Betrunkene Fluggäste, übergriffiges Verhalten oder rücksichtsloses Benehmen: Nie gab es so viele Zwischenfälle an Bord wie heute. Womit Flugbegleiter zu kämpfen haben, welche Nationalitäten sich am auffälligsten benehmen und was Rüpel-Passagieren droht.

"Über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein …" Der Klassiker des deutschen Chansonniers Reinhard Mey trifft die Situation am Himmel heute so gut wie zur Zeit seiner Entstehung in den 1970ern. Mit einem Unterschied: Bezog sich der Sänger auf die unendliche Freiheit am damals noch bei weitem nicht so bevölkerten Himmel der Zivilluftfahrt, so sind es heute vor allem die Freiheiten, die sich immer mehr Passagiere gegenüber den Flugbegleitern herausnehmen, die zunehmend die Grenzen des Rechtmäßigen überschreiten.
Die britische Zeitung Guardian hat mit dem Kabinenpersonal mehrerer Airlines gesprochen, wie man sich den Status quo am Himmel vorzustellen hat. Dabei reichen die geschilderten Vorfälle von verbalen Attacken bis zu körperlichen Übergriffen.
Weshalb es immer mehr Passagieren "den Vogel raushaut", sobald ihr Transportmittel von der Startbahn abgehoben hat, welche Nationen sich dabei ganz besonders unrühmlich hervortun und welche Rolle Alkohol meistens spielt – so sieht es mit der grenzenlosen Freiheit am Himmel tatsächlich aus:
Worum geht es?
Die Zahl der Linienflüge nimmt von Jahr zu Jahr zu. 2025 fanden weltweit etwa 39,8 Millionen Flüge statt – das sind knapp 110.000 Flüge pro Tag. Damit liegen wir mittlerweile über Vor-Corona-Niveau. Und mit den Flugbewegungen steigt auch die Zahl der Zwischenfälle und Übergriffe an Bord. Schenkt man Umfragen unter Flugbegleitern Glauben, gab es nie zuvor so viele Passagiere, die ein unangemessenes Verhalten an den Tag legen wie heute. Schlechtes Benehmen an Bord ist für Airlines längst ein alltägliches Problem geworden.

Was erleben Flugbegleiter am häufigsten?
Alkoholbedingte Zwischenfälle stehen ganz oben auf der Liste. Dazu kommen unangemessene Annäherungsversuche, Beschwerden über Kleinigkeiten und generell unhöfliches bis rüpelhaftes Verhalten. Viele Passagiere vergessen, dass sie sich an Bord eines Flugzeugs in einem öffentlichen Raum befinden, sobald sie ihr Ticket gelöst haben.
Warum trinken Passagiere im Flugzeug so viel?
Oft trinken sie gar nicht so viel. Aber die Kabinenatmosphäre mit niedrigerem Luftdruck verstärkt die Wirkung von Alkohol. Dazu kommt bei vielen Nervosität vor dem Fliegen oder schlicht Urlaubsstimmung. Das Problem: Was am Boden zwei Gläser sind, fühlt sich in der Luft schnell wie vier an.
Dürfen Airlines betrunkene Passagiere ablehnen?
Grundsätzlich ja. Fluggesellschaften sind nicht verpflichtet, sichtlich alkoholisierte Personen an Bord zu lassen. Das Problem ist aber das Erkennen: Solange jemand noch gehen und stehen kann, kommt er oft durch die Kontrolle. Erst nach dem Start zeigt sich, wer sich schlecht benimmt.
Welche Maßnahmen ergreifen Airlines?
Einige Fluglinien durchsuchen mittlerweile Taschen nach verstecktem Alkohol. Wasserflaschen sind teilweise verboten, nachdem Passagiere sie mit Wodka gefüllt hatten. An Bord gibt es oft ein Limit von maximal drei Drinks pro Person und Flug.
Was fordert die Branche von der Politik?
Ryanair-Chef Michael O'Leary hat vorgeschlagen, dass Reisende am Flughafen höchstens zwei alkoholische Getränke pro Bordkarte kaufen dürfen. Seine Argumentation: Betrunken Auto fahren ist verboten, aber betrunken fliegen in 10.000 Metern Höhe nicht.
Wie häufig kommt es zu gewalttätigen Übergriffen?
Nach Angaben von Ryanair gibt es derzeit etwa einmal pro Woche gewalttätige Übergriffe während eines Fluges. Die Zahl der gemeldeten Vorfälle ist in den vergangenen Jahren stark gestiegen. Betroffen sind sowohl Kabinenpersonal als auch Mitreisende.

Was passiert bei einem Vorfall an Bord?
Das Kabinenpersonal ist geschult, Situationen zu deeskalieren. In schweren Fällen kann der Kapitän entscheiden, außerplanmäßig zu landen. Betroffene Passagiere werden dann der Polizei übergeben und erhalten oft ein lebenslanges Flugverbot bei der jeweiligen Airline.
Welche Flugziele gelten als besonders problematisch?
Flüge zu Party-Destinationen wie Ibiza oder bestimmten griechischen Inseln gelten als Hochrisikoflüge. Auch Tage mit vielen Verspätungen sind kritisch: Je länger Passagiere am Flughafen warten müssen, desto mehr wird getrunken.
Sind bestimmte Nationalitäten auffälliger?
Flugbegleiter berichten, dass britische Passagiere statistisch häufiger durch Alkoholexzesse auffallen. Aber auch auf Flügen aus Irland und Deutschland gibt es immer wieder Probleme. Das Phänomen betrifft dabei alle Gesellschaftsschichten, von Junggesellenabschieden bis hin zu Familien.
Was können Passagiere selbst tun?
Wasser trinken statt Alkohol ist der einfachste Rat. Das hilft gegen die Dehydrierung durch die trockene Kabinenluft und vermeidet Konflikte. Wer dennoch trinken will, sollte es bei ein bis zwei Getränken belassen und die verstärkte Wirkung in der Höhe bedenken.
Welche rechtlichen Folgen drohen Problempassagieren?
Übergriffe an Bord können strafrechtlich verfolgt werden. Je nach Schwere drohen Geldstrafen, Bewährungsstrafen oder sogar Haftstrafen. Dazu kommen zivilrechtliche Ansprüche der Airline für etwaige Kosten einer Notlandung.

Warum sind die Probleme größer geworden?
Experten nennen mehrere Faktoren: engere Sitzreihen, mehr Stress durch aufwendige Sicherheitskontrollen, die Kombination von Alkohol mit anderen Substanzen und generell sinkende Hemmschwellen. Die Pandemie hat das Aggressionspotenzial zusätzlich erhöht.
Gibt es eine Strategie, wie man dagegen vorgehen könnte, oder wird das Problem hingenommen?
Die Luftfahrtbranche arbeitet an verschiedenen Lösungsansätzen, von strengeren Alkoholkontrollen am Flughafen bis zu besserer Schulung des Personals. Ob das alleine allerdings genügen wird, um die Exzesse am Himmel wieder einzufangen, wird sich erst weisen.