Einen Monat nach dem Brand in einer Bar im Schweizer Nobelskiort Crans-Montana reden Überlebende und Angehörige der Opfer über die Katastrophe. Es entstand eine beklemmende TV-Doku über das Feuer, die Hilfe und die Leere danach.

Nun sind es 41 Todesopfer. Am Sonntag starb ein 18-Jähriger in Zürich an seinen Verwundungen. Einen Monat nach der Brandkatastrophe in Crans-Montana: Für die Angehörigen der Opfer, für die 115 teils lebensgefährlich Verletzten und ihre Familien ist an eine Rückkehr zur Normalität nicht einmal im Ansatz zu denken.
Bei den Ermittlungen zur Ursache des Feuers in der Bar "Le Constellation" in der Silvesternacht kommen immer neue Versäumnisse ans Licht. Zuletzt wurde etwa bekannt, dass möglicherweise relevante Videoaufzeichnungen aus der Unglücksnacht sowie aus den Tagen danach scheinbar irrtümlich gelöscht wurden und unwiederbringlich verloren sind.
Gleichzeitig wird das Drängen der Überlebenden sowie der Angehörigen von Toten und Verletzten immer ungeduldiger, den Ursachen für das sich so rasend schnell ausbreitende Feuer auf den Grund zu gehen. Am Sonntag fand ein Schweigemarsch statt, um der Forderung Nachdruck zu verleihen. Mehr als 1.000 Menschen nahmen daran teil und forderten Antworten von der Schweizer Justiz.
Und Betroffene beginnen, ihre Geschichten aus der Katastrophennacht zu erzählen. Junge Menschen, die in der Bar feiern wollten und knapp mit dem Leben davonkamen. Und Eltern, die seit mittlerweile einem Monat um das Leben ihrer schwer verletzten Kinder bangen.
Das Schweizer Fernsehen SRF hat diese Geschichten zusammengetragen. In der aufwühlenden Dokumentation "'SRF DOK': Crans-Montana – Weiterleben nach der Brandkatastrophe" erzählen Opfer und Angehörige von den schrecklichsten Stunden ihres Lebens – und von Angst, Sorgen und Ungewissheit in den Tagen und Wochen danach.
Die junge Frau war in der Silvesternacht mit Freundinnen im "Le Constellation". Bis 0.30 Uhr feierte die Clique auf dem Hauptplatz von Crans-Montana das neue Jahr, danach wechselten sie in die angesagte Bar. Ihre Mutter Sorina informierte sie darüber via Handy.
Laetitia ist kaum in der Bar, als das Feuer ausbricht "Ich gehe mit einer Freundin nach unten, treffe da einen Freund und wir reden", erzählt sie. "Dann drehe ich mich um und sehe das Feuer. Ich war nur eine Minute in der Bar, bevor sie Feuer fing.
Sie erkennt die Lage und handelt, andere nicht Sie habe das Feuer gesehen und sich gedacht, sie gehe lieber raus – "nur für den Fall". Viele andere junge Leute hätten jedoch nicht reagiert, sagt die junge Frau im Interview.
Sie flieht – und nimmt ihre Flucht auf Reflexartig drückt Laetitia den Aufnahmeknopf bei ihrem Handy. Auf dem Video, das in de SRF-Doku zu sehen, ist erkennt man sie die Treppe hochlaufen, ihre Augen werden immer panischer, irgendwann kommt beißender Rauch und nimmt ihr die Sicht und die Luft zum Atmen.




Laetitia läuft mit geschlossenen Augen weiter – und stürzt Sie tastete sich vor und fiel plötzlich hin. "Das war der Moment, wo Menschen auf mir drauf lagen, die bereits verbrannt waren." Laetitia wusste: das Feuer ist nahe. "Das war der Moment, als ich dachte: Das ist das Ende, ich sterbe. Ich war unter den Leuten begraben, direkt an der Treppe."
Sie rappelt sich auf und kommt heraus Irgendwie schafft es die junge Frau doch noch aus der Bar. "Als ich rauskam, habe ich mich auf eine Seite gestellt und einfach angefangen zu schreien." Dann hörte sie plötzlich ein Mädchen, das weinte. "Also habe ich mich umgedreht. Und ich sah, dass sie total verbrannt war – und mich fragte, ob alles in Ordnung sei. Während ich nichts hatte."

Laetitia meldet sich bei ihrer Mutter "Um 1.30 Uhr rief sie mich an. Sie hat nur geschrien: Mama, komm schnell!", erinnert sich Sorina Plass. Die Mutter, die nicht weit von ihrer Tochter entfernt feierte, hastete sofort zur Bar. "Dann haben wir sie gefunden, alleine, nur in Socken, ohne Schuhe, mit zerzausten Haaren."
Unverletzt – und schwer traumatisiert Laetitia weiß, dass sie in jener Nacht einen Schutzengel hatte: "Ich bin wirklich dankbar für das Glück, das ich hatte im Vergleich zu anderen." Verarbeiten konnte sie das Erlebte aber noch nicht: "Ich habe das Gefühl, dass es nicht ich war, die das erlebt hat." Wenn sie darüber rede, habe sie keine Emotionen: "Aber ich weiß, dass die Emotionen herauskommen werden, die in solch einer Situation normal sind." Mithilfe eines Therapeuten versucht sie jetzt, das Geschehene für sich aufzuarbeiten.

Die Mutter von insgesamt drei Töchtern verschlief beinahe jene Nacht, die ihr ganzes Leben verändern sollte. Die beiden älteren Töchter, Farah und Meissa, feierten in einer Gruppe von zehn Freunden in der "Constellation", als das Feuer ausbrach. Ihr Mann Alain weckte Leila erst in den frühen Morgenstunden des 1. Jänner: "Schatz wach auf, es ist etwas Dramatisches passiert."
"Wir haben Farah verloren", sagte ihr Mann Alain Micheloud versuchte, seiner Frau die Lage zu erklären: "Höre zu, beruhige dich, es wird alles gut. Meissa hat Verbrennungen, ich habe sie ins Krankenhaus gebracht. Und Farah haben wir verloren."
Was heißt "verloren"? Als er das sagte, habe ich es nicht verstanden, erinnert sich Leila Micheloud. Ihr Mann antwortete: "Wir können sie nicht finden. – Darauf Leila: "Okay, wir gehen." – "Ins Krankenhaus?" – "Nein, nach Crans-Montana."
Keine Tochter, dafür Psychologe, mit dem keiner spricht "Als wir ankamen, wurden wir in einen Krisenraum geleitet, in dem alle Eltern nach ihren Kindern suchten", so die gelernte Pflegefachfrau. Alle Eltern seien dort im Verleugnungsmodus gewesen, keiner wollte mit dem Psychologen sprechen. "Denn das hätte geheißen zuzugeben, dass etwas passiert war, dass unsere Kinder tot sein konnten."

Dann ein DNA-Abstrich durch die Polizei Leila findet ihre Tochter Farah nicht, dafür kommt die Polizei zu ihr und macht einen DNA-Abstrich. Danach quälende Stunden des Wartens. Bis schließlich jemand zu Leila sagte: Wir haben deine Tochter gefunden.
"Tot oder lebendig?" Farah war auf der Intensivstation eines Krankenhauses. "Ich entdeckte meine Tochter, die nicht meine Tochter ist", so die Mutter. " Ich entdeckte einen verbrannten Körper. Sie lag bereits im Koma, es waren sehr viele Geräte an ihr angebracht." Leila checkt Monitore – "ich kenne mich aus" – und stellt fest, dass es nicht gut aussieht.
Überstellung nach St. Gallen Weil das Krankenhaus, in das sie eingeliefert worden war, nicht für schwere Verbrennungsverletzungen ausgerüstet ist, wird Farah Micheloud nach St. Gallen in der Ostschweiz überstellt. Und weil ihre Eltern offenbar sehr überzeugend sind, wird auch Schwester Meissa, die weniger schwer verletzt wurde, dahin überstellt, um die Kinder am selben Ort zu haben.
Hauptsache in der Nähe ihrer Kinder Die ersten Wochen lebten Alain und Leila Micheloud in St. Gallen. Das Krankenhaus stellte ihnen ein Zimmer zur Verfügung, ihre Arbeitgeber gaben ihnen frei. Die dritte Tochter wurde von Angehörigen betreut. „Ich hätte auch auf einer Matratze neben der Türe geschlafen, um so nahe wie möglich bei meiner Tochter zu sein", sagt Leila.

Auf dem Weg der Besserung Mittlerweile hat sich der Zustand der beiden Mädchen etwas gebessert. Meissa wird demnächst in eine Rehab-Einrichtung verlegt. Und Farah ist aus dem Koma erwacht und kommt in eine andere Klinik, in der Nähe ihres Wohnortes.
Leila will kämpfen – für ihre Töchter und die Wahrheit Wann Leila wieder arbeiten gehen kann, weiß sie dennoch nicht: Noch gehört all ihre Energie ihren Kindern. Und der Suche nach den Ursachen für die Katastrophe: "Ich habe Kontakt mit den betroffenen Müttern aus der Freundesgruppe, denn alle hat es erwischt." Umso größer sind ihre Erwartungen an die Justiz: "Es geht um die Schuldigen, nicht nur die Bar-Betreiber. Auch um andere Menschen", sagt Leila Micheloud. "Ich werde nicht aufgeben – für meine Kinder."

An das Feuer im "Le Constellation" kann sich Roze noch genau erinnern: "Ich weiß noch, dass ich gerufen habe: 'Es brennt!'", erzählt die 18-jährige Schweizerin im Interview mit dem TV-Sender TF 1. "Ich bin nicht durch den Eingang hinaus, sondern durch eines der Fenster, die von außen aufgeschoben wurden." Sonst hätte sie es nicht geschafft, da so viele Menschen hingefallen waren.
Sie bat einen Autofahrer um Hilfe Dann lief die 18-Jährige auf die Straße und bat einen Autofahrer, den Notruf zu wählen. "Die Verletzten wurden irgendwann gebeten, in eine andere Bar zu gehen, aber ich konnte dort nicht hinein, weil es sehr heiß war und das meine Verbrennungen verschlimmert hätte", erzählt sie.
Künstlicher Koma und Transport nach Belgien In der Klinik, die die man sie einlieferte, wurde Rose schließlich in ein künstliches Koma versetzt und ins Universitätsklinikum im belgischen Lüttich verlegt. Insgesamt wurden in den Tagen nach dem Unglück 49 Opfer der Brandkatastrophe ins Ausland verlegt, nach Italien, Frankreich, Belgien und Deutschland. 19 davon waren Schweizer.
"Wo bin ich?" Als Roze nach drei Wochen aus dem Koma geholt wurde, fehlte ihr jede Orientierung. "Ich dachte, ich wäre noch in der Schweiz. Und ich wusste vor allem nicht, wann wir waren. Ich hatte kein Zeitgefühl mehr."
Ihre Erinnerungen an den Brand "Wenn ich daran zurückdenke, ging alles sehr schnell. Das ist ziemlich kompliziert." Vor allem die Bilder jener Nacht lassen sie nicht los: "Ich höre wieder Menschen schreien, sehe wieder die Verbrannten. Menschen waren bewusstlos, Menschen wurden reanimiert. Diese Bilder lassen mich nicht los. "Ich glaube nicht, dass ich je wieder ein normales Leben führen kann."
Kein gutes Wort für die Betreiber der Unglücks-Bar Auch an das Verhalten von Jessica Moretti, der Betreiberin der "Constellation", hat die junge Schweizerin keine gute Erinnerung: "Sie hat nicht mal gefragt, wie es uns geht. Sie hat die Verletzten gesehen, aber sie hat niemandem geholfen. Sie hat geweint, als sie die Bar sah, obwohl hinter ihr all die Verletzten lagen."
Schon mehrere Hauttransplantationen Roze hat schwerste Verbrennungen an den Händen und im Gesicht erlitten, in Lüttich wurden deshalb mehrere Hauttransplantationen vorgenommen: "Sie haben Haut von meinem rechten Oberschenkel genommen und sie auf meine Hände transplantiert, erzählte sie dem Sender.
Jeden zweiten Tag Verbandwechsel Diese Woche soll Roze aus dem Krankenhaus entlassen werden – "aber ich denke, ich muss meine Verbände trotzdem alle zwei Tage wechseln lassen", sagt sie. Eine Prozedur, zu der sie jedes Mal wieder in ein Krankenhaus muss.
Jahrelange Folgen Die Folgen dieser Verletzungen wird die junge Frau noch lange spüren: "Ich kann meine Hände nicht benutzen, sobald sie etwas besser verheilt sind, muss ich mindestens ein oder zwei Jahre lang Handschuhe tragen. Und ich kann auch nicht in die Sonne gehen, wegen der Verbrennungen im Gesicht."

Matthieu Aubrun war Kellner im "Le Constellation". "Er hat erst am 15. Dezember dort zu arbeiten begonnen", erzählt sein Vater Lionel in der SRF-Dokumentation "'SRF DOK': Crans-Montana – Weiterleben nach der Brandkatastrophe". Bei dem Feuer in der Silvesternacht habe er sich nicht an den Gästen vorbeidrängen wollen – also habe er sich im Keller der Bar in eine Ecke gekauert.
Ein Anruf mitten in der Nacht Vom Unglück in Crans-Montana erfährt die Familie Aubrun daheim im französischen Strasbourg durch einen Anruf. Ein Sanitäter wählt ihre Nummer und gibt das Handy an Matthieu weiter. Der erzählt seiner Mutter, was geschehen ist.
Der Sohn will seine Mutter schonen Weil er seine Mutter nicht noch mehr schockieren will, versucht der 27-Jährige sie mit einem Vergleich zu beruhigen: "Er sagte zu ihr: Es ist nur ein Sonnenbrand, ein großer Sonnenbrand", so Lionel Aubrun.

"Er wollte auf das Ende warten" Er habe die verzerrte Stimme seines Sohnes im Telefon gehört, so Lionel Aubrun weiter. Er sagte, er habe gesehen, dass es eine Menschenmenge gibt, und dass er nicht rauskommen kann. "Ich habe es vorgezogen, die anderen weitergehen zu lassen und mich in einer Ecke zusammenzukauern. Ich habe auf das Ende gewartet."
Die Worte seines Sohnes verstören den Vater noch immer "Im Nachhinein frage ich mich: Was für ein Ende? Und ich hoffe, dass es das Ende der Massenbewegung auf der Treppe war, das er gemeint hat." Die Alternative – dass sein Sohn mit dem Leben abgeschlossen habe, möchte Lionel Aubrun nicht einmal aussprechen.
Nach dem Telefonat ins künstliche Koma Matthieu wird unmittelbar nach dem Gespräch mit seiner Mutter in ein künstliches Koma versetzt und schließlich in eine Spezialklinik im französischen Metz verlegt. Seine Familie – Vater, Mutter und Bruder Thomas – organisiert sich eine Wohnung in der 170 Kilometer von Strasbourg entfernten Stadt, um bei Matthieu zu sein.

Fünf Menschen für jeden Verbandwechsel In der Klinik wird Matthieu nach dem modernsten Stand der Medizin behandelt. 25 Prozent seiner Haut sind verbrannt, jeder Verbandwechsel benötigt fünf Menschen: Chirurgen, Anästhesisten, Pflegekräfte. Noch größere Sorgen bereiten den Ärzten aber die Schäden, die der giftige Rauch in der Lunge hinterlassen hat.
Mehrere Transplantationen … In den Wochen nach dem Feuer wird der Körper des jungen Mannes auf mehrere Hauttransplantationen vorbereitet. "Je rascher man operiert, desto besser, da es danach zu Komplikationen, Infektionen und Schrumpfungen kommen kann", sagte der plastische Chirurg Ryad Alaeddin.
… und Lungeninfektionen Gleichzeitig kämpft seine Lunge mit den Verätzungen, die Matthieu erlitten hat. Im Lauf des Jänners erleidet er zwei Lungeninfektionen, die ebenfalls bekämpft werden müssen. "Ein paar Tage später hat Matthieu Atemnot und sie müssen ihn auf den Bauch legen, während wir im Wartezimmer um ihn bangen", erzählt sein Bruder Thomas. "Irgendwann kann ich nicht mehr und schlage vor Wut und Verzweiflung mit der Faust gegen die Wand, weil ich es nicht mehr aushalte."

Der langsame Weg zurück Nach einigen Wochen können die Ärzte Matthieu aus dem künstlichen Tiefschlaf wecken. Aber erst jetzt zeigt sich, welche Schäden die Verätzung der Lunge verursacht hat. "Matthieu geht es den Umständen entsprechend viel besser", so Vater Lionel. "Aber er ist ein junger Mann im Körper eines 90-Jährigen, er kann kaum sprechen, weil er nach jedem Wort um Atem ringt."
Es liegt jetzt bei den Anwälten Er empfinde weder Wut noch den Wunsch nach Vergeltung, sagt Lionel Aubrun, während er das erste Mal nach Crans-Montana kommt, um den Unglücksort zu besichtigen und das Zimmer von Matthieu auszuräumen. Es liegt im Gebäude über der ausgebrannten Bar "Le Constellation". Er habe sich trotzdem zwei Anwälte genommen, einen in Frankreich und einen in der Schweiz. "Ich denke, dass hier Menschen versagt haben", so der Vater. "Und sie müssen auch den Mut haben, das einzugestehen."