichten am Set bewusst getroffen wurde, um die historische Atmosphäre nicht künstlich wirken zu lassen. Crowe arbeitete dafür mit Sprachcoaches. Selbst deutsche Zuschauer bemerkten zwar einen hörbaren Akzent, zugleich wurde sein Einsatz aber ausdrücklich anerkannt.
Hinzu kam die körperliche Transformation. Crowe musste sich die massige Präsenz Görings aneignen – nicht nur äußerlich, indem er sich mehr als 25 Kilo auf die Rippen futterte. Sondern auch in Haltung, Mimik und Auftreten. Kollegen beschrieben später, wie der Schauspieler selbst außerhalb laufender Szenen die dominante Aura seiner Figur beibehielt. Das trägt zur Wucht bei, mit der "Nürnberg" trotz Überlänge zu begeistern versteht. Kommen Sie gut durch diese opulente Kino-Woche!

Worum es geht NS-Deutschland liegt in den letzten Atemzügen, der Führer hat sich bereits selbst gerichtet und die Alliierten haben weite Teile des zerfallenden Dritten Reiches eingenommen. Sie suchen nach den noch lebenden Nazi-Befehlshabern, da geht ihnen eher per Zufall ein dicker Fisch ins Netz: Hermann Göring (Russell Crowe), Hitlers Stellvertreter und nach dessen Ableben die Nummer 1 der Nazis, ergibt sich bei einer Straßenkontrolle in Österreich freiwillig und wird festgenommen.
Andernorts, in den USA, erwägt Richter Robert H. Jackson (Michael Shannon), ob und wie man die Nazi-Verbrecher ihrer gerechten Strafe zuführen könnte. Und ob es dazu internationale Prozesse geben soll. Jede Menge Zweifel und juristische Fragen tun sich auf: Weswegen klagt man Göring und Co. an? Wer darf anklagen? Wo hält man diese Prozesse ab? Sollte man sie nicht einfach hinrichten?
Nachdem Nürnberg als für die Nazis bedeutsamer Ort für die ersten Prozesse wegen "Verbrechen gegen die Menschheit" ausgewählt wurde, soll dort der aufstrebende Psychiater Douglas M. Kelley (Rami Malek) auf Göring und Co. "aufpassen": Man möchte weitere Selbstmorde verhindern und sicherstellen, dass die Nazischergen vor Gericht erscheinen und mit ihren Taten konfrontiert werden.

Kelley spielt die Rolle als Aufpasser auch aus Eigennutz: Er hat so die einmalige Chance, (un)menschliche Monster zu studieren, ihre Motive zu ergründen. Das alles will er später in einem Buch niederschreiben, das sein fachlicher Durchbruch werden soll.
Doch zu Beginn ihrer Bekanntschaft entwickelt sich zwischen Kelley und Göring fast so etwas wie eine Freundschaft: Göring kann durchaus charmant sein, wenn er will, der Psychiater zeigt Interesse an ihm als Person, wobei das auch nur Berechnung sein könnte, um sich Zugang zu ihm und seiner Welt zu verschaffen.
Göring bestreitet stets, etwas von den KZs gewusst zu haben, gibt sich als fürsorglicher Familienvater und Ehemann. Nicht alle sehen diese Annäherung mit Wohlwollen. Für eine Weile verschwimmen die Grenzen zwischen Arzt und Patient, zwischen einfachem Bürger, der seinen Job tut, und Massenmörder. Doch Göring sollte sein wahres Gesicht offenbaren …
Lohnt sich das? Mit "Nürnberg" gelang Regisseur und Autor James Vanderbilt ein großer, bedeutender, historisch und aktuell relevanter Film. Er ist geradezu klassisch in seiner Machart, angesiedelt zwischen Psychodrama, historischem Exkurs und Mainstream-Film. Weshalb es dieser Film bei seinem US-Kinostart nicht zu mehr Aufmerksamkeit gebracht hat, ist schwer zu ergründen. Vielleicht finden Teile des Publikums das Thema auserzählt. Vielleicht schreckt auch die Laufzeit von 2,5 Stunden ab, oder die gemächliche Erzählweise.
Ein Highlight von "Nürnberg" ist zweifelsohne Russell Crowe, der Hermann Göring eine charmante, geradezu sympathische Hülle verleiht, hinter der sich unbegreifliche Abgründe verbergen, die aber erst im letzten Drittel des Films greifbar und sichtbar werden. Crowe, so hat man den Eindruck, ist hier endlich wieder einmal gefordert, nachdem er in den letzten Jahren hauptsächlich in B-Movies zu sehen gewesen ist, in Rollen, die seinem Talent kaum gerecht wurden.
Besonders gut gemacht ist, wie sich das Publikum über die Beziehung zwischen Kelley und Göring durch die Augen des Psychiaters dem Bösen annähern darf, das sich im Fortschreiten der Geschichte immer mehr manifestiert. "Nürnberg" stellt die Frage, wo die Grenze zwischen Mensch und Monster verläuft. Hat Göring noch etwas Menschliches an sich? Oder ist all das nur kalkulierte Fassade? Wie kamen Menschen dazu, solch unfassbare Taten zu verüben – und bis zum Ende von deren Richtigkeit überzeugt zu sein? Alles in allem ist "Nürnberg" ein großartig umgesetzter, spannend erzählter Film – und ein sehenswertes Psychogramm des Bösen.
"Nürnberg", Historiendrama. USA 2025, 148 Minuten, ab 7. Mai im Kino

Worum es geht Chrys Willet (Dafne Keen) ist neue Schülerin an einer Highschool in einer kleinen amerikanischen Industriestadt. Sechs Monate zuvor gab es dort einen mysteriösen Todesfall: Nach einem Basketballspiel verbrannte der Schüler Mason, die Hintergründe blieben unklar. Nun erhält ausgerechnet Chrys dessen Spind – und entdeckt dort eine schädelförmige aztekische "Todespfeife".
Als der Lehrer Mr. Craven neugierig hineinbläst, stirbt er kurz darauf. Auch Grace bläst in die Pfeife – und löst damit einen tödlichen Fluch aus. Von Masons Großmutter erfahren die Jugendlichen die grausame Wahrheit: Wer den Klang der Pfeife hört, wird von einer personalisierten Version seines eigenen Todes heimgesucht. Der Fluch lässt sich nur übertragen, indem man eine andere Person mit dem eigenen Blut markiert.
Während immer mehr aus dem Freundeskreis sterben, kommen Chrys und Ellie (Sophie Nélisse) sich näher und werden ein Paar. Verzweifelt suchen sie gemeinsam nach einem Ausweg aus dem tödlichen Kreislauf.
Lohnt sich das? "Whistle" setzt auf das wieder populäre Genre des "übernatürlichen Horrors". Die Regie übernahm der irisch-britische Horror-Spezialist Corin Hardy, der zuvor "The Nun" und "The Hallow" realisiert hatte. Das Ergebnis ist ein recht typischer Horror-Schocker, der Fans des Genres mitunter erfreuen wird, aber wenig essenziell Neues zu bieten hat.
Dementsprechend waren die bisherigen Kritiken nach der US-Premiere letzten Herbst auch durchwachsen: Positiv hervorgehoben werden die kreativen und ungewöhnlichen Todesszenen, die für Horrorfans einen Reiz darstellen. Gleichzeitig wird bemängelt, dass die Handlung stark auf Klischees aufbaut und die Figuren wenig Tiefe besitzen.
Interessant ist der reale Hintergrund: Solche aztekischen "Todespfeifen" gab es tatsächlich. Sie erzeugen einen Klang, der an menschliche Schreie erinnert. Historisch wird vermutet, dass sie bei Ritualen oder zur psychologischen Kriegsführung eingesetzt wurden, etwa um Gegner einzuschüchtern.
Whistle", Horror. Kanada/Irland 2025, 100 Minuten, ab 7. Mai im Kino

"Rosebush Pruning"
Die satirische Tragikomödie des brasilianischen Regisseurs Karim Aïnouz ("Firebrand") ist eine moderne Neuadaption des italienischen Klassikers "Fäuste in der Tasche" von 1965 von Marco Bellocchio. Der Regisseur verlegt die Geschichte in die Gegenwart und macht daraus eine hyper-stilisierte Auseinandersetzung mit Reichtum, dem Patriarchat und familiären Abhängigkeiten.
Im Zentrum steht eine wohlhabende, dysfunktionale amerikanische Familie, die in einer opulenten Villa in Katalonien in Isolation und exzessivem Hedonismus lebt. Nach dem bizarren Tod der Mutter (Pamela Anderson) verharren die erwachsenen Geschwister in inzestuösen, narzisstischen und destruktiven Dynamiken. Als der älteste Bruder Jack (Jamie Bell) eine Beziehung zu einer Außenstehenden (Elle Fanning) eingeht und dunkle Familiengeheimnisse ans Licht kommen, beginnt das fragile Konstrukt zu zerfallen.
"Rosebush Pruning" provozierte und polarisierte bereits bei der Berlinale-Premiere im Februar, neben dem Kinostart ist er dieses Wochenende auch beim SLASH 1/2 Festival in Wien zu sehen.
"Rosebush Pruning", Satire. DE/ITA/ESP/GB 2026, 97 Minuten, ab 8. Mai im Kino
"Billie Eilish: Hit Me Hard and Soft - The Tour"
Das 3D-Event bringt die Welt-Tournee des Pop-Ausnahmetalents Billie Eilish in immersiver 3D-Technik auf die Kinoleinwand: Eilish arbeitete dafür mit Regisseur James Cameron ("Avatar") zusammen, der auch als Produzent beteiligt war und neuartige Aufnahmetechniken einsetzte. Der Film fängt Höhepunkte der ausverkauften Tour zum dritten Studioalbum ein und bietet Fans eine Mischung aus intimen Einblicken und einem spektakulären visuellen Erlebnis.
"Billie Eilish - Hit Me Hard and Soft: The Tour", Konzertfilm. USA 2026, 114 Minuten, ab 7. Mai im Kino
"Mortal Kombat II"
Teil 2 der Videospiel-Verfilmung setzt erneut auf actionreiche Martial-Arts-Fantasy und ist die direkte Fortsetzung des Reboots von 2021. Regie führt abermals Simon McQuoid. Die Geschichte führt die Champions des Earthrealm in brutale Kämpfe gegen die Bedrohung durch Shao Kahn. Mit dabei sind die beliebten Figuren Scorpion (Hiroyuki Sanada), Liu Kang und Sonya Blade – neu hinzugekommen ist Johnny Cage (Karl Urban).
"Mortal Kombat II", Action, Fantasy. USA 2026, 116 Minuten, ab 7. Mai im Kino
"Die reichste Frau der Welt"
In der französisch-belgischen Produktion von Regisseur Thierry Klifa spielt Isabelle Huppert die mächtige Erbin eines Kosmetikimperiums, deren Leben durch eine enge Beziehung zu einem jüngeren, ambitionierten Künstler erschüttert wird. Konflikte mit ihrer Familie und ein erbitterter Machtkampf sind die Folge: Scharfe, teilweise Shakespeare-artige Komödie. Premiere war in Cannes 2025. Inzwischen lief der Film auch bereits erfolgreich in den französischen Kinos, wo er über 7 Mio. Euro einspielte.
"Die reichste Frau der Welt", Komödie, Satire. FRA/BEL 2025, 121 Minuten, ab 8. Mai im Kino
"Die Kunstkomplizen"
Doku aus Österreich von Regisseurin Ebba Sinzinger: Über einen Zeitraum von einem Jahr begleitet sie das Wiener Künstler-Duo PRINZpod – Brigitte Prinzgau und Wolfgang Podgorschek –, deren private und künstlerische Leben seit über vier Jahrzehnten untrennbar miteinander verwoben sind. Der Film gewährt intime Einblicke in ihren Alltag, ihre minimalistisch-witzige, poetisch-politische Kunst und die Dynamik einer langjährigen kreativen Partnerschaft. Premiere feierte der Film bei der Diagonale 2026.
"Die Kunstkomplizen", Dokumentation. Österreich 2026, 97 Minuten, ab 8. Mai im Kino
"Segeljungs – Mit null Ahnung um die Welt"
Deutscher Abenteuer-Dokumentarfilm: Vier junge Männer aus Bad Tölz in Bayern ohne jegliche Segelerfahrung brechen nach dem Schulabschluss zu einer mehrjährigen Weltumsegelung auf. Der Film begleitet sie über fünf Jahre hinweg bei Ozeanüberquerungen, unvorhersehbaren Herausforderungen, unerwarteten Begegnungen und ihrem persönlichen Wachstum. Ihr Motto: "Just do it!"
"Segeljungs - Mit null Ahnung um die Welt", Dokumentarfilm. Deutschland 2026, 118 Minuten, ab 8. Mai im Kino