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"Wildberries"-Angriffe

Warum sich die Ukraine auf Russlands Online-Riesen eingeschossen hat

Kein Tag vergeht derzeit, ohne dass ein Lager des Online-Händlers Wildberries im Rauch aufgeht. Die Ukraine hat "Russlands Amazon" zum Ziel erkoren – und ist dabei ziemlich erfolgreich. Welche Strategie hinter den Drohnen-Attacken auf zivile Lagerhäuser steckt.

Auf einem viralen Hand-Video ist zu sehen, wie die Drohne in das Wildberries-Warenlager in Khryastovo 180 Kilometer östlich von Moskau einschlägt
Auf einem viralen Hand-Video ist zu sehen, wie die Drohne in das Wildberries-Warenlager in Khryastovo 180 Kilometer östlich von Moskau einschlägtScreenshot BBC
NewsFlix Redaktion
Akt. 03.08.2026 18:56 Uhr

Am Montag traf es das Wildberries-Warenlager in Khryastovo in der russischen Region Wladimir, etwa 180 Kilometer östlich von Moskau. Auf einem verwackelten Handyvideo, das die BBC veröffentlicht hat, ist zu sehen und zu hören, wie eine propellergetriebene Drohne in einem Gebäude einschlägt und nur Sekundenbruchteile später ein riesiger Feuerball den Himmel erhellt.

Es war dies der bereits 17. erfolgreiche Angriff auf ein Lager des riesigen Online-Händlers, seit die Ukraine am 18. Juli begonnen hatte, die Liefer-Infrastruktur des als "russisches Amazon" bezeichneten Unternehmens ins Visier zu nehmen.

Wirtschaftsanalysten schätzen, dass mittlerweile etwa 10 Prozent der Warenlager des Unternehmens in Rauch aufgegangen sind. Der entstandene Schaden könnte demnach bereits mehr als drei Milliarden Euro betragen. Und ein Ende der Attacken ist nicht abzusehen.

Weshalb Kiew, das sich seit mittlerweile viereinhalb Jahren gegen den russischen Angriffskrieg verteidigt, nun auch zivile Infrastruktur im Feindesland zerstört, warum nahezu jede Attacke auf Wildberries erfolgreich zu sein scheint, wie viele Opfer sie bisher gefordert haben und wie die russische Bevölkerung auf die Drohnenschläge reagiert – das muss man über die Situation wissen:

Am Sonntag traf eine ukrainische Drohne das Wildberries-LAgerhaus in Novosemeykino in der Region Samara …
Am Sonntag traf eine ukrainische Drohne das Wildberries-LAgerhaus in Novosemeykino in der Region Samara …
via REUTERS
… am 22. Juli brannte das Lagerhaus in Nevinnomyssk vollkommen nieder
… am 22. Juli brannte das Lagerhaus in Nevinnomyssk vollkommen nieder
SOCIAL MEDIA via REUTERS

Worum geht es?
Seit dem 18. Juli werden fast täglich Lager des russischen Online-Unternehmens Wildberries von ukrainischen Drohnen getroffen. Die Luftschläge passieren dabei im ganzen Land, von Sankt Petersburg im Nordwesten des Landes bis zum Ural im Osten, von der Krim im Süden bis ins Herz des Landes, in Moskau. Weitere betroffene Städte: Twer, Woronesch, Krasnodar, Jekaterinburg sowie zuletzt auch Wolgograd, Sarapul und Pensa. Mehrere Lager gingen in Flammen auf, mindestens zehn wurden teilweise oder ganz zerstört.

Was ist Wildberries?
Das 2004 gegründete Unternehmen ist mittlerweile der größte russische Online-Händler, gilt als "russisches Amazon" und wickelt etwa die Hälfte des Onlinehandels im Land ab. Gerade deshalb sind die Angriffe mehr als symbolisch: Sie treffen Wirtschaft, Versorgung und das bislang vorhandene Gefühl vieler Russen, trotz des Krieges in der Ukraine ein komfortables, normales Leben führen zu können.

Wie groß ist Wildberries?
Der Handelsriese wuchs zuletzt sehr stark, gilt als größter Kreditnehmer wie auch größter Steuerzahler des Landes und soll 2025 einen Gewinn von umgerechnet knapp 1,9 Milliarden Euro gemacht haben bei Umsätzen von mehr als 65 Milliarden Euro.

Warum greift die Ukraine gerade einen Onlinehändler an?
Kiew begründet die Attacken damit, dass Wildberries auch die Armee versorge. Präsident Wolodimir Selenskij sprach allgemein davon, dass "gegen die russische Logistik eine Operation" laufe. Zur Begründung hieß es, diese versorge die russische Armee "mit Komponenten für Drohnen und mit militärischer Ausrüstung".

Welche militärischen Güter werden dort gehandelt?
Auf der Plattform finden sich laut Berichten nicht nur Mode, Tierfutter, Haushaltswaren oder Urlaubsreisen, sondern auch Kampfhelme in Camouflage, Tarnanzüge, Steuergeräte für FPV-Kampfdrohnen, Glasfaserkabel und elektronische Zielhilfen. Früher gab es auf der Website sogar eine Rubrik namens "Alles für die Spezialoperation", berichtet die Süddeutsche Zeitung.

Was ist damit gemeint?
Als "Spezialoperation" wird in Russland der Krieg gegen die Ukraine bezeichnet. Und in der Rubrik wurden bis vor kurzem Militärequipment, Hightech-Komponenten und jede Menge Propaganda-Abzeichen angeboten. Die Rubrik wurde mittlerweile von der Homepage entfernt, besagte Produkte gibt es aber weiterhin.

Der Drohnenangriff auf das Lagerhaus in Khryastovo in der Region Wladimir von Montag: Man sieht und hört die propellergetriebene Drohne …
Der Drohnenangriff auf das Lagerhaus in Khryastovo in der Region Wladimir von Montag: Man sieht und hört die propellergetriebene Drohne …
Screenshot BBC
… ehe sie in dem Warenlager einschlägt und explodiert …
… ehe sie in dem Warenlager einschlägt und explodiert …
Screenshot BBC
… und sich sofort ein riesiger Feuerball entwickelt
… und sich sofort ein riesiger Feuerball entwickelt
Screenshot BBC

Geht es nur um Rüstungsgüter?
Wahrscheinlich nicht. Beobachter gehen davon aus, dass die Ukraine vor allem der russischen Wirtschaft und dem Finanzsystem schaden wollen. Ein von britischen Medien zitierter Mitarbeiter einer ukrainischen Rüstungsfirma nannte Wildberries den "größten Kreditnehmer Russlands" und brachte den Konzern mit der staatlichen Bank VTB in Verbindung.

Wie schwer sind die Schäden bisher?
Die Angaben variieren, doch sie deuten auf einen massiven Schlag hin. Einmal ist von rund zehn Prozent beschädigter und unbrauchbarer Lagerflächen die Rede, an anderer Stelle von etwa zwanzig Prozent verlorener Kapazität. Nach Berechnungen von The Bell wurden allein Lagerräume im Wert von rund 400 Millionen Euro vernichtet, dazu kamen Waren im Wert von knapp 1,7 Milliarden Euro.

Gab es Tote und Verletzte?
Ja. Bei den Gegenangriffen auf die Logistikzentren wurden bislang insgesamt neun Menschen getötet und mehrere Dutzend verletzt. Bei einzelnen Angriffen konnten Beschäftigte rechtzeitig in Sicherheit gebracht werden, etwa in Sarapul, doch die Serie zeigt, dass die Attacken nicht nur Sachschäden verursachen.

Wen trifft das in Russland besonders?
Betroffen sind Zehntausende unmittelbar, darunter Angestellte, Zulieferer sowie kleine und mittlere Betriebe, die mit Wildberries arbeiten. Auf der Plattform sollen bis zu 400.000 Händler aktiv sein. Gerade Klein- und Kleinstunternehmen erleiden enorme Verluste, die ihnen nach Berichten nur zu einem Bruchteil ersetzt werden. Aber natürlich wird grundsätzlich jeder Kunde des Händlers früher oder später betroffen sein, wenn seine Bestellungen nicht oder nur verspätet ankommen.

Warum ist das politisch für den Kreml heikel?
Weil die Angriffe den Alltag vieler Menschen stören und kurz vor der Duma-Wahl (der Parlamentswahl) Mitte September Unzufriedenheit erzeugen können. Kreml-Sprecher Dmitrij Peskow sprach diesbezüglich zuletzt von einer "nicht einfachen Situation".

Ist das neu in diesem Krieg?
Neu ist vor allem das Ziel. In den vergangenen Monaten konzentrierte sich die Ukraine bei Drohnenangriffen stark auf die russische Ölindustrie und löste damit eine Benzinkrise aus. Nun wird der Druck auf Logistik und Konsum ausgeweitet, also auf einen Bereich, den viele Russen viel direkter spüren.

Wildberries ist der größte Onlinehänder in Russland, der Jahresumsatz lag zuletzt bei mehr als 65 Milliarden Euro
Wildberries ist der größte Onlinehänder in Russland, der Jahresumsatz lag zuletzt bei mehr als 65 Milliarden Euro
REUTERS/Anastasia Barashkova/File Photo

Wie rechtfertigt Kiew solche Angriffe auf zivile Infrastruktur?
Aus Sicht der ukrainischen Führung sind die Lager legitime Ziele, weil dort auch Güter für den Krieg gehandelt oder verteilt werden. Dazu kommt: Russland macht genau dasselbe, nur wurde es bislang nicht international thematisiert.

Was ist damit gemeint?
Bereits seit Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine attackiert Moskau das ukrainische Post- und Logistikunternehmen Nowa Poschta. Laut der Nachrichtenagentur Interfax Ukraine wurden dabei mehr als 400 Filialen von Nowa Poschta beschädigt oder zerstört und 255 Mitarbeiter getötet. Den letzten tödlichen Angriff. gab es erst am vergangenen Wochenende.

Weshalb sind die Angriffe eigentlich so erfolgreich?
Weil zivile Infrastrukturen wie etwa die Wildberries-Lagerhäuser bislang nicht eigens mit Luftabwehr beschützt worden sind. So haben die Drohnen ein leichtes Spiel und können meist rerlativ ungehindert in den Gebäuden einschlagen.

Wer steckt eigentlich hinter Wildberries?
Geleitet wird das Unternehmen von Tatjana Kim. Sie hatte es gemeinsam mit ihrem Mann Wladislaw Bakaltschuk, einem IT-Techniker, 2004 gegründet. Tatjana Kim gilt heute mit einem Privatvermögen von umgerechnet mehr als 8 Milliarden Euro als reichste Russin.

Ein "Schmerz, den sie nicht in Worte fassen" kann: Wildberries-Gründerin Tatjana Kim über die fortgesetzten Attacken auf ihr Unternehmen
Ein "Schmerz, den sie nicht in Worte fassen" kann: Wildberries-Gründerin Tatjana Kim über die fortgesetzten Attacken auf ihr Unternehmen
via REUTERS

Wie reagierte Tatjana Kim auf die Angriffe?
Die Unternehmenschefin nannte die Angriffe auf die Depots "einen Akt des internationalen Terrorismus", und einen "Schmerz, den sie nicht in Worte fassen" könne. Sie versprach Hilfen für betroffene Familien: zwei Millionen Rubel (ca. 21.600 Euro) für Angehörige getöteter Mitarbeiter und eine Million für Familien von Schwerverletzten. Über Entschädigungen für wirtschaftlich betroffene Kleinfirmen wird noch verhandelt.

Wie könnte es jetzt weitergehen?
Einen logistischen Kollaps sehen Experten vorerst noch nicht. Riskant könnte es aber werden, wenn die systematischen Angriffe weitergingen, weil die Belieferung großer Zentren dann schwieriger würde. In Russland werden auch bereits Vorschläge diskutiert, Wildberries-Lager mit Zivilverteidigung, Flak oder anderen Flugabwehrwaffen zu schützen.

NewsFlix Redaktion
Akt. 03.08.2026 18:56 Uhr