Die Ehefrau des ehemaligen Briten-Premiers Boris Johnson wurde mit 19 Jahren Opfer eines Serienvergewaltigers. Der Mann wurde geschnappt und verurteilt, wäre aber bald auf Bewährung freigekommen. Doch Carrie Johnson kämpfte dagegen. Und siegte – vorerst.

Es war Carrie Johnsons britische Höflichkeit, die sie beinahe zum Opfer eines Verbrechens gemacht hätte. Und es war ihre Coolness und Cleverness, die sie letztlich um Haaresbreite vor dem Schlimmsten bewahrten.
Im Jahr 2007 – die spätere Ehefrau von Briten-Premier Boris Johnson war damals 19 Jahre alt und trug noch ihren Geburtsnamen Symonds – geriet die Studentin ins Visier von John Worboys. Der Taxifahrer machte nachts Jagd auf Frauen, die alleine unterwegs waren. Er setzte sie mit einem Vorwand unter Drogen und verging sich an ihnen.
Das versuchte er auch bei Carrie Symonds, aber letztlich erfolglos. Sie entkam seinem Horror-Taxi zumindest körperlich unbeschadet. Ohne überhaupt zu ahnen, wem sie da gerade noch entgangen war. Denn einige Monate nach dem Zwischenfall wurde John Worboys verhaftet. Und es wurde ihm wegen mehrfacher Vergewaltigung der Prozess gemacht.
Seit 2009 verbüßt der heute 68 Jahre alte Taxifahrer, der mittlerweile in ganz Großbritannien nur der "Black Cab Rapist" ("Vergewaltiger im schwarzen Taxi") genannt wird, eine Haftstrafe wegen Nötigung und Vergewaltigung. Allerdings mit der Option auf eine Freilassung auf Bewährung.
Zwei Mal stand John Worboys mittlerweile vor dem Bewährungsausschuss. Und beide Male war Carrie Johnson federführend daran beteiligt, dass sein Ansuchen auf Bewährung abgeschmettert wurde.

Wie Johnson vom Opfer zur Jägerin des Serienvergewaltigers wurde; weshalb sie seit Jahren alles daran setzt, dass John Worboys das Gefängnis nie wieder verlässt; und warum die ehemalige First Lady Großbritanniens glaubt, dass der "Black Cab Rapist" in Wahrheit 1.000 oder noch mehr Frauen missbraucht haben könnte – der Fall, über den England spricht, im Überblick:
Worum geht es hier?
Der Fall John Worboys gehört zu den erschütterndsten Serienverbrechen der britischen Kriminalgeschichte. Der frühere Londoner Taxifahrer wurde bekannt als "Black Cab Rapist", weil er zahlreiche Frauen in seinem Taxi betäubte und sexuell missbrauchte. Eine der bekanntesten Betroffenen ist Carrie Johnson, die heutige Ehefrau des ehemaligen Premierministers Boris Johnson.
Was ist Carrie Johnson seinerzeit geschehen?
Carrie Johnson, Jahrgang 1988, war 2007 Studentin in London. Nach einem Abend mit Freunden im Stadtteil Chelsea stieg sie in eines der typischen schwarzen Londoner Taxis. Der Fahrer war John Worboys. Er gab sich freundlich und charmant, bot seinem Fahrgast ein Glas Champagner an und behauptete, er habe im Casino gewonnen und wolle das feiern.
Wie reagierte die Studentin darauf?
"Er bot mir Champagner an und es wäre unhöflich gewesen, abzulehnen, also sagte ich zu", erinnerte sich Carrie Johnson 2018 in einem Gastkommentar für die britische Zeitung The Standard an jene Nacht. "Ich wollte den Drink eigentlich nicht, aber ich wollte ihn auch nicht vor den Kopf stoßen." So viel zum Thema britische Höflichkeit.
Wie ging es weiter?
Carrie Johnson tat so, als würde sie den offerierten Champagner trinken, schüttete den Inhalt des Glases allerdings heimlich auf den Boden des Taxis. Jedoch nicht, weil sie Schlimmes befürchtete: "Ich ahnte nicht eine Sekunde lang, dass etwas hineingemischt war."
Was passierte dann?
Als das Glas leer war, drängte John Worboys der jungen Frau einen weiteren Drink auf und schenkte ihr Wodka ein. Sie fühlte sich verpflichtet, mit ihm zu trinken und nahm ein paar Schlucke. Kurz darauf verlor Carrie Johnson zunehmend die Kontrolle über ihren Körper. Sie erinnerte sich später daran, wie sie kaum noch sprechen oder sich bewegen konnte. Sie war offenbar mit einem Betäubungsmittel außer Gefecht gesetzt worden.

Was wäre gewesen, wenn sie auch den Champagner getrunken hätte?
Sehr wahrscheinlich hätte sie dann noch im Taxi das Bewusstsein verloren und wäre dem Mann vollkommen ausgeliefert gewesen.
Wie entkam sie der Situation?
Carrie Johnson hatte letztlich großes Glück. Ihr Zustand verschlechterte sich zwar rapide, doch sie schaffte es noch rechtzeitig, das Taxi zu verlassen. Worboys setzte sie daheim ab, nachdem sie ihm gesagt hatte, dass ihre Mutter auf sie warte. Und er gab ihr noch seine Telefonnummer für den Fall, dass sie jemals wieder eine Mitfahrgelegenheit suchen sollte.
Kam Carrie Johnson sicher nach Hause?
Sie kam heim, von sicher kann jedoch keine Rede sein. Sie wankte in die Wohnung und brach im Badezimmer zusammen. Später sagte sie, dass sie nur knapp einem schwereren sexuellen Übergriff entgangen sei. Johnson schilderte die Erfahrung als traumatisch und prägend für ihr gesamtes weiteres Leben.
Wer ist John Worboys?
Der 1957 geborene Londoner hielt sich viele Jahre lang mit diversen schlecht bezahlten Jobs über Wasser. Er war Milchmann, Securitymitarbeiter, jobbte als Stripper und Pornodarsteller. Etwa ab dem Jahr 2000 war als Taxifahrer unterwegs – und nutzte diese Position, um über Jahre hinweg Frauen in seinem Taxi gezielt auszuwählen, zu betäuben und missbrauchen.
Wie viele Frauen wurden sein Opfer?
Übergriffe auf insgesamt 16 Frauen zwischen 18 und 34 Jahren gelten bislang als gerichtlich erwiesen. Die Ermittler gehen aber davon aus, dass seine tatsächliche Opferzahl weit höher liegt als die Fälle, die jemals juristisch aufgearbeitet werden konnten. Es wird angenommen, dass über die Jahre weit über 100 Frauen Opfer des Serienvergewaltigers geworden sind.
Wie wurde John Worboys überführt?
Die Ermittlungen kamen erst richtig in Gang, nachdem sich immer mehr Frauen mit ähnlichen Schilderungen gemeldet hatten. Die Opfer beschrieben fast identische Abläufe: Worboys bot Drinks an, sprach von einem angeblichen Lottogewinn und brachte die Frauen anschließend mit sedierenden Substanzen in einen hilflosen Zustand.

Wurde die Justiz aktiv?
Ja, Polizei und Staatsanwaltschaft konnten schließlich genügend übereinstimmende Aussagen und forensische Hinweise zusammentragen, um ihn anzuklagen. Der Prozess machte aber deutlich, dass die Polizei offenbar frühe Warnzeichen jahrelang unterschätzt hatte.
Was konnte ihm letztlich nachgewiesen werden?
2009 wurde Worboys wegen zahlreicher Sexualdelikte verurteilt, darunter Vergewaltigungen, sexuelle Übergriffe und Betäubung seiner Opfer. Offiziell bezog sich das Urteil auf Angriffe gegen zwölf Frauen – so viele hatten sich bis dahin bei den Ermittlern gemeldet.
Wie lautete das Urteil?
Worboys erhielt eine Freiheitsstrafe mit unbestimmter Dauer und musste mindestens acht Jahre absitzen, bevor erstmals über eine Freilassung auf Bewährung gesprochen werden durfte.
Weshalb engagiert sich Carrie Johnson so intensiv gegen seine Freilassung auf Bewährung?
Carrie Johnson wurde zu einer der prominentesten Stimmen gegen eine Entlassung Worboys'. Sie argumentiert, der Täter habe nie echte Reue gezeigt und stelle weiterhin eine Gefahr für Frauen dar. Als 2018 erstmals bekannt wurde, dass Worboys freikommen könnte, gehörte sie zu denjenigen, die massiven öffentlichen Druck ausübten. Die geplante Freilassung wurde schließlich gestoppt.
Wie argumentiert die Frau von Boris Johnson ihr Engagement gegen den Täter?
Johnson sagt, sie kämpfe nicht nur für sich selbst, sondern auch für die vielen anderen Frauen, deren Leben dauerhaft zerstört worden seien. Für viele Opfer sei allein die Vorstellung unerträglich, ihrem Täter irgendwann wieder begegnen zu können, sollte dieser auf Bewährung in die Freiheit entlassen werden.
Was wirft sie dem Täter konkret vor?
Insbesondere Manipulation und fehlende Ehrlichkeit. Johnson bezweifelt, dass er sein Verhalten vollständig aufgearbeitet hat. Außerdem kritisiert sie seit Jahren den Umgang der britischen Justiz mit gefährlichen Sexualstraftätern. Ihrer Ansicht nach habe Worboys das volle Ausmaß seiner Taten niemals eingestanden. Genau deshalb hält sie ihn weiterhin für gefährlich.
Was ist mit "das volle Ausmaß" gemeint?
Vor wenigen Tagen sagte Carrie Johnson gegenüber der TV-Sendung "Good Morning Britain": "Die Wahrheit ist, dass sich seine Verbrechen, soweit wir wissen, von 2000 bis zu seiner Verurteilung im Jahr 2009 erstrecken. Und er war während dieser Zeit Taxifahrer und möglicherweise jede Nacht mit seinem Taxi unterwegs, sodass es bis zu tausend, wenn nicht sogar mehr, Verbrechen sein könnten."
Wie kommt sie auf diese Zahl?
Carrei Johnson sagte, dass sich weitere Personen gemeldet hätten, die glaubten, in seinem Taxi gesessen zu sein, nachdem sie eine Dramatisierung des Falls in Form der Serie "Believe Me" (siehe Video unten) beim britischen Sender ITV gesehen hatten, die vor wenigen Tagen ausgestrahlt worden war. Dies "könnte wirklich dazu beitragen, ihn endgültig hinter Gitter zu bringen", fügte sie hinzu.
Gibt es Belege für die Behauptung mit den "tausend oder mehr Verbrechen"?
Nicht in diesem Ausmaß. Aber 2019 wurde John Worboys in einem zweiten Prozess neuerlich für schuldig befunden. Bei diesem Verfahren wurden vier Fälle verhandelt, die erst nach der ersten Verurteilung des Vergewaltigers bekannt geworden waren. Der erste dieser Fälle ereignete ich bereits im Jahr 2000, also fünf Jahre vor dem ersten bis dahin erwiesenen Übergriff, der letzte 2008.
Wie lautete das Urteil im zweiten Prozess?
Am 17. Dezember 2019 wurde Worboys wegen der Angriffe auf vier Frauen zu zwei lebenslangen Freiheitsstrafen mit einer Mindestverbüßungsdauer von sechs Jahren verurteilt.
Wann hat der Verurteilte die nächste Chance auf eine mögliche Bewährung?
Die hatte er soeben – und John Worboys Wunsch nach einem Aussetzen seiner restlichen Strafe zur Bewährung wurde abermals nicht entsprochen. Nach aktuellen Berichten in britischen Medien wurde er auch bei seiner jüngsten Anhörung nicht auf Bewährung freigelassen. Die nächste reguläre Prüfung seines Falls dürfte voraussichtlich in ein bis zwei Jahren erfolgen.
Gibt es eine Reaktion von Carrie Johnson auf die jüngste Entscheidung?
Sie erklärte, sie empfinde große Erleichterung darüber, dass Worboys weiterhin im Gefängnis bleibt.
Seit wann sind Carrie und Boris Johnson zusammen?
Die beiden wurden 2018 offiziell als Paar bekannt. Ihre Beziehung begann in einer Zeit, in der Boris Johnson noch verheiratet und Außenminister war. Bereits damals sorgte die Beziehung in Großbritannien für enormes Medieninteresse, nicht nur wegen des Altersunterschiedes von fast 24 Jahren.
Wo lernten sie sich kennen?
In der konservativen Partei. Carrie Symonds arbeitete als Kommunikationsstrategin und PR-Expertin für die Tories und galt früh als politisch bestens vernetzt. Boris Johnson war zu dieser Zeit eine der dominierenden Figuren der Partei. Aus der beruflichen Bekanntschaft entwickelte sich zunächst eine enge politische Zusammenarbeit und später eine Beziehung.
Weshalb ist ihre Beziehung außergewöhnlich für das Leben eines britischen Premiers?
Aus mehreren Gründen. Zum einen zog erstmals seit Jahrzehnten ein unverheiratetes Paar in die Downing Street ein. Erst später heirateten Boris und Carrie Johnson offiziell. Zum anderen war Carrie Johnson wesentlich jünger als ihr Mann und selbst eine politisch erfahrene Akteurin mit eigenem Profil. Beobachter beschrieben sie nicht bloß als "Premierminister-Gattin", sondern als einflussreiche Beraterin mit eigenen Netzwerken innerhalb der konservativen Partei.
Wie leben sie heute?
Das Paar hat vier gemeinsame Kinder. (Boris Johnson aus einer früheren Ehe weitere vier Kinder). Nach seinem Rückzug aus der Downing Street lebt die Familie eher zurückgezogen. Carrie Johnson engagiert sich stark für Umwelt-, Tier- und Naturschutzthemen sowie für Opfer sexualisierter Gewalt. Anders als viele frühere Partnerinnen britischer Premierminister tritt sie politisch und gesellschaftlich deutlich eigenständiger auf und nutzt ihre Bekanntheit gezielt für Kampagnen und Aktivismus.
Hat Boris Johnson je Stellung zum Engagement seiner Frau gegen John Worboys bezogen?
Öffentlich äußerte sich Boris Johnson nur zurückhaltend zu den Details im Fall Worboys. Er unterstützte jedoch mehrfach allgemein den Kampf gegen Gewalt an Frauen und machte deutlich, wie sehr er das Engagement seiner Frau respektiere.