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Trés chic: Im Kino geht's ziemlich französisch ins neue Jahr

Eine ambitionierte Literaturadaption, ein Film über Frankreichs erstes weibliches Elternpaar und eine herzerwärmende Komödie über die Kraft von Liebe und Familie – und von französischen Chansons. In dieser Kino-Woche kommen frankophile Cineasten voll auf ihre Kosten.

"Ich verspreche dir, du wirst ein wunderbares Leben haben", sagt in "Mit Liebe und Chansons"" Mutter Esther zu ihrem behinderten Sohn Roland – und sie tut alles, damit das auch wahr wird
"Ich verspreche dir, du wirst ein wunderbares Leben haben", sagt in "Mit Liebe und Chansons"" Mutter Esther zu ihrem behinderten Sohn Roland – und sie tut alles, damit das auch wahr wirdPanda Film
Christian Klosz
Akt. 01.01.2026 01:11 Uhr

Kino-Macht Frankreich: Die Grande Nation ist punkto Filmschaffen in Europa eine Klasse für sich. Kein Land der Alten Welt produziert mehr Filme, nirgendwo ist der Anteil an cineastischen Leckerbissen, die in die ganze Welt exportiert werden, höher als in Frankreich.

Das hat auch Einfluss auf das österreichische Kino-Geschehen. Hinter den USA, die die Rangliste mit großem Abstand anführen, steht Frankreich auf Platz 2 bei der Anzahl der Film-Starts in den heimischen Kinos. Kaum eine Woche, in der nicht mindestens ein französischer Film hierzulande neu anläuft.

Auch die erste Woche des neuen Jahres macht dabei keine Ausnahme, im Gegenteil: Gleich drei französische Streifen bestimmen das heimische Kinogeschehen. Nämlich zunächst die hoch ambitionierte Literaturverfilmung "Der Fremde" nach dem berühmten Buch von Albert Camus. Star-Regisseur Francois Ozon (u.a. "8 Frauen" und "Swimming Pool") wagt sich an den Kult-Stoff.

Außerdem neu: "15 Liebesbeweise", eine wahre Geschichte über eines der ersten gleichgeschlechtlichen Elternpaare Frankreichs und mit welchen bürokratischen Hürden die Frauen zu kämpfen hatten. Sowie der herzerwärmende Streifen "Mit Liebe und Chansons" über die Hingabe einer Mutter an ihren behinderten Sohn und wie sie ihm ein selbstbestimmtes Leben ermöglichen möchte.

Vor allem die letztgenannten Filme sind typische Beispiele für jene unnachahmliche Leichtigkeit, mit der Filmemacher in Frankreich auch schwierige Themen umzusetzen verstehen, ohne dass diese sperrig oder todtraurig daher kommen. Trés français eben.

Haben sie eine schöne erste Kino-Woche 2026 – und alles Gute im neuen Jahr!

Meursault (Benjamin Voisin) und seine Geliebte Marie (Rebecca Marder): "Der Fremde" nach Albert Camus
Meursault (Benjamin Voisin) und seine Geliebte Marie (Rebecca Marder): "Der Fremde" nach Albert Camus
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"Der Fremde"

Worum es geht Algier im Jahr 1938: Der Angestellte Meursault (Benjamin Voisin), Mitte 30, ist ein stiller, unauffälliger Zeitgenosse, den wenig aus der Ruhe bringt. Selbst der Tod seiner Mutter scheint ihn emotional nicht zu tangieren, völlig indifferent und regungslos nimmt er am Begräbnis teil und kehrt danach in seinen Alltag zurück, als wäre nichts gewesen. Er beginnt eine Leidenschaftsaffäre mit seiner früheren Kollegin Marie (Rebecca Marder) und lebt sein Leben in routinierter Gelassenheit weiter.

Doch seine Routine gerät aus den Fugen, als sein Nachbar Raymond (Pierre Lottin) ihn in zwielichtige Auseinandersetzungen hineinzieht. Die Beziehung zu Raymond führt schließlich dazu, dass Meursault an einem heißen Tag am Strand in eine gewalttätige Situation gerät, die sein bisher gleichgültig gelebtes Leben aus den Fugen geraten lässt.

Lohnt sich das? Francois Ozon, einer der profilierteren zeitgenössischen französischen Regisseure, nähert sich Albert Camus' berühmter Vorlage mit kühlen Schwarz-Weiß-Bildern, die dem Film eine Optik und Aura geben, die dem Kino der späten 1930er-Jahre entsprungen sein könnte. Nach der Premiere in Venedig ließ Ozon wissen, dass er durchaus großen Respekt vor dem Stoff gehabt habe.

Stilistisch ist sein Werk zweifellos gelungen, die exakt fotografierten und inszenierten Bilder schwanken zwischen Intimität und Distanz, fangen die Schönheit des filmisch wiedererweckten, kolonialen Algiers ebenso ein wie die tiefe Melancholie von Camus' Vorlage.

Zieht Meursault in einen Strudel unvorhersehbarer Ereignisse: sein Nachbar Raymond (Pierre Lottin)
Zieht Meursault in einen Strudel unvorhersehbarer Ereignisse: sein Nachbar Raymond (Pierre Lottin)
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Wie oft bei Ozon ist das Problem aber das zu langsame Erzähltempo: Die schönen Bilder sollen für sich sprechen, das tun sie eine Weile auch, aber irgendwann ist der Stilwille erschöpft. So ist "Der Fremde" – nach Lucchino Viscontis Adaption aus den 1960ern – ein solide gemachter Film, dem aber trotzdem das gewisse Etwas fehlt und der in erster Linie ein Arthouse-Publikum ansprechen dürfte.

"Der Fremde", Drama, Literaturadaption. Frankreich / Belgien / Marokko 2025, 120 Minuten, ab 1. Jänner im Kino

Schöne Bilder, zu wenig Tempo: Regisseur Francois Ozon lässt sich gerne Zeit beim Erzählen
Schöne Bilder, zu wenig Tempo: Regisseur Francois Ozon lässt sich gerne Zeit beim Erzählen
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Außerdem neu im Kino:

"15 Liebesbeweise"
Paris, 2014: Die Tontechnikerin und DJane Céline (Ella Rumpf) und ihre Frau Nadia (Monia Chokri) erwarten die Geburt ihrer Tochter – doch während Nadia tatsächlich schwanger ist und das Kind zur Welt bringt, bereitet sich Céline nur theoretisch auf das Elternsein vor.

Als eine der ersten gleichgeschlechtlichen Familien in Frankreich sieht sie sich vor der Anerkennung des geteilten Sorgerechts bürokratischen Hürden gegenüber: Trotz der 2014 eingeführten "Ehe für alle" muss sie dem Staat 15 "persönliche Briefe" von Freunden und Verwandten vorlegen, die belegen, dass sie ihrer zukünftigen Mutterrolle gewachsen ist.

Alice Douards Langfilmdebüt verbindet Humor und Tiefgang, Persönliches und Politisches und widmet sich der Komplexität (post)moderner Familienentwürfe und den Herausforderungen, denen sie (immer noch) gegenüberstehen. Der Film feierte seine Premiere in Cannes und wurde beim Filmfest Hamburg mit dem Publikumspreis ausgezeichnet.

"15 Liebesbeweise", Komödie, Drama. Frankreich 2025, 96 Minuten, ab 1. Jänner im Kino

Kämpfen mit bürokratischen Hürden: Céline (Ella Rumpf) und ihre Frau Nadia (Monia Chokri) in "15 Liebesbeweise"
Kämpfen mit bürokratischen Hürden: Céline (Ella Rumpf) und ihre Frau Nadia (Monia Chokri) in "15 Liebesbeweise"
Polyfilm

"Mit Liebe und Chansons"
Paris in den 1960er-Jahren: Esther Perez (Leïla Bekhti) bringt ihr sechstes Kind zur Welt – doch der kleine Roland hat eine schwere Fehlbildung am Fuß und soll laut Ärzten niemals richtig laufen können. Entschlossen, ihrem Sohn ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen, verspricht Esther ihm, dass er an seinem ersten Schultag auf eigenen Beinen stehen wird. Orthopäden, Heiler und die Klänge französischer Chansons sollen dabei helfen, dieses kleine Wunder zu vollbringen.

Regisseur Ken Scott erzählt mit Herz und Humor eine berührende Geschichte (nach wahrem Vorbild) über bedingungslose Liebe, familiären Zusammenhalt und die Kraft der Hoffnung. Dürfte nicht nur Fans des französischen Chansons begeistern.

"Mit Liebe und Chansons", Tragikomödie. Kanada / Frankreich 2026, 102 Minuten, ab 1. Jänner im Kino

"Das wird schon" – Esther (Leïla Bekhti, 3. v. l.) präsentiert ihren jüngsten Sohn: "Mit Liebe und Chansons"
"Das wird schon" – Esther (Leïla Bekhti, 3. v. l.) präsentiert ihren jüngsten Sohn: "Mit Liebe und Chansons"
Panda Film

Neu in Heimkino:

"Marco"
Als Mitglied der mächtigen Adattu-Familie in Kerala sinnt der Adoptivsohn Marco (Unni Mukundan) nach der brutalen Ermordung seines Bruders auf Vergeltung. Ohne Gnade macht er sich auf einen Rachefeldzug …

"Marco" gilt als absoluter "Anti-Bollywood-Film" und hat mit der Vorstellung, die viele vom indischen Film haben, denkbar wenig gemein. Angepriesen wird der ultrabrutale Rachethriller mit dem Prädikat "brutalster indischer Film aller Zeiten", und so falsch ist das gar nicht, denn für sanfte Gemüter und all jene mit sensiblem Magen ist der Film definitiv nicht geeignet. Regisseur Haneef Adeni inszeniert "Marco" als düsteren, nihilistischen, hochästhetisierten Actionfilm mit extremen Gewaltdarstellungen und zahlreichen choreografierten Kampfsequenzen. Ein Geheimtipp für John Wick-Fans, selbst wenn der Film öfter auf Handlung und Substanz vergisst.

"Marko", Action. Indien 2024, 137 Minuten, als VOD, ab 15. Jänner auch auf DVD/Blu-ray

Auf seinem Rachefeldzug nicht selten unfreiwillig komisch: Unni Mukundan als blutrünstiger Titelheld in "Marco"
Auf seinem Rachefeldzug nicht selten unfreiwillig komisch: Unni Mukundan als blutrünstiger Titelheld in "Marco"
Busch Media Group

"Good Boy – Trust His Instincts"
Nachdem sein Herrchen Todd (Shane Jensen) mit gesundheitlichen Problemen in das Waldhaus seines Großvaters zieht, spürt der Hund Indy, dass in der abgelegenen Unterkunft etwas Unheimliches lauert, das Todd und ihn zugleich zu bedrohen scheint. Aus der Perspektive des Hundes erzählt der Film von einer verstörenden Reise durch die Dunkelheit.

Regisseur Ben Leonberg ließ sich bei seinem Spielfilmdebüt von Genreklassikern inspirieren und drehte seinen Film über mehr als drei Jahre und 400 Drehtage hinweg mit seinem eigenen Hund in der Titelrolle. Die Kamera folgt Indys Perspektive, was die Sicht des Vierbeiners aufs Publikum überträgt. Österreich-Premiere war beim Slash Festival 2025.

"Good Boy – Trust His Instincts", Horror-Thriller. USA 2025, 72 Minuten, als VOD, ab 2. Jänner auch auf DVD/ Blu-ray

Guter Bub! Indy mit seinem Herrchen Todd (Shane Jensen) in "Good Boy – Trust His Instincts"
Guter Bub! Indy mit seinem Herrchen Todd (Shane Jensen) in "Good Boy – Trust His Instincts"
Polyfilm
Christian Klosz
Akt. 01.01.2026 01:11 Uhr