NewsFlix.at Logo
Hinter den Kulissen

Warum Facebook-Boss Zuckerberg Angst vor dieser Frau hat

Die Juristin Sarah Wynn-Williams arbeitete sechs Jahre lang für den Social-Media-Konzern, dann wurde sie gefeuert. Was sie während dieser Zeit erlebte, fasste sie jetzt in ihrem Bestseller "Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor" zusammen.

Ex-Facebook-Mitarbeiterin und Buchautorin Sarah Wynn-Williams bei ihrer Aussage vor einem US-Senatsausschuss am 9. April 2025
Ex-Facebook-Mitarbeiterin und Buchautorin Sarah Wynn-Williams bei ihrer Aussage vor einem US-Senatsausschuss am 9. April 2025APA-Images / AP / Mark Schiefelbein
Angela Szivatz
Akt. 19.06.2026 04:43 Uhr

"Das Buch, das Mark Zuckerberg verbieten will" – ein grellweißer Button mit diesem Text prangt unübersehbar auf dem Umschlag der deutschen Ausgabe von "Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor". Und damit ist eigentlich bereits alles gesagt.

Denn Mark Zuckerberg ist Gründer von und Herr über Meta. Jenem Hightech-Konzern, zu dem neben WhatsApp und Instagram vor allem auch Facebook gehört, die Mutter aller Social-Media-Plattformen.

Und er setzt seit mehr als einem Jahr alles nur Erdenkliche daran, um Sarah Wynn-Williams, der Autorin des Buches, die Vermarktung ihrer verschriftlichten Erinnerungen an ihre Zeit bei Facebook so schwer wie nur möglich zu machen.

Jüngster Tiefpunkt von Metas Kampagne: Bei der diesjährigen Verleihung der British Book Awards im Mai durfte Sarah Wynn-Williams keine Dankesrede zur Auszeichnung ihres Facebook-Enthüllungs-Buches halten. Und auch das Buchcover konnte in ihrer Gegenwart nicht unverpixelt gezeigt werden – beides Folgen von Gerichtsurteilen, die das Unternehmen gegen die Autorin erwirkt hatte.

Was Sarah Wynn-Williams in ihrem mittlerweile zum Bestseller avanciertem Buch über Facebook zu erzählen hat, mit welchen Argumenten der Konzern sie zum Schweigen bringen will und wie die gebürtige Neuseeländerin überhaupt in das Mahlwerk des Social-Media-Konzerns geriet – das muss man über "Mein Traumjob bei Facebook …" wissen:

"Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor", Sarah Wynn-Williams, € 21,50
"Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor", Sarah Wynn-Williams, € 21,50
Kiepenheuer & Witsch

Fangen wir ganz hinten an – was geschah bei den British Book Awards?
Sarah Wynn-Williams wurde für ihr Facebook-Enthüllungsbuch mit dem im Original wunderbar zweideutigen Titel "Careless People" ("Unvorsichtige Menschen") mit dem British Book Award in der Kategorie "Non Fiction Audiobook of the Year" ausgezeichnet. Doch sie  konnte weder eine Dankesrede halten, noch durfte das Cover ihres Werks unverpixelt gezeigt werden.

Weil?
Weil Multimilliardär und Facebook-Gründer Mark Zuckerberg bzw. sein Team seit weit über einem Jahr alles unternehmen, um die Autorin zu behindern, wo es nur geht. Und so erwirkten sie vor einem US-Schiedsgericht eine einstweilige Anordnung, wonach Sarah Wynn-Williams das Buch nicht weiter bewerben darf, keine weiteren kritischen Äußerungen über Meta verbreiten soll und – soweit in ihrer Kontrolle – weitere Veröffentlichungen des Buches verhindern muss.

Trotzdem ist das Buch erschienen und wird weiter veröffentlicht?
Ja, weil sich diese Anordnung nur auf die Autorin persönlich bezieht, aufgrund einer Vereinbarung, die Sarah Wynn-Williams unterschrieb, als sie Facebook (auf den Namen Meta hört der Konzern erst seit 2021) verließ.

Sprach die Autorin trotzdem bei der Preisverleihung?
Ja, sie sprach über das ebenfalls ausgezeichnete autobiografische Buch "Nobody's Girl" der 2025 verstorbenen Virginia Roberts Giuffre. Sie war die Erste, die u. a. den britischen Prinzen Andrew und Jeffrey Epstein öffentlich des sexuellen Missbrauchs beschuldigt hatte. Und alles, was sie zu Roberts Giuffre sagte, passt ebenso gut zu ihrer eigenen Situation und Metas Umgang mit ihrem Buch.

Nämlich?
"Zeugenschaft abzulegen, ist eine der ältesten Verpflichtungen in der menschlichen Zivilisation", so Sarah Wynn-Williams in ihrer Laudatio (siehe Video oben). "Aber durch Unternehmen und Konzerne wird Gerechtigkeit eine Transaktion, anstatt Recht zu sein. Wenn jemand eine Frau" – gemeint war hier Virginia Roberts Giuffre, aber natürlich auch sie selbst – "so sehr zum Schweigen bringen will, die die Wahrheit sagt, muss die Wahrheit sehr gefährlich sein, in der Tat."

Weshalb wird ihr Facebook-Buch als gefährlich angesehen?
Weil die Autorin einen schonungslosen Einblick in die Gepflogenheiten, die Firmenkultur und die manipulativen Praktiken von Meta gibt. Ihr Werk schoss auf Platz eins der Bestsellerlisten und wurde von der New York Times zu einem der besten Bücher des Jahres erkoren.

Wer ist Sarah Wynn-Williams eigentlich?
Die Neuseeländerin studierte Jus und war zunächst bei den Vereinten Nationen beschäftigt, arbeitete danach an der neuseeländischen Botschaft in Washington und wechselte schließlich zu Facebook. Heute ist die Juristin Expertin für Politik und Technologiepolitik und lebt mit ihrem Mann, dem Journalisten Tom Braithwaite, und drei Kindern in London.

Wie kam es zu ihrem Facebook-Enthüllungsbuch?
Sarah Wynn-Williams war selbst ein glühender Fan von Facebook und "eroberte" – wie sie es selbst nennt – 2011 ihren Traumjob bei Facebook als politische Expertin, wo sie rasch Karriere machte.

Wie gelang ihr der Einstieg?
Natürlich über Facebook. Das Netzwerk hatte damals schon weit mehr als 400 Millionen Nutzer weltweit. Sie ackert alle "Freunde" von Facebook-Vizepräsident Marne Levine nach einer Überschneidung mit ihren eigenen Kontakten durch und bot ihre Mitarbeit an.

Social-Media-Pate: Mark Zuckerberg, CEO von Meta, lässt seinen Konzern seit Jahren juristisch gegen Sarah Wynn-Williams vorgehen
Social-Media-Pate: Mark Zuckerberg, CEO von Meta, lässt seinen Konzern seit Jahren juristisch gegen Sarah Wynn-Williams vorgehen
Reuters

Wie läuft der Einstieg in den Job?
Anfangs ist alles "awesome". Launig und teils selbstironisch erzählt Wynn-Williams von der Firmen-Maxime auf Postern: "Denke rasch, handle schnell und brich etwas entzwei". Von Privatjetflügen mit Zuckerberg und Co. zu wichtigen Terminen. Und von ihrer anfänglichen Verblendung ob dieser Unkonventionalität. Sie bewundert das alles, es bereitet ihr aber auch einige Probleme.

Was sind ihre konkreten Aufgaben?
Terminanbahnungen mit Entscheidungsträgern und führenden Politikern aus aller Welt zu organisieren und diese von den Möglichkeiten der "Menschheits-Vereinigung via Facebook" zu überzeugen. Zuckerberg selbst ist aber gar nicht daran interessiert, sich mit Regierungschefs fotografieren zu lassen. Ihn interessiert nur die Technik. Zu Meetings kommt er im Hoodie oder gar nicht.

Ist für Sarah trotzdem alles eitel Wonne?
Na ja. Neben Zuckerberg arbeitet sie vor allem Sheryl Sandberg zu, die von 2008 bis 2022 Co-Geschäftsführerin von Meta Platforms und die Nummer zwei neben Zuckerberg war – und ein ganz eigenes Kapitel für ihre Mitarbeiterinnen.

Inwiefern?
Wie die meisten im Führungsteam von Facebook/Meta geht Sheryl Sandberg, die sich selbst als Feministin bezeichnet, mit ihrer eigenen Arbeitskraft schonungslos um – erwartet dasselbe aber auch von ihren Mitarbeiterinnen. Als sie 2013 ein Buch schreibt, missbraucht sie viele der Frauen im Unternehmen, um bei der Promotion dafür zu helfen. Auch sonst bleibt die Frauensolidarität ein Lippenbekenntnis.

In welcher Weise?
Als Sarah schwanger wird, nimmt Sandberg keinerlei Rücksicht darauf. Noch hochschwanger muss sie um die Welt fliegen, nach der Geburt "befiehlt" ihr die Vorgesetzte quasi, ein Kindermädchen zu engagieren, um wieder verfügbar zu sein. Auf Langstreckenflügen im Privatjet nötigt Sheryl Sandberg ihre Mitarbeiterinnen, bei ihr im Bett zu schlafen.

Aber für Facebook läuft es weiter super, oder?
Wieder na ja. Nach Jahren uneingeschränkter Begeisterung beginnen manche Staaten, Kritik zu äußern wegen der Eigendynamik, die das Netzwerk entwickelt und befördert. Diktatorische Regierungen verlangen Zensur oder drohen Blockierung. In Südkorea wird 2014 sogar ein Haftbefehl gegen Zuckerberg und das Top-Managementteam ausgesprochen, der Grund bleibt unklar. Das Topteam möchte Sarah zu Verhandlungen vorausschicken, auch auf die Gefahr hin, dass sie im Gefängnis landen könnte.

Nötigte laut Autorin Sarah Wynn-Williams, Mitarbeiterinnen bei ihr im Bett zu schlafen: Facebook-Vize Sheryl Sandberg
Nötigte laut Autorin Sarah Wynn-Williams, Mitarbeiterinnen bei ihr im Bett zu schlafen: Facebook-Vize Sheryl Sandberg
REUTERS/Yves Herman

Und das kommt ihr nicht seltsam vor?
Zumindest nicht sofort. Erst ihr Ehemann öffnet ihr langsam die Augen: "In einem fremden Land im Gefängnis zu sitzen, gehört nicht zu den Dingen, die deine Bosse von dir verlangen dürfen." Aber noch ärgert sich Wynn-Williams darüber, wenn ihr Ehemann Tom vorwirft, sie leide unter einem Stockholm-Syndrom gegenüber dem Facebook-Führungsteam. Und macht weiter brav, was von ihr verlangt wird.

Wann fällt bei ihr der Groschen?
Als Sarah Wynn-Williams allmählich die Doppelmoral erkennt zwischen dem, was Zuckerberg und die anderen Topleute behaupten, und dem, was passiert. Denn Zuckerberg und Sandberg würden etwa den Algorithmus zu ihren Gunsten manipulieren, so die Autorin. Und sie ließen einzelne Posts löschen, etwa wenn ein Land droht, Facebook zu blockieren. Nichts mit grenzenloser Freiheit.

Also?
Als es nach der Entbindung von ihrem zweiten Kind und einer schweren Erkrankung wieder keine Rücksichtnahme für Sarah gibt, beschließt diese 2016, die Probleme im System von innen heraus aufzudecken. Doch das interessiert keinen. Die Macher hören und schauen weg – oder gehen sogar noch weiter.

Was ist damit gemeint?
Im US-Präsidentschaftswahlkampf 2016 platziert Facebook eigene Mitarbeiter im Team von Donald Trump, um dessen Gegnerin Hillary Clinton durch "Microtargeting" und Shitposts zu verleumden und Trump zum Sieg zu verhelfen. Doch Zuckerberg streitet das in der Öffentlichkeit gänzlich ab. Und auch Sandberg und Joel Kaplan, Sarahs neuer Vorgesetzter, der früher selbst für die Republikaner arbeitete, seien von dieser Firmenpolitik eher beeindruckt statt entsetzt gewesen.

Deshalb hat Sarah Wynn-Williams Facebook verlassen?
Nein, sondern vor allem, weil es mit ihrem neuen Vorgesetzten Joel Kaplan von Anfang an Probleme gibt. Nach einer Weile hätte er begonnen, sie persönlich und auch sexuell zu bedrängen. Als Wynn-Williams sich daraufhin in eine andere Abteilung versetzen lassen will, wird das verhindert.

Wie ging es weiter?
Sie sucht schließlich das Gespräch mit einem weiteren Top-Mann, Elliot Schrage. Doch anstatt sich ihre Dokumentation der Vorfälle anzusehen, wird Sarah fristlos entlassen. Und beginnt schließlich, ihre Erlebnisse mit Facebook niederzuschreiben.

Der Meta-Konzern ist die Dachmarke über Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram sowie WhatsApp
Der Meta-Konzern ist die Dachmarke über Social-Media-Plattformen wie Facebook und Instagram sowie WhatsApp
REUTERS/Peter DaSilva

Fehlt im Buch etwas?
Im Epilog wäre es etwa spannend gewesen, auf die Auswirkungen des Datenskandals rund um Cambridge Analytica einzugehen.

Was war da?
Dieses Unternehmen hatte damit geworben, mithilfe von Big Data und psychometrischer Analysen das Wahlverhalten von Menschen beeinflussen zu können. Cambridge Analytica hatte Donald Trump im US-Wahlkampf 2016 beratend unterstützt. Der ehemalige Mitarbeiter und Whistleblower Christopher Wylie wirft der Firma vor, anhand illegal erworbener Facebook-Daten die US-Wahl manipuliert und auch eine Rolle bei der Brexit-Abstimmung in Großbritannien gespielt zu haben.

Sonst?
Erwähnenswert wäre etwa gewesen, dass die Autorin im April 2025 im US-Senat gegen Meta aussagte und von der Zusammenarbeit zwischen Meta und der chinesischen Regierung berichtete, für die der Konzern sogar zur Zensur des eigenen Netzwerkes bereit gewesen wäre.

Lohnt es sich, das Buch zu lesen?
Die 48 Kapitel sind interessant, teils amüsant, aber auch zeitlich etwas unstrukturiert zu lesen. Gleichzeitig zeigen sie sehr deutlich, wie die Verantwortlichen des Unternehmens mit zunehmendem Einfluss immer weniger Verantwortung übernehmen und was passiert, wenn wenige Menschen unvorstellbare Macht bekommen. Das hat Folgen, die jeden treffen, selbst wenn man Social Media nicht nutzt.

"Mein Traumjob bei Facebook und wie ich alle meine Ideale verlor", Sarah Wynn-Williams, 489 S., 2026, Kiepenheuer & Witsch, € 21,50

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Literatur-Kritikerin für Newsflix
Helmut Graf

Angela Szivatz ist Autorin, Moderatorin und Bloggerin ("Oma aus dem Kirschbaum"). Für NewsFlix schreibt sie über aktuelle Literatur. Sie lebt in Wien. Im Vorjahr ist ihr erster Krimi "Tödliches Gspusi" erschienen und befindet sich bereits in der 4. Auflage.

Weitere Artikel von Angela Szivatz

Angela Szivatz
Akt. 19.06.2026 04:43 Uhr