Nur mehr sechs Wochen Flugbenzin: Mit dieser Warnung schreckten Experten diese Woche viele auf. Sind Flüge im Mai, zu Pfingsten, im Sommer also in Gefahr? Wie es wirklich um die Vorräte bestellt ist, wo Engpässe drohen, warum Österreich eine Insel der Seligen ist.

Die Warnungen der Experten klangen zuletzt bereits recht hektisch. Wenn es nicht bald zu einer Entspannung im Persischen Golf komme, könne der internationale Flugverkehr aufgrund von Kerosinmangel spätestens ab Ende Mai nicht mehr in der bekannten Form aufrechterhalten werden, so der Generaldirektor des Luftfahrtverbandes IATA, Willie Walsh, am Freitag.
Auch Fatih Birol, Direktor der Internationalen Energieagentur (IEA), sah noch Kerosinreserven für maximal sechs Wochen regulären Flugbetrieb in Europa, ehe es zu Flugausfällen kommen würde.
Und der europäische Flughafenverband ACI Europe hatte die EU-Kommission bereits vergangene Woche vor einem drohenden Kerosinmangel und einer flächendeckenden Versorgungskrise in der EU gewarnt, sollte die Straße von Hormus nicht bis Ende April wieder ausreichend geöffnet werden.
Kurz vor Beginn der europaweiten Sommerferien und damit dem Auftakt zur wichtigsten Reisesaison des ganzen Jahres, glichen diese Warnungen der Ankündigung einer wirtschaftlichen Apokalypse.
Freitagnachmittag schwenkten die Mullahs in Teheran schließlich um. Sie gaben bekannt, die Straße von Hormus für zehn Tage für den Schifffahrtsverkehr zu öffnen und somit die im Westen dringend benötigten Rohöl- und Treibstofflieferungen bis auf Weiteres passieren zu lassen. Die Einstellung der Kampfhandlungen Israels im Libanon hätte den Ausschlag gegeben, so die offizielle Lesart.

Doch während sich der Ölpreis merkbar entspannte – der Preis für ein Fass Rohöl sank auf knapp über 80 Dollar, der niedrigste Wert seit sechseinhalb Wochen – und in vielen Regierungssitzen ein kollektives Aufatmen zu hören war, reagierten die Reedereien der im Persischen Golf vor sich hin dümpelnden Tankschiffe zunächst nur sehr verhalten optimistisch.
Zu viele Fragen seien noch offen, so ein Sprecher der Hamburger Reederei Hapag-Lloyd in der Süddeutschen Zeitung. Erst wenn diese geklärt seien, werde man die Straße von Hormus so schnell wie möglich wieder passieren. Bis dahin würden die Schiffe noch abwarten.
Und so manifestiert sich nur Stunden nach der Nachricht von der Öffnung der neuralgischen Meerenge, was Fachleute bereits in den letzten Wochen zu bedenken gaben: Selbst wenn es in absehbarer Zeit wieder zu einer echten Normalisierung der Erdölexporte aus dem Persischen Golf käme, würde es Monate dauern, ehe sich die weltweite Versorgungssituation auch nur ansatzweise stabilisiere.
Gerade für den internationalen Flugverkehr ergibt sich daraus, dass die Frage der Kerosinversorgung auch in den nächsten Monaten ein Dauerthema für die Fluggesellschaften wird. Und auf Passagiere mühsame – und möglicherweise auch teure – Zeiten zu kommen.
Was die aktuellen Entwicklungen an der Straße von Hormus für die bevorstehende Urlaubszeit bedeuten, wie sich die Fluggesellschaften für einen Sommer im Zeichen des Kerosin-Mangels wappnen und weshalb sich Österreich bei der Versorgung mit dem so begehrten Flugbenzin wesentlich besser als viele andere europäische Länder aufgestellt sieht – die Fakten, die Details, die Zukunftsaussichten:
Was ist am Freitag im Persischen Golf genau passiert?
Der Iran hat für den Großteil der Beobachter unerwartet angekündigt, die von ihm seit Wochen aufrechte Blockade der Straße von Hormus vorläufig aufzuheben. Für zehn Tage sollen alle Schiffe die Engstelle gefahrlos passieren können. Nicht einmal die angekündigte Maut von etwa 2 Millionen Dollar pro Tankschiff möchte man für diesen Zeitraum einheben.

Weshalb soll das nur für zehn Tage gelten?
So lange wird Israel seine Angriffe auf die vom Iran unterstützte Hisbollah-Miliz im Libanon einstellen – zumindest ist es so zwischen den USA und Israel abgesprochen.
Heben auch die USA im Gegenzug ihre Blockade der iranischen Häfen auf?
Nein, diese Blockade soll weiter bestehen bleiben.
Wie viele Tankschiffe warten, um die Straße von Hormus passieren zu können?
Laut Zählung der Internationalen Energieagentur mehr als 110 mit Öl beladene Tanker sowie über 15 mit Flüssigerdgas beladene Schiffe.
Und haben sich diese Schiffe bereits in Bewegung gesetzt?
Freitagabend verharrten die meisten dieser Schiffe noch auf der "falschen" Seite der Straße von Hormus. Nur einige wenige Schiffe, die in mit dem Iran "befreundete" Länder wie China unterwegs seien, hätten die Straße bereits durchquert und seien nun auf dem Weg zu ihren Bestimmungshäfen, hieß es am Freitag von Quellen in der Region.
Worauf warten die anderen Schiffe?
Laut Auskunft der Reedereien würden noch Details geklärt, ehe man den Schiffen die Freigabe für die Hormus-Passage erteile. Es wollte zwar niemand ins Detail gehen. Es ist aber anzunehmen, dass noch Versicherungsfragen geklärt werden müssen, ehe man die Schiffe durch eine Meerenge schickt, die vom Iran in den letzten Wochen mit unzähligen Wasserminen unpassierbar gemacht worden war.
Wo sind diese Wasserminen jetzt?
Sie wurden vom Iran bereits entfernt oder würden in den nächsten Stunden entfernt werden, so US-Präsident Trump am Freitagabend. Eine Bestätigung dafür gibt es nicht.

Was wird nach Ablauf des Waffenstillstandes zwischen Israel und dem Libanon sein?
Das bleibt abzuwarten. Die Idealvorstellung ist, dass es bis dahin einen Friedens-Deal zwischen den USA und dem Iran gibt. Wie realistisch das ist, lässt sich derzeit nicht einschätzen. Trump selbst geht davon aus, dass ein Friedensschluss mit dem Iran "sehr, sehr nahe" sei. Er erklärte allerdings auch, dass der Iran "nie wieder" die Straße von Hormus sperren wolle. Zu beiden Aussagen gab es keinerlei Bestätigung aus Teheran. Bestätigt ist bislang nur, dass die Route für die nächsten zehn Tage offen sein soll.
Welchen Effekt hat das auf den akuten Rohöl- und Treibstoffmangel in der Welt?
Einen leicht dämpfenden, nicht mehr und nicht weniger. Sobald sich die Tankschiffe mit Zielen in Europa, Fernost oder Australien in Bewegung setzen, wird es natürlich zu einer Entspannung auf dem Ölmarkt kommen. Solange aber nicht die alten Strukturen wieder hergestellt sind – also die Förder-, Raffinerie- und Exportkapazitäten von vor dem Iran-Krieg –, wird es keine echte Entspannung geben.
Und wann wird das so weit sein?
Das lässt sich derzeit noch nicht einmal annähernd sagen. Die meisten Erdölförderanlagen in der Region haben ihre Förderkapazitäten mit Kriegsbeginn zurückgeschraubt oder ganz heruntergefahren. Bis diese Anlagen wieder die volle Kapazität erbringen können, vergehen noch Wochen. Viele Förderanlagen und Raffinerien sind zudem durch iranische Raketen- und Drohnenangriffe beschädigt worden und müssen erst repariert werden, ehe sie wieder die volle Leistung bringen können.
Warum wirkt sich diese Situation gerade auf Kerosin so nachteilig aus?
Weil die Raffineriekapazitäten für Kerosin in Europa weniger stark ausgebaut sind als für die anderen beiden wichtigen Mineralölprodukte, Benzin und Diesel. Etwa ein Drittel des in Europa benötigten Kerosins wird als Fertigprodukt importiert. Das bedeutet, es wird direkt am Ort der Förderung raffiniert und erst dann geliefert. Und 75 Prozent dieser Menge sind bisher aus dem Persischen Golf gekommen. Sie fallen jetzt bereits seit Wochen weg – und werden auch noch eine gewisse Zeit wegfallen, ehe sich die Förder- und Raffinerie-Kapazitäten wieder erholt haben. Vorausgesetzt natürlich, der Krieg findet jetzt ein Ende.
Wie ist die diesbezügliche Situation in Österreich?
Entspannter als in den meisten anderen europäischen Ländern. Das liegt daran, dass wir aufgrund der Raffineriekapazitäten in Schwechat, der einzigen Erdölraffinerie Österreichs, den größten Teil des bei uns benötigten Flugbenzins selbst herstellen können.
Warum ist das so?
Weil die Raffinerie in der Nachkriegszeit von den westlichen Alliierten bewusst in die Nähe des Flughafens gebaut und darauf ausgelegt worden ist, den gesamten Kerosinbedarf des Airports zu decken. "Wir können in Schwechat heute 95 Prozent des in Österreich benötigten Kerosins selbst herstellen", so Peter Vorhofer, der Krisenberater der Bundesregierung. Er ist der oberste Beamte der Republik in Sachen nationale Sicherheit, staatliche Resilienz, umfassende Landesverteidigung, Krisenvorsorge und Krisenbewältigung.

Wir müssen also kein Flugbenzin importieren, sondern stellen alles, was wir benötigen, selbst her?
Ja, so gut wie alles. Das versetzt Österreich in die komfortable Lage, dass wir diesbezüglich wesentlich besser aufgestellt sind als die anderen europäischen Länder.
Wie wird das Kerosin eigentlich von der Raffinerie zum Flughafen befördert?
Dafür gibt es eigene Rohrleitungen, es muss nichts mit Tankwägen angeliefert werden. "Das reduziert die Kosten für die Airline und trägt damit auch zur Versorgungssicherheit für die Fluglinien bei", so Peter Kleemann vom Flughafen Wien.
Und woher kommt das Rohöl, aus dem wir in Schwechat Kerosin machen?
57,5 Prozent unserer Importe stammen aus Kasachstan, knapp 15 Prozent aus Libyen, knapp 13 Prozent aus Saudi-Arabien, der Rest stammte aus Guyana, dem Irak, Aserbaidschan, Senegal, den USA, Algerien, Tunesien, Deutschland, der Slowakei und Frankreich. 6 Prozent des eigenen Bedarfs produziert Österreich auch selbst, knapp 0,5 Mio. Tonnen pro Jahr.
Die Sperre der Straße von Hormuz ist für Österreich also im Grunde irrelevant?
Nein, so kann man das nicht sagen. Denn auch wenn wir das benötigte Kerosin selbst herstellen können, müssen wir die hohen Weltmarktpreise bezahlen, um das dafür nötige Rohöl einkaufen zu können. Insofern ist natürlich jede Exportsteigerung aus dem Persischen Golf auch für Österreich gut, weil der weltweite Rohölpreis generell fällt.
Ist mit der Öffnung der Straße von Hormus die Kerosin-Krise in der Sommerurlaubssaison abgesagt?
Nein, dazu gibt es noch viel zu viele Variablen und Unsicherheiten. Es ist vollkommen unklar, ob es jetzt zu einem Friedensschluss mit dem Iran kommt oder ob der Iran die Straße von Hormus erneut blockiert. Und es ist auch noch nicht klar, wann der Öl- und Treibstoffexport aus der Region wieder das Vorkriegsniveau erreicht haben wird – Stichwort Förderkapazitäten und Beschädigungen.
Wie schätzt der Krisenberater der Regierung, Peter Vorhofer, die Lage ein?
"Nach jetzigem Stand kann hierzu noch keine verlässliche Prognose abgegeben werden", so der ehemalige Bundesheer-Offizier. Dafür gebe es zu viele Unsicherheiten in der globalen Versorgungslage. "Aufgrund der Lagerstände und der hohen Inlandsproduktionsquote ist davon aber nicht unmittelbar auszugehen", gibt Vorhofer jedoch leise Entwarnung.

Werden aufgrund der weltweiten Kerosin-Engpässe die Ticketpreise für den Sommer nochmals in die Höhe schnalzen?
Davon ist jedenfalls auszugehen. Obwohl man sich bei den Austrian Airlines nicht festlegen möchte, um wie viel es preislich noch nach oben gehen könnte. Zudem sei das Preisgefüge natürlich komplex, variabel und von vielen Faktoren abhängig. Aber obwohl man die Ticketpreise bereits an die Lage anpassen musste, sei die Nachfrage nach Flugreisen nach wie vor ungebrochen, so die AUA.
Und wie beurteilt man bei der AUA die Kerosin-Situation?
Die Airlines der Lufthansa Group, darunter Austrian Airlines, würden laufend unterschiedliche Szenarien analysieren, um flexibel auf mögliche Entwicklungen reagieren zu können, so die Airline.
Was ist damit gemeint?
Sollte es an einzelnen Standorten zu Einschränkungen bei der Kerosin-Versorgung kommen, würden etwa "operative Anpassungen im Streckennetz", "alternative Betankungsstrategien" oder, wenn erforderlich, auch das sogenannte "Tankering", also das Mitführen zusätzlicher Treibstoffmengen von anderen Standorten, in Erwägung gezogen, damit kein Flieger aus Kerosinmangel am Boden bleibt.
Wie ist die Lage bei Flügen nach Ostasien – könnte es hier zu Kerosin-Engpässen kommen?
Komplett auszuschließen ist solch ein Szenario jedenfalls nicht. Obwohl es aus heutiger Sicht vor allem bei europäischen Airlines sehr unwahrscheinlich erscheint, dass sie mangels ausreichender Kraftstoffmengen einfach nicht aufgetankt werden.
Und was kann man als Passagier tun, wenn man tatsächlich irgendwo "strandet", weil zu wenig Kerosin vorhanden ist?
Diese Frage sollte idealerweise noch vor der Ticketbuchung direkt mit der Airline geklärt werden – vor allem auch, was allfällige Folgekosten betrifft. Also etwa die Verlängerung des Aufenthaltes, weil ein Rückflug nicht oder nur verspätet stattfinden kann. Denn je nach Umständen könnte ein Kerosinmangel als Folge eines Krieges als "Höhere Macht" oder "Außergewöhnlicher Umstand" bewertet werden. Und wenn es dumm läuft, bleibt man dann eventuell auf Folgekosten, die sich dadurch ergeben, selbst sitzen.