Die Autorin von Klassikern wie "Stolz und Vorurteil" starb mit 41 Jahren "als alte Jungfer", wie sie selbst einmal schrieb. Aber das Erbe von Jane Austen ist lebendiger denn je. Zum 250. Geburtstag lässt eine Graphic Novel ihr Leben Revue passieren.

Vor Kurzem jährte sich der Geburtstag DER britischen Autorin des 19. Jahrhunderts, Jane Austen, zum 250. Mal. Rund um die Welt wurde dieser – nach heutigen Maßstäben – Bestseller-Autorin gehuldigt.
Sie gilt als Erfinderin des modernen Gesellschaftsromans, ihre Werke – von "Stolz und Vorurteil" bis "Sinn und Sinnlichkeit" – gehören zu den meist adaptierten Stoffen des modernen Kinos und kaum eine Romantik-Komödie, die ohne Jane-Austen-Zitate auskommt.
Der von ihr erfundene "Mister Darcy" ist längst zum Prototyp des männlichen Idealbildes eines "Mister Right" geworden und ihre Bücher gelten als Vorbild für die Netflix-Erfolgsserie "Bridgerton", in der sich alles darum dreht, im England der Regency-Ära die richtigen Partien zueinander zu bringen.
Aber so beliebt die Romane der 1817 mit nur 41 Jahren verstorbenen Autorin nach wie vor sind, so wenig ist über sie selbst bekannt. Das zu ändern hat sich eine neue Jane-Austen-Biografie im Graphic-Novel-Format zur Aufgabe gemacht.

Um welches Buch geht es?
"Jane Austen – Ihr Leben als Graphic Novel", so der ziemlich prosaische Titel des 144 Seiten starken Bandes.
Wer hat die Graphic Novel gestaltet?
Die inhaltliche Expertise garantiert Janine Barchas, Professorin für Buch- und Literaturwissenschaft an der University of Texas in Austin. Sie gilt als Austen-Expertin, hat mehrere Bücher über die Autorin veröffentlicht und das digitale Projekt whatjanesaw.org ins Leben gerufen. Sie bezeichnet sich selbst als leidenschaftlicher Jane-Austen-Fan.
Von wem stammen die Zeichnungen?
Die Illustratorin ist Isabel Greenberg, die bereits zahlreicheGraphic Novels veröffentlicht hat. Besonders gelobt wurden die New-York-Times-Bestseller "The Encyclopedia of Early Earth" (2015) und "The One Hundred Nights of Hero" (2017) sowie ihre Biografie der Brontë-Schwestern "Glass Town" (2020). Sie lebt in England, studierte Illustration in Brighton und Animation am Royal College of Art in London.
Was muss man über Jane Austen wissen?
Sie lebte von 1775 bis 1817 in England und war die Tochter von William George Austen, einem Geistlichen, und Cassandra Austen. Jane hatte sechs Brüder und eine ältere Schwester, die wie ihre Mutter Cassandra hieß. Der Vater achtete sehr auf die Bildung seine Töchter. Jane unternahm bereits im Alter von zwölf Jahren ihre ersten literarischen Versuche: kurze Prosastücke, Kurzromane, Theaterstücke.

Wie ist die Graphic Novel aufgebaut?
Das bezaubernd gestaltete und im Anhang mit einem ausführlichen und sehr informativen Glossar versehene Buch ist in 13 Kapitel gegliedert und beginnt 1796 mit Jane als aufstrebender Autorin und ihrer Schwester Cassandra als ihrer engsten Vertrauten. Die Szenen aus dem täglichen Leben der Familie sind in der Graphic Novel in dezenten Pastelltönen in Blau, Grau und Gelb gehalten. Die Auszüge aus Janes Schriften und Fantasien leuchten in Pink und rosaroten Farben.
Was wird erzählt?
Man begleitet die Familie durch den Alltag im Pfarrhaus, bei kulturellen Veranstaltungen und Familienaufführungen von Janes Jugendstücken. Cassandras Verlobter stirbt auf einer Westindien-Reise, was die Schwestern noch mehr zusammenschweißt.
Wie geht es weiter?
Die Schwestern werden zu einem wohlsituierten Onkel nach Bath geschickt, um einen Ehemann zu finden, werden aber nie heiraten. Stattdessen machen sie sich über das Gesellschaftsleben in dem Örtchen lustig. Vieles davon fließt später in Janes Werke ein.
Wie entwickelt sich Jane Austens Schriftsteller-Karriere?
Schleppend. Jane schickt eine Version ihres späteren Bestsellers "Stolz und Vorurteil" an einen Verleger und erhält es postwendend zurück. Ein schwerer Schlag für die Autorin, die deshalb kurzzeitig ganz mit dem Schreiben aufhört. Ihr Roman "Susan" wird 1803 zwar von einem Buchhändler angekauft, aber nie veröffentlicht. Ihr Bruder wird es viele Jahre später zurückkaufen.

Klingt nicht nach der großen Karriere …
Es wird noch schlimmer. 1805 stirbt der Vater und hinterlässt mit Ehegattin und Töchtern drei mittellose Frauen. Sie müssen in eine feuchte, dunkle Wohnung übersiedeln und leben karg von den Zinsen eines kleinen Erbes. Sehr eindrucksvoll dazu die klammen Bilder im Buch. Zum Glück überlässt ihnen ihr reicher Bruder Edward ein Cottage, genau wie später in Austens "Verstand und Gefühl".
Gibt es auch Erfolgsmeldungen?
Ja, allmählich erschreibt sich Jane etwas Geld, sie bekommt 250 Pfund für ihr erstes Buch. Mit der Zeit bringt ihr das Schreiben ein bescheidenes, aber eigenes Einkommen. Als die Frau ihres Bruders stirbt, kümmern sich Jane und Cassandra liebevoll um ihre neun Nichten und Neffen.
Hatte Jane wirklich einen Prinzregenten als Fan?
Ja, tatsächlich. Jane Austen veröffentlichte zeitlebens anonym, die Bücher trugen die Verfasserangabe "by a lady". Doch das Geheimnis sickerte noch zu ihren Lebzeiten durch. So schrieb ihr vor der Veröffentlichung von "Emma" der Bibliothekar des Prinzregenten George Augustus Frederick und berichtete, der Monarch habe in all seinen Häusern ihre Romane und wäre einer Widmung nicht abgeneigt.
Hat sie dem entsprochen?
Ja, sie stellte ihrem Roman "Emma" (1815 erschienen) eine Widmung für den Prinzregenten voran, die allerdings deutlich ironische Züge trägt. Der spätere König George IV. war wegen seines ausschweifenden und lasterhaften Lebenswandels wenig beliebt, auch bei den Austens nicht. Trotzdem brachte ihr der berühmte Fan Aufmerksamkeit, wenn auch nicht den literarischen Durchbruch oder Geldsegen.

Machen Jane Austens Werke Spaß?
In all ihren Romanen transportiert sie mit Ironie die strikten Vorstellungen ihrer Zeit, was eine Frau zu tun hat – nämlich heiraten – und was nicht – nämlich Künstlerin sein. Ihr Humor zeigt sich schon in ihrem Jugendwerk, etwa in "Die Geschichte Englands". Bereits mit 15 Jahren hatte sie die komisch-satirische Nachahmung der Geschichtsschreibung ihrer Zeit verfasst und ihrer Familie daraus vorgetragen. Zu ihren Lebzeiten wurde es jedoch nie veröffentlicht.
Warum gilt Jane Austen als Rebellin?
Aufgrund ihrer scharfsinnigen Beobachtungsgabe und ihrem elaborierten Ausdruck. In der umständlich-höflichen Sprache des frühen 19. Jahrhunderts verpackt sie in ihren Werken Kritik an den engen Grenzen und den fehlenden Möglichkeiten für Frauen, vor allem Witwen und Waisen. Auch den stark ausgeprägten Standesdünkel in der "Gentry", dem niederen Landadel, ironisiert sie gekonnt. In ihrem Spätwerk greift sie zudem verstärkt gesellschaftspolitische Themen auf.
Wieso stirbt die Autorin so jung?
Im Dezember 1816 wird Jane aus unerfindlichen Gründen krank, einige Monate später geht es ihr so schlecht, dass sie nach Winchester zu einer ärztlichen Behandlung gebracht wird. Dort stirbt sie am 18. Juli 1817 und wird in der Kathedrale beerdigt. Heute geht man davon aus, dass Jane Austen an einer Nebennierenrindeninsuffizienz litt, eine Erkrankung, gegen die es damals keine Behandlung gab.
Sie lebte bis zuletzt mit ihrer Schwester zusammen?
Ja, Cassandra unterstützt ihre Schwester Jane zeit ihres Lebens. "Cassy" kocht und führt den Haushalt, damit "Jenny" – so nennen sich die Schwestern gegenseitig – weiterschreiben kann. In den Danksagungen zur Graphic Novel wird deshalb auch allen voran Cassandra Austen genannt, "ohne die Jane ihre Bücher nicht hätte schreiben können".

Wie beliebt ist Jane Austen heute?
Punkto Beliebtheit wird sie im englischen Sprachraum mit Shakespeare gleichgesetzt. Mit mindestens 420 mehr oder weniger textnahen Filmadaptionen seiner Werke ist der Dramatiker der meist verfilmte Autor der Geschichte. Aber Jane Austen ist ihm auf den Fersen,
Wann gab es die erste Jane-Austen-Verfilmung?
Bereits 1938 produzierte die BBC einen ersten Fernsehfilm, basierend auf "Stolz und Vorurteil". Kurz darauf wurde sie von Hollywood entdeckt. Insgesamt wurde alleine dieser Stoff 14 Mal verfilmt. Auch ihre Romane "Emma", "Verstand und Gefühl", "Überredung" und "Sinn und Sinnlichkeit" bringen es auf eine stolze Zahl an Film- und TV-Adaptionen. Dabei spielten Weltstars wie Emma Thompson, Kate Winslet, Gwyneth Paltrow oder Anne Hathaway bzw. Sir Laurence Olivier, Hugh Grant oder Collin Firth Hauptrollen.
Was ist mit Netflix und Co?
Für Streaming-Anbieter stehen Werke von Jane Austen ganz weit oben auf ihrer Wunschliste. Denn der Kern von Austens Erzählungen ist dafür prädestiniert, auch heute die Massen anzusprechen: Junge, mehr oder weniger rebellische junge Damen aus dem gehobenen (ländlichen) Bürgertum erkennen sich – nach diversen Lernprozessen – selbst und heiraten am Ende den Mann, den sie lieben.

Gibt es fixe Serien-Pläne?
Derzeit ist eine Netflix-Verfilmung von "Stolz und Vorurteil" im Entstehen, am 29. Jänner startet zudem die vierte Staffel der Erfolgsserie "Bridgerton", die Motive aus diversen Austen-Romanen als Blaupause nutzt.
Ist die Graphic Novel empfehlenswert?
Auf jeden Fall! Für Jane-Austen-Fans ist sie beinahe ein Muss. Aber auch Neulingen wird sie mit ihren schönen, witzigen und feinfühlig kolorierten Bildern und den liebevollen Szenen Freude bereiten. Und die eingearbeiteten Roman-Zitate machen neugierig auf mehr.
"Jane Austen Ihr Leben als Graphic Novel" von Janine Barchas und Isabel Greenberg, 144 Seiten durchgehend vierfarbig illustriert, 2025 Penguin Verlag, ab € 26,50
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" ist heuer erschienen.