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Reformen gefordert

Ukraine: Warum sich der erste Oligarch offen gegen Putin stellt

Der Industrielle Andrej Melnitschenko kritisiert als erster Wirtschaftsboss aus dem Umfeld Wladimir Putins den Krieg gegen die Ukraine öffentlich. Und er warnt vor einem politischen Zerfall Russlands – und dessen Folgen für die ganze Welt. Ein Appell, der Angst macht.

Sieht Russland derzeit auf einem dramatischen Weg: Andrej Melnitschenko, Düngemittelunternehmer, Multimilliardär, Kriegs-Skeptiker
Sieht Russland derzeit auf einem dramatischen Weg: Andrej Melnitschenko, Düngemittelunternehmer, Multimilliardär, Kriegs-SkeptikerAPA-Images / AP / Thomas Hartwell
The Economist
Akt. 10.07.2026 04:54 Uhr

Sobald genügend Russinnen und Russen den endlosen Krieg in der Ukraine als aussichtslos empfinden und erkennen, dass sie selbst den Preis dafür zahlen, wird Präsident Wladimir Putin gezwungen sein, etwas Spektakuläres zu unternehmen, um die festgefahrene Lage aufzubrechen. Deshalb lohnt es sich, Russland aufmerksam auf Anzeichen von Kriegsmüdigkeit oder wachsender Unzufriedenheit zu beobachten. Der Economist präsentiert in dieser Woche den bislang eindrucksvollsten Hinweis in diese Richtung.

Er stammt von Andrej Melnitschenko, dem weltweit größten Düngemittelunternehmer und bedeutendsten Industriellen Russlands. Melnitschenko gehört keineswegs zur Anti-Putin-Opposition. Im Gegenteil: Er hat den Angriff auf die Ukraine nie kritisiert. Als Teil des Establishments haben seine Unternehmen die russische Kriegswirtschaft unterstützt.

Auch handelt er nicht aus moralischem Idealismus. Nachdem er seine Firmen jahrelang von außerhalb Russlands geführt hatte, kehrte Melnitschenko 2023 zurück, als sich die Möglichkeiten für globales Wirtschaften zunehmend verengten. Wie die meisten Oligarchen lebte er nach Putins ungeschriebenen Regeln: Geld verdienen ja, Politik nein.

Dass er nun das Wort ergreift, liegt daran, dass er und andere Wirtschaftsmagnaten die fortschreitende Erosion eines Landes, das sie auf dem Weg in die Tyrannei beobachtet haben, nicht länger ignorieren können.

Melnitschenko formulierte seine Warnungen nach fast 60 Stunden Gesprächen mit The Economist sowie in vorsichtigerer Form in einem Essay, den wir online veröffentlichen. Es ist das erste Mal, dass sich ein russischer Oligarch in dieser Ausführlichkeit öffentlich äußert.

Melnitschenkos Unternehmen EuroChem ist der größte Düngemittelproduzent der Welt
Melnitschenkos Unternehmen EuroChem ist der größte Düngemittelproduzent der Welt
REUTERS/Kirill Braga

Wir geben ihm Raum, nicht weil wir sämtliche seiner Ansichten teilen oder weil er als Vorkämpfer für Demokratie und Menschenrechte gelten könnte. Vielmehr ist er ein Pragmatiker, dessen zentrales Anliegen das Gedeihen seiner Unternehmen ist. Gerade deshalb könnte sein Appell in einem Land auf Resonanz stoßen, in dem misslungene Kriege – darunter die Niederlage gegen Japan im Jahr 1905 – bereits früher Industrielle dazu veranlasst haben, politische Reformen einzufordern.

Melnitschenkos Analyse reicht weit über den Krieg hinaus und zeichnet ein düsteres Bild der Zukunft Russlands und seiner Nachbarn. Er warnt den Westen davor, sich einen Absturz Russlands in Chaos, brutale Autarkie oder eine gefährliche Abhängigkeit zu wünschen. Zwar fordert er nicht ausdrücklich Putins Absetzung, doch die Veränderungen, die er für notwendig hält, kämen faktisch dem Ende der Alleinherrschaft eines einzelnen Mannes gleich.

Besonders bemerkenswert ist sein Eingreifen, weil der Krieg inzwischen im russischen Alltag angekommen ist. Nach ukrainischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur bilden sich Schlangen an Tankstellen, wo es teilweise zu handgreiflichen Auseinandersetzungen kommt. Die Annexion der Krim im Jahr 2014 hatte Putins Popularität einst erheblich gesteigert; heute wird die Halbinsel durch ukrainische Drohnenangriffe zunehmend isoliert. Zwangseinberufungen nähren den Unmut in der Bevölkerung. Beschwerden von Influencern über den Krieg verbreiten sich in den sozialen Medien millionenfach.

Diese Realität steht in scharfem Gegensatz zu Putins wiederholten Beteuerungen, die "militärische Spezialoperation" verlaufe planmäßig und der entscheidende Durchbruch stehe bevor. Zwar befindet sich die russische Wirtschaft nicht unmittelbar vor dem Zusammenbruch, und ein Volksaufstand ist nicht in Sicht. Dennoch wächst unter vielen Russinnen und Russen das Gefühl, dass ihr Land in einer Sackgasse angekommen ist.

Putin könnte versuchen, seine Autorität durch eine weitere Eskalation des Krieges und verschärfte Repression im Innern zu festigen. Mehrere westliche Geheimdienste berichteten zuletzt, Russland bereite eine Intensivierung der Konfrontation mit der NATO vor. In seinem düstersten Szenario befürchtet Melnitschenko sogar den Einsatz einer taktischen Atomwaffe, um die europäischen Unterstützer der Ukraine einzuschüchtern – auch wenn westliche Analysten dies weiterhin für wenig wahrscheinlich halten.

Melnitschenkos Jacht "SY A" ist mit einer Länge von 143 Metern die größte Segeljacht der Welt. Sie wurde nach Beginn des Ukraine-Krieges 2022 von italienischen Behörden beschlagnahmt
Melnitschenkos Jacht "SY A" ist mit einer Länge von 143 Metern die größte Segeljacht der Welt. Sie wurde nach Beginn des Ukraine-Krieges 2022 von italienischen Behörden beschlagnahmt
REUTERS/Alessandro Garofalo

Nach Melnitschenkos Auffassung würde eine Eskalation jedoch keinen dauerhaften Frieden zwischen Russland, der Ukraine und Europa herbeiführen. Unausgesprochen bleibt, dass eine breitere Mobilmachung und verstärkte politische Repression die Sorgen und den Unmut der russischen Bevölkerung weiter anwachsen lassen würden – und damit Putins innenpolitische Probleme verschärften. Die Folge wäre eine erneute Eskalationsspirale.

Von diesen düsteren Überlegungen gelangt Melnitschenko zum Kern seiner Argumentation. Er entwirft mehrere langfristige Zukunftsszenarien für Russland, die seiner Einschätzung nach sämtlich sowohl für Russland selbst als auch für die Welt gefährlich wären.

Am alarmierendsten wäre ein Zerfall Russlands in Anarchie, in der rivalisierende Warlords um Ressourcen und Atomwaffen kämpfen. Diese Sorge war ernst genug, dass die Regierung Biden bemüht war, eine demütigende Niederlage Russlands in der Ukraine zu vermeiden.

Eine andere Möglichkeit wäre, dass Russland unter die Vorherrschaft ausländischer Mächte geriete. Denkbar sei eine Dominanz Chinas, das Russland als Rohstofflieferanten und strategischen Puffer gegenüber den Vereinigten Staaten nutzen könnte. Ebenso könnte Russland nach einem zermürbenden Abnutzungskrieg als verarmter Vasall an den Rand Europas gedrängt werden.

Beide Entwicklungen würden, so seine Prognose, Ressentiments und Unzufriedenheit nähren und einen aggressiven Nationalismus hervorbringen, der sich eines Tages in neuen Konflikten entladen könnte.

Im dritten Szenario würde sich Russland nach innen abschotten – ähnlich wie Nordkorea: eine belagerte Festung, abgeschnitten von Wachstum und Kapital. Offenbar werde ein solches Modell im Innersten des Kremls tatsächlich diskutiert. Doch wie Nordkorea befände sich auch Russland dann in einem Zustand permanenter Konfrontation mit der übrigen Welt.

Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Videokonferenz mit seiner Regierungsspitze: Melnitschenko sieht Putin zunehmend mit dem Rücken zur Wand
Russlands Präsident Wladimir Putin bei einer Videokonferenz mit seiner Regierungsspitze: Melnitschenko sieht Putin zunehmend mit dem Rücken zur Wand
via REUTERS

Bei der Frage, wie diese Entwicklungen konkret verhindert werden könnten, bleibt Melnitschenko allerdings auffallend vage. Wenig überraschend fordert er die westlichen Staaten auf, der Versuchung zu widerstehen, den Krieg bis an seine äußersten Grenzen auszureizen. Stattdessen müssten Russland und der Westen einen Weg finden, friedlich miteinander zu leben.

Dafür verlangt er, Russland "Souveränität" zuzugestehen – ein Begriff, der stark an Chinas Forderung nach Nichteinmischung erinnert. Auch hinsichtlich innerer Reformen bleibt er unbestimmt. Russland müsse für die Außenwelt berechenbar werden und die Loyalität seiner Bürger gewinnen, ohne auf Zwang zurückzugreifen. Implizit plädiert er dafür, dass Putin seine Alleinherrschaft aufgibt und Macht dezentralisiert. Von Demokratie spricht er jedoch nicht.

Selbst ein solcher Reformkurs würde auf den Widerstand der sogenannten Silowiki stoßen – jener Vertreter der Sicherheitsapparate, die seit Putins Ausschaltung der ersten postsowjetischen Oligarchengeneration vor mehr als zwei Jahrzehnten die eigentlichen Machtzentren bilden. Ein normaleres Russland würde ihre Stellung schwächen.

Möglicherweise aber könnten sich Technokraten und Unternehmer, die sich um die Zukunft ihres Landes sorgen, hinter Melnitschenko stellen. Putin mag sich weigern, nachzugeben. Doch er steckt in einem Dilemma: Sowohl das Festhalten am bisherigen Kurs als auch Reformen hätten ihren Preis.

Russlands Zar Nikolaus II.: Nach der Niederlage im Krieg gegen Japan 1905 wurde er von Industriellen zu politischen Reformen gezwungen
Russlands Zar Nikolaus II.: Nach der Niederlage im Krieg gegen Japan 1905 wurde er von Industriellen zu politischen Reformen gezwungen
APA-Images / akg-images

Für Reformen gibt es historische Vorbilder. Im Jahr 1905 verlor Russland einen 19 Monate dauernden Krieg gegen Japan. Industrielle und Technokraten machten Zar Nikolaus II. und dessen autokratische Herrschaft für die Niederlage verantwortlich. Die Alleinherrschaft eines Einzelnen, so ihr Urteil, verurteile Russland dazu, hinter dem übrigen Europa zurückzubleiben. Nach einem Volksaufstand zwangen sie den Zaren noch im selben Jahr zur Verkündung des Oktobermanifests, das bürgerliche Freiheiten und die Schaffung einer gesetzgebenden Versammlung vorsah.

Bereits Mitte 1907 hatte Nikolaus die Reformen weitgehend wieder rückgängig gemacht; ein Jahrzehnt später wurde er durch die Revolution gestürzt. Die Hoffnung muss sein, dass Russland aus dieser Geschichte lernt: Es braucht Reformen, die Bestand haben.

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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"

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