150 Clips, 1 Milliarde Aufrufe: Mit geklauten Lego-Figuren lässt der Iran die USA auf Social Media derzeit alt aussehen. Die KI-Videos sind überraschend professionell hergestellt. Wer sie produziert, wie sie ins Internet kommen, wie Donald Trump reagiert.

Der Krieg der USA und ihrem Verbündeten Israel gegen den Iran dauert nun bereits volle zwei Monate. Seit dem 8. April herrscht zwar Waffenstillstand, aber niemand weiß, wie lange die Waffen noch schweigen.
Nicht zuletzt deshalb, weil US-Präsident Donald Trump sprunghaft seine Meinung ändert. Erst am Mittwoch postete der 79-Jährige ein AI-generiertes Bild von sich selbst im schwarzen Anzug mit Armeegewehr und textete: "Der Iran bekommt seine Angelegenheiten nicht in den Griff. Sie wissen nicht, wie man ein Atomabkommen unterzeichnet. Sie sollten sich schleunigst besinnen!"
Aber auch, wenn derzeit die Waffen schweigen, geht der Krieg unvermindert weiter. Er tobt in den sozialen Medien und beide Seiten schenken sich dabei nichts. Jeden Tag posten die beiden Länder neue Propagandavideos auf YouTube, TikTok und X, um Millionen Viewer weltweit auf ihre Seite zu ziehen.
Anders als im militärischen Vergleich ist das Kräfteverhältnis zwischen den Konfliktparteien auf Social Media allerdings überraschend ausgewogen. Mehr noch, der Iran ist gerade dabei, die USA im Internet zu überflügeln. Mit unerwartet kreativen, teils vielschichtigen und oft wirklich witzigen Videos gewinnt das Mullah-Regime mehr Sympathien in der Social-Media-Welt, als dem Westen lieb sein kann.
Weshalb die Videos aus Teheran inzwischen auch in Europa und den USA immer mehr Fans finden, warum diese trotz ihrer eindeutigen Propaganda-Inhalte nach wie vor auf diversen Social-Media-Plattformen zu finden sind und wieso der Krieg im Internet auch für die reale Welt immer wichtiger wird – das sollte man über die Propaganda-Schlacht zwischen den USA und Iran auf Social Media wissen:

Seit wann werden die sozialen Medien für Kriegspropaganda genutzt?
Grundsätzlich gilt, dass jedes Medium, das sich auch nur ansatzweise dafür eignet, zu Propagandazwecken missbraucht wird. Das war schon immer so und hat sich auch durch das Aufkommen von Social Media nicht geändert.
Warum ist das so?
Weil eine einfache Gut-Böse-Logik mit klaren Bildern und simpler Sprache das Um und Auf für gut funktionierende Propaganda ist. "Und damit ist diese natürlich wie gemacht für die Logik von Social Media", so die Kommunikationswissenschaftlerin Edda Humprecht von der Universität Jena in der Neuen Zürcher Zeitung.
Was ist das primäre Ziel von Kriegspropaganda, egal ob im Internet oder anderswo?
"Der Gegner soll delegitimiert und die eigenen Werte sollen gestärkt werden", erläutert Digital-Expertin Humprecht. Auf die Art sollen bei den Medien-Konsumenten Sympathien für die eigene Sache erzeugt werden.
Weshalb wurde Social Media bislang dann nicht so intensiv für Propagandazwecke eingesetzt?
Weil das Medium umso besser angenommen wird, je kreativer man es benutzt. Und hier gibt inzwischen die Künstliche Intelligenz den Ausschlag. Richtig eingesetzt, lassen sich damit binnen kürzester Zeit und mit minimalem Aufwand maximale Ergebnisse erzielen.
Was bedeutet das konkret?
Die KI ist das Zünglein an der Waage. Wer weiß, wie er sie am besten benutzen kann, hat die Nase vorn. Und das scheint beim aktuellen Konflikt zwischen Donald Trumps USA und dem Mullah-Regime in Teheran im Moment eher der Iran zu sein.
Wie äußert sich das?
Die Videos aus Teheran sind gewitzter, sie zitieren unsere westliche Kultur und wirken auf eine gewisse Weise erstaunlich lässig. Dass die Botschaft dahinter ein Regime stützen soll, das erst vor wenigen Monaten Zehntausende seiner eigenen Bürger brutal ermordet ließ und nach wie vor Todesurteile gegen Iraner im Tagesrhythmus vollstreckt, kann man dabei leicht übersehen.

Wie sehen die iranischen Videos aus?
Es sind mehrere Merkmale, die die Propagandavideos aus Teheran so unverwechselbar und gleichzeitig erfolgreich machen.
Sind die Videos vielleicht am Ende wirklich cool?
Nein, sie strotzen vor falschen Darstellungen und unverhohlenem Antisemitismus. Der Staat Israel wird als das Böse schlechthin dargestellt, sein Premierminister Benjamin Netanjahu führt Trump wie einen Hund an der Leine spazieren oder ist ein Wurm in einem Apfel – Judenhass pur. Und die iranischen Revolutionsgarden, die in den Clips auftreten, sehen alle aus wie Che Guevara, sind cool und immer siegreich, kurz: die Videos sind Propaganda pur. Aber sie sind sehr gut und kurzweilig gemacht.
Wer steckt dahinter, eine Abteilung des iranischen Militärs?
Nein, eine Gruppe selbst ernannter Social-Media-Aktivisten aus dem Iran, die sich Explosive Media nennt. Alle zwischen 18 und 25 Jahre alt, wie ein Sprecher dem Nachrichtensender CNN erklärte. Im Westen bestehe ein falsches Bild vom Iran, das sie korrigieren möchten. "Wir wollen zeigen, dass wir lustig sind, lustiger als ihr. Wir sind kultiviert und gebildet und verstehen die amerikanische Kultur. Ihr versteht unsere Kultur hingegen nicht."
Ist das glaubwürdig?
Schwer zu sagen, aber es ist vorstellbar. Die meisten Mitglieder der Gruppe hätten den Iran noch nie verlassen, so ihr Sprecher auf CNN. Dass sie trotzdem die Codes der US-Populärkultur fast genauso gut zitieren können wie ein durchschnittlicher GenZ-Angehöriger aus Miami oder Los Angeles, liegt an der weltweiten Zugänglichkeit dieser Kultur über Social Media – man muss sich nur damit beschäftigen.
Und die Gruppe stellt die Videos selbst online?
Nein, sie produziert sie lediglich. Und verkauft – nach eigenen Angaben – die Nutzungsrechte dafür an iranische Sender oder staatliche Stellen. Und diese stellen sie schließlich ins Netz. So geballt, dass man ihnen kaum entgehen kann. Mittlerweile wurden gut 150 Clips und Memes von Explosive Media vom Iran oder befreundeten Kräften wie China oder Russland online gestellt.
Wie funktioniert die Verbreitung?
Laut einer Untersuchung des Institute for Strategic Dialogue (ISD) steckt dahinter eine koordinierte Strategie. Allein auf der Plattform X identifizierte das ISD in den ersten vier Kriegswochen 20 Accounts, die die Lego-Videos verbreiteten. Deren Beiträge erzielten in dem Zeitraum insgesamt mehr als eine Milliarde Aufrufe sowie rund 16 Millionen Likes und 3,5 Millionen Weiterverbreitungen.
Wieso werden die Videos nicht einfach gelöscht?
Das werden sie, und zwar wegen Gewaltverherrlichung, auf allen Kanälen, wie sie auftauchen: YouTube, X und TikTok. Aber so schnell können die Wächter der großen Plattformen meist gar nicht löschen bzw. sperren, wie neue Verbreiter nachkommen. Und kurios ist auch: Seit der Waffenruhe am 8. April kursieren sogar mehr Lego-Videos als Inhalte des Weißen Hauses zum Iran-Krieg im Netz.

Apropos – wie halten die USA dagegen?
Mit eher verschwitzt-breitbeinigen und wenig subtilen Videoclips und Memes im Macho-Style. Allein in den ersten sechs Kriegswochen veröffentlichten das Weiße Haus und Präsident Donald Trump mehr als 140 Videos und Memes zum Iran-Krieg. Diese wurden über 400 Millionen Mal aufgerufen und erzielten mehr als 25 Millionen Likes und Weiterverbreitungen.
Wie sieht ein typisches US-Video zum Thema aus?
Das beliebteste Video auf dem offiziellen Account des Weißen Hauses in diesem Zeitraum trägt den Titel "Gerechtigkeit nach amerikanischer Art" (siehe Video unten). Es mischt Szenen aus Hollywoodfilmen wie "Braveheart", "Gladiator", "Minority Report" oder "Tropic Thunder" mit Aufnahmen von realen amerikanischen Angriffen und echten Explosionen.
Wie kommt das an?
Im MAGA-Lager (steht für Make America Great Again) offenbar gut, darüber hinaus eher verhalten. Besonders die Tatsache, dass der Clip veröffentlicht wurde, kurz nachdem vermutlich eine fehlgeleitete US-Rakete eine Schule traf und 165 Kinder und Lehrkräfte tötete, sorgte international für Kritik. Aber über derartige Zwischenfälle scheint die aktuelle US-Regierung erhaben zu sein.
Wer kreiert die Clips und Memes für die USA?
Ein Team von einem Dutzend Video- und Social-Media-Spezialisten, die zwischen 20 und 30 Jahre alt und Teil des Kommunikationsteams des Weißen Hauses sind. Ihre primäre Aufgabe sei es, gezielt mehr Menschen zu erreichen und mit den Zielen der Regierung vertraut zu machen. Kontroverse Posts seien dafür entscheidend, so Kaelan Dorr, der Vize-Kommunikationschef des Weißen Hauses.
Und das funktioniert?
Offenbar weniger gut, als es dem Chef gefällt. Auf Truth Social prangerte Trump unlängst die iranische Kriegspropaganda an. Der Mullah-Staat sei seit Langem als Meister der Medienmanipulation bekannt, so der Präsident: "Sie sind militärisch wirkungslos und schwach, aber sie sind wirklich gut darin, die sehr dankbaren Fake-News-Medien mit Falschinformationen zu füttern. Jetzt ist KI zu einer weiteren Desinformationswaffe geworden, die Iran ziemlich gut einsetzt, wenn man bedenkt, dass sie tagtäglich vernichtet werden."
Gab es darauf eine Reaktion aus Teheran?
Ja, die kam prompt. Das Team von Explosive Media lancierte ein Lego-Video, das Trump nachts im Bett zeigt, wie er wütend am Handy tippt und weint. Die Botschaft dazu: "Hoffentlich haben unsere Lego-Animationen beigetragen, dass du durchgedreht bist, Verlierer!"
Aber besteht keine Möglichkeit, diese Videos offensiver zu bekämpfen?
Die gab es einmal. Das US-Außenministerium hatte einst sogar eine eigene Abteilung zur Bekämpfung feindlicher Propaganda. Doch die Trump-Regierung hat diese im vergangenen Jahr schließen lassen.