Die neue Serie über die forensische Pathologin Kay Scarpetta nach den Bestsellern von Patricia Cornwell begeistert mit einer soliden Story, viel Liebe zum Detail – und dem Duell zwischen Nicole Kidman und Jamie Lee Curtis. Ab sofort im Streaming auf Amazon Prime.

So hat man Nicole Kidman noch nie erlebt. Als Gerichtsmedizinerin Kay Scarpetta wühlt sie in Toten herum, als hätte sie nie etwas anderes getan. Übel zugerichtete Mordopfer, die mitten in der Nacht irgendwo im Nirgendwo gefunden werden? Doktor Scarpetta ist zur Stelle, Lupe, Skalpell und forensisches Wissen immer griffbereit. Zu sehen in der neuen Serie "Scarpetta" auf Amazon Prime, gedreht nach den Bestsellern der gefeierten Thriller-Autorin Patricia Cornwell.
Nicole Kidman, 58, hat in den letzten Jahren eine enorme Wandlung durchlaufen. Wurde sie früher häufig auf ihre Rolle als Sexsymbol reduziert, erfand sie sich als Schauspielerin mittlerweile völlig neu. Ihr aktuelles Rollenbild: das der toughen Frau, die keine Männer braucht, um sich im Leben zurechtzufinden.
Das kultivierte sie im Kino, etwa in "The Killing of a Sacred Deer" und "Babygirl", aber noch öfter in Serien-Formaten. "Big Little Lies", "Nine Perfect Stranger", "The Undoing", "Special Ops: Lioness" oder "Ein neuer Sommer" zeigen, wie fleißig die Schauspielerin zuletzt gewesen ist. An vielen dieser Serien war Kidman auch als Produzentin beteiligt, was ihr noch mehr Einfluss auf das Endprodukt gab.
Bei "Scarpetta" agiert die 58-Jährige zwar "nur" vor der Kamera, trotzdem handelt es sich einmal mehr um eine typische Kidman-Rolle: Die titelgebende Dr. Kay Scarpetta gilt als geniale forensische Pathologin. Sie ist Karrierefrau und Workaholic, die sich früh in einer ehemals männlichen Domäne durchsetzen konnte.

Die Figur basiert, wie auch die Handlung, auf Patricia Cornwells höchst erfolgreicher "Kay Scarpetta"-Reihe, in der inzwischen 29 Bücher erschienen sind. Das erste davon kam bereits 1990 auf den Markt und trägt den Titel "Post Mortem". Cornwells Figur wiederum wurde inspiriert durch die reale ehemalige "Chief Medical Examiner" des Bundesstaates Virginia, Marcella Farinelli Fierro.
Cornwells Heldin war zwar längst nicht die erste weibliche Ermittlerin. Doch die düstere Art, mit der die Autorin ihre Plots rund um Serienkiller und morbide Tatortermittlungen fertigte, machen die Serie bis heute faszinierend. Und die detaillierte Darstellung der forensischen Ermittlungstechniken gilt als Vorbild für Serien wie "CSI" und "Cold Case".
Nicht zuletzt deshalb gab es seit vielen Jahren immer wieder Versuche, die attraktive und komplexe Figur Kay Scarpetta für Film und TV zu adaptieren, doch allesamt scheiterten bisher. Große Namen wie Demi Moore und Angelina Jolie wurden mit der Rolle assoziiert. Schlussendlich wurde es Nicole Kidman, die sich die Hauptrolle mit der Britin Rosy McEwen teilt, die die junge Kay darstellt.
"Scarpetta" beginnt damit, dass die Forensikerin nach Jahren der Abwesenheit wieder in ihre alte Position als Chief Medical Examiner von Virginia zurückkehrt, die genauen Hintergründe dafür bleiben am Anfang vage. Und sie bekommt es direkt mit einem grausigen Todesfall zu tun, der sie an einen alten Fall erinnert, der 28 Jahre zurückliegt.
Eine junge Frau wird leblos und gefesselt neben Zuggleisen gefunden, weitere Leichen in ähnlichen Situationen folgen. Bald sieht alles danach aus, als wäre der Killer von damals zurückgekehrt und macht dort weiter, wo er vor fast drei Jahrzehnten aufgehört hat.
Aber während Kay Scarpetta in ihrem Beruf karriereorientiert, taktisch, penibel und perfektionistisch vorgeht, dominiert in ihrem Privatleben das Chaos: Vor allem mit ihrer älteren Schwester Dorothy (Jamie Lee Curtis) kriegt sie sich immer wieder in die Haare, da fliegen öfter die Fetzen und manchmal sogar die Fäuste.
Kays Familienleben ist generell durch Traumata und seltsame Verbindungen geprägt: Kay selbst musste als Kind mitansehen, wie ihr Vater getötet wurde. Ihre Nichte Lucy (Ariana DeBose), Tochter von Dorothy, für die Kay eine Art Mutterersatz ist, hat erst kürzlich ihre Partnerin an den Krebs verloren. Und Kays früherer Kollege, Detektiv Pete Marino (Bobby Cannavale), mit dem sie den nun wieder aufflammenden Fall bearbeitet, ist inzwischen mit ihrer Schwester Dorothy verheiratet.
Auf den ersten Blick unterscheidet "Scarpetta" wenig von anderen Krimi-Serien der letzten Jahre. Das Format setzt einerseits auf Neunziger-Nostalgie – nicht nur, weil die Hälfte des Plots am Ende dieses Jahrzehnts spielt, sondern auch, weil es deutlich durch die damaligen Serienkiller-Thriller inspiriert ist. Andererseits kommt "Scarpetta" sehr heutig daher, mit starken weiblichen Figuren in "männlichen" Rollen, mit queeren Charaktere usw. Und man muss sagen, der Spagat gelingt gut.

Das wirklich Besondere an "Scarpetta" ist aber der Fokus auf die privaten Dramen der Protagonistin, denen für eine solche Serie ungewöhnlich viel Raum gegeben wird. Und die auch das Highlight der Serie sind. Das gelingt auch deshalb so gut, weil die Darsteller allesamt überzeugen: Nicole Kidman, Rosy McEwen und Bobby Cannavale spielen gut, der Star der Truppe ist aber Jamie Lee Curtis. Ihre Figur der Dorothy ist laut, exzentrisch und "sexvernarrt". Und ihre Kollisionen mit der analytischen Scarpetta sind ein Highlight der Serie.
Fazit "Scarpetta" ist vielleicht nicht der ganz große Wurf, aber eine über weite Strecken solide und spannend umgesetzte Krimi-Serie, die einer prominenten literarischen Figur endlich ihre verdiente Screen-Adaption schenkt. Kein Wunder, dass Staffel 2 der Serie noch vor dem Start der ersten Staffel bestätigt worden ist.
"Scarpetta", Krimi, Thriller. USA 2026, 8 Episoden à ca. 50 Minuten, Amazon Prime