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Experte im Interview

Muss uns Ihre neue Studie über junge Muslime besorgen, Herr Güngör?

"Je religiöser die Jugendlichen, desto problematischer ihre Einstellungen": Der Soziologe Kenan Güngör hat für die Stadt Wien untersucht, wie muslimische Schüler denken. Was die Zahlen sagen, was er aus den Ergebnissen herausliest und wovor er warnt.

"Teile der männlichen Muslime tragen ihre Religion mit Stolz und einem Überlegenheitsgefühl vor sich her": Kenan Güngör am Keplerplatz
"Teile der männlichen Muslime tragen ihre Religion mit Stolz und einem Überlegenheitsgefühl vor sich her": Kenan Güngör am KeplerplatzAPA-Images / Mirjam Reither
Martin Kubesch
Akt. 15.05.2026 23:36 Uhr

Eine Studie, eine Datenauswertung und die Aufregung war perfekt. Das Reizthema Islam beherrschte die vergangenen Tage wieder die Schlagzeilen. Weil eine Erhebung ergab, dass in Wiener Schulen der Islam die mittlerweile vorherrschende Religion ist. Und weil eine Studie belegte, dass muslimische Jugendliche immer häufiger eine demokratiefeindliche Einstellung haben.

Kenan Güngör hat die Studie durchgeführt. Der diplomierter Sozialwissenschaftlern und alevitische Kurde aus der Türkei kam im Alter von sieben Jahren nach Deutschland, seit 2007 lebt er in Österreich. Güngör gilt als einer der besten Integrations-Experten des Landes, er hat eine Vielzahl von Studien zum Thema durchgeführt, berät Regierungen in Bund und Land.

"Bei etwa einem Drittel der Jugendlichen gibt es deutliche Defizite in der Integration", sagt er im Interview mit NewsFlix, "aber die Ursachen liegen nicht primär im Muslimisch-Sein, sondern in einer Kombination sozialer, familiärer und individueller Faktoren."

Eine aktuelle Auswertung der Wiener Bildungsdirektion stellt fast zeigleich fest, dass die Zahl der muslimischen Schülerinnen und Schüler in den Wiener Pflichtschulen im Schuljahr 2025/26 weiter angestiegen ist. Alles in allem sind mittlerweile mehr als vier von zehn Schülern in den öffentlichen Wiener Pflichtschulen Moslems.

Beten statt büffeln: Laut einer neuen Jugend-Studie bezeichnen sich 70 Prozent der jungen Moslems in Wien als religiös
Beten statt büffeln: Laut einer neuen Jugend-Studie bezeichnen sich 70 Prozent der jungen Moslems in Wien als religiös
Getty Images

Insgesamt gehen 89 Prozent der schulpflichtigen Kinder in Wien in öffentliche Schulen, 11 Prozent besuchen eine Privatschule. Die Ergebnisse im Detail:

So schaut es in Pflichtschulen aus (Volks-, Mittel-, Sonderschulen, Polytechnikum)

  • 42  % sind im Schuljahr 2025/26 muslimischen Glaubens. Im Schuljahr 2024/25 waren es 41 %, im Jahr davor knapp 40 %.
  • In den öffentlichen Volksschulen liegt der Anteil muslimischer Kinder bei 39 Prozent. 26 % der Kinder sind ohne Bekenntnis, 18 Prozent katholisch, 13 Prozent orthodox, zwei Prozent evangelisch.
  • In den öffentlichen Mittelschulen sind 49,4 % der Schüler muslimisch. 17,4 % orthodox, 16,5 % ohne Bekenntnis und 13 Prozent katholisch.

So schaut es in den Privatschulen aus

  • Hier sind 45,4 % der Schüler katholisch, 25 % ohne Bekenntnis, 10,5 % orthodox und 7,6 % muslimisch.
  • In den privaten Volksschulen liegt der Anteil katholischer Kinder bei 48 %, 26 % sind ohne Bekenntnis, 8,8 % orthodox, 6 % Muslime, 4,8 % israelitisch, 4,7 % evangelisch.
  • In den privaten Mittelschulen sind 39,5 % katholisch, 21,7 % ohne Bekenntnis, 15,5 % orthodox, 11,4 % Muslime, 7,3 % israelitisch, 2,9 % evangelisch.

Seit der Flüchtlingswelle 2015 hat sich aber auch die Herkunft der muslimischen Kinder verschoben. War bis dahin die große Mehrheit der muslimischen Kinder in den Wiener Schulen entweder vom Balkan (vor allem aus Bosnien) oder aus der Türkei, sind mittlerweile große Gruppen aus Tschetschenien und Afghanistan sowie aus Syrien und dem Irak dazu gekommen.

Nur in den Wiener Privatschulen sind katholische Kinder noch in der Mehrheit, überall sonst haben Muslime inzwischen die Nase vorne
Nur in den Wiener Privatschulen sind katholische Kinder noch in der Mehrheit, überall sonst haben Muslime inzwischen die Nase vorne
APA-Images / Weingartner-Foto / Ernst Weingartner

Den Unterschied erklärt der Soziologe Kenan Güngör in der Presse: Das Islamverständnis werde dadurch zunehmend "arabisiert", so der Wissenschafter. So sei das traditionelle Islamverständnis in der Türkei "vergleichsweise pluraler und säkularer" ausgelegt gewesen.

"Der arabische Islam ist homogener, koranfixierter, dadurch rigider und 'salafistischer'", sagt Güngör. Das habe auch Auswirkungen darauf, wie der Islam durch die Schüler in Wien gelebt wird. Denn dieses Islamverständnis gehe einher "mit deutlich traditionelleren Wertevorstellungen und Rollenbildern für Frauen", schildert der Integrationsexperte.

Den Beleg dafür, wie sehr diese Einschätzung zutrifft, liefert Güngör gleich selbst. Im Auftrag der Stadt Wien untersuchte er mit seinem Beratungs- und Forschungsbüro think.difference die Einstellungen junger Zugewanderter in Wien.

Insgesamt 1.200 Mädchen und Burschen im Alter von 14 bis 21 Jahren wurden dafür befragt. Die Befragten stammten aus zehn ethnischen Gruppen: Österreicher, Serben, Polen, Rumänen, Bosnier, Türken, Kurden, Syrer, Afghanen und Tschetschenen.

Das zentrale Ergebnis der Untersuchung: Der Islam prägt die Identität, die Einstellungen und das Verhalten junger Muslime in Wien ungleich stärker, als dies bei Jugendlichen mit christlichem Hintergrund durch die Religion geschieht. Mit teils drastischen Auswirkungen auf das Demokratie-Verständnis vieler junger Muslime in Österreich. Im Detail:

Die wichtigsten Ergebnisse der neuen Jugend-Studie

  • "Islamische Vorschriften stehen über dem Recht" 41 Prozent der muslimischen Jugendlichen stimmen dieser Aussage zu.
  • "Die islamischen Vorschriften gelten für alle Bereiche des Alltags und sind streng einzuhalten" 65 Prozent stimmen dieser Aussage zu.
  • "Alle Menschen sollten sich an die Regeln meiner Religion halten" 36 Prozent stimmen dieser Aussagen zu.
  • "Man muss bereit sein, für die Verteidigung seines Glaubens zu kämpfen und zu sterben" 46 Prozent stimmen dieser Aussage zu
  • Die Frage, ob sie religiös sind, beantworteten 70 Prozent der muslimischen Jugendlichen mit "Ja, sehr" oder "Ja, eher"
Flüchtlingsstrom aus Syrien im September 2015: "traditionelles und rigides-Islam-Verständnis"
Flüchtlingsstrom aus Syrien im September 2015: "traditionelles und rigides-Islam-Verständnis"
REUTERS/Leonhard Foeger

"Muslimische Jugendliche mit einem stark traditionalistischen oder wörtlich orientierten Verständnis religiöser Normen zeigen tendenziell höhere Zustimmungswerte zu patriarchalen Geschlechterrollen, Homonegativität und autoritären Ordnungsvorstellungen", sagt Kenan Güngör. "Dies gilt insbesondere, wenn Religion als exklusives Wahrheits- und Ordnungssystem verstanden wird, das gesellschaftliche Pluralität infrage stellt."

Die Zahl der Jugendlichen, die so denken, wird immer größer, wie eben die Zahlen der Wiener Bildungsdirektion belegen. Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf die Wertewelt der muslimischen Jugendlichen haben, und wie unsere Gesellschaft darauf reagieren sollte, erläutert Kenan Güngör im NewsFlix-Interview.

Was war für Sie persönlich die zentrale Erkenntnis aus dieser Studie, was hat Sie am meisten überrascht?
Erstens: Muslimische Jugendliche haben zu vielen Themen tatsächlich eine problematischere Einstellung als nichtmuslimische. Zweitens erklären Herkunft und Religion diese Unterschiede nur teilweise – entscheidender sind soziale und psychosoziale Faktoren. Und drittens: Die größten Treiber für solche abwertenden Einstellungen sind Vereinsamung, Isolierung und Orientierungslosigkeit.

Gibt es diesbezüglich gar keine positiven Aspekte in der Studie?
Doch, durchaus. Wenn es um allgemeine demokratische Themenbereiche geht, haben die meisten Jugendlichen prodemokratische Einstellungen, oft sogar libertär. Aber wenn es ums Konkrete geht, wird es meist deutlich schwieriger. Hier zeigen sich teilweise deutliche Widersprüche zwischen abstrakter Zustimmung und konkreten Positionen.

Junge Muslime in Wien: 41 Prozent sagen, dass für sie die Gebote des Islam über dem Gesetz stehen, so eine neue Studie
Junge Muslime in Wien: 41 Prozent sagen, dass für sie die Gebote des Islam über dem Gesetz stehen, so eine neue Studie
APA-Images / Willfried Gredler-Oxenbauer

Müssen wir uns als Gesellschaft Sorgen machen?
Es gibt problematische Tendenzen, die wir ernst nehmen müssen. In bestimmten Teilgruppen junger Muslime zeigen sich abwertende und demokratiefeindliche Haltungen deutlich häufiger. Entscheidend ist jedoch: Die Ursachen liegen nicht primär im Muslimisch-Sein, sondern in einer Kombination sozialer, familiärer und individueller Faktoren.

Sie haben bereits 2019 in einer ähnlichen Studie die Einstellungen von Jugendlichen miteinander verglichen. Welches sind die gravierendsten Unterschiede zwischen damals und jetzt?
Das Thema Online-Radikalisierung. Das hatten wir damals nicht detailliert erhoben. Heute ist das nach der Vereinsamung der zweitwichtigste Treiber für jene antidemokratischen, abwertenden und gewaltaffinen Tendenzen, die uns Sorgen bereiten.

Weshalb haben gerade Jugendliche aus muslimischen Kulturen so ein Problem damit, demokratische Werte zu akzeptieren?
Entscheidend ist nicht der Faktor "muslimisch", sondern die Kombination bestimmter Risikofaktoren: autoritäre Erziehung, geringe Bildungschancen, soziale Benachteiligung und fehlende Orientierung. Diese Faktoren treten in bestimmten muslimisch geprägten Milieus häufiger gemeinsam auf – und verstärken sich gegenseitig. Ein weiterer Aspekt ist die Religiosität.

In welcher Weise?
Je religiöser Jugendliche sind, desto stärker weisen sie problematische Einstellungsmuster auf. Kommen alle genannten Aspekte zusammen – Religiosität, Bildungsferne, autoritäre Erziehung, Orientierungslosigkeit, eine prekäre Lebenssituation –, entsteht ein hochproblematischer Mix. Und dieser macht sich am stärksten bemerkbar, wenn sich diese Jugendlichen vor allem online mit dem Islam auseinandersetzen.

Blackbox Islam: Viele Muslime würden sich in Österreich nicht willkommen fühlen, so Studienautor Kenan Güngör
Blackbox Islam: Viele Muslime würden sich in Österreich nicht willkommen fühlen, so Studienautor Kenan Güngör
APA-Images / Action Press / Dwi

Wir sprechen hier von jungen Menschen, die bereits in Österreich geboren worden oder sehr jung hierhergekommen sind. Erleben wir gerade einen Rückschritt in der Integration?
Von den Muslimen in Österreich sind etwa zwei Drittel gut integriert. Die gehen einer Arbeit nach, bauen sich ein Leben auf und tragen auch zum Wohlstand des Landes bei. Aber bei etwa einem Drittel gibt es deutliche Defizite in der Integration.

Das ist enorm viel …
Das ist schon eine relevante Größe. Vor allem in den bildungsschwachen, religiösen Communitys haben wir hier einige Probleme und Herausforderungen, die wir angehen müssen. Dabei ist wichtig, dass wir jene zwei Drittel der Muslime, die längst gut integriert sind, nicht pauschal mit verurteilen und damit emotional desintegrieren. Das wäre kontraproduktiv für die eigentlich gelungene Integration.

Wie geht es gut integrierten Muslimen eigentlich mit diesen religiös besonders motivierten Glaubensgenossen?
Teile dieser Muslime, die ihre Religiosität so sehr nach außen kehren, haben ein stark nach Pflicht und Gehorsam orientiertes, rigideres Islam-Verständnis. Da geht es vor allem darum, gewisse Vorschriften einzuhalten: Hast du ein Kopftuch auf? Fastest du? Betest du? Ist etwas haram oder halal? Da geht es oft mehr um eine nach Außen gerichtete soziale Kontrolle als um die eigene spirituelle Religiosität. Das gefällt vielen moderaten Muslimen nicht und diese leiden zum Teil auch darunter.

All diese Dinge, Kopftuch, Fasten, Beten, sind ja jetzt gerade für Jugendliche nicht besonders reizvoll. Weshalb finden dennoch derzeit so viele so großen Gefallen daran?
Primär, weil sie im Schnitt deutlich religiöser sind. Dazu kommt: Jugendliche suchen einerseits nach Freiheit und Grenzüberschreitung. Gleichzeitig wollen sie aber auch starke, eindeutige Signale und Orientierung in einer Welt, die in vielen Bereichen sehr diffus ist. Aber: Viele haben in Wahrheit ein eher "sportliches" Verhältnis zu ihrer Religion. Sie sagen, dass man sich an diese und jene Regeln halten müsse, finden aber gleichzeitig nichts dabei, etwa Alkohol zu trinken, eine Freundin zu haben und vieles mehr.

Männliche muslimische Jugendliche tendieren deutlich mehr zu antidemokratischem, abwertendem und gewaltaffinem Verhalten als weibliche – weshalb?
Burschen, auch jenseits der Religion, neigen generell viel stärker zu Abwertungen und Polarisierungen als Mädchen. Teile der männlichen Muslime tragen ihre Religion mit Stolz und einem Überlegenheitsgefühl vor sich her: "Wer hat den stärkeren Glauben?!" Das ist durchaus eine neue Männlichkeitsform in dieser Subkultur. Mädchen sind nicht zwangsläufig weniger religiös. Aber sie sind oft spiritueller und tragen ihre Religiosität meist nicht so fordernd nach außen.

Wie können Staat und Gesellschaft gegen diese Tendenzen gegensteuern? Oder sehen sie dafür keine Notwendigkeit?
Doch, natürlich. Keiner darf sich mit den Ergebnissen unserer Studie zufriedengeben. Man muss auf mehreren Ebenen ansetzen. Zunächst vor allem direkt bei den Familien. Denn Kinder aus familienorientierten Milieus übernehmen in muslimischen Familien viel stärker die Meinungen und Einstellungen ihrer Eltern, als es etwa in autochthon österreichischen Familien der Fall ist.

Muslimische Mädchen in einer Koranschule: Kopftuch, Fasten und Beten seien für viele junge Muslime eher als eine Form sozialer Kontrolle von Bedeutung, sagt Studienautor Kenan Güngör
Muslimische Mädchen in einer Koranschule: Kopftuch, Fasten und Beten seien für viele junge Muslime eher als eine Form sozialer Kontrolle von Bedeutung, sagt Studienautor Kenan Güngör
Silke Reents / Visum / picturedesk.com

Was halten Sie von Ethikunterricht in der Schule, wie er immer häufiger gefordert wird?
Ein Unterrichtsfach Demokratie und Ethik wäre dringend notwendig. Zu uns kommen Menschen aus den unterschiedlichsten Regionen der Welt und mit den unterschiedlichsten Prägungen. Und wenn wir möchten, dass wir auch weiterhin eine funktionierende Demokratie sind, dann müssen wir daran arbeiten. Da haben wir bis jetzt viel zu wenig gemacht.

Gibt es noch weitere Stellschrauben, an denen man drehen könnte?
Neben der Schule sind die muslimischen Communitys selbst gefragt. Die dürften sich mit den Ergebnissen der Studie schon gar nicht zufriedengeben und sollten es nicht als Schicksal hinnehmen. Es sind ihre Kinder, ihre Jugendlichen. Man müsste sich etwa fragen, wie kann es sein, dass wir in der dritten Generation immer noch solch durchwachsene Bildungsergebnisse haben?

Weshalb passiert das nicht längst?
Teilweise beobachte ich hier eine Tendenz: Man stellt sich selbst schnell in die Ecke, schmollt und sagt: "Die Islamfeindlichkeit in Österreich ist das Problem." Ich würde sagen: Ja, es gibt in der Tat eine gestiegene Islamfeindlichkeit in Österreich. Aber die ist nicht vom Himmel gefallen und man muss sich wie bei jedem Konflikt auch die Frage stellen: Okay, gibt es möglicherweise auch eigene Anteile an diesem Problem?

Gibt es Ihrer Meinung nach diesen Anteil?
Ja, es gibt einen Eigenanteil. Dazu gehört insbesondere die Frage, wie religiöse Inhalte vermittelt werden und inwieweit sie mit demokratischen und menschenrechtlichen Prinzipien vereinbar sind. Aber man muss auch sehen, dass sich viele junge Muslime hier eigentlich sehr wohl, aber gleichzeitig emotional nicht zugehörig fühlen. Sie sagen: "Ich schätze hier vieles, aber ich habe das Gefühl, dieses Land will mich eigentlich gar nicht."

Würden Sie sagen, dass die österreichische Gesellschaft keine Willkommensgesellschaft ist?
Viele muslimische Jugendliche spüren deutlich eine stärkere Feindseligkeit. Motto: Ich werde hier nur geduldet, einem Stiefkind gleich. Weil es Probleme mit einem gewissen Teil der Muslime gibt, werden oft alle an den Pranger gestellt. Das ist absolut kontraproduktiv.

Können Sie verstehen, dass es in Teilen der heimischen Gesellschaft Ressentiments gegen manche islamische Milieus gibt?
Ich kann einen Teil der Sorgen durchaus nachvollziehen, und ich halte es für wichtig, sie ernst zu nehmen. Zugleich müssen wir sehr genau darauf achten, weder zu übertreiben noch zu verharmlosen. Beides führt in die Irre.

"Ein Unterrichtsfach Demokratie und Ethik wäre dringend notwendig", so Kenan Güngör
"Ein Unterrichtsfach Demokratie und Ethik wäre dringend notwendig", so Kenan Güngör
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Wozu würden Sie raten?
Ich denke, Teile der Muslime müssen sich selbstkritisch fragen, welchen Anteil sie daran haben, dass die Stimmung ihnen gegenüber so belastet ist. Es gibt reale Vorbehalte, aber es gibt eben auch reale Probleme. Dazu gehören etwa Bildungsdefizite, Integrationsrückstände und teilweise ein problematisches Religionsverständnis.

Und die österreichische Mehrheitsgesellschaft?
Auch die österreichische Gesellschaft ist in Teilen überfordert und die Stimmung ist teilweise gekippt. Es sind seit 2015 (Beginn der syrischen Flüchtlingswelle, Anm.) 560.000 Menschen eingereist. Das ist nicht wenig. Da ist es nur logisch, dass viele Menschen fragen: "Wie viele kommen denn noch, was bringen sie mit und wird das alles gut ausgehen?" Sorgen jedoch dürfen nicht in pauschalisierende Ressentiments umschlagen. Wir müssen nach vernünftigen Antworten und Wegen suchen.

Ist die Öffentlichkeit dazu bereit?
Die öffentliche Debatte über Muslime ist derzeit stark negativ besetzt und problemorientiert. Das ist nicht völlig aus der Luft gegriffen, es gibt reale Probleme. Aber diese Form der ausschließlich defizitären Wahrnehmung führt zu negativen Selbstverstärkungseffekten, es bildet sich eine Abwärtsspirale. Ich beobachte eine zunehmende Skepsis bis hin zur Feindseligkeit, die wir durchbrechen müssen. Dafür müssen aber die Muslime auch ihren Beitrag dazu leisten.

Nimmt man das in den muslimischen Communitys auch wahr?
Natürlich. Und darunter leiden besonders jene Muslime, die längst gut integriert sind, arbeiten, Verantwortung übernehmen und sich zu Österreich zugehörig fühlen. Sie geraten häufig mit unter einen gewissen Generalverdacht.

Wie könnte das Zusammenleben zwischen alteingesessenen Österreichern und neu zugezogenen Muslimen besser gelingen?
Es gibt eine Grundregel, die für alle Seiten gilt. Zuerst muss man sehen, was alles gut bis mäßig funktioniert, und das ist Gott sei Dank nicht wenig. Auf dieser Grundlage kann man dann darüber sprechen, was nicht funktioniert. Nur so kann man das gesamte Bild wahrnehmen. Wenn wir nur auf Defizite schauen, entsteht ein verzerrtes, düsteres Bild. Und wenn wir Probleme verschweigen, verlieren wir an Glaubwürdigkeit. Wir brauchen beides: Anerkennung für gelungene Integration sowie Ernsthaftigkeit und Klarheit dort, wo es Fehlentwicklungen gibt.

Martin Kubesch
Akt. 15.05.2026 23:36 Uhr