Der dezitiert linke Labour-Politiker Andy Burnham hat sich in den Arbeiter-Hochburgen Nordenglands einen Namen gemacht. Nach dem Sieg bei der Nachwahl dürfte er Keir Starmer um die Führung der Partei – und damit Großbritanniens – herausfordern. Und gewinnen.

Die Tage von Sir Keir Starmer als britischer Premierminister scheinen gezählt. Der Erfolg seines Labour-Parteikollegen und innerparteilichen Rivalen Andy Burnham bei der Nachwahl im nordenglischen Wahlkreis Makerfield am 18. Juni macht es wahrscheinlich, dass Starmer schon bald mit einer formellen Herausforderung seiner Parteiführung konfrontiert wird – eine Auseinandersetzung, die er nach Einschätzung vieler Beobachter kaum gewinnen dürfte.
Burnham hatte fast zehn Jahre lang dem Unterhaus nicht angehört und stattdessen als Bürgermeister von Greater Manchester amtiert. Nun kehrt er nach Westminster zurück: In Makerfield gewann er die Nachwahl mit komfortablen 55 Prozent der Stimmen. Der Kandidat von Reform UK, einer rechtspopulistischen Partei, kam auf 35 Prozent.
Auf den ersten Blick könnte der Wahlsieg für Labour als gute Nachricht erscheinen. Angesichts des Einbruchs in den Umfragen und der schweren Verluste bei den Kommunalwahlen im vergangenen Monat ist ein gewonnener Wahlkreis eine seltene Erfolgsmeldung. Tatsächlich verschärft das Ergebnis jedoch die Probleme des Premierministers.
Nach dem Debakel im Mai hatten nahezu 100 Labour-Abgeordnete Starmer zum Rücktritt aufgefordert. Wes Streeting, der als Vertreter des zentristischen Parteiflügels geltende Gesundheitsminister, verließ das Kabinett mit der Ankündigung, selbst für den Parteivorsitz kandidieren zu wollen.
Die parteiinternen Machtkämpfe wurden lediglich vorübergehend ausgesetzt, nachdem der bisherige Abgeordnete von Makerfield sein Mandat niedergelegt hatte, um Burnham die Rückkehr ins Parlament zu ermöglichen. Für eine Kandidatur um den Parteivorsitz ist ein Sitz im Unterhaus Voraussetzung.

In den vergangenen Tagen bemühte sich Starmer um Gelassenheit. Er erklärte, er freue sich über Burnhams Rückkehr nach Westminster, und kündigte zugleich an, sich jeder Herausforderung zu stellen. Doch nur wenige glauben noch daran, dass er seine Position langfristig behaupten kann.
Sollten Burnham oder Streeting – oder beide – die Unterstützung von mindestens 20 Prozent der Labour-Abgeordneten nachweisen, würde automatisch eine Wahl um den Parteivorsitz ausgelöst. Der amtierende Parteichef stünde dabei automatisch auf dem Stimmzettel. Die endgültige Entscheidung träfen die Parteimitglieder, die damit zugleich über den künftigen Premierminister entscheiden würden.
Wie es nun weitergeht, hängt maßgeblich vom Verhalten der drei Kontrahenten ab. Burnham sprach nach seinem Sieg von einem "Wendepunkt" für Labour und erklärte, er habe "noch offene Aufgaben" zu erledigen. Zugleich ließen Vertraute gegenüber den Medien verlauten, dass er sich zunächst nicht aktiv in Führungsmanöver einmischen wolle.
Offenbar bevorzugt Burnham einen geordneten Übergang: Starmer solle freiwillig zurücktreten und einen Zeitplan für einen raschen Führungswechsel vorlegen. Doch Streeting könnte den Prozess beschleunigen, indem er seine Unterstützer öffentlich macht und die formale Wahl in Gang setzt. Ebenso denkbar wäre, dass Starmer selbst die Partei vor die Wahl stellt: "Unterstützt mich – oder setzt mich ab."
Burnham geht mit einem entscheidenden Vorteil ins Rennen. Sowohl unter Labour-Mitgliedern als auch in der britischen Gesamtbevölkerung gilt er derzeit als der populärste Politiker seiner Partei. Seine Amtszeit an der Spitze von Greater Manchester wird weithin als Erfolg bewertet.
Allerdings verliefen zwei frühere Versuche, Labour zu führen, enttäuschend. Zudem tat sich Burnham in der Vergangenheit schwer, auf nationaler Ebene klare politische Botschaften zu formulieren. Besonders in wirtschaftspolitischen Fragen – etwa beim Umgang mit Staatsfinanzen und Haushaltsdisziplin – wirkte seine Positionierung mitunter widersprüchlich.

Sollten weder Starmer noch Streeting auf eine Kandidatur verzichten – was angesichts ihrer bisherigen Haltung unwahrscheinlich erscheint –, dürfte Großbritannien mehrere Wochen politischer Unsicherheit bevorstehen. Eine Entscheidung könnte sich bis zur Labour-Parteikonferenz im September hinziehen.
Starmer würde in diesem Fall geschwächt zum NATO-Gipfel Anfang Juli reisen und wenig später auch zum wichtigen Treffen mit der Europäischen Union.
Während Labour mit sich selbst beschäftigt ist, müssen die Strategen von Reform UK ihre Enttäuschung verarbeiten. Makerfield galt eigentlich als vielversprechendes Terrain für die Rechtspopulisten. Doch Burnhams persönliche Popularität erwies sich als zu stark. Zudem wurde Reform durch das überraschend gute Abschneiden von Restore Britain geschwächt – einer neuen rechtsextremen Partei, die sieben Prozent der Stimmen gewann und mit der Forderung nach der Abschiebung von Millionen legal im Land lebender Migranten auftrat.
Bereits jetzt verschärft Nigel Farage, der Vorsitzende von Reform UK, seine Rhetorik, um Wähler nicht an die Konkurrenz rechts von ihm zu verlieren.
Weiter nördlich konnten die Konservativen hingegen einen seltenen Erfolg verbuchen. In einer weiteren Nachwahl gewannen sie den schottischen Wahlkreis Aberdeen South und verdrängten die Scottish National Party aus einem Sitz, den sie als Symbol für einen politischen Wiederaufschwung ausgewählt hatten. Es war der erste Nachwahlsieg der schottischen Konservativen seit über 50 Jahren.

Auch dieses Ergebnis deutet auf Schwierigkeiten für Reform UK hin, das zunehmend von mehreren Seiten unter Druck gerät.
Die wohl größte Erleichterung dürfte jedoch bei den Einwohnern von Makerfield herrschen. Fünf Wochen lang wurden sie von Wahlkämpfern und Journalisten regelrecht belagert. Labour und Reform behaupten jeweils, jede Haustür im Wahlkreis mindestens zehnmal besucht zu haben. Die Botschaft, die am Tag vor der Abstimmung vor einem Haus im Dorf Platt Bridge zu lesen war, brachte die Stimmung auf den Punkt:
"Wer anklopft, verliert unsere Stimme."
Dabei liegt eine gewisse Ironie über der gesamten Affäre. Während Westminster wochenlang über "Makerfield" sprach, existiert ein solcher Ort als zusammenhängende Gemeinschaft eigentlich gar nicht. Wer den rund 16 Kilometer langen Wahlkreis zu Fuß durchquert, trifft auf eine lose Ansammlung von Vororten, Kleinstädten, Dörfern und Freiflächen am Rand von Wigan – ohne gemeinsame Identität.
So wurde die politische Zukunft Großbritanniens letztlich an einem Ort entschieden, der in gewisser Weise gar nicht existiert.
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