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Neuer Todesfall

Er wollte aussagen: Epsteins "Frauen-Fischer" tot aufgefunden

Der Geschäftsmann Daniel Siad sah sich selbst als "Fischer", der für den Sexualstraftäter Jeffrey Epstein in Europa die Netze auswarf. In den bislang veröffentlichten Teilen der Epstein-Akten taucht sein Name mehr als 2.000 Mal auf. Nun wurde er nahe Paris tot gefunden.

Starb während er darauf wartete, vor der Polizei eine Aussage zu machen: Ex-Model-Scout und Epstein-Vertrauter Daniel Siad, hier auf einem Bild aus den Epstein-Akten der US-Justiz
Starb während er darauf wartete, vor der Polizei eine Aussage zu machen: Ex-Model-Scout und Epstein-Vertrauter Daniel Siad, hier auf einem Bild aus den Epstein-Akten der US-JustizUS Department of Justice
Martin Kubesch
Akt. 22.07.2026 23:46 Uhr

Er selbst bezeichnete sich meist als "Model-Scout". Und gelegentlich auch als "Fischer", der für den verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein auf Beutefang – sprich auf die Suche nach Frauen – ging. Vergangenen Montag wurde der schwedische Geschäftsmann Daniel Siad in seinem Haus in einem Vorort von Paris tot aufgefunden, berichten BBC und der Spiegel.

Siad war eine der Schlüsselfiguren im Krimi um den US-Investor und Missbrauchstäter Jeffrey Epstein. Spätestens ab dem Jahr 2009 – also nachdem der Amerikaner von einem US-Gericht wegen eines Sexualstrafdeliktes verurteilt worden war – führte er Epstein junge Frauen aus (Ost)Europa zu. Jene "Fische", nach denen er Ausschau hielt.

Unrechtsbewusstsein hatte er dabei offenbar wenig. Er hätte zu Epstein eine "rein berufliche Beziehung" gehabt und diesen "für einen professionellen Menschen" gehalten, vertraute er Medien an. Und als er selbst Anfang 2026 wegen verschiedener Sexualstrafdelikte angezeigt worden war, erklärte er treuherzig, er sei "ein Familienmensch" und habe in seinem Leben "noch nie jemanden vergewaltigt".

Wie die Ermittlungsbehörden den Tod des 69-Jährigen beurteilen, weshalb Daniel Siad trotz mehrerer Anzeigen nicht von der Polizei einvernommen worden ist und welche Auswirkungen sein Ableben auf die Untersuchungen des Epstein-Komplexes haben könnte – das muss man über die neueste Wendung im Missbrauchsfall um den US-Finanzmagnaten wissen:

Jeffrey Epstein (hier auf einem Bild aus den Akten des US-Justizministeriums) ließ sich spätestens ab 2009 von Daniel Siad Frauen zuführen
Jeffrey Epstein (hier auf einem Bild aus den Akten des US-Justizministeriums) ließ sich spätestens ab 2009 von Daniel Siad Frauen zuführen
Department of Justice

Worum geht es?
Der Geschäftsmann Daniel Siad wurde am Montag, dem 20. Juli, nachmittags tot in der Küche seines Hauses in Colombes entdeckt, einem nordwestlichen Vorort von Paris. Die Staatsanwaltschaft Nanterre bestätigte den Fund der Leiche. Eine Untersuchung zur Feststellung der Todesursache wurde eingeleitet, außerdem soll eine Autopsie durchgeführt werden.

Wer war Daniel Siad?
Siad war 69 Jahre alt, Schwede mit algerischen Wurzeln und bezeichnete sich selbst als Model-Scout. Er soll Frauen angesprochen und zahlreiche von ihnen an Jeffrey Epstein vermittelt haben. Sein Name taucht in den von der US-Regierung freigegebenen Epstein-Akten laut Zählungen mehr als 2.000 Mal auf.

Wie stand er in Verbindung mit Jeffrey Epstein?
Den Unterlagen zufolge stand Siad spätestens ab 2009 mit Epstein in Kontakt, indem er für ihn nach Frauen suchte. Diesen Frauen stellte Daniel Siad Model-Karrieren in Aussicht und bot sie Epstein anschließend an. Dafür schickte er Fotos und Maße an den Amerikaner und pries sie in Mails etwa als "wunderbare Schönheit" oder als "sehr höflich" an.

Wie war seine Selbstsicht diesbezüglich?
In einer veröffentlichten E-Mail schrieb Siad einmal in schlechtem Englisch: "Ich (…) fühle ich mich wie ein Fischer, manchmal fange ich schnell etwas, manchmal habe ich keinen Fisch." Diese "Fische" habe er für Epstein in Frankreich, Skandinavien und Osteuropa gefangen.

Wurde auch gegen Daniel Siad ermittelt?
Ja, gegen ihn wurde in Paris wegen mutmaßlichen Menschenhandels und Vergewaltigung ermittelt. Erstmals wurde im Februar 2026 diesbezüglich Anzeige gegen ihn erstattet. Seine Anwältin betonte allerdings, dass Daniel Siad "nie strafrechtlich verfolgt" worden sei.

Wurde Siad vor seinem Tod von der Polizei einvernommen?
Nein, er war im Rahmen der Ermittlungen noch nicht von der Polizei befragt worden. In Interviews erklärte der Schwede jedoch, dass er angehört werden und seine Version der Ereignisse schildern wollte.

Das Haus im Pariser Vorort Colombes, in dem Daniel Siad am Montag tot aufgefunden worden ist
Das Haus im Pariser Vorort Colombes, in dem Daniel Siad am Montag tot aufgefunden worden ist
APA-Images / AFP / XAVIER GALIANA

Was sagte er selbst zu den Vorwürfen?
Daniel Siad wies die Vorwürfe gänzlich zurück. Gegenüber CNN sagte er, er habe nicht gewusst, dass die Frauen von Epstein missbraucht wurden: "Ich habe ihm vertraut, ich hielt ihn für einen professionellen Menschen." Und im Mai sagte er zu dem Sender BFMTV: "Ich habe in meinem ganzen Leben noch nie jemanden vergewaltigt."

Dann hätte er ja eigentlich nichts zu befürchten gehabt …
Trotzdem habe er sich bedroht gefühlt, erklärte seine Anwältin Ménya Arab-Tigrine am Mittwoch. "Er fürchtete um sein Leben. Außerdem war es ihm sehr wichtig, gehört zu werden und seine Unschuld vor Polizei und Gerichten zu beteuern", zitiert die französische Zeitung Le Figaro die Daniel Siads Anwältin.

Hält die Anwältin den Tod ihres Mandanten für einen Zufall?
Laut Ménya Arab-Tigrine lebte ihr Mandant seit Beginn der Anschuldigungen "unter Druck, unglücklich und ängstlich". "Er hatte großes Vertrauen in die Justiz, konnte aber nicht verstehen, warum er trotz seiner Appelle nicht vorgeladen wurde."

Was berichten Siads angebliche Opfer?
Eine Frau mit dem Pseudonym Anya sagte gegenüber der BBC, Siad habe sie Epstein vorgestellt. Sie schilderte, es sei "eine komplett inszenierte Falle" und Siad "im Grunde ein professioneller Menschenhändler" gewesen. Ein anderes ehemaliges Model sagte, mit seinem Tod könnten bislang unbekannte Informationen unwiederbringlich verloren sein, die Siad über Epstein besessen habe.

War es ein natürlicher Todesfall?
Dazu gibt es noch keine Erkenntnisse. Die Staatsanwaltschaft hat eine Obduktion angeordnet und eine Untersuchung der Todesumstände angekündigt.

Wie wurde er gefunden?
Eine 28-jährige Frau, die laut der Zeitung Le Parisien eine "Mitbewohnerin" Daniel Siads gewesen sein soll, fand seinen Leichnam. In welchem Verhältnis sie konkret zu dem Toten stand, ist bislang noch unklar.

Modelagent Jean-Luc Brunel (l., mit US-Regisseur Brett Ratner), wurde 2022 erhängt in seiner Pariser Gefängniszelle aufgefunden – ein Bild aus den Akten des US-Justizministeriums
Modelagent Jean-Luc Brunel (l., mit US-Regisseur Brett Ratner), wurde 2022 erhängt in seiner Pariser Gefängniszelle aufgefunden – ein Bild aus den Akten des US-Justizministeriums
Department of Justice

Warum ist sein Tod für die Ermittlungen so brisant?
Entscheidend ist, dass Daniel Siad im Rahmen der Ermittlungen noch nicht von der Polizei befragt worden war. Eine Zeugin sagte, ein wichtiges Glied in der Kette sei verschwunden, ohne dass die möglichen Informationen gesichert werden konnten. Genau darin sehen Opfervertreter nun ein massives Problem für die weitere  Aufarbeitung der ganzen Epstein-Causa.

Gibt es Kritik am Vorgehen der Behörden?
Mehrere Anwälte und Opfervertreter zeigten sich nach Bekanntwerden von Daniel Siads Tod fassungslos. Sie sprachen von Wut und Trauer, weil den mutmaßlichen Opfern damit "ein Strafprozess verweigert" werde. Andere Vertreter kritisierten die aus ihrer Sicht zu langsame Ermittlungsarbeit und nannten die Untätigkeit der Behörden "skandalös".

Gab es in diesem Umfeld nicht schon einen ähnlichen Fall?
Ja. Ein weiterer Vertrauter Epsteins, der französische Modelagent Jean-Luc Brunel, wurde 2022 erhängt in seiner Pariser Gefängniszelle aufgefunden. Gegen ihn war unter anderem wegen des Verdachts der Vergewaltigung Minderjähriger und des Menschenhandels mit Minderjährigen zum Zweck der sexuellen Ausbeutung ermittelt worden, was er bestritt.

Was muss man über den Fall Epstein wissen?
Jeffrey Epstein war ein US-Investor, der mutmaßlich hunderte Frauen, darunter auch minderjährige Mädchen, missbraucht hatte. 2008 wurde er wegen eines minderschweren Tatbestandes in Florida schuldig gesprochen, es handelte sich um einen windigen Deal mit der Staatsanwaltschaft. Seither war Epstein ein verurteilter Sexualstraftäter. 2019 nahm er sich in einer New Yorker Gefängniszelle das Leben, während er auf seinen Prozess wegen Menschenhandels zum Zweck der sexuellen Ausbeutung wartete.

In diesem Wohnhaus in der vornehmen Avenue Foch in Paris besaß Jeffrey Epstein ein 16-Zimmer-Apartment
In diesem Wohnhaus in der vornehmen Avenue Foch in Paris besaß Jeffrey Epstein ein 16-Zimmer-Apartment
REUTERS/Benoit Tessier

Warum taucht der Fall gerade jetzt wieder so oft auf?
Nach Epsteins Tod verlangten viele, seine Verbindungen zu mächtigen Personen offenzulegen, da sie eine weitverzweigte Verschwörung vermuteten. Die Trump-Regierung veröffentlichte ab Dezember 2025 schließlich Unterlagen des Justizministeriums aus dem Verfahren gegen Epstein. In diesen Millionen Dokumenten finden sich E-Mails und Nachrichten, in denen auch Daniel Siad auffällig oft vorkommt.

Was bedeutet der Tod Daniel Siads für die Aufarbeitung des Epstein-Falls?
Vor allem einmal, dass eine direkte Befragung Siads unter Eid nun nicht mehr stattfinden kann. Und somit eine weitere Spur in Jeffrey Epsteins dunkle Welt nicht mehr zur Verfügung steht. Für die Öffentlichkeit bleiben damit weiterhin viele Fragen offen, da mehrere Zeugen der seinerzeitigen Vorgänge rund um Epstein mittlerweile tot sind.

Martin Kubesch
Akt. 22.07.2026 23:46 Uhr