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Neue Erkenntnisse

Was geschah wirklich in der Nacht, als Jeffrey Epstein starb?

Geld, Videos, rätselhafte Google-Verläufe: Das alles nährt Zweifel an der offiziellen Suizid-Version des Sexualstraftäters. Eine wichtige Zeugin sollte jetzt vor dem Kongress erscheinen. Doch ihre Aussage wurde auf unbestimmte Zeit verschoben – keiner weiß, weshalb.

Neue Erkenntnisse aus den Akten des US-Justizministeriums nähren die Zweifel an der offiziellen Selbstmord-Version im Fall Jeffrey Epstein
Neue Erkenntnisse aus den Akten des US-Justizministeriums nähren die Zweifel an der offiziellen Selbstmord-Version im Fall Jeffrey EpsteinAPA-Images
Martin Kubesch
Akt. 27.03.2026 23:43 Uhr

Es klingt schon seltsam: Seit Jahren beschäftigt die Aufarbeitung der (mutmaßlichen) Verbrechen des Finanzmanagers Jeffrey Epstein Behörden und Öffentlichkeit gleichermaßen. Um die lückenlose Veröffentlichung der Untersuchungsakten wird gestritten, noch immer sind Millionen Seiten unveröffentlicht, obwohl ein Gesetz das US-Justizministerium eigentlich dazu verpflichten würde, alles freizugeben.

Auch die Umstände des Todes von Jeffrey Epstein in der Nacht auf den 10. August 2019 in Untersuchungshaft sind bis heute nicht restlos geklärt. Es gibt weiterhin mehrere Punkte in der offiziellen Schilderung der Todesnacht, die den angeblichen Suizid des 66-Jährigen zumindest fragwürdig erscheinen lassen. Und einige Fragen sind bis jetzt schlicht ungeklärt.

Umso ungewöhnlicher, dass die beiden Menschen, die Jeffrey Epstein als letzte lebend gesehen haben und ihn nach seinem – angeblichen – Selbstmord fanden, bis jetzt nur ein einziges Mal offiziell zu den Umständen und Vorkommnissen in jener Nacht befragt worden sind.

Die beiden Justizvollzugsbeamten Tova Noel, heute 39, und Michael Thomas, heute 47, hatten in jener Nacht Dienst in der Isolationsabteilung des Metropolitan Correctional Center in New York City, als Jeffrey Epstein ums Leben kam. Es ist erwiesen, dass sich die beiden Beamten damals mehrerer schwerer Versäumnisse schuldig gemacht haben.

Dennoch begnügten sich die Bundes-Ermittler mit einer einzigen Vernehmung. Die fand 2021 statt, zwei Jahre nach dem Tod Epsteins. Und endete damit, dass sämtliche Anklagen gegenüber Tova Noel und Michael Thomas in der Folge fallen gelassen wurden.

Tova Noel (Mitte mit gelber Bluse) sagte bislang erst einmal 2021 offiziell über ihre Rolle in der Todesnacht von Jeffrey Epstein aus
Tova Noel (Mitte mit gelber Bluse) sagte bislang erst einmal 2021 offiziell über ihre Rolle in der Todesnacht von Jeffrey Epstein aus
REUTERS

Neue Erkenntnisse aus den Epstein-Files

Doch mittlerweile wurden zwar nicht alle, aber zumindest große Teile der bislang unter Verschluss stehenden Ermittlungsakten der Bundesbehörden zum Fall Epstein veröffentlicht. Darunter sind auch Erkenntnisse über Tova Noel, Michael Thomas und das Verhalten der beiden rund um die Todesnacht des Sexualstraftäters, die vom FBI recherchiert worden sind.

Die beiden Vollzugsbeamten haben sich in jener Nacht nicht nur über zahlreiche dienstliche Vorschriften hinweggesetzt und sich mehrerer Versäumnisse schuldig gemacht. Auch ihr sonstiges Verhalten in den Stunden vor Epsteins Tod wirft Fragen auf. Und nicht zuletzt die Tatsache, dass Tova Noel vor Epsteins Tod ungewöhnlich große Geldsummen auf ihr Bankkonto eingezahlt hat.

All diese neuen Erkenntnisse haben auch den Aufsichtsausschuss des Repräsentantenhauses (Committee on Oversight and Government Reform) neugierig gemacht. Dieses Gremium des US-Kongresses ermittelt unter der Leitung des Republikaners James Comer seit Monaten rund um die Veröffentlichung der neuen Epstein-Akten.

Zuletzt erregte der Ausschuss Aufsehen, weil er Ex-Präsident Bill Clinton (der häufig zusammen mit Jeffrey Epstein gesehen worden war) und Ex-Außenministerin Hillary Clinton (die Epstein nach eigenem Bekunden nie getroffen hat) vorlud, sich gleichzeitig aber beharrlich weigert, den amtierenden Präsidenten Donald Trump, dessen Name in den veröffentlichten Epstein-Akten nachweislich tausende Male vorkommt, vorzuladen.

Eine Einladung für Epsteins letzte Aufseherin

Aber Clintons hin, Trump her, der Aufsichtsausschuss des Repräsentantenhauses hatte sich auf Tova Noel als nächste Auskunftsperson festgelegt. Und sie am 13. März offiziell eingeladen. Die Frau sollte am Donnerstag, dem 26. März, vor dem Kongressausschuss erscheinen und den Abgeordneten Rede und Antwort stehen.

Im Vorfeld gab sich der Ausschussvorsitzende James Comer auch ausgesprochen kämpferisch: Wenn Miss Noel nicht freiwillig erscheine, werde er sie vorladen lassen, so der Republikaner: "Sie wird ihre Aussage machen, so oder so." Doch es kam anders.

Auch Noels Kollege Michael Thomas, der mit ihr in Epsteins Todesnacht Dienst hatte, wurde erst zwei Jahre nach dem Tod des Sexualstraftäters befragt
Auch Noels Kollege Michael Thomas, der mit ihr in Epsteins Todesnacht Dienst hatte, wurde erst zwei Jahre nach dem Tod des Sexualstraftäters befragt
REUTERS

Wenige Stunden vor der geplanten Einvernahme von Tova Noel wurde der Termin auf unbestimmte Zeit verschoben. Ohne Angabe von Gründen. Ohne exakte Nennung eines neuen Datums. Und das ganze so sang- und klanglos, dass die meisten US-Medien davon nicht einmal Notiz nahmen. Die Absage verlief exakt so, wie man es macht, wenn man möglichst wenig Aufhebens erzeugen möchte.

Zurück bleiben damit fürs Erste vor allem viele offene Fragen. Denn Tova Noel ist keine besonders auskunftsfreudige Frau. Außer ihren Aussagen unmittelbar nach der Auffindung von Epsteins Leiche und bei der Befragung durch das Justizministerium etwa zwei Jahre später sind von ihr keinerlei offizielle Äußerungen zu der Causa bekannt.

Bleibt vorläufig also weiterhin nur, sich aus den vorhandenen Informationen ein Bild davon zu machen, was in diesen August-Tagen des Jahres 2019 tatsächlich geschehen ist. Und was in jenen entscheidenden Stunden geschehen sein könnte, deren Verlauf bis heute nicht endgültig geklärt ist. Das Magazin Vanity Fair und die Zeitung Miami Herald haben aus öffentlich zugänglichen Ermittlungserkenntnissen dazu eine Chronologie der letzten Tage von Jeffrey Epstein erstellt.

Was man über Jeffrey Epsteins letzte Tage weiß

Weshalb war Jeffrey Epstein in Untersuchungshaft?
Der Finanzmanager, der bereits 2008 wegen eines Sexualdeliktes zu 18 Monaten Haft (unter sehr milden Bedingungen) verurteilt worden war, wurde am 6. Juli 2019 wegen des Vorwurfs des Sexhandels mit Minderjährigen und der Verschwörung zum Sexhandel mit Minderjährigen verhaftet und in das Metropolitan Correctional Center in Manhattan gebracht.

Wie war Epstein im Gefängnis untergebracht?
Aufgrund des großen Medieninteresses an dem Fall und seiner Bekanntheit innerhalb des Gefängnisses wurde Epstein in die Sonderhaftabteilung (SHU für Special Housing Unit) im Untergeschoß des Gefängnisses verlegt.

Kam er mit seiner Situation klar?
Offenbar nicht. Am 23. Juli 2019, zweieinhalb Wochen nach seiner Inhaftierung, soll Epstein einen Suizidversuch mit einem Bettlaken unternommen haben. Er wurde auf die Krankenstation verlegt und kam erst eine Woche später zurück in die SHU, allerdings unter besonderen Auflagen.

Das Metropolitan Correctional Center in Lower Manhattan: Im Untergeschoß des Gebäudes starb Jeffrey Epstein am 10. August 2019 unter ungeklärten Umständen
Das Metropolitan Correctional Center in Lower Manhattan: Im Untergeschoß des Gebäudes starb Jeffrey Epstein am 10. August 2019 unter ungeklärten Umständen
REUTERS

Welche Auflagen?
Epstein kam in die Zelle direkt neben dem Schreibtisch der Vollzugsbeamten, getrennt nur durch eine Stahltüre. Und er sollte einen Zellengenossen erhalten, der ein Auge auf ihn haben sollte, damit es zu keinem weiteren Suizidversuch kommen könnte.

Was geschah dann?
Bis zum 9. August lief alles glatt. Doch am Morgen dieses Tages wurde sein Zellengenosse Efrain Reyes verlegt, ohne dass Epstein einen neuen Mitinsassen bekommen hätte. Bis heute ist nicht ganz klar, ob diese Verlegung geplant gewesen ist und wer sie angeordnet hat.

Wie ging es weiter?
Epstein hatte am Abend ein Gespräch mit seinen Anwälten, ansonsten blieb er allein in seiner Zelle und verhielt sich unauffällig.

So verlief die Todes-Nacht

Das letzte Telefonat
Zwischen 19 und 20 Uhr bat Epstein darum, das Gefängnistelefon nutzen zu dürfen. Ein nicht namentlich genannter Vollzugsbeamter führte den Häftling daraufhin zu den Duschen und ließ ihn mit dem Telefon allein. Epstein wollte angeblich seine Mutter anrufen (die 15 Jahre zuvor verstorben war). Stattdessen telefonierte er mit seiner damaligen Freundin in Weißrussland. Das Gespräch dauerte etwa 20 Minuten. Anschließend wurde Epstein von einem anderen, ebenfalls namentlich nicht bekannten Beamten zurück in seine Zelle geführt.

Der letzte Kontakt
Gegen 22 Uhr bat Epstein die Vollzugsbeamtin Tova Noel darum, dass sie sein Gerät gegen Schlafapnoe an einer Steckdose vor der Zelle ansteckte und schob das Kabel unter der Türe durch. Noel tat, worum sie gebeten wurde. Sie warf noch einen Blick durch das Fenster in der Tür und sah Epstein auf seiner Matratze, die er neben das Bettgestell gelegt hatte. Er hätte die Hand gehoben und ihr zugenickt.

Epstein wird gefunden

Wann schauten die Beamten wieder nach Epstein?
Erst um etwa 6.30 Uhr früh am nächsten Morgen, als sie ihm das Frühstück bringen wollten. Tova Noels Kollege Michael Thomas hätte Epstein stranguliert vorgefunden, ihn losgemacht und versucht, ihn wiederzubeleben. Knappe 40 Minuten später wurde der Finanzmanager von einer Ambulanz ins Presbyterian Lower Manhattan Hospital gebraxcht und dort um 7.36 Uhr für tot erklärt.

Ein Bild von Epsteins Zelle, aufgenommen in den Stunden nach dem Auffinden seiner Leiche
Ein Bild von Epsteins Zelle, aufgenommen in den Stunden nach dem Auffinden seiner Leiche
via REUTERS

Weshalb war so eine lange Pause zwischen dem letzten Kontakt am Abend und dem Auffinden in der Früh?
Weil Noel und Thomas ihre Pflichten sträflich vernachlässigt haben. Ihre Aufgabe während der Nacht wäre es gewesen, alle 30 Minuten einen Rundgang zu machen und in jeder Zelle durch das Guckloch in der Tür nachzusehen, ob mit den Inhaftierten alles in Ordnung ist. Diese Kontrollgänge wurden die ganze Nacht über nicht durchgeführt, in den Kontrolllisten aber dennoch fälschlich aufgeführt.

Was haben die beiden stattdessen getan?
Geschlafen und mit dem Dienstcomputer im Internet gesurft. Die Ermittler wissen sogar, welche Seiten die beiden angesehen haben.

Wurden die beiden Beamten deshalb belangt?
Ja, aber erst Jahre später und nur sehr geringfügig. Am Tag von Epsteins Tod wurden die beiden heimgeschickt, ohne dass sie zuvor eine Aussage gemacht hätten. Als zwei Tage später Ermittler bei ihnen auftauchten, verweigerten sie auf Anraten ihrer Anwälte die Aussage.

Und dann?
Erst nachdem die Justizbehörden einen Deal mit ihnen geschlossen hatten – Fallenlassen der Anklagen, dafür 100 Stunden gemeinnützige Arbeit anstelle einer Gefängnisstrafe und künftige Kooperation mit den Behörden bei der Aufarbeitung – sagten die beiden, die mittlerweile entlassen worden waren, aus. Das war zwei Jahre nach den Vorkommnissen, die zu Epsteins Tod geführt haben.

Welche Punkte rund um Epsteins Tod nach wie vor unklar sind

Wie ging es weiter?
Mit den Jahren wurde es ruhig um die beiden Vollzugsbeamten. Erst mit Veröffentlichung der Epstein-Akten durch das Justizministerium geriet ihre merkwürdige Rolle beim Tod des Sexualstraftäters wieder ins kollektive Bewusstsein.

Was weiß man heute, was man damals noch nicht wusste?
Die desolaten Sicherheitsvorkehrungen im Metropolitan Correctional Center in Manhattan waren auch seinerzeit bereits bekannt, wurden aber nicht so breit diskutiert wie heute. Zahlreiche Videoüberwachungskameras waren damals ausgefallen, die verantwortlichen Beamten nahmen ihre Aufsichtspflicht in keiner Weise wahr und fälschten die Protokolle, der Häftling Epstein durfte telefonieren und ein Gerät mit einem langen Kabel in seiner Zelle haben – alles ein sicherheitstechnischer Albtraum.

Mit diesem Stück Stoff, aus Gefängnisbettwäsche geknotet, soll sich Jeffrey Epstein in seiner Zelle erdrosselt haben
Mit diesem Stück Stoff, aus Gefängnisbettwäsche geknotet, soll sich Jeffrey Epstein in seiner Zelle erdrosselt haben
via REUTERS

Was ist ganz neu?
Neu sind Videoanalysen des Justizministeriums, wonach am 9. August gegen 22.40 Uhr eine unbekannte Person im Umfeld der Zelle von Epstein auftauchte und etwas Orangefarbenes trug. Wer das war und was die Person trug – Kleidung, Bettzeug oder etwas anderes – isst bis heute ungeklärt. Weder Tova Noel noch Michael Thomas wollen etwas damit zu tun gehabt haben.

Gibt es noch weitere Punkte?
Bis heute unklar ist auch, woran Epstein jetzt wirklich starb. Die offizielle Autopsie spricht von Strangulation durch ein Tuch, eine zweite Leichenbeschau, die von der Familie Epsteins in Auftrag gegeben worden war, sah eher Anzeichen für Erwürgen (was dann Fremdverschulden bedeuten würde).

War's das?
Nein, es gibt noch weitere Unklarheiten. So hat etwa Tova Noel in Epsteins Todesnacht zweimal auf dem Dienstcomputer nach News über Epstein im Gefängnis gegoogelt - und zwar einmal 50 und dann 40 Minuten vor der offiziellen Entdeckung der Leiche. Das ergibt sich aus den Recherchen der Ermittler im Browser-Suchverlauf, sie selbst bestreitet das.

Noch was?
Ja, last but not least wurde mittlerweile bekannt, dass die Vollzugsbeamtin Tova Noel in den Monaten und Wochen vor Epsteins Tod mehrfach große Bargeldbeträge bei ihrer Bank einzahlte. Zuletzt waren es 5.000 Dollar, die sie zehn Tage vor Epsteins Tod einzahlte. Insgesamt summierten sich die Beträge auf 11.880 Dollar, über deren Herkunft Tova Noel bislang nichts ausgesagt hat.

Wie geht es jetzt weiter?
Der nächste Schritt sollte die Aussage von Tova Noel vor dem Kongressausschuss sein. Bislang steht allerdings nicht fest, wann diese nachgeholt wird, es steht noch kein Termin fest. Dann wird sich zeigen, ob die Justizbehörden weitere Ermittlungen zu den Todesumständen Jeffrey Epsteins einleiten oder sich mit den offiziellen Erklärungen zufriedengeben. Sicher scheint aber jedenfalls zu sein, dass die Zweifel an der offiziellen Todes-Version durch die neuen Erkenntnisse eher zu- als abgenommen haben.

Bei psychischen oder suizidalen Krisen sowie im akuten Notfall ist es wichtig, rasch Krisentelefonnummern und Notrufnummern bei der Hand zu haben. Hier finden Sie eine österreichweite Übersicht.

Martin Kubesch
Akt. 27.03.2026 23:43 Uhr