KI ist der Begriff der Stunde, von der größten Veränderung seit Erfindung des Internets ist die Rede. Aber wie schaut das in der Praxis aus? Der Technik-Chef eines US-Unternehmens schildert, was tatsächlich im Moment passiert. Und was die Folgen sein werden.

Peter Steinberger sitzt da, die Ärmel seines khakifarbenen Hemds bis zu den Ellenbogen aufgekrempelt, das blütenweiße Unterhemd strahlt in die Kamera, als ginge es darum, die Künste eines Waschmittels anzupreisen. Der Oberösterreicher ist in die ZiB 2 eingeladen und es geht um nichts weniger als die Weltherrschaft.
Steinberger hat eine KI-Anwendung erfunden, Medien auf der halben Welt und andere Laien versuchen derzeit festzustellen, ob es sich bei OpenClaw um einen Geniestreich handelt oder um den Streich eines Genies. Auch nach dem Ende der ZiB 2 werden viele in ihrem Urteil unschlüssig sein.
Peter Steinberger scheint da irgendwo dazwischen zu stehen. Denn als ihn Armin Wolf am Montagabend fragt, ob die künstliche Intelligenz einmal die Weltherrschaft übernehmen wird, antwortet er: "Soweit sind wir noch nicht."
Der Entwickler gibt überhaupt recht einsilbige Antworten. Das Gute daran ist, dass er nicht wirkt wie ein Staubsauger-Vertreter, der sein Produkt verscherbeln will, dem Erkenntnisgewinn aber ist es abträglich. Steinberger erweckt den Eindruck, als würden fortlaufend Programmierzeilen wie Spruchbänder durch seinen Kopf laufen, den Weg nach draußen aber nicht finden.

Sein KI-Agent soll eine Art Butler sein, um Angelegenheiten des Alltags erledigen zu können, Urlaube buchen oder E-Mails schreiben etwa. Das Open-Source-Projekt wird seit Jahresbeginn immer populärer. Nutzer verknüpfen OpenClaw mit Apps wie WhatsApp, Slack und iMessage.
Es gibt Sicherheitsbedenken, OpenClaw sei ein Einfallstor für allerlei bösen Stoff, sagen Kritiker. Seine Anwendung sei total sicher, entgegnet der Erfinder, empfiehlt dann aber doch die Anschaffung einer eigenen Kreditkarte für die KI. Man weiß ja schließlich nie, wann es mit der Weltherrschaft so weit ist.
Steinberger hat offenbar was los. Auf seinem Instagram-Account präsentiert er sich weniger als Nerd, sondern mehr als Bodybuilder. Der Nerd in ihm steht nun aber offenbar vor einer großen Karriere im Silicon Valley, dem Hollywood der Technikbranche.
OpenAI hat ihn engagiert, für welche Funktion ist noch unklar, aber Gründer Sam Altman lobt ihn über den grünen Klee. Auch Facebook wurde Interesse an dem Österreicher nachgesagt, alle Tech-Giganten sind derzeit mit dem Fischernetz auf der Suche nach den klügsten Köpfen.
Peter Steinberger werde OpenAI und "die nächste Generation persönlicher Assistenten vorantreiben", schreibt Altman auf X. "Er ist ein Genie mit vielen faszinierenden Ideen für die Zukunft intelligenter Agenten, die miteinander interagieren und Nutzern wertvolle Dienste leisten."
Was mit OpenClaw passiert, scheint noch nicht entschieden zu sein. Der KI-Assi werde "in einer Stiftung weitergeführt, die von OpenAI auch zukünftig unterstützt wird", teilt Altman mit. Das klingt nach Hobbyraum für einen Angestellten, von dem man sich in der Werkstatt Großes erwartet.
OpenAI, an dem Microsoft 27 Prozent hält, ist nicht gerade der kleine Greißler ums Eck. Der Anbieter von ChatGPT, machte im Vorjahr einen Umsatz von 20 Milliarden Dollar. ChatGPT wies im Jänner 5,5 Milliarden Besuche auf.
Steinberger passt da gut ins Bild, er ist kein Newcomer. 2012 erfand der Absolvent und Dozent der TU Wien PSPDFkit, eine Software, die Dokumente auf Geräten lesbar macht. Der Name begann mit den Initialen von Peter Steinberger.
12 Jahre später verkaufte er seine Anteile um viele Millionen, die Rede ist von einer dreistelligen Millionensumme, bestätigt ist das nicht. PSPDFKit ging inzwischen in einem Unternehmen namens Nutrient auf, der Ex-Boss ging auf Auszeit.
"Ich habe vieles ausprobiert", schreibt er auf seinem Blog. "Exzessiv gefeiert, unzählige Therapiesitzungen hinter mir, Ayahuasca (ein Psycho-Trank aus dem Amazonas-Gebiet, gewonnen aus einer Liane, Anm.) genommen, bin in ein anderes Land gezogen und irrte ziellos umher, erfüllt von einer inneren Leere und auf der Jagd nach oberflächlichen Vergnügungen."
Nun ist Steinberger zurück, um an der Weiterentwicklung von KI mitzuschreiben. Die Frage ist: Was hält die künstliche Intelligenz für uns eigentlich bereit?
Axios ist eine US-Nachrichtenwebseite, die in den vergangenen Jahren eine steile Karriere hingelegt hat. Geboten werden kurze, seriöse Nachrichten. Die Artikel sind selten länger als 300 Wörter und streng portioniert, ein Gedanke, ein Absatz. Slogan: "Axios macht Sie in dem, was wirklich zählt, schneller schlauer."
Das Medium wurde 2016 gegründet, gehört inzwischen der Cox Media Group, einem Mischkonzern mit 55.000 Mitarbeitern weltweit. Die Cox Media Group mit Sitz in Atlanta betreibt Radiosender und TV-Stationen.
Axios setzt seit Jahren auf den Einsatz von KI, vorrangig allerdings im technischen Bereich, und dabei passierte nun, was eher selten vorkommt. Das Unternehmen machte seine Erfahrungen transparent. Das erlaubt Einblicke, wie massiv und schnell künstliche Intelligenz in diesem Feld um sich greift.
Dan Cox ist seit dem Vorjahr Chief Technology Officer bei Axios. Er arbeitete davor über 20 Jahre bei Meta, Yahoo und Amazon. Nun verantwortet er die technologische Entwicklung von Axios und fasst das so zusammen:
"Einer unserer besten Ingenieure hat kürzlich ein Projekt abgeschlossen, das einem ähnelt, das er vor einem Jahr durchgeführt hat. Letztes Jahr hat er dafür drei Wochen gebraucht. Diese Woche hat er KI-basierte „Agententeams” eingesetzt und die gleiche Arbeit in 37 Minuten erledigt."
Programmieren sei der erste große Bereich, in dem KI am stärksten zum Tragen komme, schreibt er. Aber dabei werde es nicht bleiben.
Axios habe vor sechs Monaten die Produkt- und Technologieorganisation neu ausgerichtet und von 63 auf 43 Mitarbeiter verkleinert. Ergebnis: "Das Team hat seine Leistung im Jänner verdoppelt und wird sie diesen Monat erneut verdoppeln. Wir leisten exponentiell mehr ... mit deutlich weniger Mitarbeitern."
Technik-Teams in allen möglichen Unternehmen kennen das: es gibt eine lange Liste von Anforderungen, die an sie herangetragen werden, aber es passiert eines nicht – die Liste wird nie kürzer. Im Gegenteil, der Stau baut sich immer weiter auf.
Der Vorgang wird als „technische Schulden” bezeichnet, er lähmt Abteilungen. Aber die KI, so Cox, habe dafür gesorgt, dass diese „technische Schulden” abgetragen werden. In wenigen Monaten wird der Rückstand komplett weg sein. Das habe enorme Konsequenzen.
Ingenieure, die ihre Zeit mit dem Programmieren verbringen, werden zu Entwicklern. Sie arbeiten sich nicht mehr an Codes ab, sondern sie denken über die Anforderungsliste hinaus. "Software-Ingenieure leben in einer Zukunft, die bald für uns alle Realität sein wird", schreibt er. Dieser Zustand habe sich innerhalb von Wochen eingestellt.
Das habe Konsequenzen auf vielen Ebenen, auch auf der persönlichen. "Agenten schreiben bessere Codes als ich. Jetzt verbringe ich meine Zeit damit, darüber nachzudenken, was wir entwickeln wollen – und nicht, wie wir es entwickeln wollen", so Cox.

Axios schließt keine Softwareverträge mehr ab, die länger als ein Jahr laufen, angepeilt werden sechs Monate. Man glaubt, alle Tools in recht bald im eigenen Haus entwickeln zu können. Dies erkläre auch, warum Softwareaktien in den letzten Wochen einen brutalen Einbruch erlebt hätten.
Das aber erzeuge ein anderes Problem: Verläuft die Entwicklung zu rasant für die potenzielle Kundschaft? Der Engpass sei nun nicht mehr das Schreiben von Code. Es gehe darum, wie schnell Menschen Veränderungen aufnehmen können. "Möglicherweise entwickeln wir Dinge schneller, als Menschen mithalten können."
Es könnte sich eine Funktionsmüdigkeit einstellen („Schon wieder ein Update?“), ein Vertrauensverlust („Haben die überhaupt eine Vision für all dieses Zeug?“), kognitiven Überlastung („Ich habe gerade erst die alte Methode gelernt“).
Der Technik-Chef von Axios empfiehlt allen, auf die neuen Zeiten vorbereitet zu sein. "Ihr Wettbewerbsvorteil ist nicht mehr die Geschwindigkeit. Es ist die Kohärenz der Erzählung: Sie liefern nicht nur Code, Sie erzählen Ihren Nutzern eine Geschichte."
Mit oder ohne KI, das zumindest bleibt im Journalismus gleich.