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Sie flehte um Hilfe

Wird der Tod eines fünfjährigen Mädchens doch noch geklärt?

Die Umstände des Todes eines fünfjährigen Mädchens, mutmaßlich herbeigeführt durch israelische Soldaten, könnten nach mehr als zweieinhalb Jahren nun doch noch aufgeklärt werden. Israels Armee bestätigte, dass der Fall jetzt untersucht werde. Die Fakten.

Hind Rajab, 5, starb im Jänner 2024 in einem Auto – mutmaßlich durch israelischen Armeebeschuss. Nun soll ihr Tod strafrechtlich untersucht werden
Hind Rajab, 5, starb im Jänner 2024 in einem Auto – mutmaßlich durch israelischen Armeebeschuss. Nun soll ihr Tod strafrechtlich untersucht werdenREUTERS/Yara Nardi
NewsFlix Redaktion
Akt. 20.08.2026 09:43 Uhr

Es sind Tonprotokolle, die erschüttern und sprachlos machen. Zu hören ist ein kleines Kind, eine Fünfjährige, die stundenlang darum bittet und fleht, gerettet zu werden. Sie sitzt in einem Wagen mit ihren Angehörigen, aber alle anderen sind tot. Nur die Kleine lebt noch.

Der Name des fünfjährigen Mädchens ist Hind Rajab und sie wohnte mit ihrer Familie in Gaza, als Israel als Reaktion auf das Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023 (1.200 Tote, mehr als 250 Verschleppte, tausende Verwundete) mit Militärgewalt in das Gebiet eindrang, auch um nach Terroristen und den verschleppten Geiseln zu suchen.

Was sich in den folgenden Stunden abspielte, gehört mit zu den schrecklichsten Dokumenten für die Gnadenlosigkeit des Krieges zwischen Israel und der palästinensischen Terrororganisation Hamas, die von Gaza aus agiert. Eine Gnadenlosigkeit, die auf beiden Seiten vor nichts und niemandem Halt macht. Auch nicht vor fünfjährigen Mädchen, die um ihr Leben flehen.

Hind Rajab kam schließlich ums Leben, nachdem sie stundenlang per Handy mit Hilfekräften des Roten Halbmondes (das Pendant zum Roten Kreuz) telefoniert hatte. Der Versuch, sie doch noch aus dem zerschossenen Wagen zu retten, scheiterte, nachdem Israels Militär zwei Sanitäter, die eigentlich mit seiner Erlaubnis in einem Rettungswagen zu der Kleinen vordringen wollten, schließlich doch beschoss und tötete. Wie – und woran – genau Hind Rajab am Ende starb, ist bis heute unklar.

Mehr als zwei Jahre lang unternahmen die IDF – Israel Defence Forces, also die israelischen Verteidigungskräfte – zahlreiche Versuche, die Verantwortung für den Tod des fünfjährigen Mädchens abzustreiten. Das ging so weit, dass behauptet wurde, die Armee sei zum Zeitpunkt des Dramas nicht einmal in der Nähe des Wagens mit dem Mädchen und seiner Familie gewesen. Eine Tatsache, die bereits unmittelbar danach von Journalisten durch Satellitenbilder eindeutig widerlegt worden war.

In diesem Wagen starben Hind Rajab und sechs Mitglieder ihrer Familie am 29. Jänner 2024 in Gaza
In diesem Wagen starben Hind Rajab und sechs Mitglieder ihrer Familie am 29. Jänner 2024 in Gaza
REUTERS/Stringer

Nun kam es in der Sache zu einer spektakulären Wende. Am Mittwoch kündigte Israels Militär an, strafrechtliche Ermittlungen zum Tod von Hind Rajab und ihrer Familie, der beiden Sanitäter sowie in mehreren weiteren Fällen aufzunehmen. Es solle geklärt werden, unter welchen Umständen und mit welchen Begründungen die Menschen von den israelischen Streitkräften getötet wurden.

Der Schritt des Militärs kam überraschend, auch angesichts der Tatsache, dass aus Israels Regierung zuletzt zunehmend unverhohlen menschenverachtende Töne in Richtung der Palästinenser bekannt geworden waren. So hatte etwa der rechtsradikale israelische Minister für öffentliche Sicherheit, Itamar Ben-Gvir, gefordert, es müssten "jede Nacht 30 bis 40" Menschen getötet werden in Gaza – "nicht nur die, von denen Gefahr ausgeht" … Es gebe dort Menschen, "die des Lebens nicht würdig sind. Sie sind nicht einmal Menschen".

Was genau mit der fünfjährigen Hind Rajab und ihrer Familie geschehen ist, wie das Mädchen mutmaßlich starb und wie ernst die Ankündigung Israels zu nehmen ist, dass die Tode aufgeklärt werden sollen – das muss man über den erschütternden Fall wissen:

Was ist am 29. Jänner 2024 nach bisherigem Wissensstand passiert?
Hind Rajab war fünf Jahre alt und befand sich an dem Tag mit sechs Familienangehörigen in einem Fahrzeug in Gaza-Stadt. Die Familie lebte in dem südwestlich gelegenen Viertel Tel al-Hawa und versuchte, vor der israelischen Offensive zu fliehen. Israels Armee hatte zuvor alle Bewohner von Gaza aufgefordert, die westlichen Viertel zu verlassen und in den Süden des Gazastreifens zu gehen.

Wie ging es weiter?
Laut offizieller Aufarbeitung der Geschehnisse erhielt Hind Rajab einen Platz im Kleinwagen ihres Onkels, der mit seiner Frau und ihren vier Kindern versuchte, das Viertel wie befohlen zu verlassen. Da die Straße nach Süden jedoch durch Trümmer unpassierbar gewesen sei, versuchte die Familie nach Osten, zum al-Ahli-al-Arabi-Krankenhaus, zu fliehen. Hind Rajabs Mutter versuchte währenddessen, mit einem weiteren Kind zu Fuß zu dem Spital zu gelangen.

Was geschah dann?
Der Wagen geriet offenbar unter israelischen Panzerbeschuss. Dabei wurden Tante, Onkel und drei ihrer Kinder sofort getötet. Nur Hind Rajab und ihre 15-jährige Cousine Layan Hamadeh überlebten diesen Angriff zunächst.

Ein Porträt von Hind Rajab im Sand an einem Strand nahe Scarborough in Großbritannien. Das Schicksal des Mädchens hatte international große Beachtung gefunden
Ein Porträt von Hind Rajab im Sand an einem Strand nahe Scarborough in Großbritannien. Das Schicksal des Mädchens hatte international große Beachtung gefunden
via REUTERS

Was taten die beiden Mädchen?
Layan rief in ihrer Panik bei einem Verwandten in Deutschland an und der vermittelte sie weiter an die Notrufzentrale des Roten Halbmondes in Ramallah im Westjordanland, etwa 100 Kilometer von Gaza entfernt. Dort berichtete Layan, dass sich ein israelischer Panzer nahe dem Auto befand und aus dem Panzer auf den Wagen geschossen wurde.

Konnte der Rote Halbmond helfen?
Zunächst nicht, denn noch während des Telefonats fielen weitere Schüsse, denen auch Layan zum Opfer fiel und starb. Dann übernahm die fünfjährige Hind das Handy und sprach in der Folge mehr als dreieinhalb stunden lang mit den Helfern in der Zentrale des Roten Halbmondes.

Wie verlief das Gespräch?
Ein fünfjähriges, völlig verängstigtes Kind sitzt alleine mit sechs Leichen in einem Auto, seine Tante, sein Onkel und die Cousins und Cousinen sind tot. Sie weinte, flehte um Hilfe, hatte unbeschreibliche Angst um ihr Leben. Die Helfer versuchten sie zu beruhigen, so gut es nur ging, konnten aber kaum mehr ausrichten, als ihr zuzuhören.

War Hind völlig unverletzt?
Offenbar nicht. Sie berichtete, dass sie Sie unter anderem am Arm, am Rücken und am Fuß angeschossen worden sei.

Weshalb weiß man das so genau?
Weil Aufnahmen des Gesprächs später vom Roten Halbmond veröffentlicht worden sind. Während der insgesamt mehr als dreieinhalbstündigen Kommunikation sprach die Fünfjährige mit mehreren Personen, es wurde scheinbar öfter aufgelegt und wieder angerufen. Bekannt ist heute ein etwa 70 Minuten langer Zusammenschnitt der Gespräche. Er wurde auch Teil eines preisgekrönten Spielfilms, der 2025 in die Kinos kam und sogar für einen Oscar nominiert wurde.

Es gab keine Versuche, die Fünfjährige aus ihrer Situation zu retten?
Doch, parallel versuchten Mitarbeiter des Roten Halbmondes, mit Israels Militär Kontakt aufzunehmen, um das Kind befreien zu können. Nach Stunden erhielten sie die Erlaubnis, mit einem Krankenwagen zu Hind zu fahren und sie abzuholen. Doch als der Wagen schließlich am Ort des Geschehens eintraf, wurde er, mutmaßlich aus demselben Panzer, der auch den Wagen von Hinds Familie beschossen hatte, ebenfalls unter Feuer genommen. Die beiden Sanitäter an Bord des Fahrzeuges kamen dabei ums Leben.

Die Schauspieler Amer Hlehel, Clara Khoury, Motaz Malhees und Saja Kilani am Roten Teppich bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 mit einem Porträt von Hind Rajab
Die Schauspieler Amer Hlehel, Clara Khoury, Motaz Malhees und Saja Kilani am Roten Teppich bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 mit einem Porträt von Hind Rajab
REUTERS/Remo Casilli

Wie ging es mit dem kleinen Mädchen weiter?
Gegen 19 Uhr verstummte Hind Rajab schließlich am Telefon. Aufgrund der Situation war es den Helfern jedoch weiterhin nicht möglich, zu den beiden Wagen – dem von Hinds Familie und dem Rettungswagen – vorzudringen. Erst nach zwölf Tagen zog sich die Armee aus dem Gebiet zurück und die insgesamt neun Leichen konnten geborgen werden.

Woran starb Hind Rajab?
Das ist nicht genau bekannt, da es keine Autopsie ihrer Leiche gegeben hatte. Es wird davon ausgegangen, dass sie an ihren Verletzungen bzw. dem damit einhergehenden Blutverlust gestorben ist. Möglicherweise wurde auch nochmals auf den Wagen geschossen, dazu gibt es keine gesicherten Erkenntnisse.

Weshalb ist so viel über diesen Vorfall bekannt?
Weil der Rote Halbmond via Social Media unmittelbar danach begann, die Öffentlichkeit über die Geschehnisse zu informieren und vor allem Reporter von britischen und US-amerikanischen Medien die Geschichte aufgriffen und versuchten, die Fakten zu recherchieren.

Wie verhielt sich Israels Armee dabei?
Sie versuchte offenbar, den Vorfall und ihre Beteiligung daran zu verschleiern und abzustreiten. So hieß es etwa zunächst tagelang, israelische Streitkräfte seien zum Zeitpunkt der Ereignisse überhaupt nicht in diesem Viertel aktiv gewesen. Erst nach Tagen folgte ein Eingeständnis, dass die Armee dort sehr wohl auf der Suche nach "Terrorzielen" gewesen sei.

Ist die Beteiligung von Israels Armee in den Todesfällen mittlerweile unbestritten?
Mehr als zwei Jahre lang wurde das bestritten, obwohl sämtliche Indizien dafür sprachen. So wurde etwa bei einer Untersuchung des Wagens der Familie festgestellt, dass diesen mehrere hundert Schüsse aus einem FN-MAG-Maschinengewehr aus einer geschätzten Entfernung von 13 bis 23 Metern getroffen hatten. Solch ein Gewehr ist auf den israelischen Merkava-Panzern montiert.

Könnte es sich dabei nicht um Hamas-Propaganda handeln?
Die – vielfach von westlichen Medien (New York Times, Washington Post, BBC etc.) initiierten – Recherchen und Untersuchungen zu den Todesumständen der Fünfjährigen sind sehr gut dokumentiert. Auch die Vereinten Nationen untersuchten die Vorgänge und bestätigten die bekannten Fakten. Für die Hamas sind die Berichte – und das öffentliche Interesse an dem Fall – natürlich Wasser auf ihre Mühlen.

Was ist das mit dem Oscar-nominierten Film?
Der Streifen "Die Stimme von Hind Rajab" (siehe auch Trailer oben) der tunesischen Regisseurin Kaouther Ben Hania wurde bei den Filmfestspielen von Venedig 2025 uraufgeführt und mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Großen Preis der Jury. Er mischt die bekannten Originalaufnahmen des Telefonats mit dem Mädchen mit einer nachgestellten Handlung über die parallel dazu stattfindenden Vorgänge in der Telefonzentrale des Roten Halbmondes in Ramallah. Der Film wurde auch für den Auslands-Oscar bei der Verleihung im März 2026 nominiert und richtete noch einmal die grellen Scheinwerfer der internationalen Aufmerksamkeit auf den Fall.

Was hat Israels Armee jetzt erstmals bestätigt?
Die israelische Armee hat nun nach Jahren des Leugnens und Verschleierns erstmals bestätigt, dass sie auf das Fahrzeug feuerte, in dem Hind Rajab und ihre Familienmitglieder saßen. In einer Stellungnahme erklärte die Armee am 19. August nach einer Überprüfung, sie werde eine strafrechtliche Untersuchung einleiten.

Warum ist diese Bestätigung so bedeutend?
Weil sie einen früheren zentralen Punkt der Darstellung Israels infrage stellt. Schon kurz nach dem Vorfall war bezweifelt worden, dass keine israelischen Kräfte in der Gegend gewesen seien. Später teilte die Armee selbst mit, in Stadtteilen von Gaza-Stadt, darunter Tel al-Hawa, Einsätze gegen Terrorziele geführt zu haben.

Was genau will die Armee nun untersuchen?
Laut Armee geht es um mutmaßliche Fehler bei der Koordination der Fahrt des Rettungswagens des Palästinensischen Roten Halbmonds. Wörtlich heißt es: "Aufgrund mutmaßlicher Versäumnisse bei der Koordinierung der Bewegung des Rettungswagens des Palästinensischen Roten Halbmonds wurde beschlossen, durch die Kriminalermittlungsabteilung der Militärpolizei eine strafrechtliche Untersuchung des Vorfalls einzuleiten." Untersucht werden soll also nicht nur der Tod des Kindes und seiner Familie, sondern auch der Ablauf rund um die Rettung.

Welche Rolle spielen die Vereinten Nationen?
Die UNO griff den Fall in einer Untersuchungskommission auf und warf Israel in der Folge Kriegsverbrechen in Gaza vor. Israel weist diese Vorwürfe zurück. Gerade deshalb ist es politisch brisant, wenn die Armee nun selbst einen strafrechtlichen Schritt ankündigt.

Bleibt es bei diesem einen Fall?
Nein. Die Armee erklärte auch, den Tod von 15 Palästinensern, darunter Sanitäter und ein UNO-Mitarbeiter, nahe Rafah im Süden Gazas im Jahr 2025 zu untersuchen. In drei weiteren Fällen sah die Armee nach eigenen Angaben keinen Grund für strafrechtliche Ermittlungen. Das betrifft die Tötung von sieben Mitarbeitern von World Central Kitchen in Deir al-Balah vor zwei Jahren sowie von vier Mitarbeitern von Ärzte ohne Grenzen, die in zwei Vorfällen getötet wurden.

Mehr als 50 Mitarbeiter des Roten Halbmondes kamen bei israelischen Einsätzen u. a. in Gaza ums Leben, einige der Todesfälle sollen jetzt nachträglich untersucht werden
Mehr als 50 Mitarbeiter des Roten Halbmondes kamen bei israelischen Einsätzen u. a. in Gaza ums Leben, einige der Todesfälle sollen jetzt nachträglich untersucht werden
REUTERS/Mussa Qawasma

Warum beginnt Israel gerade jetzt mit solchen Ermittlungen?
Die Armee steht unter Druck, zu zeigen, dass sie sich selbst untersucht. Damit will Israel offenbar auch internationalen rechtlichen Schritten entgegenwirken, besonders jenen des Internationalen Strafgerichtshofs. Im Kern geht es darum, Vorwürfe von Kriegsverbrechen und den Eindruck von Straflosigkeit für eigene Soldaten zurückzuweisen.

Wie könnte diese Untersuchung ausgehen?
Eine strafrechtliche Untersuchung ist die formelle Aufarbeitung eines Vorfalls, aber kein Schuldspruch. Entscheidend ist, ob die Ermittler am Ende individuelle Verantwortung, Regelverstöße oder strafrechtlich relevantes Handeln feststellen. Wenn dem so sein sollte, wird in der Folge entschieden, ob es zu einem Gerichtsverfahren kommt. In diesem Fall würde es sich vermutlich um ein Verfahren vor einem israelischen Militärgericht handeln.

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Akt. 20.08.2026 09:43 Uhr