Die Passagiere der "Villa Vie Odyssey" wollten den Rest ihres Lebens auf dem Kreuzfahrtschiff verbringen. Aber wegen der hohen Treibstoffpreise musste der Cruiser vor Anker gehen. Jetzt übernahm der Gläubiger das Ruder – und warf die Passagiere von Bord.

Die Koffer stehen auf dem Kai, Menschen verabschieden sich von ihren Kabinen, als würden sie ihr Eigenheim für immer verlassen. Und im Grunde müssen sie das auch.
Bis vor wenigen Tagen glaubten die insgesamt 203 Passagiere der "Villa Vie Odyssey" noch, auf dem Kreuzfahrtschiff ein Zuhause für den Rest ihres Lebens gefunden zu haben. Sie wollten die Sorgen des Alltags an Land zurücklassen und ein Leben auf Hoher See führen. Jetzt dürfen sie das Schiff nicht mehr betreten, viele von ihnen stehen vor dem Nichts.
Hunderte Passagiere hatten teils mehrere Hunderttausend Dollar pro Person für eine Kabine auf dem sogenannten "Forever-Cruise"-Schiff bezahlt, wie CBS News berichtet. Nun übernahm einer der Gläubiger des Wohnprojektes "Villa Vie Residences" das Ruder – und warf die Dauer-Passagiere kurzerhand von Bord. Wie es dazu kommen konnte, wie die rechtliche Situation der gestrandeten Kreuzfahrer aussieht, was der Gläubiger mit dem Pensionisten-Kreuzer vorhat – die wichtigsten Fakten zur Schiffs-Katastrophe:

Worum geht es?
Die "Villa Vie Odyssey", die seit September 2024 unterwegs gewesen ist, setzte ihren Betrieb am 27. Oktober wegen finanzieller Schwierigkeiten aus. Am 1. November wurde bekannt, dass der Kreditgeber die Kontrolle über das Schiff übernommen hatte.
Was ist der aktuelle Stand der Dinge?
Der Gläubiger des Kreuzfahrtschiffs hat dessen Bewohnern den weiteren Aufenthalt auf dem Schiff untersagt. Sie konnten am Wochenende ihr persönliches Hab und Gut abholen.
Wo liegt die "Villa Vie Odyssey" derzeit?
Das Schiff liegt in Kambodscha fest und soll nach Singapur gebracht werden, wo es möglicherweise versteigert wird.
Was ist ein "Forever Cruise"-Kreuzfahrtschiff?
Bei einem Forever Cruise kaufen sich Menschen dauerhaft in eine Kabine auf einem Kreuzfahrtschiff ein. Das Schiff fährt ständig um die Welt, die Bewohner leben permanent an Bord. Es ist eine Art schwimmendes Wohnprojekt für Menschen, die einen alternativen Lebensstil suchen – oft Pensionisten mit Abenteuerlust.
Wie viel haben die Bewohner der "Villa Vie Odyssey" für ihre Kabinen bezahlt?
Einzelne Bewohner zahlten bis zu 350.000 Dollar (ca. 312.000 Euro) für ihre Kabine. Einer der Betroffenen, Joel Greiff aus Florida, erzählt bei CBS, dass er im August 2025 eine Anzahlung leistete und im Mai 2026 den Rest bezahlte. Er verbrachte letztlich aber nur 26 Tage auf dem Schiff, bevor alles zusammenbrach.
Wann begannen die Probleme?
Interne Unterlagen zeigen, dass das Schiff mindestens drei Monate vor der Strandung in Kambodscha bereits in finanziellen Schwierigkeiten war. Schon im Juli erhielten die Bewohner Nachrichten von der Betreibergesellschaft Villa Vie Residences über die finanziellen Probleme. Das Unternehmen bat die Bewohner damals um weitere finanzielle Beiträge, um das Schiff am Laufen zu halten.
Warum liegt das Schiff in Kambodscha fest?
Das Schiff konnte seine Schulden nicht mehr bedienen und kam nicht mehr weiter. Kambodscha wurde zur unfreiwilligen Endstation. Dort übernahm der Gläubiger schließlich die Kontrolle, nachdem keine Einigung erzielt werden konnte.

Wer ist für die Kosten verantwortlich?
Seit der Übernahme durch den Gläubiger ist dieser für die laufenden Kosten verantwortlich – also für Crew-Gehälter, Treibstoff und den sicheren Betrieb des Schiffes. Das Unternehmen selbst war nach eigenen Angaben vollständig im Besitz der Mitarbeiter und Bewohner.
Gibt es noch Hoffnung für die Bewohner?
Die Unternehmensführung von Villa Vie Residences zeigt sich vorsichtig optimistisch. Gründer Mike Petterson erklärt, dass es sich um einen 30- bis 90-tägigen Prozess handle und man Zeit habe, eine Restrukturierung vorzunehmen. Der Gläubiger sei bereit, mit einem finanzierten Plan zu arbeiten. Allerdings warnen manche Bewohner vor falschen Hoffnungen.
Gab es Versuche, das Schiff zu retten?
Ja. Eine Gruppe von Bewohnern versuchte, das Schiff selbst vom Unternehmen zu kaufen. 169 Bewohner waren bereit, noch mehr Geld in das Projekt zu stecken. Der Versuch scheiterte jedoch, weil ein Kreditgeber die Finanzierung ablehnte.
Was würde eine Insolvenz kosten?
Ein Chapter-11-Insolvenzverfahren würde laut Mitteilung an die Bewohner etwa drei Millionen Dollar für die ersten 60 Tage kosten. Das Unternehmen arbeitet an einer Lösung, die durch Überbrückungsfinanzierung und Beiträge der Bewohner finanziert werden soll.
Was passiert jetzt mit den Betroffenen?
Die ehemaligen Bewohner müssen sich anderweitig einrichten. Joel Greiff etwa hat sich im kambodschanischen Kompat eine Unterkunft für 200 Dollar im Monat gesucht. Er hat sich damit abgefunden, dass er sein investiertes Geld wohl nie wiedersehen wird.
Hatte das Unternehmen weitere Pläne?
Ja, vor der Krise war die Muttergesellschaft Residential Cruise Holdings dabei, mindestens ein weiteres Kreuzfahrtschiff zu erwerben und zwei weitere Wohnprojekte auf See zu entwickeln. Diese Pläne liegen nun auf Eis. Der Fokus liege zu 100 Prozent auf der "Odyssey", so der Gründer.

Wie groß ist die "Villa Vie Odyssey"eigentlich?
Das Schiff ist knapp 196 Meter lang und 22,5 Meter breit. Es bietet Platz für insgesamt 650 Passagiere, allerdings waren zum Zeitpunkt der Stilllegung nur 203 Betten auch wirklich verkauft. Zuletzt hatte der Cruiser eine 156-köpfige Besatzung.
Wie viele derartige Projekte gibt es überhaupt derzeit?
Aktuell ist nur ein einziges weiteres derartiges Alterswohnmodell bekannt. Es nennt sich "The World" und ist ein privat besessenes Wohnschiff mit 165 privaten Residenzen. Das 196 Meter lange Schiff ist eher eine schwimmende Eigentumswohnanlage als ein klassisches Kreuzfahrtschiff. Seit 2002 fährt es kontinuierlich um die Erde, die Bewohner verbringen im Durchschnitt drei bis vier Monate pro Jahr an Bord. "The World" gilt es als größtes privat besessenes Wohnschiff seiner Art und hat etwa 300 Crewmitglieder.
Welche Lehren kann man aus dem Fall der "Villa Vie Odyssey" ziehen?
Der Fall zeigt die Risiken solcher alternativen Wohnprojekte: Es gibt wenig rechtliche Absicherung, die Geschäftsmodelle sind oft intransparent, und wenn etwas schiefgeht, verlieren die Bewohner nicht nur ihr Zuhause, sondern auch ihr investiertes Vermögen. Wer so etwas in Betracht zieht, sollte sich gründlich absichern – und bestenfalls eine zusätzliche Wohnmöglichkeit an Land besitzen.