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Epsteins Opfer spricht

"Es ging vor allem darum, ihn einmal am Tag zu massieren"

Das Model Anya war eine der Assistentinnen von Jeffrey Epstein. Sie wurde von ihm missbraucht und half später dabei, weitere Frauen für sein Missbrauchssystem zu finden. Nun schildert sie, wie Druck, Abhängigkeit und Manipulation in diesem System zusammenwirkten.

Jeffrey Epsteins Datenblatt aus den Akten des Justizministeriums: Nun hat erstmals eine seiner ehemaligen Assistentinnen über ihre Zeit bei Epstein gesprochen
Jeffrey Epsteins Datenblatt aus den Akten des Justizministeriums: Nun hat erstmals eine seiner ehemaligen Assistentinnen über ihre Zeit bei Epstein gesprochenAPA-Images / AP / Jon Elswick
NewsFlix Redaktion
Akt. 03.09.2026 19:12 Uhr

Das Interview mit Anya fand per Videotelefonat statt und dauerte etwa zwei Stunden. Dass es überhaupt dazu kommen konnte, ist der Veröffentlichung der Epstein-Files, also der Millionen Aktenseiten zu den Ermittlungen der US-Bundesbehörden gegen den Finanzmanager, Millionär und verurteilten Sexualstraftäter Jeffrey Epstein durch das amerikanische Justizministerium zu verdanken.

Mit den Dokumenten wurden auch die Namen von zahlreichen Personen veröffentlicht, die Epstein bei seinen Machenschaften unterstützt haben sollen. Viele von ihnen waren Frauen – und eine dieser Frauen war Anya, deren richtiger Name ganz anders lautet.

Dem deutschen Magazin Spiegel gab Anya nun ein Interview, in dem sie sich und ihr Verhalten erklärt. Wie es sein konnte, dass sie selbst zunächst von Epstein manipuliert und missbraucht wurde. Und ihm später – angeblich als eine seiner engsten Vertrauten – dabei half, andere Mädchen und Frauen zu finden, damit er ihnen dasselbe antun konnte.

Während des Gesprächs habe die junge, "auffällig schöne Frau mit langen Wimpern" (O-Ton Spiegel) angespannt gewirkt, öfter nach Luft geschnappt und bei heiklen Fragen nur kurz angebunden geantwortet. Ihre Erzählung ist dennoch ein Lichtstrahl in ein System, das bisher weitgehend im Dunkeln gelegen ist.

In seinem feudalen Apartment in der Avenue Foch in Paris lernte die Russin Anya Jeffrey Epstein 2008 kennen
In seinem feudalen Apartment in der Avenue Foch in Paris lernte die Russin Anya Jeffrey Epstein 2008 kennen
REUTERS/Benoit Tessier

Denn obwohl Jeffrey Epstein seit fast sieben Jahren tot ist und mittlerweile auch viele seiner männlichen Komplizen nicht mehr leben, ist nach wie vor nur wenig darüber bekannt, wie dieses Missbrauchs-System über so viele Jahre so gut funktionieren konnte, dass es hunderte, wenn nicht sogar mehr als tausend Mädchen und junge Frauen zu Opfern machen konnte.

Was Anya, die ehemalige Epstein-Assistentin, dem Spiegel über ihre Zeit bei dem manipulativen Millionär erzählte, wie sie überhaupt in seine Fänge geraten konnte und was sie über seinen Tod in einer Gefängniszelle im Herbst 2019 zu sagen hat – die wichtigsten Passagen des Interviews im Überblick:

Wie kam sie mit Epstein in Kontakt?
Anya ist gebürtige Russin und arbeitete damals in Mailand. Für ein Casting flog sie 2008 nach Paris und wurde dort von dem Modelscout Daniel Siad angesprochen, der später als wichtiger Helfer Epsteins bekannt wurde. Er machte ihr Komplimente, stellte Engagements in New York in den Raum und brachte Anya noch am selben Abend in Epsteins Apartment auf der Avenue Foch. Daniel Siad starb im Juli 2026 in seinem Haus bei Paris, eine Obduktion ergab keine Hinweise auf Gewalteinwirkung, ein toxikologischer Befund steht noch aus.

Wie gewann Epstein ihr Vertrauen?
Anya erzählt, der Millionär habe sich beim ersten Treffen aufmerksam, interessiert und zugewandt gegeben. Er habe nach Familie, Kindheit und Ambitionen gefragt und versprochen, sie beim beruflichen Aufstieg zu unterstützen. Gerade weil er nicht sofort zudringlich gewesen sei, habe sie ihn für glaubwürdig gehalten.

Welche Rolle spielten Karriereversprechen?
Laut Anya waren sie zentral. Epstein habe ihr ein Casting bei Victoria's Secret in Aussicht gestellt, allerdings unter der Bedingung, dass sie mehr Sport machen müsse, um eine Chance zu haben. Anya begann daraufhin exzessiv zu trainieren, während eine Assistentin Epsteins regelmäßig nach Fortschritten und Fotos fragte. Für eine junge Frau im Modelgeschäft konnte das wie eine seltene Chance wirken – und Epstein war sehr überzeugend: "Ich komme aus einem autoritären Land, ich war es gewohnt, zu gehorchen", so die Russin.

Warum glaubte sie ihm trotz der Vorwürfe gegen ihn?
Mitte 2008 bekannte sich Epstein bei einem Prozess in Florida der Anstiftung zur Prostitution schuldig, in einem Fall einer Minderjährigen. Anya sagt, er habe die Sache selbst angesprochen und behauptet, eine Frau beschuldige ihn fälschlich, weil er kein Geld zahlen wolle. Sie habe ihm damals geglaubt und seine Darstellung für offen und ehrlich gehalten.

Ein Massageraum in Epsteins Stadthaus in New York, an den Wänden Bilder seiner zahlreichen mutmaßlichen Opfer
Ein Massageraum in Epsteins Stadthaus in New York, an den Wänden Bilder seiner zahlreichen mutmaßlichen Opfer
Department of Justice

Wann kippte die Situation?
Etwa ein Jahr nach dem Treffen in Paris flog Anya nach Palm Beach, nachdem ein Termin bei einer bekannten Modelagentur für sie enttäuschend verlaufen sei. Dort sei es zum ersten massiven Übergriff Epsteins gekommen, über dessen Details sie allerdings nicht verraten möchte. Nur so viel: Epstein habe sie nicht geschlagen, sei aber aggressiv gewesen und habe Dinge getan, die sie weder erwartet noch gewollt habe. Anya sagt, sie sei geschockt gewesen und habe nicht damit gerechnet.

Wie beschreibt sie die Dynamik nach dem Missbrauch?
Besonders verstörend ist ihre Schilderung der Reaktion danach. Als sie mit Epstein aus dem Raum gekommen sei, in dem der Missbrauch passierte, habe er zu zwei anderen Frauen gesagt: "Mein Gott, sie ist so schüchtern." Alle hätten gelacht, und sie selbst habe damals geglaubt, mit ihr stimme etwas nicht. Erst Jahre später habe sie verstanden, was da eigentlich vorgefallen sei.

Wie wurde aus ihr seine Assistentin?
Nach ihrer Rückkehr nach Mailand blieb sie mit Epstein in Kontakt. Er wurde laut ihrer Darstellung ihr finanzieller Gönner, bezahlte etwa eine teure Zahnarztbehandlung und bot ihr später Arbeit als Assistentin an. Der angekündigte Business-Job habe in der Praxis aber vor allem daraus bestanden, ihn regelmäßig zu massieren. Aus den Schilderungen anderer Frauen ist bekannt, dass diese "Massagen" oft der Auftakt zu einem Missbrauchsverhalten waren. Epstein habe immer mehrere Assistentinnen gleichzeitig gehabt und sich jeden Tag eine von ihnen für seine Massagen ausgesucht.

Wie kontrollierte Epstein seine Assistentinnen?
Anya schildert ein enges System aus Überwachung und Herabsetzung. Er habe immer wissen wollen, wo sie sich aufhielt, ihr Kleidung und Frisur vorgegeben und Make-up sowie Nagellack in seiner Gegenwart verboten. Dazu sei seine Stimmung unberechenbar gewesen: einmal lobend, dann wieder abwertend und einschüchternd.

Welche finanzielle Abhängigkeit beschreibt sie?
Recherchen legen nahe, dass Anya anfangs rund 30.000 Dollar netto im Jahr erhielt, später etwa 8.000 Dollar im Monat. Dazu kam eine Einmalzahlung über mehrere Hunderttausend Dollar, die sie selbst als Kredit bezeichnet. Sie sagt, Epstein habe über alle Ausgaben Buch geführt und ihr so das Gefühl gegeben, ihm etwas zu schulden.

Was ist über ihre Rolle bei der Rekrutierung anderer Frauen bekannt?
Veröffentlichte E-Mails des US-Justizministeriums belegen, dass Anya dabei half, Opfer zu rekrutieren. Sie stellte Epstein auch selbst Frauen vor. Mehrere Opfer berichten, von ihr persönlich an ihn herangeführt worden zu sein. Anya bestreitet das nicht und sagt, sie mache sich deshalb "riesige Vorwürfe".

Massageöle und Utensilien in Epsteins New Yorker Haus: das Bild stammt aus den Akten des US-Justizministeriums
Massageöle und Utensilien in Epsteins New Yorker Haus: das Bild stammt aus den Akten des US-Justizministeriums
Department of Justice

Warum machte sie in so einem System überhaupt mit?
Anya spricht von massivem Druck und davon, den eigenen Missbrauch verdrängt zu haben, um zu überleben. Sie zitiert Epstein mit den Worten: "Ich brauche mehr Assistentinnen." Und Anya sagt, sie hätte sich bereits so an den eigenen Missbrauch gewöhnt, dass sie verdrängte, was mit den Frauen passieren würde, die sie Epstein zuführte. "Ich musste alle Gefühle unterdrücken."

Ist es nicht ungewöhnlich, dass Frauen so etwas anderen Frauen antun?
Nein, es ist sogar relativ häufig. Laut einem UNO-Bericht, den der Spiegel zitiert, waren im Jahr 2020 weltweit etwa 40 Prozent der verurteilten Menschenhändler weiblich; Frauen können also selbst Opfer sein und zugleich Teil eines ausbeuterischen Systems werden.

Warum stieg Anya nicht einfach aus?
Nach eigenen Angaben litt sie in diesen Jahren an Essstörungen, Depressionen, Angstattacken und Schlafstörungen. Sie sagt: "Je länger du dabei bist, desto mehr steckst du in der Falle." Dazu kam offenbar die Drohung, dass Epstein Karriere und Leben zerstören könne. Und sie erzählt von einer anderen Assistentin, die 2017 floh und laut Anya im Auftrag Epsteins von einem Privatdetektiv gesucht wurde.

Wann und wie verließ die Russin das "Missbrauchs-System" Epstein?
Dazu macht sie im Interview keine näheren Angaben.

Wie beschreibt Anya dieses System rückblickend?
Sie nennt es eine "Menschenhandels-Pyramide", in der Frauen zunächst umgarnt und später dazu gedrängt worden seien, neue Frauen in das System zu bringen. Wie bei einem Schneeballsystem. Und sie sagt, dutzende Frauen seien wie sie dazu genötigt worden.

Wie ist ihre Rolle in diesem System heute einzuordnen?
Das ist für Menschen außerhalb dieses eigentümlichen Kosmos ganz schwer einzuschätzen. Mit der Veröffentlichung der Epstein-Dokumente wurde jedenfalls Anyas Beteiligung am Missbrauch öffentlich. Zugleich schildert sie sich als manipuliertes Opfer. Fest steht: Sie rekrutierte Frauen für Epstein; Und sie sagt, es habe Jahre gedauert, bis sie neben Scham und Schuld auch anerkennen konnte, selbst Epsteins Opfer gewesen zu sein.

Jeffrey Epstein mit seiner langjährigen Partnerin Ghislaine Maxwell an Bord seines Privatjets: die Britin ist die einzige Person aus Epsteins Umfeld, die verurteilt worden ist
Jeffrey Epstein mit seiner langjährigen Partnerin Ghislaine Maxwell an Bord seines Privatjets: die Britin ist die einzige Person aus Epsteins Umfeld, die verurteilt worden ist
HANDOUT / AFP / picturedesk.com

Was geschah nach Epsteins Tod und was bleibt offen?
Jeffrey Epstein nahm sich 2019 in Untersuchungshaft das Leben. Anya sagt, sie sei zuerst erleichtert gewesen, dann aber habe sie beschäftigt, dass er "einen Ausweg gefunden" habe, ohne zur Rechenschaft gezogen zu werden.

Gab es, außer der Verurteilung Epsteins 2008, juristischen Konsequenzen gegen ihn oder andere am Missbrauch mutmaßlich Beteiligte?
Strafrechtlich verurteilt wurde aus seinem engsten Umfeld bisher nur Ghislaine Maxwell, die 2021 zu 20 Jahren Haft verurteilt wurde; Ermittlungen gegen weitere Komplizinnen gab oder gibt es bis heute nicht.

Könnte sich daran noch etwas ändern?
Entscheidend wird diesbezüglich sein, ob neue Dokumente und Aussagen das Bild dieses Systems weiter schärfen. Offen ist vor allem, wie Justiz und Öffentlichkeit mit jenen Frauen umgehen, denen anhand der Dokumente nachgewiesen werden kann, dass sie zugleich Helferinnen und Betroffene des Missbrauchs gewesen sind – eben solche Frauen wie Anya.

NewsFlix Redaktion
Akt. 03.09.2026 19:12 Uhr