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Bestseller-Autor Lee Child

"Trumps Amerika zu verlassen war eine Frage des Prinzips"

Der britische Autor Lee Child hat mit Jack Reacher einen Helden erschaffen, der so ist, wie die USA für viele früher waren: Kraftvoll, gutherzig, immer bereit, Unterdrückten beizustehen. Jetzt hat er Amerika verlassen – wegen Trump, wie er sagt. Wie es dazu kam.

Trotz 24 Jahren in den USA ein Brite durch und durch: 2020 wurde Lee Child alias James Grant der Orden Commander of the British Empire verliehen
Trotz 24 Jahren in den USA ein Brite durch und durch: 2020 wurde Lee Child alias James Grant der Orden Commander of the British Empire verliehenAPA-Images / Camera Press / ROTA
NewsFlix Redaktion
Akt. 16.08.2026 07:23 Uhr

Erst schießen, dann fragen. Dieses eherne Gesetz des amerikanischen Westens, das später nahtlos in den modernen US-Kriminalroman übernommen wurde, hat Lee Child reich und berühmt gemacht. Der Engländer hat Jack Reacher geschaffen – und damit eine Identifikationsfigur für Millionen Leserinnen und Leser auf der ganzen Welt erschaffen. Einen Mann, der so ist, wie die USA früher einmal waren – zumindest in der Vorstellung unzähliger Menschen: Stark, selbstbewusst und immer bereit, für das Gute einzutreten. Oder zumindest das, was sie dafür halten.

Jack Reacher, ehemaliger Offizier der US-Militärpolizei, ein Kasten von einem Mann mit Händen wie Tiefkühltruthähne, stromert seit mittlerweile 30 Büchern, zwei Hollywoodfilmen und vier Serien-Staffeln durch die USA. Heimatlos, ohne tiefere Bindungen, äußerst skeptisch gegenüber modernen Technologien und jeder Art von staatlicher Überwachung, dafür stets bereit, seine Kräfte und Brutalität für jene einzusetzen, die sich selbst nicht gegen ihre Unterdrücker wehren können.

Doch jetzt hat Lee Child dem Land, das ihn zu dem gemacht hat, der er ist, den Rücken gekehrt. Er ist zurückgekehrt nach England, lebt seit kurzem im äußersten Nordwesten seines Heimatlandes, in Cumbria, wo es mehr Schafe gibt als Menschen. Und er sagt offen, dass ihn Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus und seine Art, mit den Menschen umzugehen, zu diesem Schritt veranlasst hat.

Für viele Leser und Fans ist das weit mehr als eine private Übersiedlung eines Bestsellerautors zurück in seine alte Heimat. Immerhin vertritt Lee Childs Held eben genau jene Philosophie des "erst schießen, dann fragen", mit der auch Trump seit seinem zweiten Amtsantritt durch die Vereinigten Staaten stromert und das vertritt, was er für Recht und Gesetz hält.

Warum sich der Bestsellerautor in den USA nicht mehr heimisch gefühlt hat, wie es mit seinem Helden Jack Reacher jetzt weiter geht und welche Bücher Lee Child künftig noch gerne schreiben würde, darüber hat er mit der britischen Times ein langes Gespräch geführt. Das muss man darüber wissen:

Lee Child im Gespräch mit Königin Camilla bei einem Empfang für britische Autoren: "Die USA unter Trump zu verlassen, war eine Frage der Ästhetik"
Lee Child im Gespräch mit Königin Camilla bei einem Empfang für britische Autoren: "Die USA unter Trump zu verlassen, war eine Frage der Ästhetik"
APA-Images / PA / Chris Jackson

Warum hat Lee Child die USA verlassen?
Er sagt, der Umzug sei aus politischen Gründen erfolgt, nachdem Donald Trump zum zweiten Mal gewählt wurde. Wörtlich nennt er es einen Grundsatzentscheid. Er und seine Frau verließen die USA zwei Tage vor Trumps Angelobung, auch die Sorgen seiner Familie vor der Zukunft spielten dabei eine Rolle.

Was hat ihn an Trump-Amerika so abgestoßen?
Child beschreibt vor allem ein Gefühl der Entfremdung. Besonders belastet habe ihn die entmenschlichende Sprache gegen Einwanderer; obwohl er selbst als weißer, reicher und legal in den USA lebender Brite nicht direkt Ziel gewesen sei, habe ihn das zermürbt. Als schließlich mehr Menschen für Trump als gegen ihn stimmten, habe er sich auf einer sehr unmittelbaren Ebene abgelehnt und unerwünscht gefühlt.

Hatte er Angst vor konkreten Problemen mit Behörden?
Nein, jedenfalls nicht im Sinn einer unmittelbar drohenden Festnahme. Er sagt ausdrücklich, verletzlicher seien andere gewesen, etwa seine frühere muslimische Haushälterin. Für ihn sei es nicht Flucht vor einer akuten Gefahr gewesen, sondern eine Frage der Haltung und, wie er sagt, der Ästhetik.

Wie sah sein Leben in den USA zuletzt aus?
Child teilte seine Zeit zwischen einem Stadthaus in New York und einer abgelegenen Hütte in Wyoming. In Wyoming lebte er sehr zurückgezogen, mit langen Fahrten über unbefestigte Straßen selbst für den Wocheneinkauf. Dazu kamen regelmäßige Fahrten nach Colorado, wo Cannabis legal ist; dort kaufte er nach eigenen Angaben oft seine bevorzugte Sorte "Rocket Fuel".

Hat er alle Zelte in den USA abgebrochen?
Nein, er hat seine Immobilien behalten und auch seine Tochter lebt weiterhin in New York – offen lesbisch, wie er der Times erzählt.

Wie lebt er jetzt in Großbritannien?
Heute wohnt er mit seiner Frau Jane, einer Amerikanerin, in einem Haus im Lake District, das knapp 3 Millionen Euro gekostet hat. Die Gegend sei für das Paar seit Jahren ein magischer Ort gewesen, ruhig, schön und persönlich bedeutsam. Child genieße dort Alltägliches wie den Zeitungskauf im Ort sowie britischen Lebensstil und Kulinarik, wie er sagt: Fish and Chips, Marmite (ein Hefeaufstrich, der nach Maggi schmeckt), Bird's Custard (ein Fertigpuddingpulver).

Lee Child mit Reacher-Darsteller Tom Cruise und Regisseur Edward Zwick am Set des zweiten Reacher-Kinofilms "Kein Weg zurück" im Jahr 2016
Lee Child mit Reacher-Darsteller Tom Cruise und Regisseur Edward Zwick am Set des zweiten Reacher-Kinofilms "Kein Weg zurück" im Jahr 2016
APA-Images / Everett Collection / ©Paramount

Ist für ihn in Großbritannien jetzt alles besser?
Nein, so einfach macht er es sich nicht. Er sagt zwar, die Rückkehr im Alter – der Autor ist mittlerweile 71 – fühle sich gut an, zugleich vermisse er an den USA gewisse Freiheiten. Großbritannien empfindet er in manchen Fragen als weniger liberal und stärker von staatlicher Bevormundung geprägt; auch über teurere und schlechtere Zigaretten schimpft er.

Will er irgendwann in die USA zurück?
Das lässt er offen. Seine Hütte in Wyoming ist stillgelegt, samt Toyota 4Runner in der Garage, und vorerst will er abwarten, wie sich die politische Lage entwickelt. In drei Jahren, sagt er, könnte die Frage neu gestellt werden. Zugleich sei er traurig, dass sein amerikanischer Traum für ihn jetzt einmal vorbei ist – und gleichzeitig froh, wieder in Großbritannien zu sein.

Wie erfolgreich war Lee Child mit Jack Reacher?
Die Zahlen sind gewaltig. Die Reacher-Bücher haben sich weltweit fast 200 Millionen Mal verkauft, dazu kamen zwei Tom-Cruise-Filme mit rund 380 Millionen Dollar Einspielergebnis. Child sagt selbst, er habe mit den Büchern brutto wohl 200 Millionen Dollar verdient, auch wenn nach Steuern und Provisionen deutlich weniger übrig bleibe.

Wie wichtig ist die Streaming-Serie für den Erfolg?
Sehr wichtig. Schon die erste "Reacher"-Staffel auf Amazon Prime erzielte Rekordwerte. Es war das erste Mal, dass Amazon Prime Netflix bei den Zugriffen übertraf. Child sagt, Staffel zwei habe trotz weniger Werbung noch besser funktioniert, Staffel drei sei nochmals größer gewesen. Staffel 4 startete auch in Österreich vergangene Woche mit den ersten drei von insgesamt 8 Episoden (siehe Trailer unten). Und im September startet auf Amazon Prime ein Spin-Off namens "Neagley" über die Ex-MP-Kollegin des Muskelmannes.

Wie wohlhabend ist Lee Child heute?
Er ist offenkundig so vermögend, dass er nach eigenen Worten nie wieder arbeiten müsste. Er spricht von Millionen aus Büchern und Einnahmen aus der Reacher-Serie, bei der er für die Lizenz, Beratung und als Executive Producer bezahlt wird.

Ist Lee Child eigentlich der echte Name des Autor?
Nein, sein richtiger Name ist James Dover Grant und er arbeitete früher als Autor fürs britische TV, ehe er gekündigt wurde und als Autor in die USA ging. Seinen Künstlernamen wählte er, weil es damals der Spitzname für seine Tochter gewesen sei – "Le Child", das Kind. Und weil er damit in den Buchhandlungen gleich neben Agahtha Christie eingereiht würde, erklärte er einmal in einem Interview.

Warum schreibt er die Reacher-Romane nicht mehr selbst?
2024 übergab er die Reihe an seinen jüngeren Bruder Andrew. Child begründete das damit, dass ihm Energie und Ideen ausgingen und dass er spüre, älter zu werden, während die Welt weiterziehe. Von den 30 bisherigen Reacher-Büchern schrieb er 24 allein, vier gemeinsam mit Andrew; inzwischen stammen zwei ganz von seinem Bruder.

Sind alle Bücher auf Deutsch erhältlich?
Nicht ganz, die deutsche Veröffentlichung hinkt der englischsprachigen etwa ein Jahr hinterher. In den USA ist der 30. Reacher vergangenen November erschienen, auf Deutsch kommt Band 29 diesen November in die Buchhandlungen.

Wie haben die Leser auf den Autorwechsel reagiert?
Es gab laut Child ein gewisses Murren, aber keinen großen Bruch. Er sagt, viele Leser fühlten sich Jack Reacher sehr stark verbunden und reagierten empfindlich, wenn sich etwas ändere. Insgesamt hält er den Übergang aber für ziemlich nahtlos, und Andrew Childs jüngster Reacher-Roman "Exit Strategy" (Band 30)  führte im letzten November wieder die Bestsellerlisten an.

Was macht Andrew Child jetzt genau?
Andrew Grant, der als Andrew Child schreibt, führt die Serie nun eigenständig weiter. Lee Child sagt, er habe dabei völlig freie Hand; die Bücher seien rein die seines Bruders. Sein eigener Name steht zwar weiterhin am Umschlag, doch inhaltlich liegt die Verantwortung nun allein bei Andrew.

Startet am 16. September auf Amazon Prime: das "Reacher"-Spin-Off "Neagley" mit der toughen Ex-MP-Ermittlerin Frances Neagley (Maria Sten)
Startet am 16. September auf Amazon Prime: das "Reacher"-Spin-Off "Neagley" mit der toughen Ex-MP-Ermittlerin Frances Neagley (Maria Sten)
Sabrina Lantos/Prime

Was denkt Lee Child über die Zukunft James Bond?
Er wurde nach eigener Aussage zweimal gefragt, ob er einen Bond-Roman schreiben wolle, lehnte aber ab. Einerseits wollte er kein Jahr für eine Figur arbeiten, an der er nur anteilig verdienen würde, wenn er mit Reacher 100 Prozent haben könne. Zudem hält er den Zugnag der Nachlassverwalter von 007-Erfinder Ian Flemming für nicht mehr zeitgemäß.

Wie sieht er die Zukunft von James Bond unter Amazon?
Skeptisch. Child hält Bond in seiner heutigen Form für abgenutzt und stark in der Nachkriegszeit verwurzelt; die Figur müsse sich verändern und weiterentwickeln. Auch den Kauf der Rechte durch Amazon MGM Studios um 1 Milliarde Dollar sieht er als riskant an, weil unklar sei, ob sich diese Investition auszahlen werde.

NewsFlix Redaktion
Akt. 16.08.2026 07:23 Uhr