Ein KI-Tool zur Gesichtserkennung ermittelte sie als Täterin, die Polizei vertraute darauf. Deshalb wurde eine 50-Jährige monatelang in ein US-Gefängnis weggesperrt. Mittlerweile weiß man, dass sie unschuldig ist. Entschuldigt hat sich niemand. Offenbar kein Einzelfall.

Eine fehlerhafte KI-Software, Polizeibeamte, denen ein rascher Fahndungserfolg wichtiger ist als die Suche nach dem wahren Täter, ein Justizsystem, das keine Kontrollmechanismen für nötig hält und eine Verdächtige, der die wichtigste Waffe fehlt, um für sich selbst Gerechtigkeit einzufordern, nämlich Geld. Das sind die Bestandteile eines der eklatantesten Justizirrtümer der jüngeren US-Geschichte.
Angela Lipps, 50 Jahre alt, Mutter dreier erwachsener Kinder und Großmutter von fünf Enkelkindern, Sozialhilfeempfängerin und kaum je über die Grenzen ihres Heimatbundesstaates Tennessee hinausgekommen, wurde aufgrund einer beinahe schon grotesken Verkettung von Fehlern, Inkompetenz und Ignoranz beinahe ein halbes Jahr lang ins Gefängnis gesteckt und weggesperrt.
Niemand überprüfte, ob ihre Inhaftierung rechtens ist. Niemand fragte sich, weshalb die 50-Jährige monatelang ohne Haftprüfung, ohne Anklage, ja sogar ohne polizeiliche Einvernahme hinter Gittern sitzt. Und niemand setzte sich für sie ein und wahrte ihre Rechte, als die Bank wegen ausbleibender Zahlungen zuerst ihren Wagen und dann ihr Haus pfändete. Sogar ihren Hund holten die Behörden ab, nachdem sich offenbar niemand sonst um ihn kümmern wollte.
Weshalb Angela Lipps ins Visier der Ermittlungsbehörden geriet, wie es zu dieser Aneinanderreihung von Fehlleistungen kommen konnte und welche Möglichkeiten die Frau hat, um ihr Leben zurückzubekommen – die Chronologie eines unfassbaren Justizirrtums:

Worum geht es hier?
Im Grunde um einen simplen Betrugsfall. Eine bis dato unbekannte Frau hob im vergangenen Frühjahr mehrfach bei Banken im Großraum der Stadt Fargo im US-Bundesstaat North Dakota mehrere zehntausend Dollar ab. Dabei benutzte sie einen – gefälschten, wie sich später herausstellen sollte – Ausweis der US-Army, berichtet der Grand Forks Herald, der diese Tragödie aufdeckte.
Das ist noch kein Fall, für den man Inspektor Columbo benötigt …
Richtig, es klingt im Grunde recht simpel. Zumal es Bilder von der Unbekannten aus einer Überwachungskamera gab. Und da die Polizei in Fargo, North Dakota, mit der Zeit geht, nutzte sie ein KI-Tool zur Gesichtserkennung, um der Täterin auf die Spur zu kommen.
Wie ging es weiter?
Gesagt, getan, die KI spuckte eine Verdächtige aus: Angela Lipps, 50 Jahre alt, wohnhaft in einer ländlichen Gegend im Bundesstaat Tennessee, etwa 1.700 Kilometer von den Tatorten entfernt.
Das muss nichts heißen …
Richtig, wir sind ja im Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Und kluge Verbrecherinnen begehen ihre Taten ja nicht da, wo sie wohnen, sondern möglichst weit weg. Aber die Polizei überließ nichts dem Zufall.
Was bedeutet das?
Der ermittelnde Kriminalbeamte in Fargo, offenbar ein Internet-Wizzard, checkte Angela Lipps' Social-Media-Profile und ihr Führerscheinfoto aus Tennessee. Und hielt anschließend fest, dass "aufgrund ihrer Gesichtszüge, ihres Körperbaus sowie ihrer Frisur und Haarfarbe" Angela Lipps, 50, aus einer ländlichen Gegend in Tennessee, die Verdächtige zu sein schien.
Nahm man auch direkt mit der Frau Kontakt auf, um vielleicht einmal ihr Alibi zu erfragen?
Nein, wozu denn die Umstände? Angela Lipps wurde zur Fahndung ausgeschrieben und am 14. Juli 2025 stürmte ein Trupp von US-Marshals, die Bundesbehörde zur Verfolgung von Straftätern, ihr bescheidenes Haus in Tennessee und legten der 50-Jährigen, die gerade vier kleine Kinder von Nachbarn hütete, Handschellen an.

Und brachten sie ohne Umwege nach Fargo, North Dakota, um sie zu befragen und eventuell eine Gegenüberstellung mit den betrogenen Bankbeamten zu veranlassen, von wegen wiedererkennen …
Nicht ganz. Die Marshalls brachten Angela Lipps ins Bezirksgefängnis in Tennessee, da sie ja in North Dakota wegen mehrfachen Bankbetrugs gesucht wurde. Und zogen wieder ab.
Was geschah mit Angela Lipps dort?
Sie bekam einen Pflichtverteidiger gestellt, dem dürfte sie allerdings nicht besonders wichtig gewesen sein. Denn da die 50-Jährige wegen ihrer angeblichen Verbrechen in North Dakota gesucht wurde, nun aber in Tennessee inhaftiert war, galt sie als flüchtige Straftäterin. Das bedeutete aber, dass für sie keine Kaution gestellt werden konnte. Sie musste im Gefängnis bleiben und abwarten, wie das Auslieferungsbegehren des Bundesstaates North Dakota an den Bundesstaat Tennessee beschieden wird.
Und der Pflichtverteidiger?
Unternahm offenbar recht wenig, um seine Mandantin rasch aus dem Kittchen zu holen. Denn Angela Lipps saß die nächsten 108 Tage im Bezirksgefängnis in Tennessee. Erst dann, am 30. Oktober, holten Beamte aus North Dakota sie schließlich ab und flogen mit ihr nach Fargo. Es war der erste Flug im Leben der 50-Jährigen.
Wurde der Irrtum jetzt wenigstens aufgeklärt?
Nein, zumindest nicht sofort. Aber Angela Lipps hatte in Fargo das erste Mal, seit dieser Albtraum losgegangen war, so etwas wie Glück im Unglück. Denn sie bekam mit dem Rechtsanwalt Jay Greenwood das erste Mal jemanden zur Seite gestellt, dem sie offenbar nicht vollkommen egal war.
Was tat Jay Greenwood?
Er schaut sich die "Beweise" der ermittelnden Beamten in Fargo an und sagte dann: "Wenn das Einzige, was Sie haben, die Gesichtserkennung ist, würde ich vielleicht etwas genauer nachforschen wollen." Und Greenwood forderte die Kontoauszüge von Angela Lipps aus jenen Wochen an, in denen sie angeblich in Fargo Banken um zehntausende Dollar erleichtert haben soll.
Und das Ergebnis der Nachforschungen?
Ließ noch einmal ordentlich auf sich warten. Erst am 19. Dezember, weitere 50 Tage später, saßen Angela Lipps, ihr Rechtsbeistand Jay Greenwood und Vertreter der Polizeibehörde von Fargo, North Dakota, beisammen, um sich über die Beweislage zu unterhalten. Es war das erste Gespräch, das ein Vertreter der Polizei von Fargo mit der Verdächtigen führte.

Was kam dabei heraus?
Es stellte sich rasch heraus, dass die 50-Jährige an jenen Tagen, als sie angeblich in Fargo Bankbeamte mit einem gefälschten Army-Ausweis übers Ohr haute, daheim in Tennessee, 1.700 Kilometer von den Tatorten entfernt, ihre Sozialhilfeschecks einlöste, sich Zigaretten an einer Tankstelle holte, eine Pizza kaufte und eine Cash-App nutzte, um eine Uber Eats-Bestellung aufzugeben.
Sah man bei der Polizei von Fargo ein, dass man einen Fehler gemacht hatte?
So sah man es dort ganz bestimmt nicht, aber das ist nebensächlich. Weitere fünf Tage später, am 24. Dezember 2025, wurde das Verfahren gegen Angela Lipps wegen vierfacher unbefugter Nutzung personenbezogener Daten und vierfachen Diebstahls eingestellt und sie aus dem Gefängnis entlassen – nach 163 Tagen in Gewahrsam.
Also nichts wie heim nach Tennessee?!
Leichter gesagt als getan. Denn Angela Lipps hatte nur Sommerkleidung an – als sie ins Gefängnis kam, war es Juli. Sie hatte auch kein Bargeld. Und schon gar nicht wusste sie, wie sie jetzt zurück ins 1.700 Kilometer entfernte Tennessee kommen sollte.
Wer half ihr?
Die Polizei von Fargo jedenfalls nicht. Was ging sie schließlich Angela Lipps an? Mehrere Strafverteidiger, Kollegen von Jay Greenwood (siehe Video unten), legten zusammen, damit sie Kleidung, Verpflegung und ein Hotelzimmer bekam. Am 26. Dezember brachte der Gründer eines Sozialhilfeprojektes namens F5, das sich um Menschen nach einer Inhaftierung, mit psychischen Erkrankungen oder mit einer Suchtproblematik kümmert, mit dem Auto nach Chicago. Von dort nahm Angela Lipps den Bus nach Tennessee.
Was erwartete sie dort?
Die Trümmer jener Welt, aus der sie 166 Tage zuvor herausgerissen worden war. Denn aufgrund ihres Gefängnisaufenthaltes kam Angela Lipps mit ihren Zahlungen in Rückstand, und die Bank nahm ihr zunächst ihren Wagen und kurz darauf ihr Haus weg. Und auch ihr Hund, den sie zurücklassen musste, war mittlerweile längst von den Behörden abgeholt worden.
Wo waren eigentlich die drei erwachsenen Kinder von Angela Lipps, während diese im Gefängnis saß?
Gute Frage, auf die es bis jetzt keine befriedigende Antwort gibt. In der Erzählung des Grand Forks Herald werden die Kinder von Angela mit keinem Wort erwähnt. Und auch davon, dass diese ihrer Mutter im Gefängnis beigestanden hätten, liest man nichts.
Hätte Angela Lipps auch dann so lange im Gefängnis sitzen müssen, wenn sie Geld für einen Strafverteidiger gehabt hätte?
Es darf zumindest sehr bezweifelt werden. Ein ambitionierter Anwalt hätte vom ersten Moment an die eklatanten Lücken in der Beweisführung der Polizei ansprechen und auf Erleichterungen für seine Mandantin drängen können. Oder er hätte dafür gesorgt, dass bis zur Überstellung von Angela Lipps nach Fargo nicht knapp vier Monate vergehen. Oder auf einen Haftprüfungstermin gepocht, um zu überprüfen, ob sie tatsächlich rechtmäßig im Gefängnis sitzt. Ansätze hätte es jedenfalls genügend gegeben.
Wie geht es jetzt weiter mit der 50-Jährigen?
Nach eigenem Bekunden möchte sie jetzt einmal ihr altes Leben zurückbekommen: Ihr Haus, ihren Wagen, ihren Hund.
Hat sie Anspruch auf eine Entschädigung?
Das ist zweifelhaft, da sie ja nicht fälschlich verurteilt worden ist, sondern "nur" sehr lange darauf warten musste, von einem Gericht gehört zu werden. Aber mithilfe eines gewieften Anwalts sollte sich eigentlich eine Entschädigung erstreiten lassen.
Kommen derart eklatante Fälle eigentlich häufig vor?
Öfter als man denkt. Laut der IBS Times war dies der bereits achte dokumentierte Fall in den USA im Zusammenhang mit KI-Gesichtserkennung. Kritiker warnen schon länger, dass ein einzelner algorithmischer Treffer ohne zusätzliche Überprüfung lebensverändernde Folgen für die Betroffenen haben kann.
Hat sich das Police Department von Fargo eigentlich je bei Angela Lipps entschuldigt?
Nein, und es ist auch nicht mehr davon auszugehen, dass es noch dazu kommt. Für die 50-Jährige ist das jetzt allerdings auch schon egal: "Ich bin einfach nur froh, dass es vorbei ist und werde nie wieder nach North Dakota zurückkehren", so Angela Lipps.
Ist eigentlich die wahre Täterin, die mit dem falschen Army-Ausweis Beute gemacht hat, mittlerweile gefunden worden?
Nein, nach der Frau werde nach wie vor gefahndet, so das Police Department von Fargo. Und es wurden seit der Freilassung von Angela Lipps auch keine weiteren Verhaftungen vorgenommen.