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Offener Widerspruch

Weshalb gerade Christen in den USA die Todesstrafe befürworten

Die fehlgeschlagene Hinrichtung der verurteilten Mörderin Christa Pike schockt derzeit die USA. Doch während sich vom Papst abwärts religiöse Autoritäten gegen die Todesstrafe aussprechen, sind gerade Christen die größten Befürworter des "Auge um Auge"-Prinzips.

Protest gegen die Todesstrafe vor dem Obersten Gerichtshof der USA, aber: bis zu drei Viertel der gläubigen Christen in den Vereinigten Staaten sind für die Todesstrafe
Protest gegen die Todesstrafe vor dem Obersten Gerichtshof der USA, aber: bis zu drei Viertel der gläubigen Christen in den Vereinigten Staaten sind für die TodesstrafeREUTERS/Cheney Orr
Martin Kubesch
Akt. 11.10.2026 07:02 Uhr

Die gute Nachricht, wenn man so will: Christa Pike, jene 50-jährige verurteilte Mörderin, die vor knapp zwei Wochen ihre eigene Hinrichtung trotz zweier verabreichter Giftspritzen überlebte, wurde aus dem Krankenhaus entlassen und wieder in ihre Zelle gebracht.

Die Frau ist zwar, laut ihren Anwälten, nach wie vor desorientiert. Und ob sie ihre Arme, die von der Tortur der Giftspritzen entzündet und "angeschwollen waren wie aufgeblasene Gummihandschuhe" (O-Ton Pikes Anwalt, der beim Hinrichtungsversuch dabei war), je wieder normal gebrauchen kann, ist unklar. Aber sie wurde wieder in jene Todeszelle gebracht, in der sie die letzten 30 Jahre auf ihre Hinrichtung gewartet hatte.

Die fehlgeschlagene Hinrichtung der Frau hat Millionen Menschen auf der Welt schockiert und auch in den in die Todesstrafe verliebten USA eine Debatte über diese Form des Strafvollzugs ausgelöst, so das Schweizer Online-Medium Watson. Besonders brisant dabei: Ausgerechnet gläubige Christen (oder solche, die sich selbst so bezeichnen) zählen zu den größten Befürwortern der Vollstreckung.

Wie das mit den christlichen Glaubensprinzipien zusammenpasst, was der Papst dazu sagt und wie sich der Wunsch nach der Todesstrafe in den Köpfen vieler Amerikaner mit der unbedingten Ablehnung von Abtreibungen und Sterbehilfe verbinden lässt – Einblicke in eine Nation, die Ambivalenz zu ihrem obersten Glaubensprinzip erhoben hat:

Christa Pike am Tag ihrer Urteilsverkündung 1996. Sie war bei ihrer Tat 18 Jahre alt und saß seither mehr als 30 Jahre in der Todeszelle
Christa Pike am Tag ihrer Urteilsverkündung 1996. Sie war bei ihrer Tat 18 Jahre alt und saß seither mehr als 30 Jahre in der Todeszelle
via REUTERS

Was ist bei der Hinrichtung von Christa Pike passiert?
Die 50-Jährige sollte Anfang Oktober 2026 in Tennessee per Giftspritze hingerichtet werden. Sie war 1996 wegen des Mordes an der 19-jährigen Colleen Slemmer zum Tode verurteilt worden. Pike war zur Tatzeit selbst erst 18 Jahre alt. Die Hinrichtung scheiterte: Nach zwei Injektionen des Betäubungsmittels Pentobarbital lebte Pike weiter. Sie fiel ins Koma, ist aber mittlerweile wieder bei Bewusstsein.

Warum überlebte sie die Giftspritzen?
Die genauen Umstände sind noch unklar. Wahrscheinlich ist, dass die von den Beamten gesetzten Venenzugänge nicht korrekt platziert waren und das Gift nicht ins Herz, sondern ins Gewebe der Arme strömte. Alleine aus Pikes linkem Arm wurden nach der schief gelaufenen Hinrichtung sieben Nadeln entfernt, eine war dabei um 90 Grad verbogen. Ihre Anwälte sprechen deshalb von Folter und fordern, die Todesstrafe in lebenslange Haft umzuwandeln. Der Chef der Gefängnisbehörde in Tennessee ist danach zurückgetreten.

Wie stehen Amerikaner grundsätzlich zur Todesstrafe?
Laut einer aktuellen Untersuchung des Pew Research Centers befürworten rund 60 Prozent der US-Amerikaner die Todesstrafe. Damit sind die USA das einzige westliche Land, das die Hinrichtung noch nicht abgeschafft hat. Die Zustimmung ist dabei unter konservativen Wählern besonders hoch.

Welche Rolle spielt die Religion dabei?
Religiöse Menschen treiben die Zustimmung zur Todesstrafe nach oben. Drei Viertel der weißen Evangelikalen und 73 Prozent der weißen Protestanten befürworten Hinrichtungen. Bei den Katholiken sind es rund 60 Prozent, bei schwarzen Protestanten etwa 50 Prozent. Agnostiker und Atheisten lehnen die Todesstrafe hingegen mehrheitlich ab.

Wie kann das sein, wenn Jesus Gewaltlosigkeit predigte?
Das ist ein Widerspruch, der viele Beobachter irritiert. Jesus lehnte die alttestamentliche Rache-Doktrin ab. Im Matthäus-Evangelium sagt er: "Ihr habt gehört, dass gesagt ist: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Ich aber sage euch, dass ihr dem Bösen nicht widerstreben sollt, sondern: Wenn dich jemand auf deine rechte Wange schlägt, dem biete die andere auch an."

Warum berufen sich manche Christen trotzdem auf die Bibel?
Viele christliche Fundamentalisten klammern sich lieber an das Alte Testament als an die "woken" Lehren Jesu. Dort wird die Todesstrafe an mehreren Stellen gutgeheißen. Im 4. Buch Mose heißt es etwa: "Wer jemanden mit einem Eisen schlägt, dass er stirbt, der ist ein Mörder und soll des Todes sterben." Kritiker werfen diesen Gläubigen vor, ihren Glauben selektiv auszulegen.

Papst Leo XIV., selbst gebürtiger Amerikaner, hat sich erst vor wenigen Tagen für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe ausgesprochen
Papst Leo XIV., selbst gebürtiger Amerikaner, hat sich erst vor wenigen Tagen für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe ausgesprochen
REUTERS/Remo Casilli

Was sagt der Papst zur Todesstrafe?
Papst Leo XIV., selbst gebürtiger US-Amerikaner, hat sich in einer Videoansprache erst vor wenigen Tagen dezidiert für die weltweite Abschaffung der Todesstrafe ausgesprochen. Er sagte, sie stelle einen Angriff auf die Unverletzlichkeit und Würde der Person dar. Die Kurie schreibt, dass bei einer Hinrichtung ein Verbrechen mit einem anderen Verbrechen bestraft werde.

Folgen die US-Katholiken der Lehre ihrer Kirche?
Nein, die Mehrheit ignoriert die offiziellen Vorgaben. Obwohl die katholische Lehre die Todesstrafe als unzulässig einstuft, befürworten rund 60 Prozent der amerikanischen Katholiken Hinrichtungen. Selbst die Mahnungen des Papstes scheinen viele nicht zu kümmern.

Was sagen andere religiöse Autoritäten?
Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Bischof Wolfgang Huber, sagte, zum Rechtsstaat gehöre der Verzicht auf die Todesstrafe. Der Europarat bezeichnet Exekutionen als grausam und barbarisch. Sogar die katholischen Bischöfe Amerikas verstehen die Todesstrafe als Gotteslästerung.

Wie hängt das mit der Abtreibungsdebatte zusammen?
Hier zeigt sich ein weiterer Widerspruch: Viele konservative Christen kämpfen aus religiösen Gründen oft mit fundamentalen Mitteln gegen Abtreibungen. Dieselben Gruppen befürworten aber gleichzeitig Hinrichtungen. Immer wieder wurden und werden in den USA Ärzte, die Abtreibungen vornehmen, Ziel von körperlicher Gewalt, bis hin zu Mord. An vorderster Front im Kampf gegen Abtreibungen steht dabei die MAGA-Bewegung ("Make America Great Again"), in der auch viele Gläubige aus Freikirchen aktiv sind.

Inszeniert sich selbst gerne als harter Kerl und bezeichnet sich als "christlicher Krieger": US-"Kriegsminister Pete Hegseth beim Bankdrücken mit Soldaten in Guantanamo Bay
Inszeniert sich selbst gerne als harter Kerl und bezeichnet sich als "christlicher Krieger": US-"Kriegsminister Pete Hegseth beim Bankdrücken mit Soldaten in Guantanamo Bay
REUTERS/Phil Stewart

Gibt es noch extremere Positionen?
Ja. Der US-Verteidigungsminister Pete Hegseth, ein bekennender Christ, der sich selbst als "Kriegsminister" und "christlicher Krieger" bezeichnet, hat diese Woche angekündigt, die Hinrichtung eines Terroristen live im Internet übertragen zu wollen. Damit würden sich die USA auf eine Stufe mit dem Iran und Afghanistan stellen, die letzten beiden Länder, die noch öffentlich Menschen hinrichten.

Was bedeutet der Fall Pike für die Zukunft?
Ob es bei Christa Pike zu einem zweiten Hinrichtungsversuch kommt, ist derzeit noch unklar. Der Fall dürfte die gesellschaftliche Debatte über Hinrichtungsmethoden in den USA aber weiter anheizen. Experten sind unterschiedlicher Meinung, wie es weitergehen soll. Der Fall zeigt aber einmal mehr die tiefen Risse in der amerikanischen Gesellschaft. Während die politische Rechte auf Härte setzt, wo sie ihr gelegen kommt, wächst gleichzeitig der Widerstand gegen die Todesstrafe.

Martin Kubesch
Akt. 11.10.2026 07:02 Uhr