Seit Dienstag berichten ukrainische Verteidiger von drastischen Einschränkungen bei der logistischen Unterstützung durch die USA. Die Folge: noch mehr Tote und Verletzte, Hunderttausende ohne Strom. Führt US-Präsident Trump das Land nun zur Schlachtbank?

Es ist 3 Uhr morgens am Dienstagmorgen in Kiew, als die Sirenen aufheulen. Ballistische Raketen aus Russland rasen auf die ukrainische Hauptstadt zu, hunderte Drohnen schwirren über den Nachthimmel. Doch diesmal fehlt etwas Entscheidendes: die Vorwarnung aus Washington, die normalerweise kommt, bevor Russlands Raketen starten. Die ukrainische Flugabwehr ist blind – mit tödlichen Folgen.
Der massive russische Angriff am frühen Dienstagmorgen kostete sechs Menschen das Leben, Dutzende wurden verletzt, 600.000 Ukrainer wurden vom Stromnetz abgeschnitten. Doch die eigentliche Brisanz dieses Angriffs liegt woanders: Die USA könnten die Ukraine absichtlich nicht rechtzeitig gewarnt haben, schreibt CBS News unter Berufung auf mehrere Quellen.
Gleichzeitig berichten mehrere britische Medien, dass auch die ukrainischen Verteidiger an der Front mit unerwarteten Einschränkungen zu kämpfen haben. Die Übertragungsgeschwindigkeit von Starlink, dem satellitengestützten Internet aus dem Firmenkonglomerat von Milliardär Elon Musk, sei ohne Ankündigung so weit gedrosselt worden, dass es der ukrainischen Luftabwehr faktisch nicht mehr möglich ist, die anfliegenden russischen Drohnen und Raketen abzufangen.
Was es mit der plötzlichen Einschränkung der US-Unterstützung auf sich hat, wie Elon Musk die unerwartete Starlink-Schwäche erklärt, was das Weiße Haus zu den Hilferufen aus Kiew zu sagen hat – weshalb es derzeit so aussieht, als würde Donald Trump die Ukraine seinen Chancen bei den bevorstehenden Kongresswahlen opfern:

Was genau ist passiert?
In der Nacht auf Dienstag hat Russland einen der schwersten Angriffe der letzten Monate auf die Ukraine gestartet. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von mehr als 39 ballistischen Raketen und über 120 Angriffsdrohnen, die vor allem auf Energieinfrastruktur in Kiew und Charkiw zielten. Sechs Menschen kamen dabei ums Leben, rund 600.000 waren zeitweise ohne Strom.
Welche Rolle spielen US-Warnungen?
Die Ukraine ist auf amerikanische Geheimdienstinformationen angewiesen, sowohl für die Offensive als auch für die Defensive. US-Satelliten und Sensoren erkennen russische Raketenstarts oft innerhalb von Sekunden – und geben diese Information normalerweise sofort an die ukrainischen Partner weiter. Diese Vorwarnzeit kann Leben retten, weil sich Menschen in Schutzräume begeben können.
Was werfen ukrainische Beamte den USA vor?
Laut mehreren Quellen hat das US-Frühwarnsystem in dieser Nacht nicht funktioniert – zumindest offiziell. Amerikanische Vertreter sollen ihren ukrainischen Kollegen mitgeteilt haben, das System sei wegen "schlechten Wetters" ausgefallen. Ukrainische Beamte, die anonym blieben, erklärten gegenüber CBS News, sie würden dieser Erklärung nicht glauben. Stattdessen beschuldigten sie die USA, "mit dem System zu spielen".
Funktionierte das System danach wieder?
Ja, und das nährt die Skepsis in Kiew. Als Russland in der darauffolgenden Nacht erneut ballistische Raketen abfeuerte, funktionierte das US-Frühwarnsystem offenbar wieder einwandfrei. Ukrainische Offizielle sehen darin einen Hinweis darauf, dass der Ausfall in der ersten Nacht kein technisches Problem war, sondern eine minder subtile Botschaft aus Washington.
Gab es ähnliche Vorfälle in der Vergangenheit?
Offenbar ja. Quellen berichten, dass die USA bereits einmal früher in diesem Jahr keine Informationen über russische Raketenstarts geliefert haben. Damals wurde dies damit begründet, dass mehr Ressourcen auf den Nahen Osten konzentriert werden müssten. Das legt nahe, dass solche Unterbrechungen zumindest nicht völlig ungewöhnlich sind.
Was sagt Donald Trump dazu?
Der US-Präsident wies die Vorwürfe zurück. "Nein, das haben wir nicht", antwortete Trump auf die Frage, ob die USA den Geheimdienstaustausch mit der Ukraine eingestellt hätten. "Wir helfen ihnen, aber wir helfen ihnen wirklich dabei, zu einer endgültigen Lösung zu kommen. Wir wollen, dass der Krieg endet." Er betonte, die USA würden weiterhin Geheimdienstinformationen teilen.

Was ist mit Starlink passiert?
Parallel zu den Raketenproblemen berichten ukrainische Beamte und Soldaten von Schwierigkeiten mit Starlink, dem Satellitennetzwerk von Elon Musks Firma SpaceX. Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärte, SpaceX habe in der Nacht zum 14. Oktober ohne Vorwarnung den Betrieb während der Bewegung eingeschränkt.
Was ist Starlink genau?
Starlink ist ein Satelliten-Internet-Dienst von Elon Musks Unternehmen SpaceX. Tausende kleine Satelliten umkreisen die Erde in niedriger Umlaufbahn und liefern Breitband-Internet auch in abgelegene Gebiete – ohne klassische Mobilfunkmasten oder Kabelverbindungen.
Warum braucht die Ukraine dieses System so dringend?
Starlink gilt als Rückgrat der militärischen Kommunikation in der Ukraine, schreibt die BBC. Das System ermöglicht es Drohnen, Artillerie und Kommandoposten, in Echtzeit miteinander zu kommunizieren. Die Zeit zwischen Aufklärung und Angriff wird dadurch auf ein Minimum reduziert.
Was hat SpaceX jetzt geändert?
SpaceX hat eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 160 km/h für Starlink-Endgeräte eingeführt. Das bedeutet: Geräte, die sich schneller als mit 160 km/h bewegen, verlieren ihre Verbindung oder werden massiv gedrosselt. Das trifft vor allem schnelle Drohnen.
Welche Drohnen sind davon betroffen?
Besonders problematisch ist die Drosselung für ukrainische Abfangdrohnen, die russische Shahed-Drohnen jagen. Diese ursprünglich aus dem Iran stammenden Angriffsdrohnen fliegen mit über 300 km/h. Ukrainische Abfangjäger brauchen ähnliche Geschwindigkeiten – und damit stabiles Starlink, um ihre Ziele zu verfolgen.
Wie stark ist die Wirkung der Einschränkung?
Laut Experten macht die Drosselung ukrainische Abfangversuche gegen schnelle russische Drohnen praktisch unmöglich. Die Interceptor-Drohnen der Ukraine können die Verbindung zu ihren Operateuren nicht mehr aufrechterhalten, sobald sie Höchstgeschwindigkeit erreichen.


Gibt es darüber hinaus noch weiter reichende Auswirkungen?
Die Auswirkungen sind gravierend. Das ukrainische Verteidigungsministerium erklärt, die Einschränkung erschwere sämtliche Drohnenmissionen erheblich – nicht nur für Abfangdrohnen, sondern auch für Angriffsdrohnen mittlerer Reichweite. Auch die Frontlogistik, Aufklärung und Signalübertragung seien beeinträchtigt.
Was sagt Elon Musk dazu?
Musk erklärte am Mittwoch, Starlink sei ein kommerzieller Dienst, der nur für zivile oder defensive Zwecke gedacht sei - nicht für offensive Militäraktionen. Für militärische Zwecke gebe es ein separates System namens Starshield, das der US-Regierung gehöre und von ihr kontrolliert werde.
Was ist der Unterschied zwischen Starlink und Starshield?
Beide Systeme wurden von SpaceX entwickelt und nutzen teilweise dieselbe Satelliten-Technologie. Starlink ist für Privatnutzer gedacht, Starshield für das US-Militär. Laut Musk entscheidet bei Starshield das US-Militär und letztlich der US-Präsident über allfällige Geschwindigkeitsgrenzen.
Wie hat die Ukraine reagiert?
Präsident Selenskyj wandte sich mit einem dramatischen Appell an Musk. In einem Interview warnte er: Wenn die Angriffe weitergingen und Starlink nicht funktioniere, würden Menschen sterben. Kurz darauf meldete das ukrainische Verteidigungsministerium eine Verbesserung der Verbindung - allerdings hält SpaceX an der Geschwindigkeitsgrenze von 161 km/h fest.
Gibt es einen Zusammenhang zwischen beiden Vorfällen?
Das ist derzeit unklar. Die zeitliche Überschneidung – fehlende US-Warnung und Starlink-Einschränkung in derselben Nacht – wirft naturgemäß Fragen auf. Quellen betonen allerdings, dass es sich beim Ausfall der Geheimdienstwarnung um einen spezifischen Vorfall handle und nicht um ein generelles Ende des Informationsaustauschs.
Was unternimmt der ukrainische Präsident Selenskyj in der Sache?
Wolodymyr Selenskyj reiste am Mittwoch nach Großbritannien, um Premierminister Andy Burnham und andere Vertreter zu treffen. Er forderte eine Reaktion der USA auf die jüngsten russischen Angriffe. Die Tatsache, dass er nach London statt nach Washington flog, könnte dabei auch als Signal verstanden werden, dass Kiew seine Optionen diversifiziert.

Was könnte hinter dem Vorfall stecken?
Darüber kann nur spekuliert werden. Die Trump-Administration drängt seit Längerem auf Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine. Kritiker vermuten, dass das Zurückhalten von Geheimdienstinformationen ein Druckmittel sein könnte, um Kiew verhandlungsbereiter zu machen. Offizielle Bestätigungen dafür gibt es aber nicht.
Könnten auch die russischen Diesel-Lieferungen damit zu tun haben?
Ausgeschlossen ist es jedenfalls nicht und es würde auch gut ins Bild passen. Allerdings gibt es auch dafür keinerlei Bestätigungen. Aber dass die Trump-Administration Kiew schon länger darauf drängt, die Angriffe auf die russische Erdöl- und Energieinfrastruktur einzustellen, ist bekannt.
Warum will Trump die Ukraine dazu zwingen, ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur einzustellen?
Weil er in den USA angesichts der bevorstehenden Kongresswahlen gehörig unter Druck steht. Nach aktuellen Umfragen könnten seine Republikaner die Mehrheiten in beiden Häusern des Kongresses verlieren. Und als eine Ursache dafür hat Trump die hohen Treibstoffpreise ausgemacht. Vor allem bei Diesel haben die USA derzeit einen Engpass, was den Preis erhöht. Und Diesel ist vor allem für die Industrie, die Transportbranche und die Landwirtschaft wichtig – alles Wählergruppen von Trump.
Weshalb attackiert die Ukraine russische Energieinfrastruktur?
Weil das die Achillesferse Putins ist. Hier verdient er die Milliarden, die er benötigt, um den Krieg gegen die Ukraine weiterzuführen. Kommt das Geschäft zum Erliegen, fehlt auch das Geld für weitere massive Angriffswellen. Deshalb habe er im Zuge seines Diesel-Deals mit Trump auch darauf gedrängt, dass dieser Kiew diesbezüglich an die Leine nimmt, so die Vermutung. Und die Ausfälle bzw. Einschränkungen bei der militärischen Hilfestellung der USA sind die wenig subtilen Hinweise aus Washington, wer am Drücker ist.
Wie sieht der Diesel-Deal mit Putin konkret aus?
Trump hat nach Absprache mit Putin verfügt, dass russischer Diesel vorübergehend in die USA importiert werden darf. Die Sanktionen der USA gegen russische Ölprodukte sollen vorläufig ausgesetzt werden, um insgesamt 1,8 Millionen Tonnen Diesel in den US-Markt zu bringen und die Preise an den Zapfsäulen zu senken.
Geht das überhaupt so einfach?
Nein, jedenfalls nach Ansicht von mindestens zwölf Kongressabgeordneten. Jeweils sechs demokratische als auch republikanische Abgeordnete monieren, dass der Präsident seine Befugnisse mit dem Deal überschritten habe und das Abkommen mit Putin null und nichtig sei.

Welches Gesetz könnte dabei verletzt worden sein?
Laut dem US-Magazin Time vor allem der "Ending Importation of Russian Oil Act". Dieser wurde im April 2022 vom US-Kongress verabschiedet. Das Gesetz verbietet den Import russischer Ölprodukte und wurde als Reaktion auf den russischen Angriff auf die Ukraine beschlossen. Anders als bei anderen Sanktionen hat der Kongress hier die Macht des Präsidenten bewusst eingeschränkt.
Warum ist dieses Gesetz ungewöhnlich?
Bei den meisten Sanktionen hat der US-Präsident weitreichende Befugnisse, Ausnahmen zu gewähren. Beim Gesetz von 2022 war der Kongress jedoch besonders vorsichtig. Die Abgeordneten wollten verhindern, dass ein künftiger Präsident diese Sanktionen einfach per Unterschrift aufheben kann – so wie es Trump derzeit macht.
Welche Bedingungen müsste Trump erfüllen?
Das Gesetz legt drei zentrale Voraussetzungen fest: Russland muss sich aus der Ukraine zurückgezogen haben, darf keine Bedrohung für NATO-Mitglieder mehr darstellen und muss das Recht der Ukrainer anerkennen, ihre Regierung frei zu wählen. Keine dieser Bedingungen ist derzeit erfüllt.
Was sagt die Regierung zu den Vorwürfen?
Finanzminister Scott Bessent verteidigt die Legalität des Deals. Er beruft sich auf bestehende rechtliche Befugnisse der Regierung, um Energiepreise zu senken. Das Büro des Finanzministeriums erklärte, man habe etablierte Verfahren befolgt. Die genaue rechtliche Argumentation blieb zunächst jedoch unklar.
Was bedeutet das alles für die Zukunft?
Die aktuelle Gemengelage zeigt, wie abhängig die Ukraine von westlicher – insbesondere amerikanischer – Unterstützung ist. Sollte sich bestätigen, dass Washington seine Hilfe gezielt zurückhält, um Kiew zu Zugeständnissen zu zwingen, würde das die Verteidigungsfähigkeit der Ukraine erheblich schwächen. Gleichzeitig könnte es die Bemühungen europäischer Partner verstärken, unabhängigere Unterstützungsstrukturen aufzubauen. Doch die Zeit, die dafür nötig wäre, hat die Ukraine wahrscheinlich nicht mehr.

Wie geht es jetzt weiter?
Wie die USA und die Ukraine diesen Vertrauensbruch – falls es einer war – aufarbeiten werden, bleibt abzuwarten. In den kommenden Tagen werden wohl weitere Details ans Licht kommen. Klar ist: Das Verhältnis zwischen Kiew und Washington steht vor einer neuen Bewährungsprobe. Und es ist nicht auszuschließen, dass die Ukraine möglicherweise schon bald auf die Forderungen aus Washington eingehen muss, um nicht vollends unter die Räder zu kommen.
Wer ist der größte Gewinner der gegenwärtigen Situation?
Der sitzt im Kreml und reibt sich die Hände. Einmal mehr hat sich gezeigt, dass Trumps offensichtliche Führungsschwäche ein gefundenes Fressen für Putins KGB-geschultes Kalkül ist. Und Selenskyj und die Europäer stehen einmal mehr am Spielfeldrand und können nur dabei zusehen, wie anderswo über ihr Schicksal entschieden wird.