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Grönland & Co

1 Jahr Trump: "Was sich hier abspielt, wird den USA viele Jahre schaden"

Am 20. Jänner 2025 wurde Donald Trump als US-Präsident angelobt. Von Massen-Deportationen bis Grönland: Eugen Freund zieht Bilanz über ein Jahr voller "Rollercoaster-Rides" und blickt zurück auf zwei Präsidenten, in deren ersten 12 Monaten auch viel los war.

Seit Mitte Jänner hat er in Palm Beach, Florida, eine eigene Straße mit seinem Namen, den "President Donald J. Trump Boulevard"
Seit Mitte Jänner hat er in Palm Beach, Florida, eine eigene Straße mit seinem Namen, den "President Donald J. Trump Boulevard"APA-Images / AP
Eugen Freund
Akt. 18.01.2026 22:48 Uhr

Nicht jede US-Präsidentschaft verläuft im ersten Jahr ohne Überraschungen. Donald Trump hat das eindrucksvoll bewiesen.

Seine Anordnungen sind so sprunghaft, dass es ratsam schien, für die Bilanz über die ersten zwölf Monate am besten bis zum letzten Tag zu warten. Wer weiß, was ihm nach der Attacke auf Venezuela und der Entführung von Präsident Nicolás Maduro, den Drohungen gegenüber Kolumbien, Kuba und Mexiko und seine Fantasien, sich auch Grönland einzuverleiben, noch einfallen könnte.

Tatsächlich, da kam noch etwas am vorletzten Tag: Angedrohte Zölle für jene Länder, die Grönland vor einer militärischen Übernahme durch die Vereinigten Staaten schützen wollen. Entscheidend wird sein, ob die Europäer wieder einmal vor Trump in die Knie gehen.

Acht Ländern drohte Trump einen Extrazoll von 10 Prozent an, wirksam ab 1. Februar. Betroffen sind Dänemark, Deutschland, Norwegen, Schweden, Frankreich, Großbritannien, die Niederlande und Finnland.

Der US-Präsident stieß Europa damit vor den Kopf, die ersten Reaktionen fielen um eine Spur härter als bisher im Ton aus. "„Wir lassen uns weder durch Einschüchterung noch durch Drohungen beeinflussen", sagte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron. Sogar Italiens Ministerpräsidentin Giorgia Meloni, eher eine Trump-Versteherin, nannte die Maßnahmen einen "Fehler".

Doch war Trumps erstes Jahr seiner zweiten Amtsperiode insgesamt tatsächlich so außergewöhnlich? Ein Blick in die jüngere Geschichte beweist, dass US-Präsidenten immer wieder vom Konventionen abweichen können, zum Teil durch eigenes Handeln, zum Teil durch Umstände, die sie selbst nicht beeinflussen können.

Ich habe als Beispiele zwei republikanische Präsidenten ausgesucht, dessen Amtsperioden ich genau mitverfolgt habe. Erstaunlich, welche Parallelen sich zeigen.

Reagan wird Opfer eines Schussattentats

Ich bin 1979 in die USA übersiedelt. Im Jahr danach vollzog sich ein Machtwechsel. Jimmy Carter war nur eine Amtszeit vergönnt, ihm folgte Ronald Reagan.

Im Unterschied zum jetzigen Bewohner des Weißen Hauses war Reagan ein gelernter Schauspieler. Seine Ausbildung, die Lösung des Geiseldramas in Teheran und die durch die Ölkrise ausgelöste Wirtschaftsflaute halfen Reagan, Carters Amtszeit auf eine Periode zu begrenzen.

Am Tag von Reagans Inauguration ließen die Mullahs im Iran die 444 Tage festgehaltenen Geiseln, vorwiegend amerikanische Diplomaten, frei. Ich saß gebannt vor dem Fernseher und konnte mitverfolgen, wie Carter, von Reagan als Emissär geschickt, in sein Flugzeug einstieg und - Splitscreen - eine Maschine der Algier Airways mit den ehemaligen Gefangenen an Bord in der algerischen Hauptstadt landete. Sie waren in Freiheit. Die Feier in Washington war entsprechend ausgelassen.

Keine zwei Monate im Amt, wurde Ronald Reagan vor dem Hilton-Hotel in der US-Hauptstadt Opfer eines Schussattentats. Der Täter, John Hinckley Jr., verantwortete sich damit, er habe die Schauspielerin Jodie Foster beeindrucken wollen.

Reagan hatte Glück. Er wurde nicht direkt getroffen, sondern eine vom gepanzerten Präsidenten-Fahrzeug abgeprallte Kugel war in seine Lunge eingedrungen. Er konnte die behandelnden Ärzte anfangs noch scherzhaft fragen, ob sie wohl alle Republikaner seien. Schon zehn Tage nach dem Attentat wurde der Präsident, damals immerhin siebzig Jahre alt, aus dem Krankenhaus entlassen.

30. März 1981: Ronald Reagan winkt vor dem Washington Hilton Hotel Richtung Zuschauermenge ...
30. März 1981: Ronald Reagan winkt vor dem Washington Hilton Hotel Richtung Zuschauermenge ...
Reuters
Sekunden später feuerte John Hinckley Jr. sechs Schüsse auf den Präsidenten ab
Sekunden später feuerte John Hinckley Jr. sechs Schüsse auf den Präsidenten ab
Reuters

Seine Steuererleichterungen für Spitzenverdiener führten zu einem rasanten Anstieg des Budgetdefizits, ein Streik der Fluglotsen legte wochenlang den Flugverkehr lahm, außenpolitisch nahm er vor allem die Sowjetunion ins Visier. Er wollte den Kommunismus auf "dem Misthaufen der Geschichte" landen sehen.

Diese Wortwahl gegenüber dem damals mächtigsten geopolitischen Gegner stieß sogar bei einigen seiner Parteikollegen auf Kopfschütteln. Es war eine aufregende Zeit, auch wenn im Wesentlichen alles sehr geordnet über die Bühne ging. Das Parlament war eingebunden, wenn Reagan später eine Mehrheit brauchte, rief er "Tip" O’Neill, den Chef der Demokraten im Repräsentantenhaus an und vereinbarte eine Lösung. Reagan gewann die Wiederwahl und regiert insgesamt acht Jahre.

George Bush - das Gesicht vom 11. September

Noch ein zweites Beispiel vom ersten Jahr eines amerikanischen Präsidenten. Im Jahr 2000, ich war damals ORF-Korrespondent in Washington, kämpfte sich George W. Bush mühsam ins Weiße Haus. Oder besser: seine Anwälte sorgten dafür, dass der Oberste Gerichtshof darüber entschied, ob Al Gore oder eben Bush die Wahl in Florida, und damit die Präsidentschaftswahl, gewonnen hatte.

In typisch republikanischer Manier verschaffte Bush gleich zu Beginn seiner Amtszeit seinen reichen Unterstützern erst einmal eine signifikante Steuererleichterung, 1,3 Billionen flossen an die Unternehmer zurück.

Mit dem Klimawandel hatte er auch nicht viel auf dem Hut, er strich einige der Umwelt-Initiativen, die die Vorgänger-Regierung von Bill Clinton und Al Gore eingeführt hatten. Schließlich kürzte er auch Zuwendungen an ausländische Organisationen, die den Frauen Unterstützung im Fall einer ungewollten Schwangerschaft boten.

Präsident George W. Bush mit First Lady Laura Bush auf einer Trauerfeier für die Opfer der Terroranschläge am 11. September 2001
Präsident George W. Bush mit First Lady Laura Bush auf einer Trauerfeier für die Opfer der Terroranschläge am 11. September 2001
Reuters

Dann kam der 11. September 2001: zwei Linienflugzeuge wurden von arabischen Terroristen in die Türme des World Trade Centers gesteuert, insgesamt kamen dabei 3.000 Menschen aus Leben. Hinweise auf ein entsprechendes Attentat in den Monaten zuvor hatte der unerfahrene Amtsinhaber nicht ernst genommen.

Bush machte gleich zwei "Urheber" aus - die Taliban in Afghanistan und Saddam Hussein im Irak. In beide Staaten entsandte Bush US-Truppen, ein schneller Sieg wurde daraus nicht. Im Irak kämpft immer noch ein kleines Kontingent von US-Sondereinheiten, aus Afghanistan zogen sich die Amerikaner zwei Jahrzehnte später schmachvoll zurück.

Trump regiert mit Amtsanweisungen

Und jetzt eben das erste Jahr von Donald Trumps zweiter Amtszeit: eine aufrüttelnde Berg-und-Talbahn. Noch ehe Trump seinen Anzug, den er zur Inauguration trug, ausgezogen hatte, unterschrieb er 26 sogenannte "Executive Orders", Amtsanweisungen, denen – zumindest theoretisch – zu folgen ist.

Darunter befanden sich der Austritt aus der Weltgesundheitsorganisation WHO. Er beendete das Recht auf US-Staatsbürgerschaft für in den USA geborene Bürger. Er veranlasste, dass zig-tausende illegale Einwohner zum Teil gewaltsam aus dem Land geschafft werden. Der Golf von Mexiko wurde in "Golf von Amerika" umbenannt.

Ambivalente Beziehung: US-Präsident Donald Trump mit seinem ukrainischen Amtskollegen Volodymyr Selenskyj
Ambivalente Beziehung: US-Präsident Donald Trump mit seinem ukrainischen Amtskollegen Volodymyr Selenskyj
Reuters

Trump widerrief das Ziel, dass bis 2030 die Hälfte aller Fahrzeuge mit Strom betrieben sein müssen. Am meisten Aufregung gab es für die Begnadigung von 1.500 Angeklagten, denen vorgeworfen worden war, am Sturm auf das Kapitol im Jänner 2021 beteiligt gewesen zu sein.

Seine Ankündigung, den Ukraine-Krieg in 24 Stunden beizulegen, war typisches Trump-Großmaul-Sprech. Am ersten Jahrestag werden 8.760 Stunden vergangen sein, und die Kämpfe gehen unvermindert weiter.

Bei seinem ersten Treffen mit Wolodymyr Selenski warf Trump dem ukrainischen Präsidenten vor, "ein Spiel mit dem Dritten Weltkrieg zu betreiben", um ihn danach überraschend aus dem Weißen Haus hinauszukomplimentieren. Mittlerweile verbesserte sich das Verhältnis der beiden erheblich, nicht zuletzt auch Dank des Einschreitens der Europäer.

Trump über Putin: vertrauen oder verrückt?

Die Beziehung zum eigentlichen Kriegstreiber, Wladimir Putin, ist komplex. Er "vertraue Putin", sagte Trump nach einem ersten Telefongespräch mit dem russischen Machthaber im März des vergangenen Jahres, einen Monat später diktierte der US-Präsident in sein Sprachrohr "Truth Social": "Vladimir, STOP!" und bezog sich dabei auf das jüngste russische Bombardement der Ukraine, das zwölf Todesopfer gefordert hatte.

US-Präsident Donald Trump und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin bei ihrem Treffen in Anchorage, Alaska
US-Präsident Donald Trump und sein russischer Amtskollege Wladimir Putin bei ihrem Treffen in Anchorage, Alaska
Reuters

Zwei Tage später schrieb er, das Verhalten Wladimir Putins gebe ihm "zu denken." Wieder ein Monat danach trug Trump auf "Truth Social" ein, "Putin sei absolut verrückt geworden" und in ein Mikrofon sagt er am nächsten Tag: "Ich weiß nicht, was zum Teufel mit Putin passiert ist … Mir gefällt ganz und gar nicht, was Putin tut, nicht ein bisschen."

Und dennoch: Am 15. August schüttelten die beiden Staatsmänner einander auf einem Luftwaffen-Stützpunkt in Alaska freundlich die Hände. Trump hatte eingeladen, einen roten Teppich ausrollen lassen und den russischen Gegner sogar in seine Limousine eingeladen.

Doch Putin blieb hart, eine Annäherung im Ukraine-Krieg gab es nicht.  Der russische Staatschef hatte schon zuvor indirekt angedeutet, dass seine Soldaten in der Ostukraine alle Hände voll zu tun hatten.

Als im Juni erst Israels Netanjahu und dann Trump das iranische Atom-Programm mit Bombardierungen aus der Luft in Angriff nahmen (Trump: „Es ist völlig zerstört!“), zuckte der Kreml-Chef mit keiner Wimper, obwohl es enge Beziehungen zwischen Russland und dem Iran gab und gibt.

Ted Koppel: Die USA werden niemals mehr eine "Große Nation"

Schon lange vor dem Ende des Gaza-Kriegs, das vorwiegend durch den Druck des amerikanischen Präsidenten auf Israel zustande kam, traf ich Ende März den ehemaligen US-Starmoderator Ted Koppel in seinem Haus in Potomac in Maryland.  Koppel, mittlerweile 85 Jahre alt, war zu seiner Zeit "der klügste Kopf im US-TV" („Newsweek“).

Natürlich verfolgt er die Politik des Präsidenten genau. Er findet kritische Worte:

Interview mit einer TV-Legende: Die "Nightline" von Red Koppel war früher in den USA ein Straßenfeger
Interview mit einer TV-Legende: Die "Nightline" von Red Koppel war früher in den USA ein Straßenfeger
Eugen Freund

"Was sich derzeit hier abspielt, wird den USA noch viele, viele Jahre schaden. Ich habe meine Zweifel, dass wir jemals wieder diese 'Große Nation' werden, die wir in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg waren. Diese Zeit ist vorbei. Und Präsident Trump hat diesen Eindruck beschleunigt.

'Große Nationen' machen manchmal schreckliche Dinge. Doch wenn man einen Vertrag mit einer solchen 'Großen Nation' abschließt, dann muss man sich darauf auch verlassen dürfen. Wenn man sich darauf und auf das Wort des Präsidenten nicht verlassen kann, oder auf das Wort des Außenministers … Wir haben uns verpflichtet, die Ukraine zu verteidigen und wir haben sie im Stich gelassen. Das wird niemand vergessen."

Zu diesem Zeitpunkt wusste Koppel natürlich noch nicht, was noch alles auf die USA unter Donald Trump in dessen ersten Amtsjahr zukommen würde. Nicht der lang anhaltende Zollstreit. Nicht die Ermordung auf offener Bühne von Charlie Kirk, einem weit rechtsgerichteten Influencer (im September).

Nicht die tödlichen Schüsse eines Immigrations-Beamten auf eine Autofahrerin in Minneapolis (im Jänner). Nicht der Abriss eines ganzen Flügels des unter Denkmalschutz stehenden Weißen Hauses (im Juni), um dort einen überdimensionierten Ball-Saal zu errichten und schon gar nicht die Entführung aus Caracas von Nicolás Maduro, dem Staatspräsidenten Venezuelas (im Dezember).

Kein Präsident verspürte so viel Tatendrang in den ersten zwölf Monaten seiner Amtszeit wie Donald Trump, aber auch keinem Präsidenten ließen Senat und Repräsentantenhaus so viel durchgehen, ohne ein Veto auszusprechen oder auch nur eine Abstimmung abzuhalten. Und nicht zuletzt: kein Präsident geht mit Journalistinnen („Piggie!“) so respektlos um wie Trump.

Die Todesschüsse auf eine dreifache Mutter in Minneapolis bewegten zuletzt die amerikanische Öffentlichkeit
Die Todesschüsse auf eine dreifache Mutter in Minneapolis bewegten zuletzt die amerikanische Öffentlichkeit
Reuters

Es geht um globale Einflusssphären

Der ehemalige Immobilen-Tycoon Donald Trump verlässt sich bei seinen Versuchen, den Ukraine-Krieg beizulegen, nicht auf erfahrene Diplomaten, sondern auf ehemalige Kollegen und seinen Schwiegersohn Jared Kushner. Sie haben in ihrem Leben schon viel Grundstücke ge- und verkauft, es aber nie mit moralisch fragwürdigen Präsidenten wie Wladimir Putin zu tun.

Nach Trumps jüngstem Versuch, sich auch noch Grönland einzuverleiben, erhärtet sich der Verdacht, dass es dem US-Präsidenten vorwiegend um die Aufteilung der Welt in globale Einflusssphären geht.

Dorthin ist er auf dem besten Weg und er hat - zumindest vom Kalender her betrachtet - noch drei Jahre Zeit, um dieses Werk vollständig umzusetzen.

Eugen Freund war - mit Unterbrechungen - von 1974 bis 2013 Journalist im ORF. Von 2014 bis 2019 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Sein jüngstes Buch „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg - wie Europa und die USA auseinanderdriften“ erschien im Oktober 2025 (Wieser Verlag, Klagenfurt). Freunds ausführliches Interview mit Ted Koppel wurde im Buch "Über Morgen" veröffentlicht, das im November 2025 vom Mandelbaum Verlag herausgegeben wurde.

Eugen Freund
Akt. 18.01.2026 22:48 Uhr