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Eugen Freund

Amerika und wir: So erlebte ich die "Waldheim-Affäre"

Am 4. März 1986 deckte die "New York Times" die "Waldheim-Affäre" auf. Wie die Kriegsvergangenheit des späteren Präsidenten vor 40 Jahren US-Medien in Bann hielt. Eugen Freund erinnert sich in einem Video-Blog an Österreichs Frontalcrash mit der Vergangenheit.

Kurt Waldheim war von 1986 bis 1992 Bundespräsident, er starb 2007
Kurt Waldheim war von 1986 bis 1992 Bundespräsident, er starb 2007APA-Images / ÖNB-Bildarchiv
Eugen Freund
Akt. 26.02.2026 22:25 Uhr

In keinem anderen Jahr wurden die österreichisch-amerikanischen Beziehungen so sehr auf die Probe gestellt wie vor genau 40 Jahren. Wie konnte es passieren, dass die Wahl eines österreichischen Bundespräsidenten, die in der Vergangenheit kaum einen (US-)Hasen aus seinem Bau gelockt hatte, plötzlich auf so riesiges Interesse stößt?

Zwei Umstände sprachen dafür: Kurt Waldheim war in den USA kein Unbekannter. Der ehemalige UNO-Generalsekretär hatte es gelegentlich auch in die Schlagzeilen amerikanischer Medien geschafft, zuletzt mit seinem gescheiterten Vermittlungsversuch im Zusammenhang mit den US-Geiseln in Teheran.

Und - Schlimmeres konnte nicht passieren - die "New York Times" hatte am 4. März 1986 seine Vergangenheit in der deutschen Wehrmacht aufgedeckt.

"Aufgedeckt" ist vielleicht ein zu starkes Wort, denn wer die erste Information an die angesehene Zeitung weitergeleitet hatte, ist bis heute unklar. Auch das Profil berichtete gleichzeitig in einer Titelgeschichte über Waldheims Kriegsvergangenheit, über die er - jedenfalls in wesentlichen Details - geschwiegen hatte.

Hier finden Sie das gesamte Video von Eugen Freund

Ein Schwarm amerikanischer Reporter - von Nachrichtenagenturen über Zeitungen, von Zeitschriften bis hin zu Radio- und TV-Redakteuren - fiel über Österreich ein und berichtete - atemlos - über jeden neuen Vorwurf, jedes neue Dokument, ob gefälscht oder nicht, jede Wendung in dieser heiklen Angelegenheit.

Im Fernsehen wurden die Berichte immer wieder unterlegt mit Bildern aus dem Zweiten Weltkrieg: Hitlers enthusiastische Begrüßung bei seinem Einmarsch in Wien, Vertreibung der Juden, KZ-Lager mit massenhaft getöteten Juden.

Keinen Satz aus meiner journalistischen Tätigkeit habe ich aber so deutlich in Erinnerung wie den: "Kann Waldheim, ein wandelndes Public-Relation-Desaster, seinen zeremoniellen Job ausfüllen?"

Vierzig Jahre lang blieb mir "Waldheim, ein wandelndes PR-Desaster", unvergesslich. So formulierte es Susan Spencer am 4. Mai 1986 in den CBS Evening News.

Wieder einmal kommt mir gelegen, dass ich ein "Jäger und Sammler" des Journalismus geworden bin. Vor vierzig Jahren ließ ich mir von Freunden in New York und von Kollegen bei CBS VHS-Kassetten schicken, die "Waldheim-Beiträge" enthielten. Rechtzeitig bevor Videobänder nicht mehr abgespielt werden konnten, wurden sie auf DVDs überspielt.

Auf diese stützen sich die Ausschnitte im Video, das diesem Artikel beigestellt wurde, und in diesem Text. Beides soll aufzeigen, wie sehr sich US-Journalisten damals mit Österreich auseinandersetzten.

Peter Jennings (ABC News) moderiert einen Beitrag über die Wahl von Kurt Waldheim ein
Peter Jennings (ABC News) moderiert einen Beitrag über die Wahl von Kurt Waldheim ein
Screenshot ABC

„Heute wird in Österreich die Stichwahl für die Präsidentschaft abgehalten" sagte Peter Jennings in den ABC News. "Und mit großer Wahrscheinlichkeit wird Kurt Waldheim ab morgen der neue österreichische Präsident. Wie sie ja schon seit Wochen gehört haben, sind die Vorwürfe, dass Waldheim in Kriegsverbrechen im Zweiten Weltkrieg verwickelt war, DAS Thema des Wahlkampfes gewesen."

Dann übergab er an Korrespondentin Barrie Dunsmore, die aus Wien berichtete. Sie interviewt den jüdischen Verleger Karl Pfeifer. "Antisemitismus ist zurückgekehrt", sagt er. "Wir bekommen Dutzende und Aberdutzende von Briefen, mit antisemitischem Inhalt." Er liest aus einem Brief vor. "Haben Sie nichts aus der Vergangenheit gelernt? Lang lebe der Antisemitismus!"

Für einen Bericht von ABC News wurde auch ich interviewt. Ich war kein Waldheim-Verteidiger und schon gar kein Waldheim-Unterstützer, aber die Berichterstattung in den amerikanischen Medien hatte mich schon irritiert. Ich hielt es für heuchlerisch, dass die USA viele Jahre lang Diktatoren wie Marcos in den Philippinen oder Pinochet in Chile unterstützt haben, Waldheim aber behandelten wie einen Kriegsverbrecher.

In den Texten der US-Stationen wiederholen sich Sätze wie dieser: "1938 kehrte Hitler in seine Heimat zurück, annektierte Österreich in das Deutsche Reich - er wurde wie ein Held begrüßt."

Tatsächlich ist ein größerer Prozentsatz an Österreichern in die Nazi-Partei eingetreten als in Deutschland. In Wien wurden Juden gezwungen, den Gehsteig mit Zahnbürsten zu putzen. 220.000 Juden lebten in Österreich bevor die Nazis kamen, am Ende des Krieges waren es 200.

Kurt Waldheim in einer Aufnahme 1943 in Podgorica, dem früheren Jugoslawien, das von den Nazis okkupiert war
Kurt Waldheim in einer Aufnahme 1943 in Podgorica, dem früheren Jugoslawien, das von den Nazis okkupiert war
APA-Images / AP

Den Österreichern wurde es quasi gestattet, ihre Verantwortung (für die Verbrechen) zu vergessen, weil schon während des Krieges die Alliierten Österreich zum ersten Opfer der Nazi-Aggression erklärt hatten." Waldheim markierte hier eine Zeitenwende.

CBS "60 Minutes", das populärste Nachrichtenmagazin in den USA, berichtete ausführlich über die Waldheim-Kontroverse. Der angesehenste Reporter, Mike Wallace, kam nach Wien, um dort eine Reportage zu gestalten. Er führte auch ein Interview mit Waldheim und konfrontierte ihn dabei mit dessen verschwiegener Vergangenheit als Wehrmachtsoffizier auf dem Balkan, etwa in Griechenland und Jugoslawien.

"Ich sage Ihnen etwas, das ich auch schon öfter gesagt habe: das war ein grausamer Krieg, auf beiden Seiten, wir müssen das anerkennen" sagte Waldheim. "Diese deutschen Soldaten hatten ihre eigenen Probleme, sie mussten sich auch verteidigen…"

Mike Wallace warf ein: "Die Deutschen waren die Invasoren, die Partisanen haben ihr Land verteidigt…"

Waldheim konterte sichtlich erregt: "Wie können Sie mich dafür verantwortlich machen, dass dieses schöne Land überfallen wurde? Ich war selbst ein Opfer dieser Hitler-Zeit. Ich, meine ganze Familie. Ich bin ja nicht freiwillig dorthin gegangen. Die Alternative wäre gewesen, dass man mich hingerichtet hätte. Ich war dort, ja, aber ich war nicht persönlich Involviert in irgendwelchen Kriegshandlungen gegen die Partisanen. Und ich hatte keinerlei Macht, Hinrichtungen anzuordnen oder irgendwelche Vergeltungen. Ich saß im Kommandozentrum, schrieb meine Lage-Beurteilungen - das war alles, was ich machte."

Sie wissen nicht, was sie tun!‘“ Ted Koppel, Pierre Salinger (ABC News) im Interview mit Kurt Waldheim
Sie wissen nicht, was sie tun!‘“ Ted Koppel, Pierre Salinger (ABC News) im Interview mit Kurt Waldheim
Screenshot ABC

Was die Deportationen von Juden aus Saloniki betraf - ein weiterer Vorwurf gegenüber Waldheim - so wies er auch dabei jede Schuld und jede Mitwisserschaft von sich.

Israel Singer, Generalsekretär des "World Jewish Congress" behauptet im gleichen "60 Minutes"-Beitrag, er habe ein Dokument, das beweise, dass Waldheim von den Deportationen der Juden gewusst haben musste.

Mike Wallace zu Israel Singer: "Aber er (Waldheim) behauptet, er war zweihundert Kilometer vom Schauplatz entfernt."

"Diese Dokumente gingen zu einer Einheit, bei der er der Aufklärungs-Offizier war," antwortete Singer. "Entweder hat er seine eigenen Instruktionen nicht gelesen oder nicht einmal seine eigenen Zeitungen, die einzige deutschsprachige Zeitung in dieser Region. Dort gibt es Fotos von 12.000 Juden, die deportiert wurden. Es ist unverständlich, dass er das alles nicht gelesen hat, einfach unverständlich."

"Ich war während der wesentlichen Deportationen nicht anwesend, ich war nicht einmal physisch anwesend in Saloniki," erwiderte Waldheim, als ihn Wallace damit konfrontiert. "Bitte verstehen Sie, und ich bitte Sie eindringlich mir zu glauben, ich sage die Wahrheit."

Ted Koppel im Gespräch mit  Eugen Freund, Februar 1988
Ted Koppel im Gespräch mit Eugen Freund, Februar 1988
Screenshot

Das Interesse von amerikanischen Medien an Österreich, oder genauer, an Kurt Waldheim, flackerte im Frühjahr 1987 neu auf. Da gab das US-Justizministerium die Entscheidung bekannt, dass Waldheim tatsächlich auf die "Watchlist" gesetzt werde. Damit wurde die Privatperson Kurt Waldheim nicht nur daran gehindert, in die USA einzureisen, es stellte das Verhältnis Österreichs zu den Vereinigten Staaten wieder schwer auf die Probe.

Unvergesslich ist mir in diesem Zusammenhang geblieben, als Robert Hochner, der ZIB-2 Moderator, in einer Schaltung nach Washington den ORF-Korrespondenten Klaus Emmerich fragte, wie sehr denn den Amerikanern bewusst sei, dass sie mit dieser Entscheidung Proteste in Österreich auslösen würden. Emmerich darauf, kurz und schmerzlos: "Es gab einmal einen amerikanischen Film: 'Denn Sie wissen nicht, was sie tun!'“

1987 beauftragte die Bundesregierung eine Historiker-Kommission aus internationalen Experten, die Kriegs-Vergangenheit Waldheims unter die Lupe zu nehmen. Die Wissenschafter kamen zum Schluss, dass Waldheim zwar nicht direkt an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen war, jedoch viel mehr über die Grausamkeiten gewusst haben musste, als er zugegeben hatte.

Die TV-Gesellschaft ABC flog ihre Top-Reporter Ted Koppel („Nightline“) und Pierre Salinger (ehemals Pressesprecher von Präsident John F. Kennedy) nach Wien ein, um Waldheim zu interviewen. Koppel, dessen Eltern im Zweiten Weltkrieg aus Deutschland erst nach England und dann in die USA flüchteten, packte sogar sein rudimentäres Deutsch aus, um aus dem Bericht der Historiker-Kommission zu zitieren.

Angelobung von Bundespräsident Kurt Waldheim im Reichsratssaal des Parlaments 1986
Angelobung von Bundespräsident Kurt Waldheim im Reichsratssaal des Parlaments 1986
APA-Images / brandstaetter image

"'Waldheims Behauptung, er habe nichts von Abtransport der Juden vom griechischen Festland und von der griechischen Insel gewusst,'" (danach übersetzt Koppel das eben Gesagte auf Englisch, um dann auf Deutsch fortzufahren), "stützt sich darauf: A) er habe davon erst nach dem Kriege erfahren … Is that right? Are you still maintaining this?" Waldheim: "Yes".

Koppel zitiert weiter: "Er wäre zur Zeit der Ereignisse nicht in Griechenland gewesen. Are you still maintaining this?" Waldheim, hier aus dem Englischen übersetzt: „Sie müssen deutlich unterscheiden: Ich wurde die ganze Zeit nach Saloniki gefragt und habe das immer ganz genau beantwortet. Und die Historikerkommission, die ich zu mir eingeladen hatte, fragte mich danach und ich habe gesagt: 'Sehen Sie, ich war nicht dort und daher konnte ich auch nichts gewusst haben.'"

Ich habe Ted Koppel danach in einem Interview gefragt, was ihn und seine US-Kollegen bewogen habe, um die halbe Welt zu fliegen, nur um einen Wahlkampf eines österreichischen Präsidentschaftskandidaten bzw. Präsidenten zu covern. "Ich glaube, es liegt daran, dass Dr. Waldheim in den vergangenen zwei Jahren seine Geschichte so oft geändert hat. Aber jedes Mal nur, nachdem Beweise vorgebracht wurden, die man nicht leugnen kann" antwortete Koppel.

"Die Tatsache, dass die Österreicher ihn - trotz all dem - mehrheitlich gewählt haben und Meinungsumfragen zeigen, dass er immer noch unterstützt wird, deutet darauf hin, dass Österreich selbst noch nicht mit dem zu Rande gekommen ist, was hier und in der Region vor 40, 45 Jahren passiert ist (…)"

Regierungspakt mit Schüssel: Bundespräsident Thomas Klestil gratuliert mit versteinerter Miene Jörg Haider
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"Worum es hier geht, ist nicht so sehr, was ein junger Oberleutnant als Zwanzigjähriger am Balkan getan hat. Es geht darum, dass dieser Mann behauptet, eine Führungspersönlichkeit zu sein. Wenn Sie oder ich nicht in der Lage sind, einen gewissen moralischen Mut zu zeigen, dann ist das eine Sache. Aber von unseren Führungspersönlichkeiten erwarten wir uns mehr und nicht weniger … Und das zu zeigen, dazu ist er offenbar nicht in der Lage."

Letztlich verloren die Amerikaner das Interesse an Kurt Waldheim und an Österreich. Bis im Februar 2000 Jörg Haider - ein weiterer "Gott-Sei-Bei-Uns" - seine Partei in die österreichische Regierung führte und die US-Medien wieder auf den Plan rief.

Trommelwirbel, Musik, eine sonore, bekannte Stimme, der Nachrichtenmoderator Dan Rather, eröffnete die "CBS Evening News": "Ein Echo aus nazistischer und antisemitischer Vergangenheit löst Angst und Zorn in Europa aus … weil ein früherer Bewunderer Hitlers die Macht in Österreich erobert…“

Doch das ist eine andere Geschichte.

Eugen Freund war - mit Unterbrechungen - von 1974 bis 2013 Journalist im ORF. Von 2014 bis 2019 war er Abgeordneter im Europäischen Parlament. Sein jüngstes Buch „Das Spiel mit dem Dritten Weltkrieg - wie Europa und die USA auseinanderdriften“ erschien im Oktober 2025 (Wieser Verlag, Klagenfurt). Freunds ausführliches Interview mit Ted Koppel wurde im Buch "Über Morgen" veröffentlicht, das im November 2025 vom Mandelbaum Verlag herausgegeben wurde.

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Akt. 26.02.2026 22:25 Uhr