Auch Meisterdetektive müssen klein anfangen: "Young Sherlock", die neue Serien-Adaption des Holmes-Stoffes, erzählt von den wilden Jugendjahren des Eigenbrötlers. Regie führte Guy Ritchie, was für rasante Action und coole Sprüche bürgt. Ab sofort auf Amazon Prime.

Was macht eine gute Literaturadaption aus? Detailgetreue Umsetzung? Kreative Originalität und Eigenständigkeit? Modernisierung des Stoffes? Dramaturgische und technische Finesse?
Auf diese Frage gibt es nicht die eine richtige Antwort, wie man zuletzt auch bei der Verfilmung von "Wuthering Heights – Sturmhöhe" sehen konnte: Die einen feierten Emerald Fennels Version des Emily Brontë-Klassikers als mutige Vision, die anderen konnten damit so rein gar nichts anfangen und befanden den Film als oberflächlichen "Edeltrash".
Derartiger Polarisierung wird sich auch die neue Serie "Young Sherlock" nicht gänzlich entziehen können, die soeben auf Amazon Prime gestartet ist, wenngleich aus anderen Gründen. Wer einen Blick auf die kreativen Geister hinter der Adaption der Jugendbuchreihe von Andrew Lane (erscheint seit 2010) wirft, wird schnell wissen, was ihn da erwartet: Guy Ritchie ist Co-Creator und Co-Regisseur der Serie und kehrt damit zu einem Stoff zurück, den er bereits in zwei Filmen mit Robert Downey Jr. und Jude Law adaptiert hatte.
Besonders dem ersten Ritchie-"Sherlock" konnte man Tempo und Unterhaltungswert nicht absprechen, aber mit dem literarischen Vorbild hatte die Adaption als Mischung zwischen Actionfilm und Buddy-Comedy nur noch bedingt etwas zu tun. Die Genialität des Protagonisten wirkte mitunter sehr aufgesetzt und wenig authentisch.

Andere Verfilmungen von Arthur Conan Doyles Ur-Stoff legten andere Schwerpunkte, die erste davon gab es bereits vor über 100 Jahren mit "Der Hund von Baskerville". Zu den bis heute beliebtesten Holmes-Darstellern zählt Basil Rathbone, der den Detektiv zwischen 1939 und 1946 gleich 14 Mal verkörperte, allerdings nach Drehbüchern, die sich nur mehr ganz zart an Conan Doyle orientierten. An Beliebtheit übertroffen wird er allerdings längst durch Benedict Cumberbatch, der einen sehr modernen "Sherlock" in der gleichnamigen BBC-Serie (2010-2017) spielte, die ins London der Gegenwart versetzt wurde.
Die neue "Young Sherlock" ist - wenig überraschend - vor allem nahe an den beiden Guy-Ritchie-Filmen angesiedelt. Und auch hier nehmen es Ritchie und Kollegen mit der Akkuratesse nicht so genau: In den Büchern ist der junge Sherlock 14, in der Serie nun etwa 18.
Der junge Mann, gespielt von Hero Fiennes Tiffin – die Schauspieler Ralph und Joseph Fiennes sind seine Onkel, Joseph Fiennes hat auch eine Rolle in "Young Sherlock" –, ist begabt, talentiert und seiner Umwelt intellektuell überlegen. Er weiß aber nicht so recht, was er mit seiner Genialität anfangen soll. Außerdem plagt ihn eine traumatische Familiengeschichte, die im Laufe der Serie aufgerollt werden wird.

Ziellos treibt sich der junge Sherlock im England des ausgehenden 19. Jahrhunderts umher und landet als Taschendieb immer wieder im Gefängnis. Die kriminelle Energie ist weniger Veranlagung als Kompensation für seine Langeweile. Das geht so lange, bis sein älterer Bruder Mycroft (Max Irons, Sohn von Jeremy Irons) genug davon hat und Sherlock eine Lektion erteilen will: Er schickt in an die Elite-Uni Oxford, allerdings nicht als Student, sondern als "Scout", also Bediensteter, der "niedere Arbeiten" zu erledigen hat.
Dort trifft Sherlock auf den ebenso genialen James Moriarty (Donal Finn). Die beiden, die später Erzfeinde werden, freunden sich schnell an und sorgen als Duo Infernale für Unruhe an der ehrwürdigen Uni, die vor allem dem Rektor Sir Bucephalus Hodge (Colin Firth) gar nicht schmeckt. Und geraten zudem in einen Mordfall, in den die chinesische Prinzessin Gulun Shou'an (Zine Tseng) verwickelt ist.
"Young Sherlock" ist eine nicht sonderlich anspruchsvolle, temporeich – auch zahlreiche Rock-Nummern unterlegen die Handlung – inszenierte Unterhaltungsserie, die mit der erzählerischen Finesse des Originals nur mehr wenig zu tun hat. Fehlende Tiefe und Substanz wird mit Actionszenen und rasanten Schnitten zu kaschieren versucht. Wer Guy Ritchies vorige Holmes-Adaptionen bereits kritisch sah, wird auch an dieser eher wenig Freude haben. Wer sie mochte und allgemein Fan des Regisseurs ist, wird sich auch hier gut unterhalten.
Auch die Besetzung ist nicht zwingend ideal: Hero Fiennes Tiffin muss sich eben mit großen Namen und Vorbildern messen, und zieht da leider meist den Kürzeren. Am überzeugendsten agieren, wenig überraschend, Oscar-Preisträger Colin Firth und die bisher bei uns eher unbekannte Zine Tseng, die als einzige Figur dem jungen Sherlock wirklich gewachsen ist.
Technisch und stilistisch ist "Young Sherlock" solide umgesetzt, ohne zu glänzen: Es gibt die Guy-Ritchie-typischen Action- und Kampfszenen in Zeitlupe, Oxford wird immerhin recht authentisch dargestellt. Die KI-animierte Titelsequenz wirkt hingegen nicht sonderlich wertig und verleiht der Serie einen unnötig billigen Touch.

Unterm Strich ist "Young Sherlock" vor allem für ein jüngeres Publikum, das die Jugendbuch-Vorlagen wahrscheinlich besser kennt als das Ursprungswerk, eine flotte Serie ohne zu viel Anspruch. Auch Guy Ritchie-Fans werden damit ihre Freude haben. Allen anderen sei die Wiederentdeckung älterer Holmes-Adaptionen ans Herz gelegt. Oder gleich die Lektüre der Vorlagen von Arthur Conan Doyle.
"Young Sherlock", Krimi, Jugendbuchadaption. Großbritannien 2026, 8 Episoden à ca. 45-55 Minuten, ab sofort auf Amazon Prime