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Energie-Engpass

Weshalb uns im nächsten Winter ziemlich kalt werden könnte

Auch wenn sich die USA und der Iran irgendwann dauerhaft auf einen Frieden einigen sollten, gilt die Energieversorgung der Welt für kommenden Winter keineswegs als gesichert. Mehrere Faktoren könnten die Gaspreise erneut in schwindelerregende Höhen treiben.

Wenige Reserven, unsichere Versorgungslage: der volatile Gaspreis könnte das Heizen im nächsten Winter zu einem teuren Vergnügen machen
Wenige Reserven, unsichere Versorgungslage: der volatile Gaspreis könnte das Heizen im nächsten Winter zu einem teuren Vergnügen machenGetty Images
The Economist
Akt. 09.07.2026 04:28 Uhr

Am 28. Juni lief die Hlaitan, ein mit Flüssigerdgas (LNG) beladener Supertanker, von Freeport im US-Bundesstaat Texas mit Ziel Frankreich aus. Kaum hatte das Schiff den Hafen verlassen, änderte es seinen Kurs. Der Charterer TotalEnergies hatte aus Asien ein attraktiveres Angebot erhalten. Nach Angaben des Datenunternehmens Kpler soll die Hlaitan ihr neues Ziel am 1. August erreichen.

Solche Fälle sind inzwischen keine Seltenheit mehr. Käufer in Asien, wo ein außergewöhnlich heißer Sommer die Nachfrage nach Energie massiv ankurbelt, überbieten europäische Abnehmer derzeit regelmäßig bei amerikanischen LNG-Ladungen. Die Zahl der umgeleiteten LNG-Tanker erreicht Rekordwerte (siehe Grafik unten).

Europa hingegen gerät ins Hintertreffen: Nach einem kalten Winter sind die Gasspeicher bislang lediglich zu 47 Prozent gefüllt – der niedrigste Stand zu diesem Zeitpunkt des Sommers seit 15 Jahren (siehe Grafik unten).

Ursache dafür ist vor allem das ausbleibende Angebot aus Katar, das gewöhnlich den Großteil des asiatischen Marktes versorgt. Seit den Mitte Juni erzielten Vereinbarungen zwischen den USA und Iran über die Wiederöffnung der Straße von Hormus haben lediglich elf LNG-Tanker die Meerenge passiert – besser als gar keiner, aber immer noch deutlich weniger als das übliche Verkehrsaufkommen von rund drei Tagen.

Die Zahl der umgeleiteten LNG-Tanker erreicht heuer neue Rekordwerte
Die Zahl der umgeleiteten LNG-Tanker erreicht heuer neue Rekordwerte
The Economist
Europas Gasspeicher sind derzeit nicht einmal zur Hälfte gefüllt – der niedrigste Stand seit 15 Jahren
Europas Gasspeicher sind derzeit nicht einmal zur Hälfte gefüllt – der niedrigste Stand seit 15 Jahren
The Economist

Am 7. Juli griffen die USA den Iran als Vergeltung für iranische Angriffe auf Tanker an, darunter einen LNG-Tanker am Vortag. Präsident Donald Trump hob zudem eine Ausnahmeregelung auf, die Iran den Verkauf von Erdöl ermöglicht hatte, und erklärte die Waffenruhe mit Iran für beendet.

Während die Ölpreise trotz des jüngsten Anstiegs infolge der neuen Kampfhandlungen weiterhin deutlich unter ihren Höchstständen aus der Kriegszeit liegen, verharren die Gaspreise auf hohem Niveau: In Europa liegen sie 48 Prozent, in Asien sogar 62 Prozent über dem Stand vom Februar (siehe Grafik unten).

Analysten rechnen damit, dass die Lieferungen aus Katar bis September wieder das normale Niveau erreichen. Das käme rechtzeitig, damit Europa seine Speicher vor dem Winter auffüllen könnte. Doch ein deutlich ungünstigeres Szenario erscheint weiterhin keineswegs ausgeschlossen.

Der Krieg mit Iran hat den Weltmarkt vorübergehend um rund ein Fünftel seiner LNG-Lieferungen gebracht. Zudem wurden 17 Prozent der Exportkapazitäten Katars zerstört – Schäden, deren Behebung Jahre dauern dürfte. Auch die Wiederinbetriebnahme der verbliebenen Anlagen benötigt Zeit.

Zwar sorgen höhere Preise dafür, dass zusätzliche Lieferungen aus Afrika und Australien auf den Markt kommen. Gleichzeitig dämpfen Energiesparmaßnahmen in Asien, aufgeschobene Industrienachfrage und die Wiederinbetriebnahme von Kohlekraftwerken den Verbrauch. Dennoch wird dem Weltmarkt bis Ende 2026 kumuliert rund 40 Millionen Tonnen katarisches LNG fehlen – nahezu ein Zehntel des weltweiten Angebots des vergangenen Jahres.

Hinzu kommt, dass Importeure in Europa und Asien bislang kaum damit begonnen haben, ihre Speicher für den Winter wieder aufzufüllen. Die meisten warten so lange wie möglich. Dafür gibt es zwei Gründe: Zum einen sind die Preise weiterhin hoch, zum anderen werden Lieferungen für den Winter derzeit kaum teurer gehandelt als kurzfristig verfügbare Mengen.

In Europa liegen die Gaspreise 48 Prozent, in Asien sogar 62 Prozent über dem Stand vom Februar, also vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran
In Europa liegen die Gaspreise 48 Prozent, in Asien sogar 62 Prozent über dem Stand vom Februar, also vor dem Angriff der USA und Israels auf den Iran
The Economist

Sollten die Lieferungen aus Katar im September tatsächlich wieder anlaufen, dürfte die asiatische Nachfrage nach amerikanischem LNG nachlassen. Die Spotpreise würden sinken und Europa könnte seine Speicher wieder füllen. Bis November wären die Gasspeicher der EU voraussichtlich zu etwa drei Vierteln gefüllt – ein niedriger, aber für einen durchschnittlichen Winter ausreichender Wert. Die Preise dürften dann beherrschbar bleiben.

Allerdings ist der Markt inzwischen derart angespannt, dass bereits eine Reihe kleiner Störungen eine ernsthafte Versorgungskrise auslösen könnte. Drei Risiken stechen besonders hervor.

Erstens könnten die Lieferungen aus dem Persischen Golf nicht rechtzeitig zurückkehren. Nur wenige Stunden nachdem am 6. Juli ein katarischer Gastanker nahe der Einfahrt zur Straße von Hormus getroffen worden war, kehrte ein weiterer Tanker auf dem Weg dorthin wieder um. Ein Dutzend unbeladener Tanker wartet derzeit vor Ras Laffan auf die Beladung.

Wiederholte militärische Zwischenfälle – oder gar das Scheitern der Waffenruhe – könnten jedoch die Märkte verunsichern und asiatische Käufer dazu veranlassen, amerikanische LNG-Ladungen noch aggressiver nachzufragen.

Das zweite Risiko ist extremes Wetter. Bereits im Juni verzeichnete Europa Rekordtemperaturen, wodurch der Bedarf an Klimatisierung und damit auch der Stromverbrauch deutlich zunahmen (siehe Grafik unten). Gleichzeitig treibt das Klimaphänomen El Niño in Asien die Temperaturen ungewöhnlich stark nach oben. Länder wie Bangladesch und Pakistan sehen sich deshalb gezwungen, erneut kurzfristig LNG am Spotmarkt einzukaufen. Weitere Hitzewellen – in Europa oder Asien – würden die Nachfrage zusätzlich anheizen.

Für zusätzliche Unsicherheit sorgt das schwer kalkulierbare Kaufverhalten Chinas. Der weltweit größte LNG-Importeur deckt seinen Bedarf überwiegend über langfristige Lieferverträge und legt – anders als beim Erdöl – keine umfangreichen Gasreserven an. Überschüssige Mengen verkauft China stattdessen weiter, wie im März und April geschehen.

Die Hitzewelle im Juni ließ den Stromverbrauch in Europa merkbar ansteigen
Die Hitzewelle im Juni ließ den Stromverbrauch in Europa merkbar ansteigen
The Economist

Als im Mai und Juni jedoch Hitzewellen einsetzten, stiegen die Importe wieder deutlich an. Nach ergiebigen Regenfällen Ende Juni zog sich China erneut vom Markt zurück. Sollten die Temperaturen wieder stark steigen, könnte das Land kurzfristig erneut große Mengen einkaufen.

Das dritte Risiko besteht in möglichen Ausfällen der Energieinfrastruktur. Längere Trockenperioden lassen die Pegelstände von Wasserkraftreservoirs sinken. In der Schweiz ist der Strompreis schon gestiegen, weil man verstärkt Elektrizität aus Nachbarstaaten importiert, die mit fossilen Energieträgern erzeugt wird, so Gillian Boccara von Kpler. Werden Flüsse zudem ungewöhnlich warm, müssen Kernkraftwerke ihre Leistung drosseln, da ihre Reaktoren auf ausreichend kühles Kühlwasser angewiesen sind.

Hinzu kommen die schwer vorhersehbaren Risiken. Ein großes LNG-Terminal könnte ausfallen – wie 2022, als im Werk Freeport, das damals rund vier Prozent der weltweiten LNG-Versorgung stellte, ein Brand ausbrach. Arbeitskämpfe wie jene in Australien im Jahr 2023 können Anlagen wochenlang lahmlegen. Auch Russland, das Europa in diesem Frühjahr mit Rekordmengen belieferte, könnte seine Gaslieferungen jederzeit einstellen.

Treffen mehrere dieser Ereignisse gleichzeitig ein, könnte aus einer beherrschbaren Lage rasch eine ernste Krise werden. "Wenn sich schlechte Nachrichten häufen, kann die Preisreaktion exponentiell ausfallen", warnt Anne-Sophie Corbeau von der Columbia University.

Flüssiggastanker im Panamakanal: immer mehr Schiffe werden derzeit Richtung Ostasien umgeleitet
Flüssiggastanker im Panamakanal: immer mehr Schiffe werden derzeit Richtung Ostasien umgeleitet
REUTERS/Enea Lebrun

Spielräume für einen Wechsel auf andere Energieträger gibt es kaum noch. Staaten in Südasien werden ihren Verbrauch wohl einschränken müssen. China, Japan und Südkorea verfügen hingegen über die finanziellen Mittel, um im Wettbewerb um LNG-Lieferungen weiter mitzuhalten.

Europa wird in diesem Winter zwar nicht frieren. Doch die Heizkosten könnten dramatisch steigen.

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"From The Economist, translated by www.deepl.com, published under licence. The original article, in English, can be found on www.economist.com"

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