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Wenn die eigene Traumhochzeit zum reinsten Horror wird

"In guten wie in schlechten Zeiten …" Die Miniserie "Something Very Bad Is Going To Happen" spielt mit gängigen Hochzeits-Fantasien und macht aus romantischen Standards wahre Alptraum-Szenarien. Drum prüfe, wer sich ewig bindet … ab sofort auf Netflix.

Glücklich sieht anders aus: Camila Morrone als Rachel Harkin in "Something Very Bad Is Going To Happen"
Glücklich sieht anders aus: Camila Morrone als Rachel Harkin in "Something Very Bad Is Going To Happen"Courtesy of Netflix
Christian Klosz
Akt. 04.04.2026 00:54 Uhr

Hunderte Stunden Reality-Soaps, Kitsch-Dokus und Rom-Coms haben ihre Spuren hinterlassen. Selbst ausgesprochene Zyniker werden heute weich, wenn es um den "schönsten Tag im Leben" geht. Als würde das Glück der nächsten Jahrzehnte davon abhängen, dass vor, um und nach dem Traualtar eine perfekte Hochzeitsshow abgespult wird, tränenreiche Ansprachen inklusive.

Und dann gibt es "Something Very Bad Is Going To Happen", das vor Kurzem auf Netflix anlief und sofort die Charts stürmte. Die achtteilige Serie über eine Traumhochzeit, die aus dem Ruder läuft, rollt anfangs ebenfalls über den "Highway of Love", biegt dann aber bald ab und gerät in dunkle Gassen, die man auch bei strahlendem Sonnenschein lieber meidet. Denn die Miniserie macht aus der picksüßen Kitsch- eine atmosphärische Horror-Show, voller Obsessionen und Ängste. "Bis, dass der Tod euch scheidet."

Dabei beginnt alles ganz harmlos: Das junge Pärchen Nicky Cunningham (Adam DiMarco) und Rachel Harkin (Camila Morrone) ist mit dem Auto auf dem Weg zum Ferienanwesen von Nickys wohlhabender Familie, wo in fünf Tagen die Hochzeit der beiden stattfinden soll. Sie wirken vertraut, necken und liebkosen sich, scherzen über Nachwuchs und Zukunftspläne. Keine Zweifel weit und breit.

Doch düstere Vorzeichen mehren sich bei ihrem Trip durch die verschneite Landschaft und trüben bald die traute Zweisamkeit: Ein im Auto vergessenes Baby; ein seltsamer Fremder in einer Raststation mit einer als Frage verkleideten, eindringlichen Warnung: "Bist du sicher, dass er der Richtige ist?"; eine grausige Entdeckung in der dortigen Toilette. Als scheint, als würde eine düstere Präsenz Rachel und Nicky verfolgen, wenngleich sie (noch) nicht fassbar ist.

Das wird nicht besser, als das junge Paar im abgelegenen Ferienhaus der Cunninghams ankommt: Nickys Familie verhält sich, milde ausgedrückt, exzentrisch. Da ist seine Mutter Victoria (zum Fürchten: Jennifer Jason Leigh), die ein tragisches Geheimnis verbirgt. Sein schweigsamer Vater Boris (Ted Levine, der Lieutenant Stottlemeyer aus der Serie "Monk"), der in seiner Freizeit tote Hunde ausstopft. Und sein äußerst suspekter Bruder Jules (Jeff Wilbusch). Kein Wunder, dass es Rachel bald mit der Angst zu tun bekommt.

Als sich dann auch noch herausstellt, dass die Kennenlerngeschichte der beiden, die die vermeintliche Seelenverwandtschaft zwischen Rachel und Nicky konstituiert hatte, auf einer Lüge Nickys gründete, schlägt das große Hochzeitsfest endgültig zur Horrorparty um.

Das Interessanteste an "Something Very Bad Is Going To Happen" (das übrigens von den Duffer-Brothers produziert wurde, den Masterminds hinter "Stranger Things") ist wahrscheinlich, wie Serien-Schöpferin Haley Z. Boston die unterschiedlichen Formen von Hochzeitspanik und Beziehungsphobie als Horrorfabel kondensiert: Wie eine klassische Gruselgeschichte, die real existierende Ängste kunstvoll in ein Schauermärchen verpackt.

"Hallo, wir sind die Cunninghams, deine neue Familie"
"Hallo, wir sind die Cunninghams, deine neue Familie"
Courtesy of Netflix

Tatsächlich wird die Idee der Ehe in unserer postmodernen Gesellschaft von Ängsten "auf beiden Seiten" begleitet. Die einen wollen sich nicht binden oder festlegen, sondern alle Optionen offenhalten. Ihre Panik bestimmt die Zeit vor dem Ja-Wort. Auf der anderen Seite finden sich viele jener Paare, die den Schritt vor den Traualtar wagen, mit nahezu unerfüllbaren Erwartungen konfrontiert. Oft durch ihre Familien, aber auch durch sich selbst: Ist der Andere auch wirklich der/die für den Rest des Lebens?

"Something Very Bad …" konstruiert aus dieser Gemengelage auf clevere Weise eine durchaus sehenswerte Serie in acht Teilen, bei der auch das düstere, stimmungsvolle Setting und die Atmosphäre überzeugen.

In der Umsetzung ist die Serie konsequent gegen den Strich gebürstet und hebt sich von typischen Streaming-Formaten ab. Ben Affleck und Matt Damon monierten zuletzt im Podcast bei Joe Rogan, dass Netflix und andere Streamer – nicht zuletzt bei der Produktion ihres Films "The Rip" – die Handlung "zu verdummen", damit sie auch für das Smartphone-süchtige Publikum verdaulich bleibt.

Und tatsächlich lässt sich immer häufiger bei Filmen und Serien eine Anbiederung an die toxische Aufmerksamkeitslogik digitaler Formate feststellen, die wahre Kreativität hoffnungslos erdrückt.

Das Rote auf dem Tischtuch ist kein Wein …
Das Rote auf dem Tischtuch ist kein Wein …
Courtesy of Netflix

Wenn aber alles zu Tode geplättet und geglättet ist, freut man sich dann umso mehr, wenn Formate bewusst einen anderen Weg gehen und gegen diese Regeln verstoßen: Serien wie "Baby Reindeer", "Adolescence" oder kürzlich "DTF St. Louis" taten und tun das. Und auch "Something Very Bad Is Going To Happen" macht das, weil die Handlung rätselhaft ist und mit Zeitsprüngen erzählt wird - selbst wenn sie an die erwähnten Serien qualitativ nicht ganz heranreicht.

Fazit: Hochzeitspanik als Horrormärchen – "Something Very Bad Is Going To Happen" erzählt eine clever kostruierte Parabel über die Fallgruben überhöhter Erwartungen. Vielleicht etwas zu lang (6 Episoden hätten auch gereicht), aber gut gespielt und atmosphärisch stimmig umgesetzt. Solange Netflix auch solchen Formaten eine Plattform gibt, sind die Unkenrufe, die das Streaming als den Tod kreativen visuellen Erzählens sehen, eindeutig verfrüht.

"Something Very Bad Is Going To Happen", Horror, Drama. USA 2026, 8 Episoden à ca. 40-50 Minuten, Netflix

Christian Klosz
Akt. 04.04.2026 00:54 Uhr