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Christa Pike, 50

Zwei Giftspritzen überlebt: Wie geht es mit der Todeskandidatin nun weiter?

Christa Pike saß seit 31 Jahren in der Todeszelle für einen Mord, den sie mit 18 begangen hatte. Ihre Hinrichtung scheiterte jetzt daran, dass ihr Körper zwei Giftspritzen überlebte. Nun liegt die 50-Jährige in einem Spital – und keiner weiß, wie es nun weitergehen soll.

Ein Krankenwagen brachte Christa Pike nach der missglückten Hinrichtung Mittwochabend in ein Krankenhaus zur Behandlung. Wie es ihr jetzt geht, ist nicht bekannt
Ein Krankenwagen brachte Christa Pike nach der missglückten Hinrichtung Mittwochabend in ein Krankenhaus zur Behandlung. Wie es ihr jetzt geht, ist nicht bekanntAPA-Images / AP / George Walker IV
NewsFlix Redaktion
Akt. 01.10.2026 16:39 Uhr

Es sollte die erste Hinrichtung einer Frau im US-Bundesstaat Tennessee seit mehr als 200 Jahren sein. Es gab bereits im Vorfeld Hinweise darauf, dass es zu Problemen kommen könnte, da die Verurteilte laut ihrer Verteidigung an einer seltenen Blutkrankheit leide, die zu Problemen bei der Exekution führen könne. Ein Gericht stoppte die Hinrichtung unmittelbar vor der Durchführung, ehe es von einem Bundesgericht nach mehreren Stunden überstimmt wurde.

Kurz gesagt: Die Vorzeichen, dass Christa Pike an diesem Abend planmäßig sterben würde, so wie es der Staat wollte, standen von Anfang an nicht besonders gut. Trotzdem hielt der Gouverneur von Tennessee an seinem Plan fest – und alles ging schief.

Jetzt liegt die zum Tode Verurteilte auf der Intensivstation eines Krankenhauses, wo Ärzte dafür sorgen, dass sie wieder gesund wird. Um danach erneut vom Staat getötet zu werden.

Die schief gelaufene Exekution der Todesstrafe an der wegen Mordes verurteilten 50-jährigen Christa Pike offenbart auf erschreckende weise all die Absurditäten der Hinrichtungspraxis in den USA. Was in der Nacht auf den 1. Oktober in dem Hochsicherheitsgefängnis in Nashville geschehen ist, weshalb die Todeskandidatin nach wie vor lebt und wie es jetzt mit ihr weiter gehen soll – die erschreckenden Fakten im Überblick:

Christa Pike, hier auf einem der letzten bekannten Bilder aus dem Jahr 2023, saß insgesamt mehr als 31 Jahre in der Todeszelle, ehe es zur Vollstreckung kommen sollte
Christa Pike, hier auf einem der letzten bekannten Bilder aus dem Jahr 2023, saß insgesamt mehr als 31 Jahre in der Todeszelle, ehe es zur Vollstreckung kommen sollte
via REUTERS

Worum geht es hier?
Am Mittwochabend, Ortszeit Tennessee, sollte die 50-jährige Christa Pike im Riverbend Maximum Security Institution in Nashville durch eine Giftspritze hingerichtet werden. Die Verurteilte war auf eine Liege geschnallt und erhielt nach Angaben ihrer Anwälte und von Medienvertretern, die der Hinrichtung als Zeugen beiwohnten, zunächst eine Dosis Pentobarbital, das ist ein sehr starkes Beruhigungsmittel. Trotzdem soll sie nicht das Bewusstsein verloren haben, wie es eigentlich üblich wäre, berichtete CBS News.

Was ist Pentobarbital?
Ein stark wirksames Barbiturat, das das zentrale Nervensystem dämpft. Es verlangsamt die Aktivität der Nervenzellen im Gehirn und Rückenmark. In hoher Dosierung führt es zu Bewusstlosigkeit sowie zum Aussetzen der Atmung (Atemlähmung) und des Kreislaufs. Früher wurde es als Schlaf- und Beruhigungsmittel oder zur Einleitung von Narkosen in der Humanmedizin genutzt. Da es aber eine sehr geringe therapeutische Breite besitzt, sprich der Abstand zwischen wirksamer und tödlicher Dosis ist gering, wird es dafür kaum noch verwendet.

Wo findet Pentobarbital noch Anwendung?
In der Veterinärmedizin dient es zum schmerzfreien Einschläfern von Tieren. Bei der Sterbehilfe und beim assistierten Suizid wird es wegen seiner zuverlässigen und schmerzlosen Wirkung ebenfalls in letaler Dosis eingesetzt. Und in einigen US-Bundesstaaten kommt es eben bei Hinrichtungen zum Einsatz.

Wie ging es mit der zum Tode verurteilten Christa Pike weiter?
Die Zeugen der Urteilsvollstreckung berichteten hinterher von verstörenden Szenen. Pike habe nach der Injektion, als sieeigentlich bereits hätte tot sein sollen, zunächst den Kopf gehoben und gesagt, dass der Arm, wo sie die Injektion erhalten habe, weh tue und brenne und ob das normal sei. Danach sei sie offenbar in einen Schlaf gefallen und habe deutlich hörbar für alle Zeugen geschnarcht.

Was passierte daraufhin?
Die Vorhänge zum Zeugenraum wurden nach etwa 35 Minuten geschlossen – zu diesem Zeitpunkt war allen Beobachtern klar, dass Christa Pike noch lebte und die Vollstreckung offenkundig gescheitert war. Über das Mikrofon, das nach wie vor alles aus dem Hinrichtungsraum übertrug, hörten die Zeugen, dass der Frau offenbar eine zweite Dosis verabreicht wurde, schreibt der Spiegel.

Und die zweite Dosis tat ebenfalls keine Wirkung?
Offenkundig nicht. Die Zeugen verharrten weiter in dem Raum, bis um 20.53 Uhr schließlich auch das Mikrofon abgestellt wurde und man sie bat, den Raum zu verlassen. Es müssen gespenstische Szenen gewesen sein.

John North vom lokalen Fernsehsender WBIR schildert nach der missglückten Hinrichtung seine Eindrücke und Wahrnehmungen
John North vom lokalen Fernsehsender WBIR schildert nach der missglückten Hinrichtung seine Eindrücke und Wahrnehmungen
via REUTERS

Was passierte dann?
Auf dem Gefängnishof fuhren Einsatzfahrzeuge vor und brachten Christa Pike, die nach wie vor lebte, in ein Krankenhaus, wo sie seither behandelt wird.

Weiß man, wie es ihr geht?
Nein, ihre Anwälte wissen nach eigenen Angaben weder, in welchem Krankenhaus sie liegt noch, wie es ihr gesundheitlich geht.

Kann es bei einer nicht-tödlichen Überdosierung von Pentobarbital zu Nebenwirkungen oder dauerhaften Schäden kommen?
Ja, das ist durchaus möglich. Je nachdem, wie rasch das Präparat gewirkt hat und welche Funktionen des Körpers es verlangsamt hat, kann es durch Sauerstoffmangel zu dauerhaften Hirnschädigungen, aber auch zu Schäden am Herz-Kreislauf-System, an den Nieren oder an den Lungen kommen.

Was geschah, nachdem die Verurteilte ins Krankenhaus gebracht worden war?
Nachdem Pike auch nach der zweiten Barbitural-Gabe noch lebte, setzte der Gouverneur die Hinrichtung aus und ordnete eine umfassende externe Überprüfung der Geschehnisse an.

Gibt es für solche Situationen kein vorgegebenes Protokoll?
Doch, und das Gefängnis betonte, man habe jeden Schritt des gesetzlich festgelegten und vom Büro des Generalstaatsanwalts genehmigten Hinrichtungsprotokolls eingehalten. Laut Berichten der New York Times sieht Tennessees Protokoll einen zweiten Satz Spritzen vor, falls die erste Dosis nicht zum Tod führt. Was danach geschieht, wenn die Person auch nach der zweiten Dosis lebt, bleibt laut den vorliegenden Informationen allerdings offen.

Was sagen Christa Pikes Anwälte?
Die Verteidigung spricht von einem erneuten Versagen des Staates Tennessee. Sie verwies laut BBC auf einen schwierigen Venenzugang, beschädigte Venen, abgebautes Pentobarbital, fehlende Notfallversorgung und ein Protokoll, das ihrer Ansicht nach von Geheimhaltung geprägt sei. Schon vor der Hinrichtung hatten die Anwälte argumentiert, der Ablauf könne für Pike qualvoll werden.

Ein Bild vom 30. März 1996 aus dem Gerichtssaal, kurz nachdem Christa Pike zum Tode verurteilt worden war. Sie war zum Zeitpunkt der Tat knapp über 18 Jahre alt
Ein Bild vom 30. März 1996 aus dem Gerichtssaal, kurz nachdem Christa Pike zum Tode verurteilt worden war. Sie war zum Zeitpunkt der Tat knapp über 18 Jahre alt
via REUTERS

Wie rechtfertigt der Staat Tennessee sein Vorgehen?
Die Strafvollzugsbehörde weist den Vorwurf eines Protokollbruchs zurück. Sie erklärte, das verwendete Mittel habe sich in dem Verfahren bisher als wirksam erwiesen, zugleich lasse das Protokoll keine zusätzlichen Maßnahmen über das Durchgeführte hinaus zu.

Warum war die Hinrichtung überhaupt so umkämpft?
Noch am Hinrichtungstag lieferten einander Gerichte und Anwälte ein juristisches Tauziehen um den verordneten Tod der Delinquentin. Ein Berufungsgericht wollte den Fall kurz anhalten, um neue Einwände zu prüfen. Der Supreme Court, der Oberste Gerichtshof der USA, hob diesen Aufschub kurz danach wieder auf und erlaubte die Hinrichtung – gegen den Widerspruch der drei Richterinnen Sonia Sotomayor, Elena Kagan und Ketanji Brown Jackson.

Worum ging es bei den letzten Einwänden der Verteidigung?
Pikes Anwälte argumentierten, ihre erste Verteidigung bei jenem Prozess, bei dem sie zum Tode verurteilt wurde, habe ihre massive Belastung durch Missbrauch in der Kindheit nicht ausreichend eingebracht. Außerdem verwiesen sie auf psychische Erkrankungen und weitere medizinische Probleme. Entscheidend war aus ihrer Sicht die Frage, ob eine Jury heute unter denselben Umständen noch einmal ein Todesurteil gegen Christa Pike verhängen würde.

Wofür wurde Christa Pike verurteilt?
Die heute 50-Jährige sitzt bereits seit 1995, also seit 31 Jahren in Haft. Seinerzeit tötete sie gemeinsam mit ihrem damaligen Freund und einer weiteren Person ihre frühere Mitschülerin Colleen Slemmer. Gerichtsakten beschreiben die Tat als besonders brutal. Die Täter folterten ihr Opfer mit einem Messer, ritzten ihr ein Pentagramm in die Brust und schlugen ihr schließlich den Schädel ein.

Warum wird über ihr Alter zur Tatzeit so viel gesprochen?
Pike war zum Zeitpunkt des Verbrechens gerade erst 18 Jahre alt geworden. Wäre sie nur wenige Monate jünger gewesen, hätte ihr in Tennessee die Todesstrafe nicht gedroht. Ihre Unterstützer verweisen zudem darauf, dass sie in der modernen Ära der US-Todesstrafe die einzige Gefangene gewesen wäre, die für ein Verbrechen im Alter von 18, 19 oder 20 Jahren hingerichtet worden wäre.

Gab es Punkte, die damals zu ihren Gunsten hätten sprechen können?
Christa Pike kam aus verwahrlosten Verhältnissen, war als Kind missbraucht und als Jugendliche mehrfach vergewaltigt worden. LAut ihren Anwälten wurden diese Fakten bei dem Prozess seinerzeit viel zu wenig berücksichtigt. Auch unbehandelte psychische Erkrankungen wurden angeführt. Pikes Anwälte betonten zuletzt, sie habe sich im Gefängnis verändert, Reue gezeigt und inzwischen eine Behandlung für ihre psychischen Erkrankungen erhalten.

Christa Pike bei einer Gerichtsanhörung im Jahr 2007: Wurden bei ihrer Verurteilung psychische Erkrankungen übersehen?
Christa Pike bei einer Gerichtsanhörung im Jahr 2007: Wurden bei ihrer Verurteilung psychische Erkrankungen übersehen?
via REUTERS

Wie selten wäre diese Hinrichtung gewesen?
Pike wäre die erste Frau gewesen, die der Bundesstaat Tennessee seit mehr als 200 Jahren hinrichtet. Frauen stellen in den USA nur rund ein Prozent der Todestrakt-Häftlinge. Seit der Wiederaufnahme der Todesstrafe 1976 wurden in den Vereinigten Staaten laut den vorliegenden Daten nur 18 Frauen hingerichtet, aber 1.663 Männer.

Gab es in Tennessee schon einmal Probleme mit Hinrichtungen?
Ja. Es war bereits das zweite Mal in diesem Jahr, dass eine Hinrichtung im Bundesstaat nicht planmäßig verlief. Erst im Mai wurde die Exekution von Tony Carruthers abgesagt, weil das medizinische Personal keine Vene fand, um das tödliche Mittel zu verabreichen.

Wie geht es jetzt weiter?
Unklar ist vor allem, in welchem gesundheitlichen Zustand Christa Pike jetzt ist und wie der Staat nach diesem gescheiterten Hinrichtungsversuch weiter vorgehen will. Gouverneur Bill Lee ließ die letzte noch verbleibende, für heuer geplante Hinrichtung stoppen und eine externe Prüfung der Umstände anordnen. Als Nächstes wird entscheidend sein, was diese Untersuchung zu Ablauf, Verantwortung und möglichen Folgen für Tennessees Hinrichtungspraxis ergibt.

Besteht die grundsätzliche juristische Möglichkeit, dass der Staat nun dafür sorgt, dass Christa Pike gesund gepflegt wird und danach zurück in die Todeszelle kommt, um abermals hingerichtet zu werden?
Ja, das wäre juristisch jedenfalls nicht auszuschließen. Das Gesetz sieht in den USA keine "Wenn du deine eigene Hinrichtung überlebst, darfst du weiterleben"-Klausel vor. Es wird jetzt darauf ankommen, wie sich die Lage weiter entwickelt. Und nicht zuletzt auch darauf, wie die Öffentlichkeit die ganze Sache aufnimmt. In jedem Fall zeigen die Geschehnisse aber die ganze Absurdität des amerikanischen Todesstrafen-Procederes auf.

NewsFlix Redaktion
Akt. 01.10.2026 16:39 Uhr