NewsFlix.at Logo
Soldat tötete KAmeraden

Wie im Mittelalter: USA wollen Hinrichtung per Livestream übertragen

Das gab es noch nie: Ein US-Soldat, der auf einer Militärbasis das Feuer auf Kameraden eröffnete und dabei 13 Menschen tötete, soll vor laufender Kamera sterben – und die ganze Welt soll dabei zusehen können. Das kündigte US-"Kriegsminister" Pete Hegseth nun an.

Lässt erstmals seit mehr als 60 Jahren einen US-Soldaten hinrichten – und das Spektakel live im Internet übertragen: "Kriegsminister" Pete Hegseth
Lässt erstmals seit mehr als 60 Jahren einen US-Soldaten hinrichten – und das Spektakel live im Internet übertragen: "Kriegsminister" Pete HegsethREUTERS/Eric Lee
Martin Kubesch
Akt. 09.10.2026 06:42 Uhr

Ein Erschießungskommando, eine Militärbasis in Texas, ein Todeskandidat, Millionen Zuschauer an den Bildschirmen. Was nach einem dystopischen Science-Fiction-Film klingt, könnte schon in wenigen Wochen grausame Realität werden.

Erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg soll ein zum Tode verurteilter Häftling in den USA durch ein militärisches Erschießungskommando hingerichtet werden. Und erstmals überhaupt in der Geschichte soll die Öffentlichkeit per Livestream dabei zusehen können. Wie die BBC berichtet, hat US-Verteidigungsminister Pete Hegseth die öffentliche Übertragung der Hinrichtung von Nidal Hasan angekündigt.

Weshalb sich die USA damit freiwillig auf eine Stufe mit Ländern wie dem Iran und Afghanistan stellen wollen, wie Präsident Trump zu dieser Entscheidung steht und warum noch nicht einmal klar ist, wie verhindert werden soll, dass auch Minderjährige die Hinrichtung streamen – so plant Amerika, sich selbst freiwillig ins düstere Mittelalter zurückzuversetzen:

2009 tötete der Major und Militärpsychiater Nidal Hasan 13 Menschen und verwundete 30 weitere, weil er "Taliban-Führer vor dem US-Militär schützen" wollte
2009 tötete der Major und Militärpsychiater Nidal Hasan 13 Menschen und verwundete 30 weitere, weil er "Taliban-Führer vor dem US-Militär schützen" wollte
Reuters

Wer ist Nidal Hasan?
Nidal Malik Hasan war Major und Psychiater bei der US-Armee. Am 5. November 2009 eröffnete er auf dem Militärstützpunkt Fort Hood in Texas das Feuer auf Soldaten und Zivilisten. Er tötete 13 Menschen und verletzte mehr als 30 weitere. Es war der tödlichste Anschlag auf einer US-Militärbasis, der nicht im Kampfeinsatz stattfand.

Warum hat er das getan?
Vor Gericht gab Hasan an, er habe Taliban-Führer vor amerikanischen Soldaten schützen wollen. Er entschuldigte sich bei den Familien seiner Opfer für den Schmerz, den er verursacht habe. Der im US-Bundesstaat Virginia geborene Offizier war vor der Tat als Psychiater für Soldaten mit Kriegstrauma zuständig gewesen.

Wann und wo soll die Hinrichtung stattfinden?
Die Hinrichtung ist für den 3. Dezember 2026 auf dem Militärstützpunkt Fort Hood in Texas geplant. Es ist derselbe Ort, an dem Hasan 2009 sein Blutbad anrichtete. Präsident Donald Trump hat die Hinrichtung auf Empfehlung von Verteidigungsminister Pete Hegseth genehmigt.

Warum ein Erschießungskommando?
Bei militärischen Hinrichtungen in den USA ist das Erschießungskommando traditionell vorgesehen. Die letzte militärische Hinrichtung durch Erschießen fand allerdings im Jänner 1945 statt, als der Deserteur Eddie Slovik in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs erschossen wurde.

Wann gab es zuletzt eine militärische Hinrichtung?
Die letzte militärische Hinrichtung in den USA fand 1961 statt. Damals wurde der US-Soldat John Arthur Bennett in Fort Leavenworth in Kansas gehängt, nachdem er 1954 als Besatzungssoldat in Österreich in alkoholisiertem Zustand ein elfjähriges Mädchen in Salzburg vergewaltigt hatte und danach versuchte, es zu ermorden. Das Kind überlebte und bat später, gemeinsam mit seinen Eltern, um Gnade für den Delinquenten. Präsident Dwight D. Eisenhower hatte die Hinrichtung zuvor genehmigt, sein Nachfolger John F. Kennedy lehnte das Gnadengesuch ab.

Was bedeutet die Livestream-Ankündigung?
Verteidigungsminister Hegseth sagte in einem Interview mit dem konservativen Fernsehsender Real America's Voice, dass Hasan "von einem Erschießungskommando hingerichtet werden wird. Und das ist auch gut so." Und er bestätigte, dass die Öffentlichkeit die Hinrichtung werde sehen können. Ein Pentagon-Sprecher erklärte später gegenüber der BBC, dass die Hinrichtung per Livestream übertragen werden soll. Wo und unter welchen Umständen der Stream zu sehen sein wird, ist noch unklar.

Das Attentat des Ex-Offiziers fand auf dem Stützpunkt Fort Hood in Texas statt. Hier soll er jetzt auch öffentlich hingerichtet werden
Das Attentat des Ex-Offiziers fand auf dem Stützpunkt Fort Hood in Texas statt. Hier soll er jetzt auch öffentlich hingerichtet werden
REUTERS/Jessica Rinaldi

Ist das rechtlich überhaupt erlaubt?
Es gibt keinen modernen Präzedenzfall für eine öffentlich übertragene Hinrichtung in den USA. Zwar verlangen einige Bundesstaaten, dass Journalisten als Zeugen bei Hinrichtungen anwesend sind, und Verurteilte dürfen Gäste zu ihrer Hinrichtung einladen. Eine Übertragung ins Internet wäre jedoch völlig neu.

Kann die Hinrichtung noch verhindert werden?
Das ist laut BBC noch möglich. Der Anwalt John Mills, der mit zum Tode Verurteilten arbeitet, weist darauf hin, dass das Berufungsverfahren im Fall Hasan noch nicht abgeschlossen ist. Hasan könnte eine Überprüfung vor einem Bundesgericht beantragen, was die Hinrichtung wahrscheinlich aufschieben würde.

Wie steht US-Präsident Trump zur Todesstrafe?
Trump ist ein langjähriger Befürworter der Todesstrafe. In seiner ersten Amtszeit ließ die Bundesregierung 13 Hinrichtungen durchführen, nachdem 17 Jahre lang niemand auf Bundesebene hingerichtet worden war. Nach seiner Rückkehr ins Amt im Jänner 2025 hob Trump das Hinrichtungsmoratorium seines Vorgängers Joe Biden sofort auf.

Welche Länder führen öffentliche Hinrichtungen durch?
Öffentliche Hinrichtungen sind weltweit extrem selten und finden nur mehr in Ländern mit einer äußerst rückständigen Menschenrechtslage statt. Laut Amnesty International gab es 2025 nur in zwei Ländern bekannte öffentliche Hinrichtungen: Im Iran wurden elf, in Afghanistan sechs Menschen öffentlich hingerichtet. Auch in Saudi-Arabien wurde bis ins 21. Jahrhundert Menschen öffentlich hingerichtet, zuletzt kam es dazu aber nicht mehr. Die USA gehörten bisher nicht zu diesen Ländern.

Weltweit richten überhaupt nur mehr zwei Länder Todeskandidaten öffentlich hin, der Iran und Afghanistan. In den USA fand noch nie eine Hinrichtung öffentlich statt
Weltweit richten überhaupt nur mehr zwei Länder Todeskandidaten öffentlich hin, der Iran und Afghanistan. In den USA fand noch nie eine Hinrichtung öffentlich statt
REUTERS/Francois Lenoir

Was sagen Kritiker dazu?
Rechtsexperten beobachten die Entwicklung mit Sorge. Eine Professorin weist darauf hin, dass ein Livestream wichtige Fragen aufwirft: Gibt es Altersbeschränkungen? Wie wird verhindert, dass Minderjährige zusehen? Die meisten Social-Media-Plattformen verbieten explizite Gewaltinhalte. Dazu kommt die grundsätzliche Frage: Welche Botschaften möchte ich transportieren, wenn ich mich dazu entschließe, eine derart rigorose Strafe vor Millionen Menschen durchführen zu lassen? Was sagt das über den generellen Zustand eines Landes und seiner Gesellschaft aus? Die möglichen Antworten auf diese Fragen sind in jedem Fall sehr beunruhigend.

Martin Kubesch
Akt. 09.10.2026 06:42 Uhr