Wenn Steine mit ruhiger Hand übers Eis geschoben werden, ist Curlingzeit bei Olympia. Die ehemalige Randsportart hat sich zum Quotenrenner gemausert. Und mit der Italienerin Stefania Constantini ihren ersten Superstar. Warum Curling plötzlich cool ist.

Wenn es einen Curling-Gott geben sollte, dann ist Stefania Constantini sein Geschenk an den curlenden Teil der Menschheit. Denn die 26-jährige Italienerin ist das, was dem Sport seit etwa 200 Jahren abgeht: ein sympathisches, hübsches Gesicht, das man sich merkt.
Sonst hat Curling alles, was eine Sportart telegen macht: Es ist spannend und variantenreich, Köpfchen geht meist vor Muskelkraft und oft kann sich ein Spiel noch in den letzten Sekunden komplett drehen. Dazu kommt das kontemplative Element: Der Herzschlag der Zuschauer steigt nur selten über den Ruhepuls. Curling ist die sportliche Umsetzung des Sprichwortes "In der Ruhe liegt die Kraft".
Der Stern der jungen Italienerin ging 2022 auf, da wurde sie bei den Olympischen Spielen in Peking gemeinsam mit ihrem Partner Amos Mosaner Olympiasiegerin im Mixed Double. 2025 folgte der Weltmeistertitel und jetzt Olympia daheim – und zwar wirklich daheim. Denn Stefania Constantini wohnt noch dazu in Cortina d'Ampezzo, dem Austragungsort aller olympischen Curling-Bewerbe.
Dass es das Duo im Mixed Double heuer nur ins kleine Finale schaffte, ist dabei nur ein minimaler Wermutstropfen. Die Bronzemedaille (für das Duo wurde von den mehr als 3.000 Zuschauern in der Curling-Halle von Cortina (der Ort hat gerade einmal 5.000 Einwohner) bejubelt wie ein Olympiasieg. Und im Damen-Bewerb hat die 26-Jährige ab 12. Februar noch eine Chance auf ihr zweites Olympia-Gold.

Dass die sympathische Randsportart, bei der Menschen große, schwere Steine über eine Eisfläche schieben und den Weg der Brocken mit kleinen Besen sauber kehren, gefühlt jeden Olympia-Tag auf dem Programm steht, liegt vor allem daran, dass es tatsächlich so ist.
Mehr noch: Weil das Programm der Curler den olympischen Zeitrahmen sprengt, wird meist schon zwei bis drei Tage vor der offiziellen Eröffnung der Spiele mit dem Curling-Programm begonnen, um rechtzeitig am letzten Tag fertig zu werden.
Warum Curling mittlerweile bei vielen TV-Sendern vom Lückenfüller-Programm zum Olympia-Dauerbrenner geworden ist, nach welchen Regeln ein Curling-Turnier abläuft und weshalb Curling-Olympiasieger mit Abstand am längsten für ihre Medaillen schuften – das muss man über die beliebteste Randsportart der Olympischen Winterspiele wissen:
Wie viele Curling-Bewerbe gibt es bei Olympia?
Vom 4. bis 10. Februar fand der Mixed Double-Bewerb statt, bei dem ein Team aus je einem Mann und einer Frau besteht. Der Olympiasieg ging dabei heuer an Schweden, die Olympiasieger von 2022 aus Italien wurden Dritte. Seit dem 11. Februar werden parallel die Damen- und Herren-Bewerbe ausgetragen (je vier Spieler pro Team). Dabei wird jeden Tag gespielt, die beiden Finalspiele finden am 21. bzw. 22. Februar, also den letzten Tagen der Spiele, statt.
Weshalb wird so lange gespielt?
Weil beim Curling traditionellerweise jedes Team gegen alle anderen Teams antritt, dieses System nennt sich "Round Robin". Da es pro Olympia-Turnier je zehn qualifizierte Länder-Teams gibt, spielen alle Mannschaften neun Spiele in der Vorrunde. Die besten vier Teams steigen ins Halbfinale auf, die Sieger ins große, die Verlierer ins kleine Finale. Wer eine Medaille gewinnen will, muss elf Spiele bestreiten.
Wie geht sich das im dichten Olympia-Programm aus?
Während der Vorrunde spielt jedes Team zwei Matches pro Tag, sonst würde es sich gar nicht ausgehen. Insgesamt finden bei Olympia heuer 147 Curling-Matches in 19 Tagen statt.

Wie lange dauert ein Spiel?
Zwei Stunden sind ein guter Durchschnittswert. Spieler wie die Italienerin Stefania Constantini, die sowohl im Mixed, als auch im Team-Bewerb antreten, stehen damit im Idealfall (also wenn sie das Finale erreichen) mindestens 40 Stunden auf dem Eis. Für keine Olympiamedaille muss länger gekämpft werden.
Worum geht es beim Curling eigentlich?
Es geht für ein Team darum, möglichst viele seiner insgesamt acht Steine (bzw. fünf Steine beim Mixed Double) in ein Ziel am anderen Ende der Eisbahn zu befördern. Dieses Ziel besteht aus einem Mittelpunkt und drei Kreisen darum herum und wird "Haus" genannt. Jeder eigene Stein, der besser liegt, als der beste gegnerische Stein, bringt am Ende einen Punkt.
Und wie oft macht man das im Laufe eines Matches?
Gespielt werden acht (beim Mixed Double) bzw. zehn (die Männer- und Frauen-Bewerbe) Runden. Diese Runden nennt man in der Curling-Sprache "Ends". Pro End hat jedes Team fünf (Mixed Double) bzw. acht Steine zur Verfügung. Das Recht des letzten Steins (genannt "Hammer") wechselt in der Regel jede Runde, und das ist wichtig: Denn wer den letzten Wurf hat, macht in der Regel Punkte. Wer am Ende aller Runden die meisten Punkte hat, gewinnt das Match.
Wie viele Spieler sind in einem Team?
Beim Mixed Doubles je ein Mann und eine Frau, bei den Team-Bewerben sind es vier Spielerinnen bzw. Spieler pro Team.
Hat jeder Spieler die gleichen Aufgaben?
Ja und nein. Eine besondere Bedeutung kommt gerade bei den Team-Bewerben mit je 4 Spielern der Mannschaftsaufstellung zu: Die ist nämlich fix festgelegt und für jede Position gelten andere Anforderungen.

Wie viele Steine spielt jeder Spieler?
Zwei hintereinander. Das heißt, in jeder Runde kommt jeder Spieler einmal dran, zwei Steine zu spielen.
Und was macht er, während die anderen Spieler am Zug sind?
Entweder er hilft dem Schützen, die Steine der Gegner anzuvisieren. Oder er wischt mit dem Besen über jene Eisfläche, über die der Stein kurz darauf gleiten soll.
Was hat es mit dieser Wischerei auf sich?
Der Sinn des Wischens besteht darin, den Laufweg der Steine zu beeinflussen und zu verändern. Das Eis soll zum einen von Schmutz befreit werden. Zum anderen verstärkt richtiges Wischen den "Curling-Effekt", also die Drehbewegung der Steine, die ihnen beim Abwurf mitgegeben wird. So können "Kurvenfahrten" um Hindernisse herum erreicht werden. In früheren Jahren waren das übrigens tatsächlich noch Besen aus Holzzweigen, inzwischen sind es hoch spezialisierte Sportgeräte mit Hightech-Kunststoffborsten.
Klingt gar nicht so einfach …
Curling ist ein anspruchsvolles Taktik-Spiel, bei dem neben dem richtigen Gespür und Fingerspitzengefühl beim Werfen auch strategisches Denken erfordert wird. Teams müssen antizipieren, welchen Stein der Gegner als Nächstes spielen wird, berechnen, wie ihre eigenen Steine ihr Ziel treffen sollen (mit welcher Wucht, in welcher Zeit, in welchem Winkel etc.) und wohin sie danach laufen. Es ist viel Vorausdenken und Antizipation gefordert. Nicht umsonst wird Curling oft "Schach auf dem Eis" genannt.
Und der Reiz für das Publikum?
Ergibt sich aus den vielfältigen taktischen Möglichkeiten, dem permanenten Spannungsaufbau in jeder Runde (der letzte Stein entscheidet meistens alles) und der Konzentrationsleistung der Spieler. Wer als Zuschauer die Regeln versteht, kann und wird sich an taktisch hochklassigen Spielen erfreuen können.
Was bedeutet Curling eigentlich?
"To curl" heißt "sich kräuseln" oder "sich drehen". Wird ein Stein richtig gespielt, dreht er sich um seine eigene Achse, mal stärker, mal schwächer. So entsteht auch jener Effet, der es möglich macht, einen Stein scheinbar bogenförmig zu spielen.

Apropos Steine: Wie schwer sind diese?
Ein Wettkampf-Stein wiegt zwischen knapp über 17 und knapp unter 20 Kilo und hat einen Umfang von knapp über 91 Zentimetern. Hochqualitative Wettkampf-Steine können 1.000 Euro oder noch mehr kosten – pro Stück.
Kann man beim Curling reich werden?
Nein. Anders als etwa beim Golf oder Darts, wo teilweise ähnliche Qualitäten verlangt werden, gibt es noch keine Profi-Ligen oder gar internationale Bewerbe, bei denen man so viel verdient, dass man vom Curling gut leben kann.
Seit wann wird Curling als Wettkampf ausgetragen?
Obwohl der Sport schon sehr alt ist – der erste Curlingstein stammt aus dem Jahr 1511 –, gibt es erst seit den späten 1950er-Jahren internationale Wettbewerbe, die man als Weltmeisterschaft verstehen könnte.
Und bei Olympia?
Wurde 1924 der erste Curling-Wettbewerb ausgetragen, danach war Pause. 1932, 1988 und 1992 war Curling als Demonstrations-Sportart bei Olympia dabei, fix im Programm der Winterspiele ist der Sport aber erst seit 1998.
Woher stammt Curling eigentlich?
Als "Geburtsland" des Curlings gilt Schottland, 1716 wurden dort in Kilsyth die ersten Spielregeln festgehalten. Mit dem heutigen Curling hatte das freilich noch recht wenig zu tun: Die Wurfgeschosse waren große, flache Steine, die man an Ufern fand. Wer den größeren Stein hatte, hatte Glück. Denn je schwerer der Stein, desto unmöglicher war es für den Gegner, diesen wegzuschieben. In einem schottischen Museum findet man einen alten Curlingstein mit 58,5 Kilo.
Welches sind die traditionsreichsten Curling-Nationen?
Neben Schottland sind das Kanada, Schweden, die Schweiz und inzwischen auch Italien. In Kanada ist Curling ein absoluter Breitensport, den etwa 800.000 Menschen betreiben (bei rund 40 Millionen Einwohnern).

Und in Österreich?
Anders als im Nachbarland Schweiz, fristet Curling bei uns bisher ein Schattendasein: Es gibt zwar einige Vereine, die an nationalen Meisterschaften teilnehmen. International gesehen sind wir aber echte Curling-Exoten. Das liegt auch daran, dass es in Österreich nur eine echte Curling-Halle in Kitzbühel gibt. Aber: Bei der Herren-WM 2025 in Kanada holte das rot-weiß-rote Team mit Skip Mathias Genner den ersten WM-Erfolg seit 42 (!) Jahren: ein 11:4 gegen Südkorea.
Wie beliebt ist Curling im TV?
In Kanada werden große Turniere wie die WM im Fernsehen live übertragen und finden bis zu einer Million Zuschauer (bei 40 Mio. Einwohnern). Damit zählt Curling zu den Top-Sportsendungen, übertroffen nur von NHL-Eishockey und Football.
Und bei Olympia?
2022 in Peking erreichte Curling eine beachtliche globale TV-Reichweite. Die Bewerbe wurden in über 100 Ländern gezeigt und erreichten insgesamt etwa 98 Millionen Zuschauer. Das ist ein Wachstum von 37 Prozent im Vergleich zu PyeongChang 2018.

Gibt es Promi-Fans?
Tatsächlich entdecken immer mehr Prominente, dass Curling weltweit hohe Sympathie genießt. In Cortina d'Ampezzo war jetzt der US-Rapper Snoop Dogg als NBC-Korrespondent und US-"Ehrencoach" in der Curlinghalle Dauergast. Und Briten-Prinz William und Ehefrau Prinzessin Kate beehrten das britische Curling-Team kurz vor dem Abflug nach Italien mit einem Besuch.
Wo kann ich Curling jetzt bei Olympia verfolgen?
ORF Sport+ überträgt ausgewählte Spiele, weitere sind im ORF-Online Stream zu sehen. In Deutschland zeigen ARD und ZDF fast alle Spiele in zusätzlichen Online-Streams, die Finalspiele werden auch im regulären TV zu sehen sein. Der Curling-Sender schlechthin bleibt aber Eurosport, das auch jedes Jahr die Curling-WM überträgt: Dort sind alle 147 Spiele zu sehen – entweder im TV oder als Stream.