Sechs tote Wanderer in zwölf Jahren. Fast 100 teils Schwerverletzte. Dutzende Fragen. Nach der Kuh-Tragödie in Osttirol wollen viele wissen: Häuft sich das? Was sind die Ursachen? Und wie verhalte ich mich richtig (das ist gar nicht so einfach zu beantworten).

Österreichs Almen geht es nicht immer so zu wie in den Heidi-Filmen. Und die Situation verschärft sich offenbar von Jahr zu Jahr. Ist die Natur also ein gefährlicher Ort? Zumindest gefährlich als wir manchmal denken?
Nach zwei Todesfällen in den Jahren 2024 und 2025 kam es am vergangenen Sonntag, dem 17. Mai, nahe Lienz in Osttirol zum bislang jüngsten tödlichen Zusammenstoß. Ein Ehepaar wollte auf einer Wanderung eine Viehweide durchqueren und wurde dabei von mehreren Kühen attackiert. Die Frau starb, ihr Ehemann, 65, wurde schwer verletzt.
Was den jüngsten Fall besonders rätselhaft macht: Die Opfer waren keine unerfahrenen Touristen, sondern Einheimische, die Tiere galten bislang als ruhig und unauffällig. Und: Anders als alle bisherigen Todesopfer durch Kuh-Attacken, hatte das Ehepaar keinen Hund dabei, als es die Weide durchquerte.
Was bislang über die Umstände der jüngsten tödlichen Kuh-Attacke von Lienz bekannt ist, weshalb die Zahl derartiger dramatischer Zwischenfälle zunimmt. Und: wie man sich auf Almen und Weiden richtig verhält, damit es erst gar nicht zu potenziell gefährlichen Begegnungen mit den riesigen Wiederkäuern kommt – was man über die tödlichen Kuh-Attacken wissen muss:
Worum geht es?
Um einen tragischen Zwischenfall, der sich am vergangenen Sonntag auf einer Viehweide in Oberlienz, einer kleinen Gemeinde nordwestlich der Osttiroler Bezirkshauptstadt Lienz, ereignet hat.

Was ist geschehen?
Gegen Mittag ist ein einheimisches Ehepaar beim Durchqueren einer Viehweide unmittelbar am Ufer des Flusses Isel von mehreren Kühen attackiert worden. Die 67-jährige Frau erlag noch am Unfallort ihren dabei erlittenen Verletzungen; ihr Ehemann, 65, wurde schwer verletzt in die Klinik in Innsbruck geflogen.
Waren das die einzigen Opfer?
Nein, nur Minuten vor der tödlichen Attacke wurde auch der Präsident der Tiroler Tierärztekammer, der Veterinär Bernd Hradecky, mit seiner Ehefrau auf der Weide attackiert, das Paar konnte aber den Tieren ausweichen und unverletzt flüchten. Und wie erst am Dienstag bekannt geworden ist, wurde bereits etwa drei Stunden vor der tödlichen Attacke ein 70-jähriger Deutscher ebenfalls attackiert.
Ist ihm etwas passiert?
Er wurde von den Tieren gerempelt und niedergestoßen und brach sich dabei zwei Rippen.
Gilt die Herde als gefährlich?
Nein, es soll bisher noch nie Probleme mit den Tieren gegeben haben.
Was weiß man über die Tiere?
Es handelt sich laut ORF Tirol um etwa 30 bis 40 Kühe, viele von ihnen mit Kälbern. Die Rinder gehören insgesamt sechs Bauern aus der Umgebung, die ihre Tiere auf dieser sogenannten Heimweide für die Alm-Saison vorbereiten.
Wie läuft das ab?
"Die Tiere verbringen den Winter im Stall und kommen im Frühjahr auf solche Heimweiden, um sie dort auf den Almauftrieb vorzubereiten", erklärt Judith Haaser von der Tiroler Landwirtschaftskammer.


Wozu soll das gut sein?
Nachdem die Tiere den Winter über mit Heu oder Silage gefüttert worden sind, können sie sich hier wieder auf das frische Futter umstellen und an ihre Artgenossen gewöhnen, mit denen sie den Sommer über auf der Alm verbringen werden.
Wann beginnt der Almauftrieb?
Je nach Wetterlage, üblicherweise drei, maximal vier Wochen, nachdem die Tiere auf die Heimweide gekommen sind.
Wie lange waren die Tiere bereits zusammen, als es zu dem Unglück gekommen ist?
Das ist bislang nicht exakt bekannt, es soll allerdings relativ kurz gewesen sein, ist zu hören.
Könnte es sein, dass die Tiere deshalb aggressiv gegen Menschen waren?
"Das wäre theoretisch möglich, weil die Zusammenführung mit den Artgenossen natürlich Stress erzeugen kann", erklärt der Veterinär Lorenz Khol. Er leitet für die Veterinärmedizinische Universität Wien eine Außenstelle der Wiederkäuerabteilung in Tirol, die dazu beitragen soll, den Mangel an Nutztierärzten in Westösterreich zu lindern.
Aber?
Es wäre sehr ungewöhnlich, wenn sich dieser Stress gegen Menschen richten würde, so Khol. Reibereien in der Herde lassen die Kühe für gewöhnlich aneinander aus, die Menschen interessierten sie in diesem Fall überhaupt nicht.
Gibt es andere Theorien, wie es zu dem Unglück kommen konnte?
Am Dienstag wurde spekuliert, dass sich ein "großer Beutegreifer" – das ist meistens die Umschreibung für Wölfe – in der Nähe der Herde herumgetrieben und die Tiere in Aufregung versetzt haben könnte. Aber dafür fehlt bislang jeder Beweis. Wahrscheinlicher klingt da schon eine Vermutung, die der ebenfalls attackierte Tierarzt Bernd Hradecky geäußert hat.

Nämlich?
Dass unmittelbar vor der Attacke eine Spaziergängerin mit Hund die Herde beunruhigt und so die Aggression ausgelöst haben könnte. Und er und seine Frau nur zufällig dazwischengekommen seien. Die Polizei in Lienz sucht jetzt jedenfalls nach dieser Spaziergängerin, man erhofft sich von ihr wertvolle Hinweise auf das Unglücksgeschehen.
Ist diese Hunde-Theorie denkbar?
Theoretisch natürlich. In der Praxis passt es allerdings nicht dazu, dass es bereits drei Stunden vor dem tödlichen Unglück eine Attacke auf den 70-jährigen Deutschen gegeben hat. Es wäre auch möglich, dass bereits irgendein Ereignis zuvor die Tiere in eine grundsätzliche Unruhe versetzt hat.
Aber sind Hunde ein Faktor bei solchen Unfällen?
Sie sind der wesentlichste Faktor überhaupt. Bei allen fünf tödlichen Kuh-Attacken, die es bislang in Österreich gegeben hat, hatten die Wanderer einen Hund dabei, als sie von einer oder mehreren Kühen angegriffen worden sind.

Weshalb reagieren die Kühe so heftig auf Hunde?
Es geht im Grunde immer um den Schutz ihrer Kälber. Die Muttertiere reagieren besonders sensibel auf Hunde, wenn sie das Gefühl haben, diese könnten eine Bedrohung für ihren Nachwuchs darstellen. Die Tragödie von Lienz ist der erste tödliche Zwischenfall, an dem kein Hund unmittelbar beteiligt gewesen ist – zumindest nach aktuellem Wissensstand.

Weshalb kommt es überhaupt so häufig zu Begegnungen zwischen Kuhherden und Wanderern?
Weil sich immer mehr Menschen die Almen und Weiden in den Alpen aufteilen müssen. Einerseits die Bauern, die oft seit Jahrhunderten ihr Vieh im Sommer hier grasen lassen. Und andererseits eine immer größer werdende Zahl an Wanderern und Touristen, die die Bergwelt für ihr Freizeit- und Urlaubserlebnis nutzen möchten.
Was sind die Folgen?
Deshalb führen inzwischen unzählige Wander- und Radwege durch die Weidegründe von Rinderherden. An manchen Tagen queren so Dutzende, oft auch noch mehr Menschen den Lebensraum der Tiere.
Ist denn nicht gesetzlich geregelt, wer welchen Raum nutzen darf?
Nur sehr unscharf. Es gibt für die Nutzung der Almgebiete in Österreich kein Bundesgesetz, sondern nur Landesgesetze, und das auch nur in einigen Bundesländern. Tirol etwa hat kein eigenes Landesgesetz, hier gilt das Gewohnheitsrecht, wenn es darum geht, wer was darf – und dieses Gewohnheitsrecht ist nicht sonderlich genau definiert.

Aber müssen denn keine Schutzvorrichtungen für die Wanderer errichtet werden?
Das ist von Fall zu Fall verschieden und hängt von den jeweiligen Gegebenheiten ab. Einerseits müssen die Tierhalter (also meistens die Bauern) ihre Tiere "ausreichend verwahren und beaufsichtigen". Andererseits weist der Gesetzgeber ausdrücklich auf die Eigenverantwortung der Wanderer hin.
Was heißt das?
Nicht jede potenzielle Gefahr muss ausgeschlossen werden, Almen müssen nicht generell eingezäunt sein und in manchen Fällen ist es auch ausreichend, Warnschilder aufzustellen.
Wozu führt das?
Dass im Unglücksfall oft jahrelang prozessiert wird, wenn es um Schadenersatzforderungen geht. Im Fall jener Frau, die 2014 als erste Opfer einer Kuhattacke wurde, ging es sechs Jahre lang bis zum Obersten Gerichtshof, ehe ein Urteil feststand: Der OGH teilte die Schuld an dem tödlichen Unfall gleichwertig zwischen dem Tierhalter und dem Opfer auf.

Aber weshalb kommt es immer öfter zu ernsten Zwischenfällen mit Kuhherden?
Laut den Experten des Kuratoriums für Alpine Sicherheit, die sich letztes Jahr mit der Zunahme an Kuh-Attacken auseinandergesetzt haben, ist dafür eine Mischung mehrerer Faktoren verantwortlich.

Die Experten der Landwirtschaftskammer haben zehn grundsätzliche Verhaltensregeln definiert, an die sich jeder Wanderer auf den Almen halten sollte:

Woran sieht man, dass Kühe entspannt sind?
"Wenn sie liegen oder grasen und einen ignorieren, kann man davon ausgehen, dass die Tiere entspannt sind", so Veterinär und Rinder-Spezialist Lorenz Khol von der VetMed Wien. Dann einfach ruhig an ihnen vorbeigehen.
Was sind Alarmzeichen?
Wenn die Tiere sich zu einem drehen, den Kopf senken und diesen Hin und Her bewegen oder schütteln, ist Vorsicht geboten, dann sollte man sich schleunigst von der Weide entfernen. Aber: Nie laufen und den Tieren nicht den Rücken zukehren. Ruhig seitlich oder rückwärts bewegen, dabei beruhigend auf die Tiere einreden.

Was darf man keinesfalls tun?
Ihnen direkt in die Augen sehen –das ist immer ein Zeichen von Aggression. Auch mit den Armen herumfuchteln ist nicht anzuraten, so Khol. "Denn Kühe sehen nicht sehr gut und werden dadurch eher irritiert als eingeschüchtert."
Hat es Sinn wegzulaufen?
Nein, denn eine Kuh im Angriffsmodus kann auf kurzen Strecken bis zu 40 km/h schnell werden. Bei einem Lebendgewicht von 500 oder mehr Kilo, hat man da als Mensch keine Chance zu entkommen.

Wenn man einen Hund dabei hat?
Wenn die Kühe wirklich angreifen, den Hund sofort ableinen. Er ist schneller als die Kühe und kann ihnen leichter entkommen, gleichzeitig richtet sich die Aggression der Tiere dann auf den Hund und der Mensch kann die Weide währenddessen verlassen.
Und wenn die Kühe wirklich auf mich zustürmen?
Auf diese Frage bekommt man von keinem Experten eine klare Antwort. Es gibt Schilderungen von Betroffenen, die erzählen, dass sie stehen geblieben oder den heranstürmenden Kühen ausgewichen sind. Aber das kann klappen oder auch nicht. Der einzige sinnvolle Rat ist es, darauf hinzuarbeiten, dass es überhaupt nicht zu solch einer Situation kommt. Selbst um den Preis, dass man dann vielleicht seine Wanderung abkürzen oder gar umkehren muss. Das ist immer noch besser als eine Konfrontation mit einer aggressiven Kuhherde.
