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Wie Netflix Krimi-Königin Agatha Christie nun ein Denkmal setzt

Endlich wieder eine Agatha-Christie-Verfilmung, deren Geschichte noch nicht völlig ausgelutscht ist und die uneingeschränkt Freude macht: "Agatha Christie's Seven Dials" ist modern, wo es sinnvoll ist und klassisch, wo es gut tut. Das Ergebnis: Wirklich sehenswert!

Weiß was einer Lady gut zu Gesicht steht: Bundle Brent (Mia McKenna-Bruce) in "Agatha Christie's Seven Dials"
Weiß was einer Lady gut zu Gesicht steht: Bundle Brent (Mia McKenna-Bruce) in "Agatha Christie's Seven Dials"Courtesy of Netflix
Christian Klosz
Akt. 17.01.2026 01:40 Uhr

Krimis und insbesondere klassische Whodunits haben (wieder) Hochkonjunktur: 2025 erschienen allein auf Netflix mit der Serie "The Residence" sowie den Filmen "The Thursday Murder Club" und "Wake Up Dead Man: A Knives Out Mystery", drei Streaming-Formate, die sich aus Verbrechen und der Suche nach dem Täter einen Mords-Spaß machen.

Exzentrische Ermittler Die Schwerpunkte dieser (und vieler weiterer Formate) mögen variieren, doch sie eint eines: Sie orientieren sich in ihrem Zugang zur "Queen of Crime", Agatha Christie, deren Todestag sich am 12. Jänner zum 50 Mal jährte. In ihren Zentren stehen ungewöhnliche, exzentrische Charaktere, die die Ermittlungsarbeit übernehmen, an der die (oft als unfähig dargestellte) Polizei scheitert. Und sie sorgen so, als einfache Bürger, für Gerechtigkeit, wenn "das System" versagt.

Keine Hochzeit und ein Todesfall Da ist es keine Überraschung, dass nun mit "Agatha Christie's Seven Dials" ein Werk der Krimi-Ikone selbst seine Streaming-Adaption bekommt: In knappen drei Folgen erzählt die Mini-Serie vom anfangs unerklärlichen Ableben eines jungen Mannes, Gerry Wade, der kurz davor stand, der Protagonistin der Geschichte, Lady Bundle Brent (Mia McKenna-Bruce) einen Antrag zu machen. All das geschieht 1925 im noblen Anwesen der verarmten britischen Aristokraten-Familie Caterham.

Ermittlung auf eigene Faust Deshalb will die am Boden zerstörte Bundle auch nicht so recht an das Ergebnis der dilettantisch schnell abgeschlossenen Ermittlungen der Behörden glauben. Es soll Suizid gewesen sein? Nie. Also macht sich die aufgeweckte junge Frau selbst auf Spurensuche, verfolgt Hinweise, befragt relevante Personen, betätigt sich als Hobby-Detektivin.

Lady Caterham (Helena Bonham-Carter) hat Angst um ihre Tochter Bundle, weiß aber auch, dass die sowieso tut, was sie will
Lady Caterham (Helena Bonham-Carter) hat Angst um ihre Tochter Bundle, weiß aber auch, dass die sowieso tut, was sie will
Courtesy of Netflix

Sturkopf mit Köpfchen Hilfe bekommt sie dabei von einer Horde junger Männer, die mit dem Opfer befreundet waren, später auch von Superintendent Battle (Martin Freeman). Bundles Mutter, Lady Caterham (Helena Bonham-Carter) ist hingegen keine große Hilfe, die Witwe will nicht, dass sich ihre Tochter unnötig in Gefahr begibt. Doch sie weiß selbst, dass ihre ohnehin nur halbherzig vorgetragenen Einwände und Warnungen von der sturen Bundle in den Wind geschlagen werden: Die macht, was sie will.

Immer einen Schritt voraus Das werden später auch die großteils männlichen Nebenfiguren verstehen. Und Bundle setzt ihren Verstand und ihre Gerissenheit ein, um die Männer in ihrer Gegenwart um den Finger zu wickeln und zu bekommen, was sie will. Selbst als eine weitere Leiche auftaucht, schreckt Bundle das nicht ab, es befördert ihren Spürsinn umso mehr.

Unerreichbare Vorbilder? "Agatha Christie's Seven Dials" hat logischerweise einen schweren Stand. Immerhin muss sich die Serie mit anderen, inzwischen zu absoluten Klassikern gewordenen Christie-Adaptionen messen lassen: Seien es nun die Serien – David Suchet als Hercule Poiret – oder die großartigen Verfilmungen, etwa mit Peter Ustinov als Poirot oder mit Margaret Rutherford als Miss Marple.

Idealbesetzung Die Netflix-Serie, kreiert von Chris Chibnall (u. a. "Broadchurch"), geht daher von vornherein einen etwas anderen Weg: Der Stoff wird leicht modernisiert, im Zentrum steht ganz und gar die junge Protagonistin. Die Figur der Lady Bundle ist höchst sympathisch, auch weil sie von Mia McKenna-Bruce wirklich toll gespielt wird.

Upperclass-Porträt Anders ist aber vor allem, dass der Fokus viel weniger auf dem Krimi/Whodunit-Aspekt liegt, sondern mehr auf dem Porträt der britischen Upperclass in der Zwischenkriegszeit. Das gelingt ausgesprochen gut, dafür sorgen die hochwertige Ausstattung, die Sprache, die Art und Weise, wie die aus heutiger Sicht mitunter befremdlichen Umgangsformen (etwa zwischen den Hausherren/-damen und der Belegschaft) und soziale Regeln dargestellt werden.

Vorurteile und Vorteile "Seven Dials" geht dabei aber nicht den (Irr-)Weg einer (Post-)Modernisierung mit dem Vorschlaghammer, den manche gerne als "Woke-ism" kritisieren, der historische Akkuratesse gerne vernachlässigt, um alternative Geschichte zu schreiben.

Stattdessen wird hier so manches durchaus realistisch dargestellt, während die Protagonistin als moderner, emanzipierter Katalysator "zwischen den Welten" fungiert. Als eine, die ihrer Umwelt geistig voraus ist, die das aber nicht spüren lässt, sondern deren Vorurteile stattdessen zu ihrem eigenen Vorteil einzusetzen weiß.

Nur in Maßen eine Hilfe bei der Aufklärung des Mordes: Superintendent Battle (Martin Freeman)
Nur in Maßen eine Hilfe bei der Aufklärung des Mordes: Superintendent Battle (Martin Freeman)
Courtesy of Netflix

"Period Piece" Durch diesen Fokus und das eher gemächliche Erzähltempo verliert die Serie bzw. deren Kriminalgeschichte allerdings auch etwas an Spannung. "Agatha Christie's Seven Dials" funktioniert eher als "Period Piece" denn als klassisches Whodunit oder Krimi-Puzzle. Fans des Genres könnte das enttäuschen, während bei anderen wiederum gerade deshalb das Interesse geweckt werden könnte.

Fazit So oder so: "Seven Dials" ist ein interessantes Format geworden, das eine Ermittler-Figur präsentiert, die man bisher kaum kannte und die einiges an Potenzial für weitere Abenteuer mitbringt – nicht zuletzt dank einer ideal besetzten Hauptdarstellerin.

"Agatha Christie's Seven Dials", Krimi. Großbritannien 2026, 3 Episoden à ca. 55 Minuten, Netflix

Christian Klosz
Akt. 17.01.2026 01:40 Uhr