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Kehlkopf entfernt

Doskozil-Arzt erklärt OP: "Sprechen mit Stimmprothese muss man lernen"

Wie schnell kann man wieder sprechen? Klingt die Stimme anders? Was ist mit dem Geruchssinn? Und: Gehen Krawatten noch? Andreas Dietz operierte über Ostern Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil den Kehlkopf weg. Das sagt er über Eingriff und Folgen.

Doskozil-Arzt: Andreas Dietz, Facharzt für HNO-Heilkunde am Universitätsklinikum Leipzig und eine Koryphäe im Bereich der Kehlkopfchirurgie
Doskozil-Arzt: Andreas Dietz, Facharzt für HNO-Heilkunde am Universitätsklinikum Leipzig und eine Koryphäe im Bereich der KehlkopfchirurgieUniversitätsklinikum Leipzig / Stefan Straube
Martin Kubesch
Akt. 07.04.2026 23:40 Uhr

Acht Jahre und zehn Operationen: Die medizinische Leidensgeschichte von Hans Peter Doskozil ist lang. Der burgenländische Landeshauptmann litt unter einer fortschreitenden Verknöcherung des Kehlkopfes. Das Sprechen fiel ihm dadurch zuletzt immer schwerer, die Abstände zwischen den Eingriffen, bei denen jedes Mal aufs Neue verknöchertes Gewebe entfernt werden musste, wurden immer kürzer.

Kurz vor Ostern zogen die Ärzte nun die Notbremse: Im Zuge einer Kontrolluntersuchung am Universitätsklinikum Leipzig, wo der 55-Jährige bereits seit Jahren in Behandlung ist, wurde kurzfristig ein OP-Termin anberaumt. Dabei wurde Doskozil der komplette Kehlkopf entfernt. Stattdessen bekam der SPÖ-Politiker ein kleines Ventil eingesetzt, das ihn künftig beim Sprechen unterstützen wird.

Empfohlen wurde der Eingriff von Professor Andreas Dietz, Facharzt für HNO-Heilkunde, seit Jahren behandelnder Arzt des burgenländischen Landeshauptmannes, und eine Koryphäe im Bereich der Kehlkopfchirurgie.

Laut Dietz bedeute der Eingriff für Doskozil die Befreiung von seiner langjährigen chronischen Erkrankung: "Landeshauptmann Doskozil wird nach einer entsprechenden Regenerations- und Trainingsphase wieder gut und voraussichtlich sogar besser sprechen können als zuvor."

Bis dahin stehen Doskozil allerdings einige tiefgreifende Veränderungen bevor. Denn der Eingriff gilt zwar mittlerweile als medizinische Routine. Er bedeutet aber für die Betroffenen und ihr Umfeld trotzdem eine gewaltige Umstellung ihrer Lebensumstände. So muss der Landeshauptmann in den kommenden Wochen etwa das Sprechen und Riechen sowie das bewusste Atmen vollkommen neu lernen. Und auch sonst kommen auf den 55-Jährigen einige drastische Veränderungen zu.

NewsFlix sprach mit Doskozil-Arzt Andreas Dietz über die Details solcher OPs, wie moderne Medizintechnik hilft, die Lebensqualität der Patienten zu verbessern und wie oft solche Eingriffe vorgenommen werden müssen. Das muss man über Doskozil-OP wissen:

Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil: Es dauert zwei bis vier Wochen, ehe man die ersten Worte verständlich aussprechen kann
Burgenlands Landeshauptmann Hans Peter Doskozil: Es dauert zwei bis vier Wochen, ehe man die ersten Worte verständlich aussprechen kann
APA-Images / Die Presse / Clemens Fabry

Woran war Hans Peter Doskozil erkrankt?
Er litt unter einer chronischen Verknöcherung des Kehlkopfes. Diese erschwerte ihm zunehmend das Atmen und schränkte zudem die Funktion seiner Stimmbänder immer mehr ein, wodurch Burgenlands Landeshauptmann zunehmend Probleme beim Sprechen hatte.

Seit wann bestanden diese Einschränkungen?
Doskozil musste sich erstmals 2018 aufgrund anhaltender Heiserkeit einer OP an den Stimmbändern unterziehen.

Wie ging es weiter?
In den folgenden Jahren wurde Doskozil immer wieder deshalb operiert. Insgesamt musste er sich zehn Eingriffen unterziehen.

Was ist jetzt geschehen?
"Der chronische Charakter der Erkrankung und die mittlerweile zehn Eingriffe haben als Gesamtbild dazu geführt, dass die Funktion des Kehlkopfes nicht mehr aufrechtzuerhalten war", so Doskozils Arzt, Professor Andreas Dietz vom Universitätsklinikum Leipzig in einer Aussendung. "Gleichzeitig wurde das Atmen zunehmend erschwert, und das Risiko weiterer, sehr kurzfristiger Operationen blieb hoch."

Was war die unmittelbare Folge dieser Diagnose?
Man entschloss sich zu einer umgehenden Laryngektomie, also einer vollständigen Entfernung des Kehlkopfes.

So kurzfristig?
Ja, es ging alles sehr schnell. Doskozil kam am Mittwoch der Karwoche zur Kontrolle nach Leipzig. Dort wurde festgestellt, dass es neuerlich zu einer schneller als bislang fortschreitenden Verknöcherung an seinem Kehlkopf gekommen ist.

Acht Jahre und zehn Operationen dauerte die medizinische Leidensgeschichte von Hans Peter Doskozil, ehe ihm nun der Kehlkopf enfernt werden musste
Acht Jahre und zehn Operationen dauerte die medizinische Leidensgeschichte von Hans Peter Doskozil, ehe ihm nun der Kehlkopf enfernt werden musste
Getty Images

Hätte man diese nicht wie bisher entfernen können?
Das hätte man gekonnt. Jedoch hätte das mit großer Wahrscheinlichkeit weitere Eingriffe in kurzen Abständen erforderlich gemacht. Daher hat sich der Landeshauptmann auf Empfehlung von Professor Dietz zu einer umfassenden Operation entschieden.

Was passiert bei einer Laryngektomie?

  • Der komplette Kehlkopf wird operativ entfernt.
  • Die Luftröhre (Trachea) wird danach vom Rachenraum getrennt und auf Höhe, wo der Kehlkopf lag, nach außen an den Hals verlegt.
  • So entsteht ein dauerhaftes Atemloch am Hals, das sogenannte Tracheostoma. Die Atemluft wird ab dann nicht mehr über Nase oder Mund in die Lungen geführt, sondern nur mehr über dieses Atemloch.

Warum macht man das so?
Weil der Kehlkopf fehlt, um die Luftröhre zu verschließen. "Der Kehlkopf hat ja in erster Linie die Aufgabe, dass er beim Schlucken die Atmung von dem, was geschluckt wird, trennt, sonst würden Speisen oder Getränke direkt in die Lunge gehen", so Universitätsprofessor Dietz. "Das ist ein ausgeklügelter Prozess, der unwillkürlich geschieht, wobei die innere Zunge den Kehlkopf nach vorn zieht."

Was passiert, wenn Kehlkopf nicht mehr vorhanden ist?
Das werden die beiden Funktionen – Atmen und Schlucken – räumlich voneinander getrennt.

Was heißt das?
Die Atemluft kommt nur mehr über die Öffnung im Hals in die Lungen. Es besteht keine innere Verbindung mehr zwischen dem Mund-/Rachenraum und den Lungen (siehe auch Video unten).

Was bedeutet das für den Mund?
Er ist physiologisch nur mehr dazu da, Flüssigkeiten und Nahrung aufzunehmen. Beides wird direkt über die Speiseröhre (diese liegt hinter der Luftröhre im Hals) in den Magen befördert. Die Öffnung der Speiseröhre ist auch nach der Kehlkopf-Entfernung vorhanden und intakt.

Wie funktioniert das Sprechen?
Bei einem Menschen, dessen Kehlkopf intakt ist, wird beim Sprechen die Luft aus den Lungen nach oben gedrückt. "Der Kehlkopf öffnet sich und die feinen Stimmlippen, die eine Engstelle in der Mitte des Kehlkopfes darstellen, gehen zusammen und erzeugen einen Ton", erklärt HNO Andreas Dietz. "Die Stimme ist eigentlich nur ein Nebenprodukt des Kehlkopfes."

Sind Stimmlippen und Stimmbänder dasselbe?
Nein, obwohl die Begriffe oft synonym verwendet werden. Die Stimmlippe ist die gesamte funktionelle Struktur im Kehlkopf, während die Stimmbänder nur einen Teil davon darstellen. Stimmbänder sind elastische Bänder im mittleren Teil der Stimmlippen, sie geben diesen Stabilität und sorgen gleichzeitig für die Tonhöhe der Worte.

Und wie kann jetzt jemand sprechen, der keinen Kehlkopf – und damit auch keine Stimmlippen – mehr hat?
Über eine sogenannte Sprech- bzw. Stimmprothese, die in den Hals eingesetzt wird. Dabei handelt es sich um ein kleines Ventil, das die Luftröhre mit der Speiseröhre verbindet und das als Tongeber die Stimmlippen ersetzt.

Wie funktioniert das im Detail?
Beim Sprechen wird die Luft auch weiterhin aus den Lungen nach oben gedrückt. Damit diese nicht durch das Atemloch im Hals geräuschlos austritt, muss die Person das Atemloch mit einem Finger zuhalten.

Gibt es dazu eine Alternative?
Ja, Ventile, die das Atemloch selbstständig kurzzeitig verschließen. Auf die Art wird die Luft aus den Lungen durch die Stimmprothese in die Speiseröhre gepresst.

Wie werden solche Ventile im Atemloch angebracht?
Sie werden aufgeklebt, wie mit einem großen Heftpflaster. Das sind üblicherweise Einmal-Prothesen, die verwendet und danach entsorgt werden. Das Atemloch muss ja auch regelmäßig gesäubert und desinfiziert werden, um Infektionen zu vermeiden.

Okay, die Luft wird also durch die Stimmprothese in die Speiseröhre gepresst. Aber der Kehlkopf ist ja weg – was schwingt jetzt stattdessen, um aus der Luft einen Ton zu formen?
Im Übergang zwischen Rachen und Speiseröhre gibt es eine Engstelle. Die hier von unten nach oben strömende Luft bringt das Gewebe in diesem Bereich zum Schwingen und es entsteht ein Ton, vergleichbar mit jenen, wie sie früher durch die Stimmlippen entstanden sind.

Klingen die Töne gleich?
Sie klingen jedenfalls ähnlich. Meistens klingen die Töne aus Stimmprothesen rauer, kratziger, tiefer und weniger variabel, aber grundsätzlich ist die Stimme der Person nicht so anders als vor dem Eingriff (siehe auch Video oben).

Ist das eigentlich vergleichbar mit jenen Sprechgeräten, die man sich an den Hals hält, um sprechen zu können?
"Nein, diese sogenannten Elektrolarynx-Geräte imitieren eine Stimme anhand der Schwingungen des Mundbodens sowie der Zungenbewegung", so Professor Dietz. "Das ist eine rein elektronisch generierte Stimme und hat nichts mit der Stimme, wie sie durch eine Sprechprothese entsteht, zu tun."

Aber wie werden aus den Tönen, die durch die Sprechprothese in den Mundraum kommen, Worte?
Worte und Geräusche werden von Zunge, Lippen und Gaumen geformt. Aber das ist auch so, wenn man noch einen Kehlkopf hat. Hier gibt es keinen Unterschied.

Wie gut kann man sich mit einer solchen Stimmprothese artikulieren?
Im Grunde genauso gut, als würde man noch einen Kehlkopf haben. Allerdings: "Man muss das Sprechen mit einer Stimmprothese lernen", so Andreas Dietz. "Das passiert mithilfe von spezialisierten Logopäden".

Was muss man dabei lernen?
Es geht vor allem darum, die Luft gezielt umzuleiten, so die "neue Stimme" zu kontrollieren und gleichzeitig die Worte deutlich zu artikulieren, um möglichst gut verstanden zu werden.

Mit Ehefrau Julia und seinen beiden Kindern aus erster Ehe besprach Hans Peter Doskozil den folgenschweren Eingriff
Mit Ehefrau Julia und seinen beiden Kindern aus erster Ehe besprach Hans Peter Doskozil den folgenschweren Eingriff
FOTO: APA/HANS KLAUS TECHT

Wie lange dauert es in der Regel, bis man sich nach einem solchen Eingriff verständlich artikulieren kann?
Je nach individuellen Umständen dauert es im Schnitt zwei bis vier Wochen, bis man erste Worte und Sätze verständlich aussprechen kann. Eine flüssige Alltagssprache wird im Normalfall zwischen vier und acht Wochen nach dem Eingriff erreicht.

Wird Landeshauptmann Doskozil dann so klingen, wie er zuletzt mit dem beschädigten Kehlkopfgewebe geklungen hat?
Das bleibt abzuwarten. Sein behandelnder Arzt, Professor Dietz, geht jedenfalls davon aus, dass Doskozil "vollständig genesen" wird und künftig eine "deutlich höhere Belastbarkeit" seiner Stimme haben wird als zuletzt.

Wie häufig werden solche Eingriffe eigentlich durchgeführt?
Öfter als man denkt. In Deutschland, wo die HNO-Klinik von Professor Dietz in Leipzig als das Maß der Dinge in der Behandlung derartiger Krankheitsbilder gilt, werden nach Schätzung des Experten pro Jahr etwa 1.000 Laryngektomien durchgeführt.

Was sind die häufigsten Ursachen für solch einen Eingriff?
Mit Abstand häufigste Ursache ist eine Krebserkrankung, entweder direkt des Kehlkopfes, oder eine andere Krebs-Form, bei der der Kehlkopf in Mitleidenschaft gezogen wird, etwa durch eine Bestrahlung. Krankheiten wie jene chronische Verknöcherung, an der Hans Peter Doskozil erkrankt war, stellen nur einen Bruchteil der Fälle dar – Dietz schätzt, dass nur jeder zehnte bis 20. Fall einer vollständigen Kehlkopfentfernung in Deutschland auf solche Ursachen zurückzuführen ist.

Gibt es eigentlich Risikofaktoren, die Gefahr, an Kehlkopf-Krebs zu erkranken, erhöhen?
"Auf jeden Fall", sagt HNO-Experte und Doskozil-Arzt Andres Dietz: Ganz oben auf der Liste stehe, wenig überraschend, Tabakkonsum. "Und mit etwas Abstand folgt Alkohol als Risikofaktor", so der Universitätsprofessor.

Seit wann werden Kehlkopferkrankungen überhaupt auf diese Art behandelt?
Bereits überraschend lange. Laut Andreas Dietz ist diese Form der Behandlung seit "20 bis 30 Jahren Standard" und wird weltweit hunderttausende Male pro Jahr angewandt. Wobei es "in den letzten zehn Jahren noch einmal eine Weiterentwicklung gegeben habe: "Das ist mittlerweile ein sehr ausgereiftes und bewährtes System und klinische Routine", so der Fachmann.

Kehlkopfkrebs ist mit Abstand die häufigste Ursache für eine Laryngektomie
Kehlkopfkrebs ist mit Abstand die häufigste Ursache für eine Laryngektomie
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Gibt es weitere Einschränkungen durch diese Form der Therapie?
Ja, es gibt noch eine massive Einschränkung: Personen, die diesen Eingriff hinter sich gebracht haben, verlieren ihren Geruchssinn. Oder besser gesagt, sie verlieren ihn nicht, aber er kann kaum mehr eingesetzt werden.

Wie kommt es dazu?
Die Schleimhäute, auf denen die Riechzellen liegen, befinden sich in der Nase. Nachdem Personen nach einer Laryngektomie aber ausschließlich durch das Loch im Hals atmen, werden die Riechzellen nicht mehr von frischer Luft umspült und verlieren nach und nach ihre Fähigkeit.

Ist das unumstößlich?
Nein, es gibt schon eine Möglichkeit, seinen Geruchssinn zumindest eingeschränkt zu behalten. Die Personen müssen lernen, bewusst Luft durch die Nase einzusaugen, auch wenn diese nicht mehr in die Lungen kommt. Aber so können sie die Riechfähigkeit der Nase "trainieren" und der Sinn geht nicht vollständig verloren. Aber wie das Sprechen, muss auch diese Funktion quasi neu "gelernt" werden.

Wie wird das Atemloch im Hals eigentlich verdeckt?
Dafür gibt es verschiedene Methoden. Üblicherweise wird das Loch mit einem Ventil bedeckt, das meist auch noch eine Membran hat, die mit einem großen Heftpflaster auf die Haut geklebt und regelmäßig gewechselt wird. Diese Membran erwärmt und befeuchtet die Atemluft, wie es früher die Nase getan hat, ehe diese in die Lunge weiter strömt. Ob man diese Ventile mit einem leichten Tuch verdeckt oder offen lässt, obliegt jedem Patienten selbst.

Kann man nach so einem Eingriff noch Krawatten tragen?
Eingeschränkt geht das, ja. Allerdings nur, wenn man den Knoten nur sehr leicht bindet und dieser nicht direkt auf dem Atemloch zu liegen kommt. Sonst kann einem rasch die Luft wegbleiben, im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Betroffene verdecken diesen Bereich ihres Körpers lieber mit dünnen Schals oder Halstüchern. Es gibt aber auch spezielle medizinische Abdeckungen, unter denen man sein Tracheostoma verbergen kann.

Wie lange wird die Genesung von Hans Peter Doskozil dauern?
Doskozil wird noch etwa zehn Tage im Krankenhaus bleiben und danach eine mehrwöchige Regeneration absolvieren, auch um das Sprechen mit der neuen Sprechprothese zu üben. Mit seinem Mitarbeiterstab sei er aber bereits jetzt schon wieder laufend per Handy-Messages in Kontakt, so das Landeshauptmann-Büro.

Martin Kubesch
Akt. 07.04.2026 23:40 Uhr