Nach dem gescheiterten Hinrichtungsversuch lag die Todeskandidatin Christa Pike tagelang bewusstlos im Krankenhaus. Nun ist sie nach Angaben ihrer Anwälte aufgewacht und hat gesprochen. Ob sich die 50-Jährige vollständig erholen wird, ist aber weiter unklar.

Nach der dramatisch gescheiterten Hinrichtung der verurteilten Mörderin Christa Pike in einem Hochsicherheitsgefängnis im US-Bundesstaat Tennessee vergangene Woche, haben Pikes Anwälte am Dienstagabend bekannt gegeben, dass ihre Mandantin aus der Bewusstlosigkeit erwacht sei und sie auch schon gesprochen habe. Trotzdem bestehen weiter große Zweifel, ob sich die 50-Jährige vollständig von den Folgen der beiden bei der Hinrichtung verabreichten Giftspritzen erholen wird.
Auch weshalb die Exekution überhaupt gescheitert sein könnte, wird langsam klarer. Experten halten es für sehr wahrscheinlich, dass die Nadel, mit der das Gift in den Blutkreislauf der Delinquentin gelangen sollte, nicht korrekt gesetzt gewesen ist. Eine offizielle Bestätigung dieser Vermutung steht allerdings weiterhin aus.
Was allerdings klar dafür spricht, sind Aussagen von Christa Pikes Anwalt vom Wochenende. Dabei schildert dieser, dass die Delinquentin "mindestens sieben Nadeln" in ihrem Arm stecken gehabt habe, eine davon sei um 90 Grad verbogen gewesen, als man sie herauszog. Auch seien die Arme bei der Einlieferung der Frau ins Krankenhaus violett verfärbt gewesen, aufgrund der alkalischen Wirkung des verabreichten Giftes. Und: Pike habe während der ganzen Prozedur geweint und über Schmerzen in den Armen geklagt.
Vollkommen unklar ist indes auch nach wie vor, wie es mit Christa Pike jetzt weitergehen soll. Die Frau liegt derzeit auf der Intensivstation eines Krankenhauses in Tennessee. Ob für sie weiterhin Lebensgefahr besteht, war zunächst nicht klar. Ob sie der Staat danach abermals hinrichten wird, wurde bislang von offizieller Stelle in keiner Weise thematisiert, die Politik hüllt sich in Schweigen.
Die schief gelaufene Exekution der Todesstrafe an der wegen Mordes verurteilten 50-Jährigen sowie das gellende Schweigen der Behörden seit diesem Zwischenfall offenbart auf erschreckende weise all die Absurditäten der Hinrichtungspraxis in den USA. Was in der Nacht auf den 1. Oktober in dem Hochsicherheitsgefängnis in Nashville geschehen ist, weshalb die Todeskandidatin nach wie vor lebt, was man über ihren aktuellen Gesundheitszustand weiß, welche Konsequenzen es bislang gegeben hat und wie es jetzt mit ihr weiter gehen soll – die erschütternden Fakten im Überblick:

Worum geht es hier?
Am vergangenen Mittwochabend, Ortszeit Tennessee, sollte die 50-jährige Christa Pike im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville durch eine Giftspritze hingerichtet werden. Die Verurteilte war auf eine Liege geschnallt und erhielt nach Angaben ihrer Anwälte und von Medienvertretern, die der Hinrichtung als Zeugen beiwohnten, zunächst eine Dosis Pentobarbital, das ist ein sehr starkes Beruhigungsmittel. Trotzdem soll sie nicht das Bewusstsein verloren haben, wie es eigentlich üblich wäre, berichtete CBS News.
Was ist Pentobarbital?
Ein stark wirksames Barbiturat, das das zentrale Nervensystem dämpft. Es verlangsamt die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark. In hoher Dosierung führt es zu Bewusstlosigkeit sowie zum Aussetzen der Atmung (Atemlähmung) und des Kreislaufs. Früher wurde es als Schlaf- und Beruhigungsmittel oder zur Einleitung von Narkosen in der Humanmedizin genutzt. Da es aber eine sehr geringe therapeutische Breite besitzt, sprich der Abstand zwischen wirksamer und tödlicher Dosis ist gering, wird es dafür kaum noch verwendet.
Wo findet Pentobarbital noch Anwendung?
In der Veterinärmedizin dient es zum schmerzfreien Einschläfern von Tieren. Bei der Sterbehilfe und beim assistierten Suizid wird es wegen seiner zuverlässigen und schmerzlosen Wirkung ebenfalls in letaler Dosis eingesetzt. Und in einigen US-Bundesstaaten kommt es eben bei Hinrichtungen zum Einsatz.
Wie ging es mit der zum Tode verurteilten Christa Pike weiter?
Die Zeugen der Urteilsvollstreckung berichteten hinterher von verstörenden Szenen. Pike habe nach der Injektion, als sie eigentlich bereits hätte tot sein sollen, zunächst den Kopf gehoben und gesagt, dass der Arm, wo sie die Injektion erhalten habe, weh tue und brenne und ob das normal sei. Danach sei sie offenbar in einen Schlaf gefallen und habe deutlich hörbar für alle Zeugen geschnarcht.
Was passierte daraufhin?
Die Vorhänge zum Zeugenraum wurden nach etwa 35 Minuten geschlossen – zu diesem Zeitpunkt war allen Beobachtern klar, dass Christa Pike noch lebte und die Vollstreckung offenkundig gescheitert war. Über das Mikrofon, das nach wie vor alles aus dem Hinrichtungsraum übertrug, hörten die Zeugen, dass der Frau offenbar eine zweite Dosis verabreicht wurde, schreibt der Spiegel.
Und die zweite Dosis tat ebenfalls keine Wirkung?
Offenkundig nicht. Die Zeugen verharrten weiter in dem Raum, bis um 20.53 Uhr schließlich auch das Mikrofon abgestellt wurde und man sie bat, den Raum zu verlassen. Es müssen gespenstische Szenen gewesen sein.

Was passierte dann?
Auf dem Gefängnishof fuhren Einsatzfahrzeuge vor und brachten Christa Pike, die nach wie vor lebte, in ein Krankenhaus, wo sie seither behandelt wird.
Weiß man, wie es ihr geht?
Am Wochenende äußerte sich Christa Pikes Anwalt Randy Spivey auf CNN über den Zustand seiner Mandantin nach der missglückten Hinrichtung. Laut dem Anwalt sei Pike in einem Krankenhaus in Tennessee und erhalte dort "lebensrettende Maßnahmen". Sie wurde auch künstlich beatmet. "Falls sie sich erholt, könnte es sein, dass sie sich nicht vollständig erholt", so Randy Spivey, der die gescheiterte Hinrichtung als "Folter" bezeichnete. "Und möglicherweise wird es Fragen hinsichtlich ihrer rechtlichen Zurechnungsfähigkeit geben. All das wissen wir einfach noch nicht."
Wann ist Christa Pike aus der Bewusstlosigkeit erwacht?
Das ist nicht ganz klar, Dienstagabend europäischer Zeit erklärte ihr Anwalt, Christa Pike sei wieder bei Bewusstsein und könne auch sprechen. Sie werde aber weiterhin intensivmedizinisch behandelt, schreibt die FAZ. Ihre weitere Prognose sei unklar und es sei mit einer langen Genesungszeit zu rechnen. Ihre Erholung wurde dabei als "medizinisch beispiellos" bezeichnet.
Kann es bei einer nicht-tödlichen Überdosierung von Pentobarbital zu Nebenwirkungen oder dauerhaften Schäden kommen?
Ja, das ist durchaus möglich. Je nachdem, wie rasch das Präparat gewirkt und welche Funktionen des Körpers es verlangsamt hat, kann es durch Sauerstoffmangel zu dauerhaften Hirnschädigungen, aber auch zu Schäden am Herz-Kreislauf-System, an den Nieren oder an den Lungen kommen.
Was geschah, nachdem die Verurteilte ins Krankenhaus gebracht worden war?
Nachdem Pike auch nach der zweiten Barbitural-Gabe noch lebte, setzte der Gouverneur die Hinrichtung aus und ordnete eine umfassende externe Überprüfung der Geschehnisse an.
Gibt es für solche Situationen kein vorgegebenes Protokoll?
Doch, und das Gefängnis betonte, man habe jeden Schritt des gesetzlich festgelegten und vom Büro des Generalstaatsanwalts genehmigten Hinrichtungsprotokolls eingehalten. Laut Berichten der New York Times sieht Tennessees Protokoll einen zweiten Satz Spritzen vor, falls die erste Dosis nicht zum Tod führt. Was danach geschieht, wenn die Person auch nach der zweiten Dosis lebt, bleibt laut den vorliegenden Informationen allerdings offen.
Was sagen Christa Pikes Anwälte?
Die Verteidigung spricht von einem erneuten Versagen des Staates Tennessee. Sie verwies laut BBC auf einen schwierigen Venenzugang, beschädigte Venen, abgebautes Pentobarbital, fehlende Notfallversorgung und ein Protokoll, das ihrer Ansicht nach von Geheimhaltung geprägt sei. Schon vor der Hinrichtung hatten die Anwälte argumentiert, der Ablauf könne für Pike qualvoll werden.

Weiß man inzwischen, weshalb das Gift bei der Verurteilten nicht wie geplant gewirkt hat?
Es gibt dazu bislang keine offiziellen Aussagen. Allerdings haben sich mehrere Medizinexperten zu Wort gemeldet und Vermutungen angestellt. Am wahrscheinlichsten dürfte es so gewesen sein, dass die Nadel, über die das Gift in den Blutkreislauf von Christa Pike gelangen sollte, nicht korrekt platziert gewesen ist. Entweder steckte sie nicht tief genug in der Vene, oder sie hat die Vene mehrfach durchstoßen bzw. diese ist dabei geplatzt.
Was spricht für diese Theorie?
Pikes Anwalt erklärte am Wochenende, er hätte "mindestens sieben" Nadeln am Arm der Frau gesehen, die Beamten, die die Hinrichtung durchführen sollten, hatten also offenbar erhebliche Probleme, die Nadel zu platzieren. eine der Nadeln sei beim Herausziehen um 90 Grad verbogen gewesen, so Rechtsanwalt Spivey. Und wenn die Nadel nicht korrekt in der Vene steckte, dann könnte das Pentobarbital vom umgebenden Gewebe aufgenommen worden sein. Das würde auch erklären, weshalb Pike davon sprach, dass ihr Arm brennt, bevor sie bewusstlos wurde.
Das klingt tatsächlich nach Folter …
Es muss für die Angeklagte schrecklich gewesen sein. Wie die FAZ berichtet, habe man Pike während der gesamten Prozedur weinen gehört. Sie habe laut geatmet und gesagt: "Mein Arm fühlt sich an, als würde er gleich aufplatzen." Bei der Einlieferung ins Krankenhaus seien beide Arme der 50-Jährigen "geschwollen, verbrannt und mit Blasen übersät" gewesen. Sachverständige erklärten hinterher, das injizierte Pentobarbital sei stark alkalisch und verursache bei Kontakt Verbrennungen an Haut, Gewebe und Venen. Während der Hinrichtung habe sich ihr rechter Arm laut ihren Anwälten violett verfärbt. Trotz dieser Verletzungen sei sie weiterhin mit Handschellen und Fußfesseln an das Krankenhausbett gefesselt.
Weshalb platzieren keine Ärzte oder Pfleger die Nadel so, dass das nicht geschehen kann?
Weil Ärzte und Pfleger schwören müssen, Leben zu retten und zu beschützen und nicht daran mithelfen sollen, es gewaltsam zu beenden. Zudem lehnen viele Mediziner und Pflegefachkräfte die Todesstrafe grundsätzlich ab und würden sie niemals in den Dienst dieser Sache stellen.

Wie rechtfertigt der Staat Tennessee sein Vorgehen?
Die Strafvollzugsbehörde weist den Vorwurf eines Protokollbruchs zurück. Sie erklärte, das verwendete Mittel habe sich in dem Verfahren bisher als wirksam erwiesen, zugleich lasse das Protokoll keine zusätzlichen Maßnahmen über das Durchgeführte hinaus zu. Ungeachtet dessen wurde am Wochenende bekannt, dass der Leiter der Strafvollzugsbehörde von Tennessee, Frank Strada, sein Amt niederlegen werde – "im besten Interesse der Bevölkerung von Tennessee", so Gouverneur Bill Lee.
Warum war die Hinrichtung überhaupt so umkämpft?
Noch am Hinrichtungstag lieferten einander Gerichte und Anwälte ein juristisches Tauziehen um den verordneten Tod der Delinquentin. Ein Berufungsgericht wollte den Fall kurz anhalten, um neue Einwände zu prüfen. Der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof der USA, hob diesen Aufschub kurz danach wieder auf und erlaubte die Hinrichtung – gegen den Widerspruch der drei Richterinnen Sonia Sotomayor, Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson.
Worum ging es bei den letzten Einwänden der Verteidigung?
Pikes Anwälte argumentierten, ihre erste Verteidigung bei jenem Prozess, bei dem sie zum Tode verurteilt wurde, habe ihre massive Belastung durch Missbrauch in der Kindheit nicht ausreichend eingebracht. Außerdem verwiesen sie auf psychische Erkrankungen und weitere medizinische Probleme. Entscheidend war aus ihrer Sicht die Frage, ob eine Jury heute unter denselben Umständen noch einmal ein Todesurteil gegen Christa Pike verhängen würde.
Wofür wurde Christa Pike verurteilt?
Die heute 50-Jährige sitzt bereits seit 1995, also seit 31 Jahren in Haft. Seinerzeit tötete sie gemeinsam mit ihrem damaligen Freund und einer weiteren Person ihre frühere Mitschülerin Colleen Slemmer. Gerichtsakten beschreiben die Tat als besonders brutal. Die Täter folterten ihr Opfer mit einem Messer, ritzten ihr ein Pentagramm in die Brust und schlugen ihr schließlich den Schädel ein.
Warum wird über ihr Alter zur Tatzeit so viel gesprochen?
Pike war zum Zeitpunkt des Verbrechens gerade erst 18 Jahre alt geworden. Wäre sie nur wenige Monate jünger gewesen, hätte ihr in Tennessee die Todesstrafe nicht gedroht. Ihre Unterstützer verweisen zudem darauf, dass sie in der modernen Ära der US-Todesstrafe die einzige Gefangene gewesen wäre, die für ein Verbrechen im Alter von 18, 19 oder 20 Jahren hingerichtet worden wäre.
Gab es Punkte, die damals zu ihren Gunsten hätten sprechen können?
Christa Pike kam aus verwahrlosten Verhältnissen, war als Kind missbraucht und als Jugendliche mehrfach vergewaltigt worden. LAut ihren Anwälten wurden diese Fakten bei dem Prozess seinerzeit viel zu wenig berücksichtigt. Auch unbehandelte psychische Erkrankungen wurden angeführt. Pikes Anwälte betonten zuletzt, sie habe sich im Gefängnis verändert, Reue gezeigt und inzwischen eine Behandlung für ihre psychischen Erkrankungen erhalten.

Wie selten wäre diese Hinrichtung gewesen?
Pike wäre die erste Frau gewesen, die der Bundesstaat Tennessee seit mehr als 200 Jahren hinrichtet. Frauen stellen in den USA nur rund ein Prozent der Todestrakt-Häftlinge. Seit der Wiederaufnahme der Todesstrafe 1976 wurden in den Vereinigten Staaten laut den vorliegenden Daten nur 18 Frauen hingerichtet, aber 1.663 Männer.
Gab es in Tennessee schon einmal Probleme mit Hinrichtungen?
Ja. Es war bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass eine Hinrichtung im Bundesstaat nicht planmäßig verlief. Erst im Mai wurde die Exekution von Tony Carruthers abgesagt, weil das medizinische Personal keine Vene fand, um das tödliche Mittel zu verabreichen.
Wie geht es jetzt weiter?
Das hängt primär davon ab, wie umfangreich sich Christa Pike im Spital von den Folgen der missglückten Hinrichtung erholt. Ihre Anwälte haben bereits unmittelbar nach der gescheiterten Hinrichtung gefordert, Pikes Todesstrafe in eine lebenslange Haft ohne Möglichkeit einer vorzeitigen Entlassung umzuwandeln. Diese Forderung wurde nun nochmals bekräftigt.
Wie steht der Staat dem gegenüber?
Es ist nach wie vor vollkommen unklar, wie der Staat nach diesem gescheiterten Hinrichtungsversuch weiter mit ihr verfahren will. Gouverneur Bill Lee ließ die letzte noch verbleibende, für heuer geplante Hinrichtung stoppen und eine externe Prüfung der Umstände anordnen. Als Nächstes wird entscheidend sein, was diese Untersuchung zu Ablauf, Verantwortung und möglichen Folgen für Tennessees Hinrichtungspraxis ergibt.
Was geschieht, sollte Christa Pike durch die Folgen der Giftspritzen dauerhaft behindert sein?
Das würde die grausame Widersinnigkeit der Todesstrafe generell und dieser Hinrichtungspraxis im Speziellen auf die Spitze treiben. Und dieser Fall ist nicht undenkbar – eine dauerhafte körperliche und / oder geistigen Behinderung nach einer überlebten Pentobarbital-Überdosis wäre durchaus im Bereich des medizinisch möglichen. Die Frage, die sich dann stellen würde: Muss der Staat die Todeskandidatin dann für den Rest ihres Lebens versorgen und pflegen? Oder lässt er eine Person mit Einschränkungen, die er (der Staat) selbst verursacht hat, erneut hinrichten?
Besteht überhaupt die juristische Möglichkeit, dass der Staat nun dafür sorgt, dass Christa Pike gesund gepflegt wird und danach zurück in die Todeszelle kommt, um abermals hingerichtet zu werden?
Ja, das wäre juristisch jedenfalls nicht auszuschließen. Das Gesetz sieht in den USA keine "Wenn du deine eigene Hinrichtung überlebst, darfst du weiterleben"-Klausel vor. Es wird jetzt darauf ankommen, wie sich die Lage weiter entwickelt. Und nicht zuletzt auch darauf, wie die Öffentlichkeit die ganze Sache aufnimmt. In jedem Fall zeigen die Geschehnisse aber die ganze Absurdität des amerikanischen Todesstrafen-Procederes auf.
zuletzt aktualisiert und ergänzt am 7. Oktober um 7 Uhr