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Gastronomen sind sauer

Zu viele Lokale, zu wenige Tester: Sinkt der Stern des Guide Michelin?

Der Guide Michelin gilt weltweit als stärkste und beständigste Währung der Spitzengastronomie – obwohl um die Umstände seiner Entstehung ein Geheimnis gemacht wird. Doch inzwischen regt sich immer mehr Kritik am undurchsichtigen Test-Regime der Franzosen.

Der Guide Michelin – hier die Jubiläumsausgabe zum 125-jährigen Bestehen 2025 – gerät wegen seines undurchsichtigen Test-Regimes zunehmend unter Druck
Der Guide Michelin – hier die Jubiläumsausgabe zum 125-jährigen Bestehen 2025 – gerät wegen seines undurchsichtigen Test-Regimes zunehmend unter DruckAPA-Images / AFP / JEAN-CHRISTOPHE VERHAEGEN
Martin Kubesch
Akt. 01.09.2026 06:05 Uhr

Zwischen polierten Gläsern, glänzendem Besteck und präzise angerichteten Tellern hängt in vielen Spitzenlokalen auf der ganzen Welt allabendlich dieselbe Frage in der Luft: Wird heute ein Michelin-Inspektor hier essen? Wer könnte es sein? Und wird er zufrieden sein?

Der Hintergrund des Rätselratens ist schnell erklärt: Kein Koch und kein Restaurantchef auf der Welt weiß, wer die Tester sind, die für den Guide Michelin Probeessen. Und noch weniger wissen sie, wann und in welcher Form diese ein Restaurant inspizieren: alleine oder in einer großen Gruppe? Sind es mehr Männer oder Frauen? Und diktieren sie ihre Eindrücke ins Handy, oder kritzeln sie verstohlen in ein kleines Notizbuch? Dieses Geheimnis um seine Entstehung hat den roten Guide groß gemacht. Und wird jetzt sein größtes Problem.

Denn in der Branche mehren sich die Zweifel, ob Michelin mit seinem mittlerweile riesigen weltweiten Netz an empfohlenen Lokalen – es sind fast 20.000 – überhaupt noch genug anonyme Tester hat, um alle Häuser auch wirklich regelmäßig zu prüfen, berichtet der britische Guardian. Und damit rütteln die Kritiker am wichtigsten Kapital des Guides und somit dem Kern der Marke: Wie verlässlich ist ein Urteil, wenn niemand genau weiß, wie oft es kontrolliert wird?

Wie der Guide Michelin wurde, was er heute ist, woran sich die Kritik von immer mehr Branchenvertretern vor allem entzündet und sich die Verantwortlichen rechtfertigen – deshalb stößt das Geschäftsmodell der Franzosen immer mehr Gastronomen sauer auf:

Der Herr der Sterne: Gwendal Poullennec, International Director of Michelin Guides
Der Herr der Sterne: Gwendal Poullennec, International Director of Michelin Guides
REUTERS/Christian Hartmann

Worum geht es hier konkret?
Immer mehr Köche, Gastro-Unternehmer und frühere Michelin-Insider bezweifeln, dass die Redaktion des Guides auch nur annähernd genug Inspektoren hat, um die vielen gelisteten Restaurants weltweit ausreichend häufig zu besuchen, um frühere Testurteile zu überprüfen und gegebenenfalls nach unten oder nach oben zu korrigieren. Ihr Vorwurf: Manche gelisteten Lokale würden womöglich jahrelang nicht geprüft. Dadurch stehe die Glaubwürdigkeit des Guides auf dem Spiel.

Warum ist der Michelin Guide so wichtig?
Der Guide wurde im Jahr 1900 als Werkstätten- und Tankstellenführer anlässlich der Pariser Weltausstellung von dem Reifenhersteller erstmals herausgegeben. 1923 wurden zum ersten Mal auch Lokale und Hotels darin aufgeführt, ab 1926 gab es Sterne-Bewertungen für Lokale, wie man sie heute noch kennt, seit 1931 existiert dieses Sterne-System in der Form, die man auch heute noch kennt. Ein, zwei oder drei Sterne stehen seither für steigende Qualität und können über Ruf, Auslastung und Erfolg eines Lokals mitentscheiden.

Warum ist das so?
Weil sich weltweit Millionen Feinschmecker an den Empfehlungen des Guides orientieren. Maximal drei Michelin-Sterne, unübersehbar und prestigeträchtig gleich neben dem Eingang eines Restaurants platziert, sind seit Jahrzehnten die wertvollste und beständigste Währung im Dschungel der lokalen wie internationalen Lokalführer. Die Botschaft lautet: Diesem Urteil kann man blind vertrauen.

Gibt es für die ganze Welt Michelin-Guides?
Nein, aber mittlerweile gibt es unzählige Länder- und Städteausgaben, viele nach wie vor gedruckt, aber noch viel mehr nur Online.

Wie kommt man als Restaurant in den Guide?
Man wird getestet, wenn die Redaktion des Guides der Meinung ist, dass ein Lokal für die Leserschaft interessant sein könnte. Wer ein Lokal testet, wann und wie oft es getestet wird, wissen die Gastronomen allerdings nicht. Auch die Identität der Tester wird von Michelin streng geheim gehalten. Diese reservieren auch für gewöhnlich unter falschen Namen, um keine Anhaltspunkte zu bieten.

Welche Restaurants stehen überhaupt im Guide?
Mittlerweile nicht nur Sternerestaurants, also Lokale mit einem, zwei oder drei Sternen. Neben den Sternen gibt es inzwischen den Bib Gourmand (Bib ist die Abkürzung für Bibendum, dem offiziellen Namen des weltbekannten Michelin-Männchens) für gute Küche zu einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis. Dazu kommen noch ausgewählte Restaurants, die von der Redaktion empfohlen werden, aber keine Sterne oder andere Auszeichnung tragen.

Im Anfang war der Guide Michelin noch ein Reiseführer für Automobilisten, Restaurant- und Hoteltipps kamen erst später dazu
Im Anfang war der Guide Michelin noch ein Reiseführer für Automobilisten, Restaurant- und Hoteltipps kamen erst später dazu
Illustrated London News Ltd / Mary Evans / picturedesk.com

Warum so umständlich?
Weil Michelin von Beginn an nur maximal 3 Sterne vergeben hat und an dieser Praxis nichts ändern wollte, gleichzeitig aber ein Interesse entstanden ist, nicht nur die Top-Liga der Restaurants abzubilden, sondern auch günstigere und einfachere Lokale, die aber dennoch herausragende Qualität bieten. Und um eben die Zahl der Sterne nicht erhöhen zu müssen, wie das andere Führer mit der Zeit getan haben – Gault Millau etwa verleiht inzwischen maximal 5 Hauben –, wurden andere Kategorien etabliert.

Was ist nun der konkrete Vorwurf gegen Michelin?
Der Kern des Vorwurfs lautet, dass Michelin bei der Zahl seiner Einträge schneller wächst als bei der Kontrollkapazität. Auf der Website sind zuletzt 19.639 Einträge weltweit angeführt, nachdem es im Juli 2021 noch "nur" 15.723 waren. Kritiker sagen, das untergrabe die Verlässlichkeit des Guides.

Wie arbeitet Michelin laut eigenen Angaben?
Michelin betont, dass alle Restaurants im Guide nach demselben Verfahren von anonymen Inspektoren bewertet werden. Die Tester treten unter falschen Namen auf, um unerkannt zu bleiben, und beurteilen unter anderem Konstanz, Geschmack, Qualität der Zutaten, Technik und die Persönlichkeit des Kochs. Zur Zahl der Inspektoren macht Michelin keine Angaben.

Was sagt Michelin zu den Vorwürfen mangelnder Kapazität?
Das Unternehmen erklärt, es veröffentliche keine Zahlen zur Größe seiner Teams, investiere aber weiter in den Ausbau der Inspektion. Wörtlich heißt es, man setze auf Prüfer aus "mehr als 30 Nationen, wobei jeder Inspektor zwischen 250 und 300 Mahlzeiten pro Jahr absolviert". Auf anonyme Vorwürfe wolle man nicht eingehen.

Warum entzündet sich die Debatte gerade jetzt?
Weil die Zahl der gelisteten Lokale von Jahr zu Jahr steigt und damit auch der Aufwand. Alleine im Guide für Großbritannien und Irland wuchs die Zahl der Sternerestaurants von 185 im Jahr 2021 auf 230 im Jahr 2026. Je mehr Häuser beobachtet werden müssen, desto drängender wird die Frage, ob die Kontrollen noch dicht genug sind.

Wie ist die Situation in Österreich?
Hierzulande gibt es seit 2025 wieder einen (allerdings nur Online verfügbaren) Guide, der ganz Österreich im Blick hat. Davor wurden über viele Jahre nur Wien und die Stadt Salzburg getestet.

Guides-Chef Gwendal Poullennec mit Michael Bauböck und Heinz Reitbauer vom "Steirereck" und Juan Amador ("Amador"), den einzigen Drei-Sternern in Österreich
Guides-Chef Gwendal Poullennec mit Michael Bauböck und Heinz Reitbauer vom "Steirereck" und Juan Amador ("Amador"), den einzigen Drei-Sternern in Österreich
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Und hat die Zahl der empfohlenen Lokale auch bei uns zugenommen?
Aber wie. 2025 listete man 333 Lokale zwischen Vorarlberg und dem Burgenland. 2026 sind es bereits 424 Restaurants. Das ist eine Zunahme von beachtlichen 27 Prozent.

Wie oft wird jedes Restaurant getestet?
Auch dazu macht Michelin keine Angaben. In Analogie zu anderen Restaurant-Guides ist aber davon auszugehen, dass ein Lokal umso öfter und von umso mehr Testern besucht wird, je höher es bewertet werden soll.

Was wird jetzt konkret kritisiert?
Marshall Manson, Autor des Gastro-Blogs "Professional Lunch" und CEO der PR-Agentur FleishmanHillard, ist sich zum Beispiel absolut sicher, dass Michelin nicht jedes Jahr seine Inspektoren in alle Sterne-Restaurants schickt: "Sie können einfach nicht alle besuchen." Seine Sorge: Mit weniger Leuten müsse mehr Fläche abgedeckt werden, darunter leide die Aufmerksamkeit für Spitzenlokale. Unterstützung bei seiner These erhält Manson von einem – ungenannt bleibenden – Koch, der selbst mit Michelin-Sternen ausgezeichnet wurde. Er äußert im Guardian die Vermutung, dass der letzte Besuch eines Inspektors in seinem Lokal bereits Jahre zurückliege.

Wie sehen Michelin-Insider die Sache?
Ein ehemaliger Michelin-Inspektor, der ebenfalls ungenannt bleiben möchte, sieht die Aufgabe bei fast 20.000 bewerteten Restaurants auf fünf Kontinenten für seine ehemaligen Kollegen als kaum noch bewältigbar. Zumal die Mehrheit der Tester bereits älter sei und eher früher als später aus dem Job ausscheiden werde: "Das ist absurd. Die Zahlen sind viel zu hoch, es ist nahezu unmöglich, alle Lokale angemessen zu bewerten."

Wie sehr beeinflusst Michelins Geheimniskrämerei diese Einschätzungen?
Sie ist zumindest nicht hilfreich. In Zeiten, in denen Transparenz und Offenheit unerlässlich sind, um ernst genommen zu werden, gehen die Franzosen genau den gegenteiligen Weg. So bleibt etwa unklar, wie oft nicht ausgezeichnete Lokale tatsächlich besucht werden. Auch sonst lässt sich die Qualität des Bewertungssystems von außen mangels Detailinformationen nur schwer überprüfen. Kritiker bemängeln, dass weder die Zahl der Inspektoren noch der genaue Entscheidungsprozess für Bewertungen offen liegen würden. Das mache analytische Kritik schwierig und nähre Spekulationen.

Was bedeutet das in Summe?
Der Wert der Auszeichnung nimmt in dem Maße ab, in dem die – gefühlte – Beliebigkeit der Bewertungen zunimmt. "Sie haben ihre Glaubwürdigkeit verloren", sagt etwa der Gastronom Jonathan Downey aus Manchester, der in London zwei mit je einem Michelin-Stern ausgezeichnete Restaurants betreibt. "Ich wäre sehr überrascht, wenn sie auch nur annähernd die notwendige Kontrolle eigener früherer Bewertungsergebnisse durchführen würden", so Downey.

Die – eher wie Blumen aussehenden – Michelin-Sterne sind nach wie vor die härteste Währung im Gourmet-Business, geraten aber zunehmend unter Druck
Die – eher wie Blumen aussehenden – Michelin-Sterne sind nach wie vor die härteste Währung im Gourmet-Business, geraten aber zunehmend unter Druck
APA-Images / dpa / Rolf Vennenbernd

Lässt sich das beweisen?
Nein, denn die Belege seitens Michelin, wie Bewertungen zustande gekommen sind, würden vielfach fehlen. " Wir können die publizierten Ergebnisse nicht wirklich analytisch untersuchen", so Gastronom Downey. "Wir können uns nur die Ergebnisse ihrer Entscheidungen ansehen und sagen, dass das keinen Sinn ergibt", sagt er. "Wenn ihre Kriterien für die Sterne-Vergabe transparenter wären, wären sie meiner Meinung nach auch weniger angreifbar, als sie es inzwischen sind."

Heißt zusammengefasst für Restaurants und Gäste?
Für Lokale steht viel auf dem Spiel, weil Sterne und Empfehlungen wirtschaftlich enorm wichtig sein können. Für Gäste geht es um Orientierung: Der Guide soll anzeigen, wo Qualität verlässlich zu erwarten ist. Wenn Zweifel an der Prüfdichte wachsen, trifft das daher beide Seiten und sorgt für Unsicherheit.

Wie geht es weiter?
Ob Michelin seine Autorität behält, wird sich an der Entwicklung der Guides, an der Zahl der Einträge und daran, ob die Branche den Bewertungen weiter vertraut, zeigen. Die Diskussion über die unsichtbaren Prüfer dürfte aber nicht so schnell wieder verschwinden. Das Prüf-Imperium wäre gut beraten, sich nicht in seinen alten Positionen einzuzementieren, sondern die zunehmende Kritik an seiner Intransparenz ernst zu nehmen und entsprechend darauf zu reagieren.

Martin Kubesch
Akt. 01.09.2026 06:05 Uhr