jetzt fixiert

Wieso China beim EU-Extrazoll für Autos Schwein hat

Ab sofort gelten für chinesische E-Autos, die in die EU gebracht werden, Sonderzölle zwischen 17,4 und 37,6 Prozent. Bezahlt werden müssen sie vorerst aber nicht. Gründe und Hintergründe.

Kurios: Bei der Fußball-Europameisterschaft ist BYD Sponsor, zeitgleich verhängt die EU Strafzölle gegen den China-Autobauer
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Christian Nusser
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Die USA haben es längst gemacht, nun folgte auch die Europäische Union. Am Donnerstag beschloss die EU-Kommission die Einführung von "vorläufigen Einfuhrzöllen" auf E-Autos aus chinesischer Produktion. Aber man ließ sich die Fahrertür offen und das vier Monate lang. Warum das so ist und was Sie dazu wissen müssen:

Was ist der Hintergrund der Entscheidung?
Nicht nur die Amerikaner riskieren einen neuen Handelsstreit mit China. Auch die EU scheint dazu bereit, aber sie greift zur Softgun. Mitte Mai hatten die USA beschlossen, Autoimporte aus China mit bis zu 102,5 Prozent zu besteuern, nun zog die Europäische Union nach. Mit der Ankündigung von zusätzlichen Zöllen auf chinesische E-Autos dürfte sich die Stimmung zwischen China und den westlichen Industrieländern weiter verschlechtern. Wobei dazugesagt werden muss: Die Zoll-Entscheidung der EU fiel vergleichsweise moderat aus und wirkt, als wollte man China nicht zu arg provozieren.

2026 will VW ein E-Auto – Arbeitstitel momentan "ID.2all" – für unter 25.000 Euro auf den Markt bringen
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Was passiert nun?
Seit Mitternacht gelten "vorläufigen Einfuhrzölle", sie wurden gestaffelt eingeführt, bis zu 37,6 Prozent sind möglich. Da jetzt schon ein Zoll von 10 Prozent kassiert wird, kommt die maximale Höhe nahe an die 50 Prozent heran. Die EU-Kommission will damit verhindern, dass China den europäischen Markt mit billigen "batteriebetriebenen Elektrofahrzeugen" (BEV) überschwemmt.

Warum ist die Regelung "vorläufig"?
Bei den Verhandlungen mit China gab es keine Einigung, aber die Hoffnung lebt. Deshalb gelten die Einfuhrzölle einmal zeitlich befristet bis höchstens November.

Wie viel Geld erhält Europa durch die Zusatzzölle?
Vorerst keines, die Einführung der Sonderzölle wurde beschlossen, sie sind ab jetzt gültig, aber sie müssen nur in Form einer "Sicherheitsleistung" hinterlegt werden. Die Abgabe wird fällig, wenn ein E-Auto in einem europäischen Hafen ankommt. Erst wenn die Verhandlungen in den nächsten viel Monaten nicht zu einem Abschluss gebracht werden können, fließt Geld.

Warum sind die Sonderzölle gestaffelt?
Weil Autos in China unterschiedlich stark subventioniert werden. Einige Hersteller haben es zudem mit der Transparenz mit der EU nicht übertrieben, sie müssen nun einen höheren Aufschlag schlucken.

Elon Musk, Tesla-Gründer und Eigentümer von X (früher Twitter), bei einer Veranstaltung der rechten Partei "Fratelli d'Italia" am 16. Dezember 2023 in Rom
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Wie viel Sonderzölle zahlen die Hersteller?
Bei Fahrzeugen von BYD ist geplant, dass sie mit 17,4 Prozent zusätzlich versteuert werden, jene von Geely mit 19,9 Prozent, jene von SAIC 37,6 Prozent. Diesen Höchstsatz sollen alle Unternehmen zahlen, die mit der EU nicht kooperieren wollen. Für alle anderen Hersteller werden 20,8 Prozent Extrazölle ins Auge gefasst.

Welche Marken betrifft das?
Zu SAIC etwa gehört auch die Marke MG, der MG4 ist das momentan meistverkaufte chinesische E-Auto in Europa. Von Jänner bis Mai 2024 wurden 22.768 Fahrzeuge abgesetzt. An der Spitze der Statistik steht das Tesla Modell Y mit 78.861 verkauften Einheiten.

Die meistverkaufen E-Autos in der EU (Jänner bis Mai 2024)

  • Tesla Modell Y 78.861
  • Tesla Modell 3 39.574
  • Volvo EX30 30.171
  • Audi Q4 e-tron 28.119
  • Skoda Enyaq 23.481
  • Volvo XC60 PHEV 24.549
  • MG 4 22.768
  • Volvo EX/XC40 (BEV/PHEV) 22.639
  • Peugeot 208 EV 21.511
  • Volkswagen ID.4 21.117
  • BMW iX 1 20.189
Kein Autobauer verkauft in Europa mehr E-Autos als Tesla, sie kommen zum Teil aus China
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Welche Auswirkungen sind zu erwarten?
Es gibt vier Achsen der Betroffenheit. Chinesische Fahrzeuge, die in China produziert und nach Europa exportiert werden. Hier fällt der Sonderzoll an. Europäische Autobauer, die in China Autos fertigen und sie dann nach Europa bringen. Hier fällt ebenfalls der Sonderzoll an. Europäische Autobauer, die in China fertigen und ihre Autos in China verkaufen. Da hängen die Folgen von der Reaktion der Chinesen ab. Ebenso wenn europäische Autobauer Fahrzeuge nach China exportieren, dies passiert vor allem im Luxussegment.

Was heißt das konkret?
Das haben das "Kiel Institut für Weltwirtschaft" (IfW Kiel), das "Österreichische Institut für Wirtschaftsforschung" (WIFO) und das "Supply Chain Intelligence Institute Austria" (ASCII) ausgerechnet (hier zum Nachlesen). Demnach sollen die Einfuhren von Kraftfahrzeugen aus China um 42 Prozent zurückgehen.

Woher kommen die Fahrzeuge stattdessen?
Laut den Forschern werden die China-Autos "größtenteils durch höhere Verkäufe europäischer Produzenten in der EU und teilweise durch höhere Einfuhren aus Drittländern ausgeglichen. 86 Prozent der „Ersatzautos" sollen aus der EU kommen, 4 Prozent aus Japan.

BMW lässt seinen iX3 ebenfalls in China bauen und ist von Strafzöllen bedroht
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Was heißt das für den Preis von E-Autos?
Kurzfristig könnten sie in die Höhe schnellen. "Die Fahrzeugpreise werden durch die Ausgleichszölle langfristig aber nur geringfügig beeinflusst. So könnten in der EU die Preise für Elektroautos um durchschnittlich 0,3 Prozent bis 0,9 Prozent steigen", heißt es in der Studie. Ein E-Auto, das bisher 50.000 Euro kostete, wird um maximal um 450 Euro teurer.

Aber was sind die Folgen für Autos aus China?
Die könnten empfindlich teurer werden. Im Schnitt werden 21 Prozent Ausgleichssteuer draufgeschlagen. Für ein E-Autos aus China, das bisher 50.000 Euro kostete, müssen – vereinfacht gesagt – 10.500 Euro mehr berappt werden.

Betreffen die Sonderzölle auch Tesla?
Ja, klingt seltsam, ist aber so. Tesla ist zwar ein US-Autobauer und fertigt auch in Deutschland, das Modell 3 für Europa kommt aber aus der Gigafactory in Shanghai, die in Europa erfolgreichste Serie Y zum Teil ebenfalls. Hier drohen nun Extrazölle von 20,8 Prozent.

Und wie schaut das mit europäischen Herstellern aus?
Nur ein Beispiel: Der deutsche Autobauer BMW lässt das E-Modell iX3 sowie den elektrischen Mini-Cooper in China für den EU-Markt produzieren. Auch dafür wird der Sonderzoll fällig.

Der vollelektrische Mini Cooper (hier auf der Autoshow in Peking) kommt ebenfalls aus China
Der vollelektrische Mini Cooper (hier auf der Autoshow in Peking) kommt ebenfalls aus China
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Was sind die Folgen für die Wirtschaft?
"Die Wertschöpfung in der EU-Autoindustrie wird voraussichtlich um 0,4% steigen, während sie in China um 0,6% sinken wird", sagt Julian Hinz, Forschungsdirektor Handelspolitik am IfW Kiel und Mitautor des gemeinsamen Berichts mit WIFO und ASCII.

Wie viele Autos verkauft China in Europa?
Aus China kamen im Vorjahr etwa eine halbe Million E-Autos nach Europa, aber der Anteil der rein chinesischen Fabrikate ist dabei vergleichsweise noch gering. Für die nächsten Jahre ist eine massive Expansion vorgesehen und darauf zielen wohl die Strafzölle ab. BYD verkaufte im Vorjahr 15 644 Fahrzeuge in 19 europäische Länder, berichtet die "NZZ". Bis 2026 wird aber ein Marktanteil von fünf Prozent in Europa angestrebt.

Wie werden die Autobauer darauf reagieren?
Geely hält seit 2010 die Mehrheit am schwedischen Volvo, die E-Autos sind vor allem unter dem Markennamen Polestar bekannt. Laut "Times" verlagert der Konzern wegen der drohenden Strafzölle die Produktion für Europa nun stark nach Belgien. Es wird damit gerechnet, dass andere Hersteller folgen. BYD hat schon im Dezember den Bau einer neuen Fabrik in Ungarn angekündigt.

Kann Europa mit der Maßnahme erfolgreich sein?
Das wird sich zeigen. Fakt ist, dass Peking seine Industrie massiv subventioniert und dadurch den Wettbewerb verzerrt. Laut "Süddeutscher Zeitung" bezuschusst China die Unternehmen des Landes mit 200 Milliarden Euro pro Jahr.

US-Präsident Joe Biden verhängte bereits im Mai Strafzölle gegen Autos aus China
US-Präsident Joe Biden verhängte bereits im Mai Strafzölle gegen Autos aus China
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Wie sind die USA vorgegangen?
Die Vereinigten Staaten haben am 14. Mai verlautbart, ihre Sonderzölle auf chinesische E Autos von zuvor 25 auf 102,5 Prozent anzuheben. 100 Prozent Sonderzoll auf Fahrzeuge aus China, zuzüglich 2,5 Prozent für alle in die USA importieren Wagen. Im Vergleich dazu nehmen sich die Pläne der EU durchaus maßvoll aus.

Wie reagiert China auf den EU-Beschluss?
Wenig überraschend hat Peking die Maßnahme kritisiert. Natürlich wird es zu Gegenmaßnahmen kommen, Gegenzöllen also.

Was hat das nun mit Schweinen zu tun?
Die EU-Länder exportierten 2022 rund 1,5 Millionen Tonnen Schweinefleisch nach China. Peking hat nun angekündigt, "Antidumpingzölle in Höhe von 50 Prozent auf Schweinefleischlieferungen aus der EU zu untersuchen". Das beträfe vor allem Bauern in Dänemark, Spanien und Deutschland. Der Schweine-Export nach China ist allerdings stark rückläufig, 2022 brach er um 40,1 Prozent ein.

Was ist das Risiko für Europa?
Auf die Lieferketten für E Autos hat China die Hand drauf. Mehr als drei Viertel der weltweiten Batterieproduktion kommen aus dem Reich der Mitte. Und über die Hälfte der globalen Produktion an Lithium, Kobalt und Graphit werden in China verarbeitet. Das Land hat also einen mehr als großen Hebel, um zurückzuschlagen.

So also schaut eine Batterie für ein E-Auto aus, gezeigt auf der IAA Mobility in München
So also schaut eine Batterie für ein E-Auto aus, gezeigt auf der IAA Mobility in München
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Was gegen China spricht?
Der Weg in die USA und zu anderen Weltmärkten ist ihnen nunmehr versperrt. Sie können nicht riskieren, nun auch den europäischen Markt zu verlieren.

Was halten europäische Autobauer von den Maßnahmen?
Das ist sehr unterschiedlich. Viele  produzieren in China und profitieren von lokalen Fördermaßnahmen. Wenn diese wegfallen, würden ihre Produktionskosten steigen. Davon abgesehen, hat China bereits gedroht, importierte Autos aus der EU mit großem Hubraum mit Zöllen zu belegen. Das wäre extrem nachteilig für BMW, Porsche oder Mercedes.

Verfährt sich Europa am Weg zu einer grünen Zukunft?
Ja, und genau darin lag ein weiteres wichtiges Argument gegen die Einführung der Extrazölle. Europa hat ambitionierte Ziele bei der Nachhaltigkeit und beim Ausstieg aus fossilen Brennstoffen. Die werden ohne E Mobilität schwer zu erreichen sein, insofern gibt es auch von dieser Seite immer wieder Bedenken gegen die Zölle.

Uhr
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