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Ist das Klug?

Warum in Amsterdam jetzt Werbung für Fleisch verboten ist

Kreuzfahrten, Autos, Sprit, Flugreisen, Gasverträge, Stromtarife, Fleisch: Für all das darf seit 1. Mai in Amsterdam nicht mehr auf öffentlichen Raum geworben werden. Wie es dazu kam, welche Strafen drohen. Und warum Milch knapp dem Verbot entkam.

Werbung für vegane Burger ist erlaubt, für die Fleischversion ist sie verboten
Werbung für vegane Burger ist erlaubt, für die Fleischversion ist sie verboteniStock
Christian Nusser
Akt. 07.05.2026 22:00 Uhr

Die neue Stadtregierung ist noch nicht im Amt, aber sie wird von der alten Stadtregierung mit freiem Auge kaum unterscheidbar sein. Am 18. März 2026 fanden in Amsterdam Wahlen statt und danach war klar, dass die Hauptstadt der Niederlande auch die kommenden vier Jahre von einer deutlich links ausgerichteten Koalition aus drei Parteien gemanagt wird.

Mitten hinein in die Verhandlungen über die neue Stadtregierung traten neue Regelungen in Kraft, die es auf der Welt in dieser Form bisher noch nicht gab. Amsterdam schränkt die Werbung im Außenbereich radikal ein. Das müssen Sie darüber wissen:

Wer hat aktuell die politische Macht in Amsterdam?
Die Stadt (942.000 Einwohner) wird von einer "links-grün-progressiven Koalition" regiert. Die zentrale politische Konstellation im Stadtrat (Gemeenteraad) besteht aus GroenLinks (Grüne), D66 (sozialliberal) und PvdA (sozialdemokratisch).

Wie war das Wahlergebnis?
Bei der letzten Kommunalwahlen in Amsterdam im März holte GroenLinks 10 Sitze (17,9 %), D66 errang 8 Sitze (16,1 %) die PvdA kam auf 7 Sitze (14,1 %). Die drei Regierungsparteien besetzen damit 25 der 45 Sitze im Stadtparlament.

Die Grüne Femke Halsema wurde im März als Bürgermeisterin wiedergewählt
Die Grüne Femke Halsema wurde im März als Bürgermeisterin wiedergewählt
APA-Images / ANP / Robin Utrecht

Gibt es schon eine neue Regierung?
Nein, die Verhandlungen laufen, in den nächsten Tagen ist mit der Verkündigung eines neuen Pakts und eines Programmes zu rechnen. Bis dahin ist das bisherige Kollegium (B&W - Burgemeester en Wethouders) geschäftsführend im Amt. In den Niederlanden laufen Gespräche über eine künftige Regierung allerdings etwas anders.

Was ist anders?
Bei der Wahl traten die Grünen und die Sozialdemokraten noch mit separaten Listen an. Unmittelbar danach aber bildeten sie eine gemeinsame Fraktion im Stadtrat. Unter dem Namen "Progressief Nederland" treten sie nun als ein geschlossener Block mit insgesamt 17 Sitzen an. Aber es gibt einen grundsätzlichen Unterschied.

Nämlich?
In der niederländischen Politik – so auch in Amsterdam – wird für die Regierungsbildung ein "Mediator" eingesetzt. Diese Rolle wird offiziell Informateur genannt. Die Parteien verhandeln also meist nicht direkt miteinander, sondern über eine dritte Person.

Was ist der Job?
Der Informateur oder die Informateurin führt Gespräche mit allen Parteivorsitzenden, um Übereinstimmungen und "No-Gos" in Sachfragen zu identifizieren.  Es wird untersucht, welche Hindernisse einer Zusammenarbeit im Weg stehen und wie diese überwunden werden können.

Und dann?
Am Ende erstellt der Informateur einen Abschlussbericht für den Stadtrat (der ihm oder ihr offiziell ein Mandat erteilen muss) mit einer klaren Empfehlung, welche Parteien in die konkreten, detaillierten Koalitionsverhandlungen gehen sollten.

Demo in Amsterdam 2019: "Die Fleischindustrie ist der Hauptverschmutzer. Rette den Planeten. Wähle Veganismus"
Demo in Amsterdam 2019: "Die Fleischindustrie ist der Hauptverschmutzer. Rette den Planeten. Wähle Veganismus"
Reuters

Wie war das diesmal?
Die ernannte Informateurin Mary Fiers hat offiziell empfohlen, dass GroenLinks-PvdA und die linksliberale D66 – also die Kerngruppe der bisherigen Stadtregierung – formelle Verhandlungen über ein neues Programm aufnehmen.

Ist der Vorgang gesetzlich geregelt?
Das Verfahren ist nicht starr im Gesetz festgeschrieben, hat aber in den Niederlanden eine lange Tradition. Es wird seit 1951 praktiziert. Oft werden erfahrene (Alt-)Politiker oder externe Experten gewählt, die überparteiliches Vertrauen genießen.

Was hat das mit den Werbeverboten zu tun?
Sie wurden noch von der "alten" Regierung angestoßen (die auch die neue sein wird). Die Verbote haben eine Vorgeschichte, die bis ins Jahr 2020 reicht. Es handelt sich also nicht um einen Schnellschuss.

Worum geht es konkret?
Seit dem 1. Mai 2026 gilt in Amsterdam ein weitreichendes Verbot für die Bewerbung von identifiziert klimaschädlichen Produkten und Dienstleistungen. Das Verbot ist Teil einer kommunalen Klimaschutzstrategie, die direkt in die Werbelandschaft des öffentlichen Raums eingreift.

Was ist verboten?
Die Stadt untersagt Werbung für fossile Brennstoffe, Flugurlaube, Flugtickets, Gasverträge, Graustromverträge (bei denen die Herkunft des Stroms unbekannt oder nicht explizit auf erneuerbare Quellen festgelegt ist), Kreuzfahrten, Fahrzeuge mit Verbrennungsmotor und für Fleisch.

Ursprünglich sollte auch Werbung für alle Milchprodukte verboten werden
Ursprünglich sollte auch Werbung für alle Milchprodukte verboten werden
iStock

Ist das neu?
Amsterdam bezeichnet sich selbst als erste Hauptstadt weltweit mit einem solch umfassenden Verbot für Fleischwerbung.

Was ist alles umfasst?
Das Verbot gilt nicht nur für einzelne Produkte, sondern für ganze Kategorien. Beim Fleisch sind etwa auch Burger, Fast Food mit Fleisch oder Wurstprodukte umfasst. Bei fossilen Energieträgern geht es um Diesel, Benzin, Öl- und Gasprodukte. Bei Autos sind Hybridmotoren ebenfalls verboten, bei Reisen auch Kombis, in denen Flug oder Kreuzfahrten vorkommen.

Was ist mit Mischformen?
Die sind ebenso untersagt. Es darf also keine Werbung geschaltet werden, in der zunächst eine vegetarische Pizza und dann eine mit Fleisch oder Wurst obendrauf gezeigt wird.

Wo gilt das Verbot?
Ausschließlich im öffentlichen Raum, insbesondere auf Straßen, Plätzen, Bushaltestellen und U-Bahn-Stationen. Betroffen sind kommunale Werbeflächen (Plakatwände, City-Light-Poster usw.).

Gibt es Ausnahmen?
Ja, man darf etwa in unmittelbarer Nähe seines Geschäfts werben. Restaurants können also weiterhin Fotos von Fleischgerichten vor ihren Lokalen aushängen.

Sind auch Anzeigen in Medien betroffen?
Nein. Das Verbot umfasst nicht die klassische Medienwerbung in Zeitungen, Magazinen, Fernsehen, Radio und Online.

Warum nicht?
Einschränkungen gelten nur dort, wo die Stadt Amsterdam direkte Regulierungskompetenz über Werbeflächen hat. Also speziell im öffentlichen Raum oder bei kommunal vergebenen Werbekonzessionen.

In Amsterdam müssen nun Tausende Werbetafeln ihre Botschaften ändern
In Amsterdam müssen nun Tausende Werbetafeln ihre Botschaften ändern
iStock

Wie viele Werbeflächen sind betroffen?
Konkrete, offiziell bestätigte Gesamtzahlen existieren nicht. Aus der Struktur des Amsterdamer Außenwerbesystems lässt sich jedoch ableiten, dass Tausende Flächen im öffentlichen Raum betroffen sind. Es geht also um eine ganze Menge.

Heißt konkret was?
Es gibt rund 1.000 Werbetafeln und 225 Bildschirme in 34 Stationen der U-Bahn. 1.340 Wartehäuschen an Bus- oder Tramhaltestellen, die sogenannten Abris, werden als beleuchtete Außenwerbeflächen genutzt. Zusätzlich existieren 470 frei stehende, beleuchtete Werbeflächen (Mupis).

Warum weiß man das?
Die Stadt kontrolliert einen erheblichen Teil der Außenwerbung auf Plakatwänden, Haltestellen und digitalen City-Light-Boards über Konzessionsmodelle. Digitale Werbung dominiert den Markt inzwischen, sie hat einen Anteil von 60 Prozent.

Was ist mit "Konzessionsmodell" gemeint?
Amsterdam vergibt die exklusiven Rechte zur Nutzung städtischer Flächen (für Plakatwände, Bushaltestellen, Werbesäulen) an private Werbeunternehmen. Im Gegenzug übernimmt das Unternehmen die Kosten für Bau, Wartung und Reinigung.

Wird damit Geld verdient?
Ja, eine analoge Fläche bringt der Gemeinde zwischen 2.500 Euro und 3.200 Euro netto pro Jahr ein, eine digitale Fläche mit statischem Bild zwischen 25.000 Euro und 70.000 Euro.

Wird mit einem Rückgang gerechnet?
Ja, Amsterdam rechnet mit einem Rückgang der Erlöse um bis zu 7,5 Prozent. Der Anteil der "fossilen Werbung" liegt bei 4,3 Prozent. Nicht alles wird durch alternative Anbieter kompensiert werden können.

Bis 2030 sollen Amsterdamer mindestens 60 Prozent ihres Proteins aus pflanzlichen Quellen beziehen
Bis 2030 sollen Amsterdamer mindestens 60 Prozent ihres Proteins aus pflanzlichen Quellen beziehen
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Was sind die zentralen Argumente für das Werbeverbot?
Reklame für einzelne Produkte und Produktgruppen fördere den klimaschädlichen Konsum, heißt es. Öffentliche Flächen sollten nicht für Angebote genutzt werden, die den Klimazielen widersprechen. Klimaschutz wird als kommunale Querschnittsaufgabe verstanden.

Was ist das Ziel?
Beim Fleischverbot etwa, dass die Einwohner bis 2030 mindestens 60 Prozent ihres Proteins aus pflanzlichen Quellen beziehen.

Was ist die Vorgeschichte?
Die ersten politischen Vorstöße sind sechs Jahre alt. Am 9. September 2020 erzielte der Stadtrat eine Grundsatzeinigung über das Konzept "Mehr Raum für ein ruhigeres Straßenbild“.

Was ist damit gemeint?
Es erfolgte eine Umkehr im Gedankenmuster. Werbung wurde grundsätzlich verboten, um werben zu dürfen, brauchte man eine Erlaubnis. Die Stadt Amsterdam betrachtet den öffentlichen Raum als ein Gemeinschaftsgut, dessen Qualität sie schützen muss.

Was hatte das zur Folge?
Schon am 21. Dezember 2021 wurde fossile Werbung im öffentlichen Raum verboten. Amsterdam war die erste Stadt weltweit, die das versuchte. Die gewählte Methode (eine Vereinbarung und Auflagen für neue Verträge) erwies sich jedoch als ineffektiv, da Werbung für fossile Brennstoffe weiterhin im Stadtbild präsent war.

Was brachte den Durchbruch?
Der Stadtrat von Den Haag, Sitz der niederländischen Regierung, verabschiedete 2024 das erste Gesetz, das Werbung für fossile Brennstoffe verbot. Ein niederländischer Reiseverband und mehrere Reisebüros sahen darin einen unzulässigen Eingriff in die Privatsphäre, der gegen die Meinungsfreiheit und das EU-Verbraucherrecht verstoße und klagten.

Wie entschied das Gericht?
Der Richter gab der Stadt recht und urteilte, die Gesundheit der Bürger und der Klimaschutz seien wichtiger als kommerzielle Interessen. Das löste eine Kaskade aus. Immer mehr Städte und Kommunen verbaten in der Folge "fossile Werbung".

Wer zu lange mit Fahrzeugen mit Firmenaufdrucken im öffentlichen Raum parkt, bekommt einen Strafzettel
Wer zu lange mit Fahrzeugen mit Firmenaufdrucken im öffentlichen Raum parkt, bekommt einen Strafzettel
iStock

Was machte Amsterdam?
Schon am 22. April 2024 wurde von Grünen und Sozialdemokraten ein Initiativvorschlag mit dem Titel "Werbung stoppen, die zur Klimakrise beiträgt" eingebracht – der Vorläufer der heutigen Regelung.

Wann erfolgte der Beschluss fürs "Fleischverbot"?
Die Entscheidung wurde am 22. Jänner 2026 im Gemeinderat verabschiedet und wird seit 1. Mai schrittweise umgesetzt. Schrittweise deshalb, weil die Verträge für die Werbeflächen teils langfristig sind.

Sollte die Regelung ursprünglich strenger sein?
Ja, das Werbeverbot sollte alle Lebensmittel tierischen Ursprungs, einschließlich Milchprodukte, umfassen. Man einigte sich jedoch auf einen Kompromiss, der das Verbot auf Fleischprodukte beschränkte, was dazu beitrug, eine Mehrheit im Votum zu sichern.

Wo findet man die rechtlichen Regelungen?
Bereiche des öffentlichen Raums werden häufig in der "Algemene Plaatselijke Verordening (APV)", der kommunalen Polizeiverordnung, geregelt. Über den politischen Prozess finden Sie hier alles, was Sie wissen müssen.

Gibt es solche Verbote auch anderswo in den Niederlanden?
Ja, allerdings weniger umfassend. Mehrere niederländische Städte haben bereits Teilverbote für die Bewerbung von fossiler Energie eingeführt. Amsterdam gilt als erste Stadt mit explizitem Fleisch-Werbeverbot im öffentlichen Raum.

Als nächstes am Verbotsplan: "Fat bikes" sollen aus dem Stadtbild verbannt werden
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Reuters

Was sagten die Werber dazu?
Nicht alle waren glücklich, ein großer Außenwerber drängte Abgeordnete dazu, gegen die neue Regelung zu stimmen Aber rund 100 Vertreter Amsterdamer Werbeagenturen (darunter große Firmen wie Publicis Groupe Netherlands) begrüßten den Schritt und schrieben im Vorfeld der Abstimmung einen Brief an den Amsterdamer Stadtrat.

Was steht drin?
"Werbung prägt Wünsche, beeinflusst Verhalten und normalisiert, was als wünschenswert gilt. Genau deshalb wirkt Werbung – und genau deshalb muss Werbung für fossile Brennstoffe im öffentlichen Raum verboten werden."

Welche Strafen sind vorgesehen?
Das ist noch nicht genau definiert. 2026 wird als Übergangsphase betrachtet, die Stadt setzt auf Kooperation mit den Werbefirmen. Geplant sind danach administrative Bußgelder. Zum Vergleich: In Frankreich können sie zwischen 20.000 Euro und 100.000 Euro betragen.

Was gilt in Frankreich?
Seit August 2022 ist Werbung für Erdölprodukte, Kohleenergie und kohlenstoffhaltigen Wasserstoff landesweit untersagt. 2023 kam Erdgas dazu. Es ist zudem verboten, Produkte ohne detaillierten Nachweis als "klimaneutral" zu bewerben. Ähnlich wie bei Tabak müssen Autoanzeigen bereits seit 2022 Hinweise enthalten, die zu umweltfreundlicheren Alternativen wie Gehen oder Radfahren raten.

Was kann eine Folge strenger Werberegeln sein?
Der Fall des Amsterdamer Unternehmers Stephan Hamersma ging zuletzt durch die Medien. Er hatte sein Elektroauto vor einem Fitness-Studio aufgeladen und bekam deshalb eine Geldstrafe von 1.400 Euro aufgebrummt. Nicht wegen des Aufladens, sondern weil auf seinem Auto ein Firmenlogo abgebildet ist.

Was ist das Problem?
Werbung im öffentlichen Raum ist in Amsterdam, wie zuvor erwähnt, strikt geregelt. Das Auto als Reklamefläche zu nutzen, ist daher ebenfalls verboten. Sogar, wenn es ein E-Fahrzeug ist.

Christian Nusser
Akt. 07.05.2026 22:00 Uhr