Die Influencerin Sydney Towle teilte über drei Jahre lang ihren Kampf gegen eine seltene Krebsart mit mehr als einer Million Menschen auf Social Media. Selbst als ihr Arzt sagte, ihre Kräfte seien aufgebraucht, kämpfte sie weiter. Nun ist sie mit 26 Jahren gestorben.

In ihren letzten Videos aus dem Krankenbett tat sie sich mit dem Sprechen schon schwer. Und auch die Wochentage kamen ihr beim Erzählen gelegentlich durcheinander, was vermutlich an den Medikamenten lag, die ihr ihre letzte Zeit erleichtern sollten. Aber bis zum Schluss war ihre unbedingt positive Einstellung zum Leben spürbar, wenn sie etwa ihr Mantra für ihre Follower wiederholte:
"It's a great day, to have a great day. So have a great day!"
Frei übersetzt: "Heute ist ein perfekter Tag für einen richtig guten Tag. Also genieß ihn!"
Das Leben im Hier und Jetzt, das Gefühl für den Augenblick, stand für sie über allem.
In der Nacht auf Donnerstag starb die Influencerin Sydney Towle im National Institutes of Health in Bethesda, Maryland. Die letzten Stunden ihres Lebens verbrachte sie in einer Hospiz-Station, wo sie laut ihrer Familie friedlich einschlief. Sie wurde 26 Jahre alt.
Drei Jahre lang, von den ersten Untersuchungen im Jahr 2023 bis kurz vor ihrem Tod, ließ die junge Frau ihre Follower auf TikTok und Instagram – am Schluss insgesamt weit über eine Million Menschen – an ihrem Kampf gegen eine besonders heimtückische und aggressive Krebsart teilhaben. Sydney Towle litt an einem Cholangiokarzinom, auf Deutsch Gallengangkrebs. Die gleiche Krankheit, mit der auch der Journalist und NewsFlix-Autor Niki Glattauer im September 2025 gestorben ist.

Wie Niki Glattauer machte auch Sydney Towle ihre Krankheit und ihren Umgang damit öffentlich. Sie wollte sich die Freude am Leben und seinen Schönheiten nicht von einer Krankheit rauben lassen, sondern so viel mitnehmen, wie sie nur konnte. Und alles mit ihren Followern teilen, um diesen nach Möglichkeit ein inspirierendes Beispiel dafür zu sein, wie ein Leben mit Krebs auch aussehen kann.
Wie es Sydney Towle über drei Jahre gelang, unbändige Lebenslust, mitreißenden Optimismus und die Mühen und Schmerzen einer beinharten Krebstherapie scheinbar mühelos miteinander zu verbinden, ohne wehleidig zu wirken; weshalb ihr neben gigantischer Zustimmung dennoch auch unglaublicher Hass im Netz entgegenschlug; und weshalb ihr Schicksal so große Anteilnahme ausgelöst hat:
Wer war Sydney Towle?
Geboren am 15. November 1999, wuchs sie in Florida auf, studierte am Ivy-League-College Dartmouth Politik- und Umweltwissenschaft und schloss ihr Studium 2022 ab. Anschließend arbeitete sie im Marketing und betrieb nebenbei als Influencerin und TikTok-Creatorin mehrere Social-Media-Accounts. Dort zeigte sie anfangs vor allem Surf-, Lauf- und Tanzvideos. Bis 2023.
Was geschah 2023?
Bei Sydney Towle wurde ein Cholangiokarzinom festgestellt. Das ist ein seltener und aggressiver Krebs der Gallengänge. In allen Berichten wird die Krankheit als besonders ungewöhnlich für ihr Alter beschrieben, weil sie meist erst bei Menschen über 50 diagnostiziert wird.
Wie wurde die Krankheit bei ihr entdeckt?
Sydney berichtete, dass eine Vorwölbung und ein brennendes Gefühl im Bauch sie zunächst in eine Notfallambulanz brachten. Zuerst stand der Verdacht auf einen Nabelbruch im Raum, dann wurde sicherheitshalber ein Ultraschall gemacht. Es folgten weitere Tests und schon kurz darauf folgte die Krebsdiagnose.
Warum kannten so viele Menschen ihre Geschichte?
Towle machte ihre Erkrankung öffentlich und nahm ihre Follower durch Therapien, Krankenhausaufenthalte und Alltagsmomente mit. Sie zeigte Schmerzen und Erschöpfung, aber auch Reisen, Ausgehen mit Freunden und Sport. Genau diese Mischung aus Krankheit und Lebenshunger machte ihre Videos für viele so eindrücklich.
Was teilte sie in den letzten Monaten?
Noch Ende Mai dieses Jahres verbreitete Sydney Towle Hoffnung und sprach von mehreren Krankenhausaufenthalten sowie einer Operation. Danach sollten eine weitere klinische Studie und wieder eine Chemotherapie beginnen. Sie erhielt unter anderem eine Behandlung, bei der körpereigene Immunzellen gegen den Tumor eingesetzt werden.
Wie dramatisch war ihr Zustand zuletzt?
Innerhalb weniger Wochen verschlechterte sich ihr Zustand stark. Auf Instagram schrieb sie: "Ich kann nichts bei mir behalten, ich schlafe viel." Ihr Onkologe habe ihr schließlich gesagt, sie sei "am Ende ihrer Kräfte" – auch das berichtete sie. Trotzdem wollte sie nicht aufgeben und kämpfte weiter gegen den Krebs. Dieser Kampf lässt sich auch aus den Videos der letzten Wochen herauslesen. Bei allem Optimismus, den Sydney darin zu versprühen versucht, ist es nicht leicht, sich durch die Videos zu klicken und ihren Verfall zu sehen.
Was berichtete ihre Familie von Sydneys Tod?
Ihr Bruder Austin schrieb am 4. August: "Sydney wurde ins Hospiz verlegt und ist von ihren Freunden und ihrer Familie umgeben." Am 5. August, kurz nach ihrem Tod, veröffentlichte die Familie dann folgende Botschaft: "Ein endloser Sonnenstrahl. Eine Tochter, Schwester, und eine Freundin für so viele." In einem Video hieß es außerdem: "Sie hat sehr hart gekämpft und wir sind so stolz auf sie." Und: "Wir werden dich immer so sehr lieben."
Wie reagierten ihre Fans und Follower?
Unter den Abschiedspostings sammelten sich tausende Beileidsbekundungen. Viele erinnerten an Towles optimistische Art und daran, wie offen sie über Angst, Schmerzen und Rückschläge sprach. Ein Kommentar lautete: "Als jemand, der vor einigen Monaten mit derselben Krankheit diagnostiziert worden ist, war und ist Sydney so ein großes Vorbild für mich."
Weshalb galt sie für viele Menschen als Vorbild?
Sydney Towle zeigte, dass ein junger Mensch mit schwerer Krankheit nicht nur Patient ist. Sie verband den Krankenhausalltag mit normalem Leben und widersprach damit den Erwartungen vieler Zuschauer, wie ein Krebspatient auszusehen oder zu leben habe. Ihre Mutter Elizabeth Morrow schrieb, sie sei "zu einem Leuchtfeuer der Hoffnung für so viele" geworden.
Gab es auch negative Reaktionen im Netz?
Ja. Berichten zufolge wurde Sydney Towle lange Zeit von Online-Trollen angegriffen, die ihre Krankheit und ihre Darstellung in sozialen Medien anzweifelten. Sie ging auf diese Angriffe öffentlich kaum ein und setzte ihre Videos dennoch fort. In der New York Times wurde ihre Geschichte, einschließlich der Flut von Online-Beschimpfungen, im Mai 2025 auf der Titelseite geschildert. "Es tut mir leid, dass sie so wütend sind, dass das Leben mit Krebs anders aussehen kann, als sie es sich vorstellen", sagte sie dort zu ihren Hatern.
Was bleibt von Sydney Towles öffentlichem Leben und Sterben?
Der Auftritt der Influencerin in den sozialen Medien war für viele Menschen weit mehr als persönlicher Content. Sie machte eine seltene Krebsart sichtbar, sprach über die Belastung junger Erwachsener mit schwerer Krankheit und lenkte Aufmerksamkeit auf die Notwendigkeit von Forschungsförderung. Gleichzeitig blieb sie für ihre Follower die junge Frau, die zwischen Infusionen und Klinikaufenthalten weiter leben wollte – und auch artikulierte, weshalb sie ihr Leben trotz aller Strapazen so liebte.
Alleine das macht sie zum Vorbild, auch über ihren viel zu frühen Tod hinaus.