Er sei "besessen vom Thema Fortpflanzung" und "eine Spermienkanone", sagen Frauen in einer neuen Dokumentation über Elon Musk, den reichsten Menschen der Welt. Aber auch abseits von Musks privatem Zuchtprogramm offenbart der Film Abgründe. Ein Überblick.

Es gehört nicht viel Menschenkenntnis dazu, Elon Musk, den Hightech-Gründer, Investor (u. a. SpaceX, Tesla, X) und mit Abstand reichsten Menschen der Welt, als verschroben, nerdig oder gar irgendwie abartig wahrzunehmen. Zu viele vollkommen abgedrehte Auftritte hat der heute 55-Jährige in den letzten Jahren bereits hingelegt, zu viele Seltsamkeiten gesagt oder gepostet.
Ob als Technik-Visionär, Unternehmenslenker, Unterstützer rechter Ideen und Parteien, Kurzzeit-Politiker oder selbst ernannter Retter der Menschheit: der in Südafrika geborene Sohn eines Ingenieurs und eines Models polarisiert mit allem, was er anpackt.
Ein knapp vierstündiger Dokumentarfilm des Oscar-prämierten Regisseurs Alex Gibney fügt diesem öffentlichen Bild des Milliardärs nun einige weitere, bislang unbekannte Facetten hinzu. In dem Streifen "Musk", der bei den Filmfestspielen von Venedig soeben Premiere feierte, wird einerseits Elon Musks Weg zu Macht und Reichtum sowie die – von vielen Beobachtern sehr kritisch betrachtete – Verquickung von Geschäftsinteressen, Investments und politischen Aufgaben und Ambitionen beleuchtet.
Und andererseits lässt der Regisseur ehemalige Partnerinnen des Multimilliardärs zu Wort kommen, die über die Fortpflanzungs-Besessenheit Musks sprechen. So unternimmt der 55-Jährige demnach offenbar große Anstrengungen, dass er möglichst nur Söhne in die Welt setzt – offenbar eine Vorbereitung auf den kommenden Bürgerkrieg, den Musk bereits seit Jahren heraufbeschwört.
Was die neue Vier-Stunden-Doku alles an Absonderlichkeiten und Ungeheuerlichkeiten über Elon Musk enthüllt, was seine Ex-Partnerinnen erzählen und was Musk selbst zum Werk des Regisseurs sagt – hier die wichtigsten Themen im Überblick:

Worum geht es hier?
Um den neuen, 224 Minuten langen Dokumentarfilm "Musk" des US-amerikanischen Regisseurs Alex Gibney. Dafür hat er mehr als vier Jahre lang in der Vergangenheit des reichsten Menschen der Welt recherchiert und mit zahlreichen Wegbegleitern und ehemaligen Vertrauten Musks gesprochen, schreibt der britische Guardian. Es geht darin um staatliche Förderungen, leere Versprechen und eine beunruhigende Nähe zur Macht.
Wer ist Regisseur Alex Gibney?
Der 72-Jährige gilt als Meister des dokumentarischen Enthüllungsfilms und hat bereits die katholische Kirche, das US-Militär und Scientology filmisch seziert. Für seine erschütternde Dokumentation "Taxi zur Hölle" über die verbotenen Folter-Praktiken des US-Militärs am Beispiel eines in Afghanistan von Militärpolizisten zu Tode gefolterten, völlig unschuldigen Taxifahrers, wurde er 2008 mit einem Oscar ausgezeichnet.
Was zeigt der Film "Musk" konkret?
Die Dokumentation zeichnet Elon Musks Aufstieg von den Anfängen mit PayPal bis zum heutigen Imperium aus Tesla, SpaceX und dem sozialen Netzwerk X nach. Und er enthüllt dabei mehrere neue, zentrale Erkenntnisse über den Hightech-Unternehmer Elon Musk.
Wie finanziert Musk sein Imperium wirklich?
Entgegen seinem Image als freier Unternehmer zeigt der Film, dass Musk ein Meister im Anzapfen öffentlicher Gelder ist. Er sicherte sich etwa unter US-Präsident Barack Obama lukrative Regierungsaufträge für SpaceX, um Satelliten für die NASA und das Militär zu starten. Bei Tesla nutzte er geschickt staatliche Förderprogramme für Elektroautos, um das Unternehmen groß zu machen.
Welche Rolle spielen die ZEV-Credits?
Der Film zeigt eine Tesla-Pressekonferenz von 2013, bei der Musk ein Batteriewechselsystem vorstellte. Die versprochene Technologie wurde allerdings nie ausgerollt, so Zeugen im Film. Stattdessen nutzte Musk das Versprechen, um mehr staatliche ZEV-Credits (Gutschriften aus einem Punktesystem, die Autohersteller für den Verkauf von emissionsfreien oder emissionsarmen Fahrzeugen erhalten) zu kassieren – die er dann an andere Autobauer verkaufte.
War Musk immer schon so skrupellos?
Der Film konzediert, dass es eine bewundernswerte Phase im Schaffen des Selfmade-Milliardärs gab. Anders als andere Tech-Gründer investierte Musk sein erstes Geld aus PayPal-Verkäufen direkt in Ingenieursarbeit statt in Risikokapital. Seine Ex-Frau erinnert sich allerdings, wie bewusst er bereits damals sein Image konstruierte und kontrollierte: Er dürfe nicht cool aussehen, sagte er ihr seinerzeit, sondern müsse wie ein Ingenieur wirken, um größtmögliche Effizienz zu erzielen.

Musk war verheiratet?
Ja, er war bisher sogar dreimal verheiratet, wobei die zweite und die dritte Ehe mit derselben Frau stattfanden.
Und sprechen seine Ex-Frauen auch in der Dokumentation?
Regisseur Gibney brachte Musks erste Ehefrau, die Literaturstudentin Justine Wilson, vor die Kamera. Sie war eine Studienkollegin Musks und war von 2000 bis 2008 mit ihm verheiratet. Das Paar hatte gemeinsam sechs Kinder, wovon der erste Sohn, Nevada Alexander, 2002 an plötzlichem Kindstod starb.
Was erzählt Justine Musk über das Leben mit Elon?
Die Londoner Times berichtet, dass Justine erzählt, Musk hätte ihr beim ersten Tanz auf ihrer Hochzeit im Jahr 2000 erklärt, wie er sich die gemeinsame Zukunft vorstelle: Nämlich dass er der "Alpha in dieser Beziehung" sei. Und sie spricht auch darüber, dass Musk die Mütter seiner Kinder als "Gebärmaschinen", "Brutkästen" oder "Züchterinnen" bezeichnen würde.
Wie viele Kinder hat Elon Musk eigentlich?
Laut dem Film hat Musk mindestens 14 öffentlich bekannte Kinder, möglicherweise sind es auch mehr. In einer Textnachricht an eine Ex-Partnerin erklärte er, seine Legion von Kindern solle vor einem drohenden Bürgerkrieg schützen. Der Film verortet diese Angst in seiner südafrikanischen Kindheit – sein Vater erzählt etwa ohne erkennbare Reue von Einbrechern, die er erschoss.
Und wie viele Mütter gibt es zu den Kindern?
Laut offizieller Zählung sind es vier Partnerinnen und zwei Leihmütter, mit denen er offiziell 14 Kinder hat. Die meisten der Schwangerschaften sind durch künstliche Befruchtung entstanden, was die Mehrfachgeburten (2 x Zwillinge, 1 x Drillinge) sowie den großen Buben-Überhang (4 Töchter, 10 Söhne, wobei der 2004 geborene Sohn Xavier inzwischen als Trans-Frau Vivian lebt) erklärt.
Steht Musk zu allen seinen Kindern?
Wenn man bedenkt, dass er in einer massiven Steigerung der Geburtenrate den wichtigsten Schlüssel für das Überleben der Menschheit sieht, sollte er eigentlich über jeden Nachwuchs froh sein. Dem ist aber interessanterweise nicht so.

Was ist das mit der Geburtenrate?
"Ich tue mein Bestes, um die Unterbevölkerungskrise zu bewältigen. Eine sinkende Geburtenrate ist mit Abstand die größte Gefahr, der die Zivilisation gegenübersteht", schrieb er bereits 2022 auf X. Wobei es vor allem männliche weiße Babys sind, auf die Musk seine Hoffnungen setzt. Mädchen und andere Ethnien kommen in seiner Strategie kaum vor.
Und zu welchen Babys steht er nicht?
Von seinen 14 offiziellen Kindern bestritt Musk zunächst die Vaterschaft für seinen Sohn Romulus (* 2024), den er mit der konservativen Autorin und Influencerin Ashley St. Clair gezeugt hat. Die 28-Jährige berichtete ebenfalls in der Dokumentation über ihre Erlebnisse mit Elon Musk und kam auch persönlich zur Filmpremiere nach Venedig.
Was hatte sie zu erzählen?
Sie behauptet, dass ihr Musk 40 Millionen Dollar angeboten hätte, wenn sie verschweigt, dass er der Vater ihres Sohnes Romulus ist. Trotz zahlreicher Anfragen verschiedener Medien äußerte sich Musk nicht zu dieser Darstellung. St. Clair erzählte auch, dass Musk auch ihr gegenüber von einer "Legion von Kindern" gesprochen hätte, die es vor einem Bürgerkrieg noch zu zeugen gilt. Er sei eine Spermienkanone, so St. Clair, die ihr ach so wertvolles Erbgut über die Welt verteilen wolle.
Äußert sich Musk auch selbst in dem Film?
Nein, obwohl Regisseur Gibney nach eigenem Bekunden manches probiert hätte, um mit Musk ins Gespräch zu kommen. Dieser bezeichnete den Regisseur aber nur auf X als "douche" (etwa "Idiot" oder "A … loch") und den Film als Teil einer Schmutzkampagne.
Kann Musk eigentlich auch Empathie zeigen?
Regisseur Gibney lässt Zweifel daran aufkommen. Sein Film zeigt einen Mann, der zu seiner Frau sagt: "Wärst du meine Angestellte, würde ich dich feuern." Anderes Beispiel: Er bat seine Ex, seiner entfremdeten Transgender-Tochter Vivian auszurichten, er werde sie immer lieben – nur um ihr am nächsten Tag die Krankenversicherung zu streichen.
Hat der Film auch eine politische Komponente?
Aber ja, das ist der umfassendste Teil der Dokumentation – wobei sich auch hier das geschäftliche /politische und das private permanent miteinander vermischen. So berichtet eine Ex-Partnerin Musks im Film von einer verstörenden Szene am Präsidentschafts-Wahlabend 2024. Musk habe eine Gewissheit über den Ausgang (also Trumps Wahlsieg) gezeigt, die sie noch nie erlebt habe. Er sprach davon, eine "Anomalie in der Matrix zu entfesseln", und sagte: "Wir haben 10.000 Laser im Weltraum." Regisseur Gibney lässt diese Aussagen unkommentiert stehen.

Gibt es im Film fachliche Kritik an Musk und seinem Wirken?
Geoffrey Hinton, ein Nobelpreisträger, der als "Pate der künstlichen Intelligenz" bezeichnet wird, kommt im Film ebenfalls zu Wort. Er war einst mit Musk befreundet, lehnte aber dessen Einladung in den xAI-Vorstand ab. Hinton äußert massive Bedenken, ob Musk verantwortungsvoll mit den Risiken künstlicher Intelligenz umgehe.
Was wirft der Nobelpreisträger Musk vor?
Er halte es für ziemlich klar, dass die Regierung auf Manipulation der bevorstehenden Zwischenwahlen aus sei, so Geoffrey Hinton. Wer dafür künstliche Intelligenz nutzen wolle, brauche allerdings detaillierte Daten über US-Bürger, so Hinton. Und die habe Musk während seiner Zeit als Einsparungsbeauftragter der Regierung Trump (er leitete 2025 kurzzeitig DOGE, das Amt für Effizienz in der Verwaltung) zig millionenfach abgreifen können.
Gibt es weitere Vorwürfe?
Jede Menge. So wird etwa berichtet, dass Elon Musk die Republikaner im US-Wahlkampf wohl auch aus Eigeninteressen mit enormen Summen unterstützen würde, denn seine Firmen seien unter Trump-Vorgänger Joe Biden zahlreichen behördlichen Untersuchungen ausgesetzt gewesen. Im Film wird an dieser Stelle ein Video-Interview mit Musk von Oktober 2024 eingeblendet, in dem dieser in Bezug auf Trump sagt: "Wenn er verliert, bin ich am Arsch. Was glaubst du, wie lange meine Haftstrafe sein wird?"
Wie wird der Film bewertet?
Die Kritiken fallen gemischt aus. Gelobt wird die umfassende Recherche über fast vier Jahre. Manche Beobachter bemängeln, dass weniger einzelne Enthüllungen schockieren als vielmehr die Gesamtheit des Materials. Der Film zeigt keine radikal neuen Fakten, aber ein verstörendes Gesamtbild.
Wann kommt "Musk" ins Kino?
In den USA und in Großbritannien startet der Film am 16. Oktober in den Kinos, für Österreich gibt es noch keinen offiziellen Kinostart. Angesichts der prominenten Beteiligten und des kontroversen Themas wäre es aber nicht abwegig, dass der Film ohne Kino-Auswertung gleich bei einem der großen Streaming-Dienste zu sehen sein wird.