In einem Jahr alle Schmetterlingsarten beobachten, die in Dänemark leben – das war die Idee der Autorin Lea Korsgaard. Es wurde zur Suche nach dem Sinn des Lebens. Von der sie nun in "Das Jahr der Schmetterlinge" erzählt – ein Bestseller, dessen leise Töne berühren.

Am ersten Tag eines neuen Jahres fasste die dänische Journalistin Lea Korsgaard einen Entschluss, dessen Sinn sie sich selbst nicht erklären konnte: Sie wollte innerhalb einer einzigen Saison jede in Dänemark heimische Schmetterlingsart beobachten.
Über Schmetterlinge wusste sie kaum etwas. Zwischen Tagfaltern und Nachtfaltern konnte sie gerade noch unterscheiden – die einen bunt und sonnenliebend, die anderen meist behaarter und nachtaktiv. Dabei fehlte ihr jede freie Minute. Ein anspruchsvoller Beruf, ein ebenso beschäftigter Ehemann, ein Hund und drei kleine Söhne ließen wenig Raum für exzentrische Projekte.
Und doch machte sie sich auf den Weg.
64 heimische Arten galt es zu finden. Schon ihre Namen klangen wie Einladungen: Schillerfalter, Perlmuttfalter oder Würfelfalter. Vor allem aber bot die Suche einen Anlass, Gegenden Dänemarks zu erkunden, die ihr bislang unbekannt waren. Ein Jahr lang stapfte sie durch Moore, kämpfte sich durch Wälder, kletterte über Dünen, Böschungen und Felsen – Kamera oder Handy stets griffbereit. Nur die wenigsten Schmetterlinge erwiesen ihr den Gefallen, ausgerechnet vor ihrem Küchenfenster vorbeizufliegen.
Ein wenig mogelte sie allerdings. Zunächst bestellte sie Schmetterlingseier im Internet – ohne sie mitzuzählen. Später bestätigte ein Onlineforum ihre Sichtungen in Echtzeit. Gemeinsam mit erfahrenen Lepidopterologen verabredete sie sich an aussichtsreichen Fundorten und lernte die Technik der Schmetterlingssuche: vier Schritte gehen, stehen bleiben, langsam den Blick schweifen lassen, dann vier Schritte weiter. Und niemals den eigenen Schatten vor sich werfen.

Am Ende war sie selbst zur Expertin geworden. Aus mehreren Metern Entfernung erkannte sie feinste Unterschiede in Flügelpunkten oder Fühlern.
Diese geschulte Aufmerksamkeit prägt das ganze Buch. Hier lebt jenes Skandinavien fort, das man aus Karl Ove Knausgaard, aus stundenlangen Strickvideos oder dem Kult um Hygge kennt: entschleunigt, aufmerksam, ganz auf das Unscheinbare gerichtet. Das erklärt mit, weshalb das Buch in Dänemark ein solcher Erfolg wurde.
Korsgaard führt nicht bloß Buch über ihre Beobachtungen. Sie beschreibt, wie "sich die blauen Reihen am Horizont formieren". Während sie sich im Auto unterhält, registriert sie zugleich jeden Gangwechsel. Gesprächsfetzen tauchen auf und verschwinden wieder, ohne je auf eine Pointe zuzusteuern. Gerade diese stille Genauigkeit bildet den Gegenpol zu den dichten Passagen, in denen sie die Kulturgeschichte, Philosophie und Mythologie der Schmetterlinge entfaltet. Ihre Suche gilt nicht allein den heute erschreckend selten gewordenen Arten Dänemarks. Sie fragt vielmehr, was Schmetterlinge seit Jahrtausenden für den Menschen bedeuten.
Denn sie begegnen uns bereits auf Höhlenmalereien und Schmuck aus der Bronzezeit. Fast überall standen sie für die Seele. Im antiken Griechenland trug Psyche – die Seele selbst – Schmetterlingsflügel. In China galten Schmetterlinge als Seelen der Verstorbenen, in Mexiko als die der Ahnen, die jedes Jahr im November mit den Monarchfaltern zurückkehren, wenn diese ihre Wanderung aus Texas beenden und wie lodernde Flammen die Bäume erfüllen.
Ein Arzt berichtete später, in den Baracken nationalsozialistischer Vernichtungslager in Polen seien Schmetterlinge "überall" in die Wände geritzt gewesen.
Noch persönlicher wird das Symbol in Korsgaards eigener Familie. Nach dem Tod ihrer Großmutter erschien ihrer Mutter immer wieder ein Kleiner Fuchs – ausdrücklich, so glaubte sie, um Trost zu spenden. Als Korsgaard ihre Suche begann, war eben dieser Schmetterling der erste, den sie sah.

"In mir hatte sich ein Zimmer aus Licht geöffnet."
Für Korsgaard liegt der Schlüssel in der Metamorphose. Die Verwandlung führt vom scheinbaren Tod der Puppe – die auch sie immer wieder ungläubig anstößt, weil sie unmöglich lebendig sein könne – zu jenem Wesen, das sich schließlich aus der Hülle schiebt, einen Halm erklimmt und seine Flügel entfaltet.
Darin erkennt sie nicht nur das religiöse Motiv der Auferstehung. Sie verbindet die Metamorphose ebenso mit Kants und Hegels Vorstellung, der Mensch könne sich durch Vernunft vervollkommnen, wie mit dem Fortschrittsglauben vieler Ökonomen – auch jenem des Economist. Der Schmetterling wird zum Sinnbild der Hoffnung, dass aus beharrlichem Streben etwas Höheres hervorgehen kann.
Nur verschwinden ausgerechnet jene Geschöpfe, für die er steht.
Zwischen 1993 und 2023 verloren die 22 seltensten Schmetterlingsarten auf Seeland und den dänischen Südseeinseln fast drei Viertel ihrer Lebensräume. 1938 flog der Schwalbenschwanz noch überall in Jütland, selbst in den Dünen. Vierzig Jahre später brütete er dort nicht mehr. Auch Korsgaard erinnert sich daran, dass auf ihren Fahrradtouren als Kind weit mehr Perlmuttfalter unterwegs waren als heute. Klimawandel und intensive Landwirtschaft fordern ihren Preis.
Mit jeder Exkursion wächst ihre Sorge: Vielleicht verschwindet eine Art, bevor sie sie findet. Vielleicht stirbt sie selbst vorher. Nicht nur die Freude am Leben, auch die Gewissheit seiner Endlichkeit treibt sie an.
Am schwersten fällt ihr jedoch, über eine andere Erfahrung zu sprechen. Fast beschämt versucht sie zu erklären, weshalb diese Suche sie so vollständig in ihren Bann gezogen hat. Es geht längst nicht mehr darum, eine weitere Art auf der Liste am Kühlschrank abzuhaken.

Wenn sie neben einem Rotbraunen Wiesenvögelchen im Gras liegt, empfindet sie eine tiefe Verbundenheit – mit diesem einen Tier ebenso wie mit allem, was lebt. Vladimir Nabokov, selbst leidenschaftlicher Schmetterlingsforscher, nannte dieses Gefühl einmal "ein Einssein mit Sonne und Stein".
Auf einer der letzten Exkursionen, gemeinsam mit ihrer hochbetagten Mutter auf der Suche nach den letzten fehlenden Dickkopffaltern, begegnet Korsgaard schließlich etwas, das sie nur "Ewigkeit" nennen kann. Sie fühlt sich zugleich neu geboren und uralt. Hoffnung, schreibt sie, sei "unablässig erfüllt von Leben, das aus Leben hervorströmt".
Da wird ihr klar, worum es bei ihrer Reise von Anfang an gegangen war. Nicht um das Sammeln seltener Schmetterlinge.
Sondern darum, sich selbst wiederzufinden.
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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"